Energieketten

Harald Nehring | Günter Herkommer,

Immer leichter, immer länger

Sie versorgt Maschinen mit Strom, Daten sowie Medien und ist dabei ständig in Bewegung – die Rede ist von der Energiekette. Weiterentwickelte Materialien sowie Konstruktionen sorgen dafür, dass sich permanent neue Einsatzgebiete für die Nabelschnur des modernen Maschinenbaus ergeben.

© igus

Von Werkzeug-, Holz- und Blechbearbeitungsmaschinen über die Anwendung in Reinräumen, in der Verpackungs- oder Automobilindustrie bis hin zu Regalbediengeräten sind Energieketten heute eine nicht mehr wegzudenkende Automatisierungskomponente. Die ersten Ketten aus Stahl kamen bereits in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts auf den Markt, Anfang der 70er Jahre wurde die erste Kunststoffenergiekette erfunden. Letztere punktet nicht nur in Sachen Gewicht – auch ist diese Kette aus Tribo-Polymeren preiswerter, gleitfähig und korrosionsbe­ständig. Darüber hinaus sind Kunststoffprodukte ressourcenschonender als metallische Alternativen. Zum einen wird bei der Herstellung deutlich weniger Energie verbraucht, zum anderen müssen sie nicht geschmiert werden. Ein großer Vorteil, denn rund 50 % der Schmiermittel gelangen laut der Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg wieder in die Umwelt. Durch das geringere Gesamtgewicht lassen sich Massen zudem mit weniger Aufwand bewegen. Dies spart ebenfalls Energie und damit verbunden weitere Rohstoffe ein.

Pionier der Kunststoffenergieketten: Die „e-kette 1080“ von Igus.

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Soviel zum Status quo. Insbesondere in den letzten Jahren hat die Forschung im Bereich der Kunststoffketten immer bessere Werkstoffe hervorgebracht, die haltbarer und/oder belastbarer sind. Entscheidend dabei ist, dass die Ketten möglichst einfach konstruiert sind, ohne zusätzliche Verbindungselemente oder Schrauben. Dadurch, dass alle Kettenteile aus demselben Material sind, sind auch die Eigenschaften und Verän­derungen beispielsweise durch Tem­peratur oder Feuchtigkeit gleich. So lassen sich die Einsatzmöglichkeiten und die Lebensdauer noch präziser vorhersagen.

Zwar gibt es für Kunststoffenergieketten schon heute Anwendungen etwa in Müllverbrennungsanlagen, in denen hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit herrschen und die Ketten sowie die darin geführten Leitungen zusätzlich den Belastungen durch kleine Schmutzpartikel standhalten müssen. Mit Blick in die Zukunft wird es allerdings wichtiger werden, dass diese Systeme noch beständiger gegen äußere Einwirkungen wie Hitze, Kälte oder aggressive Stoffe sind. Dadurch erschließen sich weitere Anwendungsgebiete, in denen derzeit der Einsatz von Energieketten aus Kunststoff noch nicht möglich ist. Man denke beispielsweise an den Bereich Bulkhandling mit Verfahrwegen von bis zu 2000 Metern. Das derzeit größte Projekt bei Igus ist 615 Meter lang, aktuelle Projektierungen gehen bis 800 Meter.

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Das Diagnose-System PPDS registriert Fehler in den Bewegungen der Energiekette.

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Basierend auf den Erfahrungen aus den Materialforschungen des Gleitlagerbereichs bei Igus war es in den letzten Jahren möglich, spezielle Werkstoffe für komplizierte Anwendungsgebiete zu entwickeln – etwa für den Einsatzbereich mit heißen Spänen bis +850 °C oder für den Lebensmittelbereich mit einem magnetisch detektierbaren Kunststoff. Denn gerade in dieser Branche müssen unerwünschte Fremdkörper im Produkt erkannt werden, was durch den verwendeten Werkstoff „igumid DT“ möglich ist. Die Energiekette, die in der Lebensmittel- und Tabakindustrie zum Einsatz kommt, bringt trotzdem die üblichen Vorteile wie Wartungs- und Korrosionsfreiheit mit und muss nicht geschmiert werden.

Ein weiteres Zukunftsthema für Energieketten ist – wie könnte es anders sein – das Stichwort Industrie 4.0. Nach der Industrialisierung durch Dampfmaschinen, der Entwicklung der Massenproduktion durch Fließbandarbeit und der Digitalisierung in der Industrie zur Automatisierung der Produktion, sollen in naher Zukunft verschiedene Maschinen und Systeme miteinander vernetzt sein und miteinander kommunizieren. Dies soll komplett selbstständig und automatisch geschehen, wodurch Prozesse schneller abgewickelt werden können als durch den Menschen.

In der „e-spool“ lassen sich verschiedenste Medien gleichzeitig platzsparend verbauen. Das System funktioniert in sämtliche Richtungen.

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Intelligente Monitoringprozesse wie das Push Pull Force Detection System – kurz PPDS – machen den ersten Schritt in diese Richtung. Das selbstständige Überwachungssystem generiert eine Fehlermeldung, sobald ein Fehler im Lauf der Energiekette bemerkt wird.

Durch diese Echtzeit-Überwachung lassen sich letztendlich Maschinenausfälle beziehungsweise größere Schäden an der Anlage vermeiden.

