Rahman Jamal im Interview

Meinrad Happacher | Meinrad Happacher,

Auf dem Sprung in die Pubertät

Wie hat sich die elektrische Automation in den letzten 25 Jahren entwickelt und wie sieht deren Zukunft aus? Rahman Jamal, mehr als 30 Jahre bei National Instruments in globaler Funktion und heute als Speaker technisch-gesellschaftlicher Zukunftsthemen tätig, bezieht Stellung.

© Rahman Jamal

Herr Jamal, Sie bewegen sich seit über 30 Jahren in der elektrischen Mess- und Automatisierungstechnik. Wie würden Sie die vergangenen 25 Jahre Automation bewerten – gerade auch in Bezug auf die deutsche Branche?

Rahman Jamal: Die elektrische Automation hat in den letzten 25 Jahren quasi eine bewegte Kindheit durchgemacht – sie ist enorm gewachsen, hat sich in vielen Märkten etabliert und hat sich meines Erachtens zu einer Schlüsselbranche für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands entwickelt. Deutschland kommt, was die Automation betrifft, eine Sonderstellung zu. Zum einen, weil sich viele heimische einstmals kleine Mittelständler zu wichtigen Global Playern entwickelt haben und zum anderen, weil in Deutschland eine wohl einzigartige Vielfalt und Qualität an Automatisierungsanbietern entstanden ist; ein Automatisierungs-Biotop, das sich beispielsweise auf der SPS in Nürnberg jedes Jahr zeigt und das sich wunderbar gegenseitig mit Know-how und Inspiration befruchtet. Wir dürfen schon gespannt sein, was diese Branche noch alles leistet, wenn sie – um in der Metapher zu bleiben – jetzt in die Pubertät, also den turbulenten, IT-getriebenen Übergang ins Erwachsensein kommt. 

Was macht Ihrer Meinung nach den Erfolg aus?

Einer der Erfolgsparameter ist sicher dem deutschen Ingenieurs-Geist geschuldet: Wir hatten und haben gut ausgebildete, engagierte und auch querdenkende – dieses Wort bitte in seiner ursprünglichen positiven Bedeutung sehen – Ingenieure, von den viele auch einen gehörigen Schuss Unternehmergeist mitbrachten und phantastisch umgesetzt haben.

Was meinen Sie mit querdenken?

Der heimischen Automatisierungsbranche ist es in den vergangenen Jahren weitestgehend gelungen, das vorhandene tiefe industrielle Automatisierungs-Know-How mit den entscheidenden Erneuerungsimpulsen aus der IT- und Consumer-Welt zusammenzubringen. Es gibt eine Reihe von Innovationen in der industriellen Automation, die darauf basieren, sehr disruptiv waren und den Status Quo herausgefordert und auch verändert haben. Und wir sind erst am Beginn der IT-automatisierungstechnischen Verschmelzung.

Können Sie das mit Beispielen untermauern?

Fangen wir mit der offenen PC-basierten Automatisierung und Messtechnik an: Beide Ansätze nahmen ihren Anfang in den 1990ern am unteren Ende des Marktes mit einfachen Applikationen und stiegen unaufhörlich nach oben und verdrängten sukzessive etablierte Wettbewerber. Der disruptive Ansatz dabei war: Die Software gepaart mit der PC-Technologie bestimmt die Funktionalität der Hardware;  eine gute Alternative zu den teuren dedizierten von Herstellern festgelegten Stand-alone-Geräten. Während sich also etablierte Player meist in den Rausch erhaltender Innovationen – Stand-alone-SPSen und Stand-alone-Messgeräte – reinsteigerten und dabei immer teurere Produkte an die etablierten Kunden verkauften, hinterließen sie Lücken bei weniger begüterten Zielgruppen, die ebenfalls in den Genuss von wegweisender Technogien kommen wollten. Und das zu niedrigeren Preisen. Damit eröffneten sie gefährliche Spielräume für Disruption.

Und neben der PC-Technologie?

