Lütze
Schaltschränke bedarfsgerecht kühlen
Was tun, wenn Fertigungsanlagen ‚in die Jahre kommen‘ und ihre Umrüstung sowohl Digitalisierungs- als auch Nachhaltigkeits-Ansprüchen genügen soll? Ein Langzeitprojekt zum Temperatur-Monitoring von Schaltschränken leistete einem Automobilhersteller hierbei Hilfestellung.
Die in die Jahre gekommene Fertigungsanlage des Automobilherstellers sollte durch Lösungen ersetzt werden, die nicht nur die Effizienz steigern, sondern auch einen Beitrag zu einem nachhaltigen Klimamanagement leisten. Ein zentraler Aspekt war dabei die Umstellung von der Montageplatte auf das Verdrahtungssystem ‚Airstream‘ von Lütze. Dabei ging es nicht nur um mechanische, sondern auch um thermische Vorteile. So wurde über das Eplan-Planungssystem von Beginn des Projekts an das Verdrahtungssystem und der Lüfter ‚Airblower‘ in Kombination mit einem Kühlgerät in das System integriert. Ziel war ein bedarfsgerechtes Kühlkonzept für die untersuchte Schaltschrankkombination. Dazu führte das Temperaturberechnungstool ‚Airtemp‘ eine Reihe von Simulationen für zukünftige Betriebsbedingungen durch. Im Serienbetrieb wurde anhand von Messungen die Ist-Situation der Temperatur erfasst und ausgewertet.
Gemäß Kundenwunsch lag der Fokus auf der Betriebssicherheit; zudem sollten auch nachträglich Optimierungen möglich sein, falls bei den Messungen Auffälligkeiten festgestellt würden. Unterstützt wurde Lütze von der Universität Stuttgart, an der seit vielen Jahren im Bereich der thermischen Optimierung von Schaltschränken geforscht wird.
Planung und Auslegung der Anlage
Die Konstruktion der Schränke erfolgte in 3D und umfasste alle relevanten Komponenten, wobei eine theoretische Betrachtung mit dem ‚Airtemp‘-Simulator durchgeführt wurde. Die Eingabe verschiedener Parameter wie Aufstellort, Umgebungstemperaturen und Leistungsaufnahme aller Komponenten ermöglichte die Berechnung der thermischen Eigenschaften der Schaltschränke. Da diese offen angeordnet waren, lag auf ihrem Verhalten zueinander besonderes Augenmerk: Die Berechnungen zeigten, dass eine einfache Aufsummierung der Schränke nicht ausreichte, da Luftaustausch und Leistungsverteilung uneinheitlich sind.
Berechnung der Temperaturen im 3-Zonen-Modell
Bild 1. Auszug aus Airtemp-Berechnung der einzelnen Schränke. Einspeiseschrank ohne und mit Lüfter, Antriebsschrank ohne und mit Lüfter, sowie Lüfter Airblower mit Klimagerät, Steuerschrank ohne und mit Lüfter (jeweils von oben nach unten).
© LützeMit ‚Airtemp‘ wurden theoretische Berechnungen für alle Schaltschränke durchgeführt – im ersten Schritt mit freier Kühlung. Die Ergebnisse (Bild 1) zeigen, dass bei einem Gleichzeitigkeitsfaktor von 0,7 (das heißt, alle Komponenten sind zu 70 % aktiv und rufen entsprechend dieser Leistung ab) mindestens in einer der drei Zonen im Schaltschrank eine Temperatur von +40 °C überschritten wurde. Zwar ließen sich die Ergebnisse bei zwei Schränken durch den Einsatz des Airblower nahezu auf 40 °C reduzieren, jedoch zeigte sich, dass der Schaltschrank mit Umrichtern selbst mit dem Airblower noch über +57 °C erreichte. Daher wurde zusätzlich ein aktives Kühlgerät mit einer Kühlleistung von etwa 550 W benötigt, um die Temperatur unter die vorgeschriebenen +40 °C zu senken. Das gewählte Kühlgerät mit einer Kälteleistung von 750 W wird nicht unter Volllast betrieben, wodurch ein ausreichender Puffer vorhanden ist.
