Jubiläums-Editorial
»Es geht erst los!«
»Computer« – mit diesem Bestandteil in unserem Magazinnamen wollten wir 1998 dem sich schon damals abzeichnenden IT-Einfluss in der Automatisierungstechnik Rechnung tragen. Nur, der erwartete IT-Einfluss zog sich viel länger hin, als wir damals erwarteten.
Meinrad Happacher, Senior Advisory Editor der Computer&Automation.
© WFMDie Branche verharrte sehr lange darin, ihre Pfründe zu bewahren und verzettelte sich dabei in Nebenschauplätzen wie dem Feldbus-Krieg. Hatten Pioniere schon recht früh den Weg für den Computer in der industriellen Steuerungstechnik bereitet – wie etwa Hans Beckhoff 1986 mit seiner ersten PC-basierten Maschinensteuerung (siehe Seite 46 im E-Paper) –, ließ der breite Einzug der damit einhergehenden IT-Technologien lange auf sich warten. Eigentlich erst mit dem Politik-getriggerten Industrie-4.0-Hype ab 2011 traten die IT-Technologien in der Automatisierungstechnik eine Welle los, die seither mit zunehmendem Tempo und ansteigender Amplitude das breite Feld der Automation flutet.
Plakatives Beispiel der IT-getriebenen Evolution: die Weiterentwicklung der Speicherprogrammierbaren Steuerung. Lange auf spezieller und proprietärer Hardware basierend, folgte mit dem Einzug des IPC die software-basierte SPS – und heute erleben wir den Übergang zur virtuellen SPS in der Cloud. Welche Vorteile mit einer solchen cloud-basierte SPS einhergehen – bis hin zu einer cloudbasierten Safety-SPS – lesen Sie ab Seite 40.
Alle Steuerungsfunktionalität in die Cloud zu legen, ist dennoch nicht aller Weisheit Schluss: Stefan Schönegger erläutert im Interview auf Seite 44, warum er die Zukunft der Steuerung gleichermaßen vor Ort an der Maschine, am Edge und in der Cloud sieht. Und im Kern geht es auch gar nicht darum, wo die Steuerungs- beziehungsweise Automatisierungsfunktionalität letztendlich vorgehalten wird. Im Kern geht es Anwendern wie Dr. Henning Löser von Audi darum, die Software-Applikationen von der Hardware generell zu trennen. Löser beschreibt den Vorteil dieser Vorgehensweise damit, dass „allen Applikationen dann die 100-prozentig gleiche Hardware zur Verfügung gestellt werden kann.“ Egal ob vor Ort, am Edge oder in der Cloud (Seite 42). Löser formuliert seine Vision noch konkreter: „Ich hätte gerne, dass sämtliche Hardware am Shopfloor verschwindet. Ich hätte gerne Funktionalität vor Ort und Funktionalität ist Software.“ Er begründet seinen Wunsch mit einer Anforderung, mit der er selbst konfrontiert ist: „Wie sollen wir denn 15.000 Windows-PC-Umstellungen in unseren Werken bewerkstelligen, wenn das in der 20-Minuten-Schichtpause geschehen muss?“ Zum Vergleich weist er auf die Arbeitsweise von Rechenzentren hin: „Dort wird die Problematik anders gelöst als bislang bei uns in der Fabrik!“
Löser beschreibt damit einen Weg der Automation, den wir derzeit auch bei den übergeordneten ERP-Systemen erleben: den Wandel hin zur „Composable Software“. Wie bei Lego ist jede Komponente einer Composable-Lösung ein rekonfigurierbarer Baustein, der eine Kernanforderung digital abbildet. Auf diese Weise können sich Unternehmen eine wirklich individuelle IT-Lösung auch in der Automation aufbauen.
Der Einzug der Docker- und Kybernetes-Technologien, das Aufkeimen von App-Stores der Automation – all das sind Indikatoren, die den Weg in eine von der Hardware entkoppelte Automation weisen.
Letztlich werden IT und Automation nicht mehr sauber voneinander zu trennen sein. In einer tiefverwurzelten Symbiose könnten sie mit die technologische Basis bilden, um die anstehenden Probleme der Menschheit in den Griff zu bekommen. Visionäre wie Rahman Jamal (Seite 10) und Rainer Brehm (Seite 98) lassen in den mit ihnen geführten Interviews anklingen, welche Rolle und welche Bedeutung der Automation in Zukunft zukommen könnte.
Unsere Überzeugung ist: Die Automation steht erst am Anfang ihres „Produktlebenszyklus“!
Ihre Meinung zum Thema: Schreiben Sie Meinrad Happacher