Sehen Sie sich den Feldbus-Bereich an: Der Feldbus in seiner ursprünglichen Konzeption verbindet Feldgeräte – im Wesentlichen Sensoren und Aktuatoren – mit dem Steuerungssystem, der SPS. 
Basierend auf dieser Idee schossen die unterschiedlichsten Feldbusprotokolle wie Pilze aus dem Boden. Durch die fortlaufende Innovation vor allem im Office- und Internetbereich hinsichtlich Interoperabilität und Herstellerunabhängigkeit hielt Ethernet Einzug in die Feldbustechnik. Das Ergebnis: Nahezu jede Feldbus-Variante stellte einen Industrial-Ethernet-Nachfolger vor. Fakt ist: Die industrielle Kommunikation im Zeitalter von Industrie 4.0 und Industrial Internet of Things ist mittlerweile eine Basistechnologie für die Zukunft und Ethernet-basierte Netzwerke gewinnen immer mehr an Bedeutung und verdrängen proprietäre Feldbusse. Und ein Kompliment an die Branche: Sie hat sich nicht auf ihre Königsdisziplin Feldbus versteift, geht vielmehr den Ethernet-basierten Weg mit, formt ihn großteils und ist dadurch auch einer der Taktgeber beim jetzt aufkeimenden Internet der Industrie – einer der wohl prägendsten Weiterentwicklungsparameter der Automation in ihrem jetzt anstehenden Übergang von Kindheit zum Erwachsenenstatus!

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»Wir müssen der Jugend das große Nachhaltigkeitspotenzial der Automatisierungstechnik vermitteln – nur so werden wir den notwendigen Nachwuchs für die Branche begeistern und gewinnen können«

 

Wie meinen Sie das?

Das aus dem kommerziellen Umfeld stammende Internet der Dinge und damit die Konvergenz der digitalen und der physischen Welt, hält Einzug in die Automatisierungstechnik in Form des Industriellen Internet der Dinge, kurz IIoT. Also eine Unterkategorie des IoT im industriellen Kontext, deren vielfältigsten Umsetzungen in allen Bereichen der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation zu finden ist. Mit der Smart Factory Ausprägung von IIoT, sprich Industrie 4.0, übernimmt die deutsche Industrie weltweit eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Fabrik der Zukunft – nicht nur durch die Großkonzerne, sondern maßgeblich auch durch international erfolgreiche Mittelständler.

Auf dem Sprung in die Pubertät - Fortsetzung

Dann ist Industrie 4.0 ist also mehr als eine Marketing-Floskel?

Definitiv! Der Begriff war sicherlich sehr hoch aufgehängt und all die Basisarbeit, die zu erledigen ist, verschwindet hinter kryptischen Begriffen wie digitaler Zwilling und Verwaltungsschale. Aber die Branche ist konstruktiv am wirbeln!

Haben Sie Beispiele dafür? 

Ein wichtiges Feature eines Internet der Dinge sind die in der Consumerwelt sehr erfolgreichen Apps. Schon länger sind auch die Automatisierer dabei, die Welt der Apps in ihre Plattformstrategie zu integrieren. Um jedoch eine echte, offene, industrielle Automatisierung zu erreichen, müssen neben den Echtzeit-basierten Ethernet-Netzwerken weitere Grundsteine für die lückenlose Verschmelzung von IT-Funktionalität mit der OT-Welt gelegt werden. Dazu gehören zweifelsohne Betriebssysteme, die auf allen Steuerungen und Geräten lauffähig sind. Zwar ist der Einsatz von Betriebssystemen in der IT schon längst ein Standard, aber in der Automatisierungswelt noch eher ein Novum. Wie einst bei den Ethernet-Feldbussen, erleben wir gerade eine deutsche Welle von Betriebssystemen auf Open-Source-Basis. Aber Vorsicht: So schnell wie in der IT funktioniert die Einigung auf einen Standard in der Automation nach wie vor nicht. Es lohnt sich noch, die propagierte Offenheit bezüglich der propagierten Betriebssysteme etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, denn erst beim zweiten Blick erkennt man die versteckten Vendor-Lock-ins, auch wenn all diese Betriebssysteme vordergründig auf Open Source basieren. 
Aber ich bin überzeugt, dass die Einigung auf Standards zukünftig schneller funktioniert als in der Vergangenheit. Die IT bringt einfach eine Schlagzahl in die Automation, die alte Paradigmen über den Haufen wirft. 