Die Berechnungen zeigen, dass der Lüfter eine Homogenisierung der Temperaturen bewirkt hat. Abzuwarten bleibt, wie sich die tatsächliche Verteilung der Temperaturen unter den Schränken in der Realität darstellen wird. Es wurde bewusst mit knappen Grenzwerten und wenig Puffer gerechnet, um die Ergebnisse später nachträglich bewerten zu können.
Das Kühlkonzept
Unter Berücksichtigung von Analysen und Erfahrungen aus anderen Messungen und Projekten wurde gemeinsam mit dem Kunden beschlossen, die Reihenkombination wie folgt umzusetzen: Alle Airstream-Rahmen wurden mit einem Airblower ausgestattet. Der Schaltschrank, der die Umrichter enthält, sollte zusätzlich ein Frontkühlgerät erhalten. Ziel war, den Schrank mit der höchsten Verlustleistung aktiv mit kalter Luft zu unterstützen, wenn diese benötigt wird. Der Airblower sollte sicherstellen, dass die Luft um die Rahmen zirkuliert und somit ein homogenes Klima erzeugt wird. Bei Überschreiten der maximal akzeptablen Innentemperatur sollte das Kühlgerät zugeschaltet werden, um das mittlere Temperaturniveau in der Schaltschrankkombination weiter zu senken.
Nach einem Jahr Dauerlauf der Anlage startete das Projekt der Praxismessung. Dafür wurden zwei Datenlogger mit jeweils neun Temperaturmessfühlern und einem Feuchtigkeitssensor in den vier Schaltschrankfeldern integriert. Parallel dazu wurde außerhalb des Schaltschranks eine Messkapsel zur Aufzeichnung von Umgebungstemperatur und Feuchtigkeit platziert. Die Messungen dauerten insgesamt 18 Monate bei regelmäßiger Überwachung. Für tiefere Analysen wurden vor Ort gezielte Tagesmessungen durchgeführt.
In der im Dreischichtbetrieb laufenden Anlage wurden die Messpunkte im freien Raum (zentral im vorderen Bereich, zwischen den Komponenten und der Schaltschranktür) jeweils unten, in der Mitte und oben angebracht, um die drei Zonen zu überwachen. Zusätzlich wurden Sensoren zwischen und über den viel Wärme erzeugenden Komponenten platziert. Auf diese Weise ließen sich alle Schränke überwachen.
Die Messergebnisse der Langzeitmessung
Bild 2. Strömungsbild mit Kühlgerät, Verteilung in den Schränken. Die Integration der Lüfter in allen Schränken soll die Luft gezielt um die Airstream-Rahmen bewegen, da die kalte Luft aus dem Kühlgerät nicht alle Bereiche erreicht. Durch die Optimierung, die der Lüfter in Kombination mit dem Kühlgerät bietet, kann ein homogenes Klima erzeugt werden.
© LützeDurchgeführt wurden Tagesmessungen unter vergleichbaren Betriebsbedingungen, bei konstanter Umgebungstemperatur und gleichbleibendem Taktverhalten der Anlage. Der Fokus lag auf den Schränken mit der größten Leistungsaufnahme sowie auf der Verteilung der Luft aus dem aktiven Kühlmedium auf die anderen Schaltschränke, wie in der Berechnung mit Airtemp vorgesehen. Der mit einem aktiven Kühlgerät ausgestattete Antriebsschrank befand sich in der Mitte der Reihenkombinationen. Eine Strömungssimulation mittels eines aktiven Kühlmediums diente zur Verdeutlichung des Strömungsverhaltens. Diese theoretische Simulation sollte Aufschluss darüber geben, wie sich die Luft in einer Reihenkombination ohne Lüfter verhält. Das Strömungsbild (Bild 2) zeigt die Luftgeschwindigkeit anhand einer Farbskala. Die Schränke 1 und 3 sind teilweise durchströmt, jedoch nicht gleichmäßig. Durch Verblockung von Komponenten oder Kabelkanäle auf einer Montageplatte können sogar Strömungstotgebiete entstehen. Diese könnten Hot Spots verursachen und zu Ausfällen führen.
