Coaching
Drei Mythen über Körpersprache
Auch wenn die Wirkung von Körpersprache und Mimik in den letzten Jahren generell immer mehr zugenommen hat, ist die Körpersprache beim Coaching nicht immer entscheidend. Kirsten Dierolf klärt auf.
Allerdings hat die Diskussion über die Bedeutung der »Körpersprache« mit dem Aufkommen des Online-Coachings eine Renaissance erlebt. Viele Coaches haben ihre Ausbildung an Instituten absolviert, die die Bedeutung der Körpersprache und – schlimmer noch – ihre »richtige« Interpretation durch den oder die Coach lehren.
Die drei Mythen
Lassen Sie mich einige der »Mythen« rund um die Körpersprache durchgehen, die nach wie vor in der/die Coachosphäre kursieren:
1. Die Interpretation der Körpersprache ist für eine*n Coach sehr nützlich
Das glaube ich nicht. Und warum?
a) Der/die Coach ist nicht dazu da, den Klienten zu »interpretieren«.
b) Der/die Coach kann nicht wissen, ob er oder sie mit der Interpretation »richtig« liegt, ohne den/die Klient*in zu fragen.
2. Körpersprache trägt 70 Prozent zur Bedeutung bei
Die zitierte Zahl schwankt zwischen 70 und 93 Prozent und geht auf eine Studie »Inference of attitudes from nonverbal communication in two channels« von Albert Mehrabian (Mehrabian, A., & Ferris, S. R. (1967). Zeitschrift für Beratungspsychologie, 31(3), 248) zurück. Die Studie wird so verstanden, dass Menschen nicht wirklich auf das achten, was das Gegenüber sagt, sondern mehr auf dessen Körpersprache. Dieser vertrauen sie mehr als dem Gesagten.
Allerdings wurde die Studie von Mehrabian aus dem Zusammenhang gerissen: In der Studie wurden 62 Frauen gebeten, ein gesprochenes Wort zu hören, und zwar das Wort: »vielleicht«. Die Sprecher des Wortes wurden gebeten, entweder Gefallen, Neutralität oder Abneigung zu vermitteln. Gleichzeitig wurde den Frauen das Bild einer Person gezeigt, die angeblich das Wort sprach. Sie sollten dann interpretieren, ob die Person Gefallen, Neutralität oder Abneigung ausdrückte. In dieser Situation vertrauten die Frauen dem Bild mehr als dem Tonfall.
Also, nein – man kann den Prozentsatz, den die Körpersprache an der Bedeutung hat, nicht messen. Bedeutung wird immer von zwei Menschen gemeinsam geschaffen: Was wir in der Kommunikation gemeinsam tun, betrifft die ganze Person.
3. Augenbewegungen verraten uns, woran jemand denkt
NLP und andere Ansätze behaupten, dass Augenbewegungen Aufschluss darüber geben, woran eine Person denkt und sogar darüber, ob sie lügt oder nicht. Wenn eine rechtshändige Person nach oben rechts schaut, konstruiert sie etwas, wenn sie nach oben links schaut, erinnert sie sich an etwas, so die Behauptung. Allerdings konnte die Behauptung durch Experimente nicht bewiesen werden (Wiseman, R.; Watt, C.; ten Brinke, L.; Porter, S.; Couper, S. L.; Rankin, C.: The eyes don't have it: lie detection and Neuro-Linguistic Programming. PLoS One. 2012;7(7)).
Will man herausfinden, ob jemand lügt, muss man die Person kennen und wissen, wie sie sich normalerweise verhält. Wenn etwas nicht stimmt, ist es vielleicht sinnvoll, die Person danach zu fragen.
Offenes Gespräch wichtiger als Körpersprache
Die drei oben genannten Mythen über die Wichtigkeit der Interpretation der Körpersprache, dem Vorrang der Körpersprache beim »Senden« von Botschaften und die Bedeutung von Augenbewegungen als Ausdruck der Gedanken, geistern seit Jahren durch die Coachingszene und werden auch bei Führungskräfteentwicklungen immer wieder aus der Kiste geholt. Das macht sie weder richtiger noch nützlicher. Manchmal habe ich den Eindruck, dass man sich so etwas Sicherheit und »Wissen« verschaffen möchte.
Anstatt aber Sicherheit in Scheinwissen zu suchen, könnten Coaches und Führungskräfte gemeinsam mit ihren Klient*innen und Mitarbeitenden lernen, zu kooperieren – und zwar bei jeder Person etwas anders. Dazu muss man miteinander reden, offen Feedback geben, eine gute Fehlerkultur haben und ein wenig großzügig mit sich und andern sein. ,
Die Autorin
Kirsten Dierolf ist MCC bei der International Coachfederation ICF und arbeitet in den Bereichen Führungskräfte-Coaching, Executive Coaching, Teamcoaching und Mentor Coaching. Ihre Zielgruppen sind neben Führungskräften, Executives, Unternehmern und Teams auch Coaches, die ihre Fähigkeiten ausbauen wollen und Coaches, die eine ICF-Zertifizierung erlangen möchten.