Sind Sie sich da sicher?

Absolut! Sehen Sie sich doch die Steuerungstechnik an. Dort sind wir gerade auf dem Sprung von der PC-basierten Soft-SPS zur cloudbasierten-SPS. Neben kleinen aus Deutschland stammenden Start-ups wie Logiccloud, prescht jetzt sogar schon der Marktführer Siemens mit dieser Technologie auf den Markt – ein Schritt, der sogar viele Branchen-Insider überrascht hat. Aber ich behaupte, sogar Marktführer Siemens hat inzwischen Charles Darwin verinnerlicht: Nicht die stärkste Art überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern die wandlungsfähigste!

Wie steht es um die Künstliche Intelligenz, die ja im Consumer-Bereich das Hype-Thema ist?

Lange Zeit hatte man den Eindruck, Deutschland als einer der wichtigsten Innovationsstandorte der Welt erkenne das disruptive Potenzial von KI für die deutsche Wirtschaft nicht. Doch erleben wir mittlerweile eine Art Renaissance vor allem im Bereich der industriellen KI – also dem Einsatz von KI für die nächste Evolutionsstufe von IIoT und Industrie 4.0. Ziel von Industrie 4.0 beispielsweise muss in den nächsten zehn Jahren eine KI-basierte Null-Fehler-Produktion sein. 

Die angestrebte Null-Fehler-Produktion wird ja aber nicht allein von KI abhängen?

Nein, natürlich nicht. Aufkeimende Megatrends werden diese Entwicklung maßgebend beeinflussen. Zu nennen sind insbesondere das Edge-Computing bis hin zur Edge-Cloud, der Einzug von 5G in die Fabrik, die in Fertigungsabläufe integrierte Robotik, die autonomen Systeme in der Intralogistik sowie firmenübergreifende sichere Dateninfrastrukturen, wie sie die Initiative Gaia-X mit dem Ableger Manufacturing-X anstrebt, das großangelegte firmenübergreifende Projekt zur Digitalisierung der Lieferketten in der Industrie. Unsere große Herausforderung in den nächsten Jahren wird es deshalb sein, unser hervorragendes Industrie-Know-how gut mit den KI-Technologien vor allem unter Einbeziehung der seit November 2022 durch die Decke gehenden LLMs – den Large Language Models – zu verschmelzen. Die Large Language Models liefern ja die algorithmische Grundlage für Generative-AI-Tools wie ChatGPT von Open AI oder LaMDA und PaLM von Google oder auch NeMO von Nvidia.

Sehen Sie das Ziel einer erwachsenen Automation in der Null-Fehler-Produktion?

ZVEI-Vorstand Rainer Brehm sieht einen viel größeren Aufgabenbereich für die Branche. (Anm. d. Red. Lesen Sie hierzu „nachgehakt“ auf S. 98)
Nein, das Ziel rein auf die Produktion zu begrenzen wäre zu kurz gegriffen. Ich gehe mit Rainer Brehm definitiv d´accord: Die Automation ist eine der Schlüsseltechnologien für die Lösung der anstehenden Probleme auf diesem Globus und der Kandidat, der das Thema Nachhaltigkeit am effizientesten anpacken kann. Gerade der Kombi IT und Automation traue ich sehr viel an Lösungspotenzial zu. 
Die IT ist bis dato stark in US-amerikanischer Hand; in der Automation hat Deutschland eine Führungsrolle inne – etwas geschickt angepackt, sollte es doch gelingen, junge, technisch interessierte Menschen für die Automation zu begeistern – vor allem, wenn wir es schaffen, das Nachhaltigkeitspotenzial der Automation durch Argumente und ein authentisches Vorleben zu vermitteln. Eine erfolgreiche Nachwuchs-Akquisition ist meines Erachtens der wichtigste Job, den wir jetzt angehen müssen, um die starke Position in dem Markt zu behalten. 

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