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Artikel und Hintergründe zum Thema

VDI-Kongress

Meinrad Happacher,

Industrie 4.0 gewinnt an Kontur

Zum zweiten Mal rief der VDI zur Fachtagung Industrie 4.0 am 28. und 29. Januar nach Düsseldorf. Dabei stand auf der Veranstaltung weniger das Thema möglicher Standards und Normungen, sondern vielmehr das Generieren notwendiger neuer Geschäftsmodelle im Vordergrund.

Michael ten Hompel: "Die Unternehmen müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen, das war noch nie so wichtig wie heute!"

© VDI

"Die Unternehmen müssen jetzt die Dinge selber in die Hand nehmen", führt Tagungsleiter Michael ten Hompel in die zweitägige Veranstaltung. Und noch ein Appell: "Die Firmen müssen alle ein Stück weit Software-Unternehmen werden!" In Zeiten, in denen jedes Kinder-Überraschungsei schon mit einem RFID-Code versehen sei, müssten die Firmen einsehen, dass zukünftig alles mit Software zu tun habe und sich auch die Produktionswelt ein ganzes Stück weit hin zu einer Servicewelt entwickelt.

Dr. Kurt D. Bettenhausen, Vorsitzender der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik konkretisiert diese Aspekte: "Es geht darum, Wertschöpfungsnetze aufzubauen, die eine neue digitale Grundlage für unternehmensübergreifende Kooperationen, Produktionsnetzwerke und nicht zuletzt für neue Geschäftsmodelle bilden."

Dr. Kurt D. Bettenhausen: "Der weltweite, sichere Zugriff auf Daten über den gesamten Lebenszyklus ist die entscheidende Basisanforderung, um Industrie 4.0 Wirklichkeit werden zu lassen."

© Computer&AUTOMATION / Meinrad Happacher

Demnach müssten sich die Unternehmen in Deutschland dieser neuartigen Strukturen und ihrer Möglichkeiten bewusst werden. Bisher setze der Maschinen- und Anlagenbau in Deutschland mit einer Million Beschäftigten 200 Mrd. Euro jährlich um. Doch die Margen steckten bereits heute in den industrienahen Dienstleistungen, die in Deutschland jährlich auf einen Umsatz von 120 Mrd. Euro kämen – mit 0,4 Millionen Beschäftigten.

Bettenhausen ist überzeugt, dass neue Geschäftsmodelle Hersteller und Dienstleister zu Netzwerken verschmelzen lassen, um global erfolgreich zu sein. "Deutschland benötigt flächendeckend ein Verständnis dafür, was Kunden weltweit in Zukunft ­erwarten. Es ist beispielsweise nicht die hochwertige Heizung, die einmal verkauft wird, sondern das zehn Jahre garantiert warme Haus, in dem der Kunde sich um die Heizung nicht kümmern muss."

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Plattformen für Geschäfts­modelle

Reinhard Clemens, verantwortlicher CEO für sämtliche IT-Aktivitäten bei T-Systems wird etwas technischer. Seiner Meinung nach gilt Deutschland als Ausrüster der Welt. "Doch der Held steckt im Augenblick in Schwierigkeiten." Denn für die nächste Stufe der Industrialisierung bedürfe es zweierlei: Einerseits IT und Vernetzung – Disziplinen die größtenteils in US-amerikanischer Hand seien – und andererseits als neue Schlüsselkomponente die Software.

Reinhard Clemens, T-Systems appelliert an die Zuhörer: "Lassen Sie uns versuchen, das Internet aus der Fabrik heraus neu zu erfinden!"

© VDI

"Die erste Halbzeit haben wir also an die Amerikaner verloren", zieht Clemens einen bildhaften Vergleich. Jetzt gehe es darum, in puncto Software besser zu punkten. Diesbezüglich stellt sich die grundsätzliche Frage: Hat Europa in diesem Wettbewerb überhaupt eine Chance? Clemens: "SAP ist die einzige Top-Firma in Europa, die hier noch eine Rolle spielt!" Deshalb gelte es, das Spiel genau zu analysieren, um in der zweiten Halbzeit besser aufgestellt zu sein. Es gehe darum, die Stärken der deutschen beziehungsweise europäischen  Mannschaft – Standards, Pragmatismus und Gründlichkeit – zur Geltung zu bringen.

Im Hinblick auf die von der ­Acatech angestoßenen und in der Plattform Industrie 4.0 weitergeführten ­Aktivitäten bilanziert Clemens: "Im Wesentlichen haben wir noch nichts hinbekommen, um uns schnell auf Standards zu einigen. Da haben wir ein Problem!" Insbesondere, weil aus den USA Konkurrenz in Form des Inter­national Internet Consortium (IIC) ­aufkomme. Unter Führerschaft von GE komme diese Gruppe pragmatisch voran, setze Quasi-Standards und erzeuge damit Reichweite. „Die Gründlichkeit die uns eigen ist, kann auch zur Bedrohung werden“, zieht Clemens ein Fazit und ergänzt: "Nicht der Beste, sondern der Schnellste gewinnt!" Demnach könne die Antwort nur heißen: "Große Unternehmen müssen sich auf Standards einigen – und zwar schnell –, um zu einer Plattform zu kommen und möglichst schnell Reichweite zu erlangen."

In diesem Zusammenhang verweist Clemens auf eine Initiative, die mit der Fraunhofer Gesellschaft initiiert worden sei und bei der alle großen Player mit dabei wären. "Wir wollen Plattformen aufbauen, damit die Firmen Geschäftsmodelle entwickeln können", definiert er das Ziel der Initiative und ergänzt: "Wichtig ist, wir müssen über Unternehmensgrenzen hinweg digitalisieren können."

Die Schaffung eines Standards, um eine Menge Daten auswerten zu können, ist allerdings nicht das Ende der Fahnenstange: "Das nächste Thema ist Big Data und diesbezüglich vor allem der Datenschutz", so Clemens. "Wir haben in Europa 28 verschiedene Regeln und arbeiten gerade an einer europäischen Novelle." – Ein Punkt bei dem jetzt vor allem die Politik gefordert sei.

Ziel müsse eine offene Plattform sein, bei der sich alle Unternehmen – auch amerikanische und chinesische, die in Europa Geschäft machen – an einheitliche Regeln halten. Eine ­griffige Datenschutzverordung sei ­deshalb sehr wichtig. Bis zum Sommer erwartet ­Clemens diesbezüglich entsprechende Entscheidungen aus Brüssel.

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