Daneben sind „klassische“ mechanische Neuerungen rund um die Ketten erforderlich, damit die Komponenten die ständig steigenden Anforderungen an die Dynamik erfüllen können. Beispiel schnelle Regalbediengeräte: Mit der so genannten „guidelok slimline F“ hat Igus für dieses Anwendungsfeld eine vertikal verlaufende Führungsschiene entwickelt, die die Kette bei Gassenfahrten mit hohen Geschwindigkeiten sicher in der Bahn hält. Durch diese Schiene „schlägt“ die Energiekette nicht zu den Seiten. Um dies zu vermeiden, mussten früher schlicht die Geschwindigkeit des Systems und damit die Fliehkräfte niedriger sein.

Heiße Späne bis +850 °C wehrt die Hochtemperaturvariante des spänedichten RX-Rohrs ab, ohne dass der Kunststoff Schaden nimmt.

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Solche Entwicklungen werden immer wichtiger, da in sämtlichen Bereichen von Automation bis Verfahrenstechnik die Systeme immer schneller werden und immer mehr leisten sollen, gleichzeitig aber kompakter und leichter werden müssen.

Ein anderes Beispiel für die Weiterentwicklung im mechanischen Bereich ist die geforderte Dichtigkeit von Energierohren, den geschlossenen Versionen von Energieketten. Diese sollen ebenso gute Eigenschaften wie andere Ketten haben, gleichzeitig aber möglichst dicht sein und keine Späne, Splitter oder ähnliches an die Leitungen lassen. Solche Energierohre sind unter anderem in Dreh-, Fräs- oder Holzbearbeitungsmaschinen gefragt, in denen kleine Partikel mit den Leitungen in Verbindung kommen könnten. Mit dem so genannten RX-Rohr existiert für diese Zwecke eine nahezu 100-%tig dichte Lösung, die im Test unter realen Bedingungen kaum Späne ins Innere ließ. Bei diesem Test wurde das Rohr unter Bewegung in einer Spänetrommel – ähnlich einer Wäschetrommel – permanent mit Spänen bestreut. Nach 100.000 Zyklen des Rohrs waren von 1000 Gramm Metallspänen lediglich 0,23 Gramm in das RX-Rohr gelangt!

Den Konkurrenten ins Auge blicken

Die Zukunft der Energiekette ist jedoch nicht in Stein gemeißelt. Alternative Technologien fordern diese Art der Energieführung künftig verstärkt he­raus. Eine Alternative ist beispielsweise die drahtlose Energieübertragung, auch Induktion genannt. In gewissen Einsatzgebieten spielt diese Methode zwar schon heute eine überschaubare Rolle. Der Aufwand für diese Technologie ist derzeit allerdings zu groß, als dass sie sich für Anwendungen beispielsweise im Maschinenbau lohnt. Durch diese Technologie sind außerdem nur elektrische Leistung und Daten im begrenzten Umfang übertragbar. Hier ist ein großer Vorteil der Kunststoffenergieketten, dass verschiedene Medien wie Wasser, Hydraulik oder auch Lichtwellen in Glasfaserleitungen gleichzeitig in einer Kette geführt werden können. Spätestens wenn mehr als eine Leitung transportiert wird, spielen somit die Kunststoffenergieketten ihre wirtschaftlichen und technischen Vorteile gegenüber Alternativen aus.

Die „guidelok slimline F“ hält die Energiekette bei Querbeschleuni­gungen sicher in der Führung.

© igus

Eine Weiterentwicklung von Kunststoffenergieketten, bei der die Vorteile voll ausgeschöpft werden können, ist die „e-spool“, bei der im Gegensatz zu einer klassischen Kabeltrommel kein Schleifring erforderlich ist. Auch hier können somit verschiedene Medien auf engstem Raum in einem System verbunden und geführt werden. Zusätzlich lassen sich einzelne Leitungen bei Bedarf hinzufügen oder entfernen.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, dass Ketten und die darin geführten Leitungen aufeinander abgestimmt sind, damit eine lange Lebensdauer gewährleistet werden kann. Die Erfahrung zeigt, dass erst durch die gemeinsame Weiterentwicklung von Energieketten und den darin geführten Leitungen eine immer höhere Dynamik und/oder größere freitragende Lasten erreichbar sind. Auf diese Weise erschließen sich komplett neue Anwendungsgebiete für Energieketten. Wer hätte beispielswei­se vor einigen Jahren mit einem 615 m langen Verfahrweg einer Energiekette in einem Braunkohlekraftwerk gerechnet, die selbst größten Verschmutzungen trotzt? Mit einem Schaufellader, der sich um 180° drehen kann und unter dem eine Kunststoffkette installiert ist und jede Drehung mitmacht, obwohl die zuvor eingesetzte Stahlkette bereits nach zwei Jahren den Dienst versagte? Mit einer runden Energiekette, die in jede Richtung beweglich ist und trotzdem Späne von den Leitungen abhält? Oder auch mit einer Energiekette, die gewissermaßen zweckentfremdet wird und als Förderband dient?

Autor: Harald Nehring ist Prokurist und Leiter des Geschäfts­bereiches E-Kettensysteme bei Igus.

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