Das Projekt ergab, dass der Hauptströmungsbereich im Antriebsschrank liegt, der mit Lüfter und aktivem Kühlgerät betrieben wird. Der Nebenströmungsbereich konzentrierte sich auf den Steuerschrank, der nur mit Lüfter ausgestattet ist. Durch eine Reduktion der Messfühler wurden nur die Minimal- und Maximalwerte im Schaltschrank dargestellt. Die Messungen erfolgten an zwei aufeinanderfolgenden Tagen – am ersten Tag ohne und am zweiten Tag mit Airblower –, um herauszufinden, wie sich das Zuschalten des Lüfters auf das Gesamtsystem aus-wirkt, ob Strömungstotgebiete aufgelöst werden und ob die Kombi mit dem aktiven Kühlmedium in der Praxis effizient ist.
Bild 4. Hauptströmungsbereich Temperaturverlauf Min und Max mit Lüfter und Kühlgerät in Kombination.
© LützeBeginnend mit den Kennlinien aus dem Hauptströmungsbereich am ersten Tag (Bild 3), wurde nur mit dem aktiven Kühlgerät kalte Luft zugeführt. Die Kennlinien (Luftschichtung) liegen dabei etwa 6 Kelvin auseinander, wobei der Temperaturbereich unter 40 °C liegt. Am zweiten Tag, nachdem der Lüfter zugeschaltet wurde (Bild 4, blaue Linien), beträgt die Schichtung nur noch etwa 2 Kelvin, jedoch steigt die Temperatur am Boden leicht an, was auf den Effekt des Umwälzens der Luft um den Airstream-Rahmen zurückzuführen ist. Die obere Temperatur wird linearer, da die kalte Luft je nach Intensität sofort in den Luftkreislauf eingebracht wird.
Bild 5. Nebenströmungsbereich Temperaturverlauf Min und Max durch freie Kühlung ohne passiver/ aktiver Belüftung.
© LützeDer Nebenströmungsbereich (Bild 5) zeigt am ersten Tag der Messung – ohne Lüfter – deutlich höhere Schichtungen der Temperatur. Hier sind circa 23 Kelvin Differenz erkennbar, sowie die Überschreitung der vorgegeben 40 °C Innentemperatur. Netzgeräte, die sich im oberen Bereich befinden, in der Nähe des Messpunktes, würden hier bei ‚freier Kühlung‘ und trotz des Klimagerätes, das im angrenzenden Schrank aktiv taktet, zu hohen Temperaturen ausgesetzt werden. Auch hier wurde am folgenden Tag der Lüfter zugeschaltet (Bild 6). Die blaue Linie zeigt wieder die Homogenisierung, die durch den Lüfter stattfindet. Die Temperatur Max (oberer Schaltschrank Bereich unter dem Dach) wird auf circa 36 °C gesenkt und der Hot Spot-Bereich am Netzgerät aufgelöst.
Durch das Umwälzen der Luft durch den Airblower werden die Luftschichten aufgebrochen und gezielt um den Verdrahtungsrahmen bewegt. Die kalte Luft, die durch das Kühlgerät in den mittleren Schaltschrank eingebracht wird, lässt sich besser auf die anderen Felder verteilen, da die Schränke zueinander offen sind. Das Taktverhalten des Klimagerätes wird bedarfsgerecht angepasst und intelligent gesteuert, wenn die passive Kühlung nicht mehr ausreicht.



















