Entwicklungstrends
Energieketten: Immer leichter, immer robuster
Energieketten sind wie die Nabelschnur des modernen Maschinen- und Anlagenbaus. Sie sorgen für die sichere Zuführung von Energien, Medien, Daten und Impulsen. So vielfältig wie die Einsatzmöglichkeiten sind auch die Entwicklungstrends bei diesen Systemen.
Von Blechbearbeitungsmaschinen über Reinraumtechnik und Automobilbau bis hin zu Verpackungsmaschinen, Regalbediengeräten und Krananlagen – damit die Produktion störungsfrei läuft, müssen die Energiezuführungssysteme reibungslos funktionieren. Zum Einsatz kommen hierfür heute größtenteils wartungsfreundliche Kunststoff-Energieketten. Die zumeist modularen Systeme lassen sich einfach vor Ort montieren und erlauben ein schnelles Nachrüsten von Leitungen und Schläuchen. Generell geht der Trend dabei zu vorkonfektionierten Systemen, die einbaufertig mit Systemgarantie direkt an die Maschine geliefert werden. Solche maßgeschneiderten Lösungen lassen sich mittlerweile online konfigurieren, vom Innenaufteilungs-Design bis zum Layout der Gesamtanlage. Auch ist die Lebensdauer von Energieketten in Abhängigkeit von der Anwendung exakt berechenbar. Dazu gibt es am Markt seit kurzem ein Programm namens „Quicklife“.
Charakteristisch für diese abriebfeste Kunststoff-Energiekette ist ein vibrationsarmer, leiser Lauf. Das bestätigen Gutachten der RWTH Aachen und des TÜV Rheinland. Die Energiekette wurde bereits mit 37 dB(A) freitragend bei 1 m/s getestet.
© IgusWas die technologischen Weiterentwicklungen im Detail betrifft, so gewinnt unter anderem der Dynamik-Aspekt an Bedeutung. In diesem Zusammenhang gehen die Anforderungen zum Beispiel hin zu leichten Energieführungen für kurze Hübe, die extrem ruhig und vibrationsarm sowie nahezu geräuschlos laufen. Viele davon sind heute für Einsätze im Reinraum geeignet weil nahezu abriebfrei. Neben dem Material hat dies vor allem mit neuen Designlösungen zutun. So gibt es etwa Energieketten, bei denen die klassische Bolzen/Bohrung-Verbindung durch elastische Polymerfederelemente ersetzt wird, welche die Seitenteile der Kette miteinander verbinden und Relativbewegungen zwischen den Gelenken verhindern. Für so eine robuste Kette hat jetzt ein Gutachten der Fachhochschule Köln 3,8 Mrd. mögliche Bewegungszyklen bestätigt. Überhaupt tritt – neben dem Material – das Thema Konstruktion stark in den Vordergrund.
Seit rund vier Jahren sind so genannte Universal-Energieketten verfügbar, die zahlreiche konstruktive Kniffe mehrerer Serien in einer einzigen Energieketten-Familie vereinen. Das sind zum Beispiel drehbare Außenlaschen zur Einstellung der Vorspannung – etwa ohne Vorspannung für beengte Platzverhältnisse oder hängende Ketten – sowie drehbare Innenlaschen für die Biegeradienrichtung, was zum Beispiel Bauformen mit wechselnder Drehrichtung und „Zickzack“-Anwendungen ermöglicht. Ein weiteres Beispiel ist ein formschlüssiger Hintergriff – sozusagen ein „Verkrallen“ der Kettenglieder – für Torsionsfestigkeit und eine hohe Stabilität (seitlich und freitragend) sowie ein doppeltes Anschlagsystem mit großen Anschlagflächen, welche die Last für noch höhere Füllgewichte und noch längere freitragende Wege optimal verteilen. Mit seiner eingebauten „Bremse“ wirkt dieses Anschlagsystem außerdem geräuschdämpfend und sorgt so für einen besonders ruhigen Kettenlauf.
3D-Energieketten für Radius und Torsion
Die hohe Zugfestigkeit wird über das so genannte „Trailer-Prinzip“ erreicht. Die einzelnen Elemente sind hierbei nicht durch störende Stahlseile oder ähnliches miteinander verbunden, sondern wie bei einer Anhängerkupplung (Kugel-Pfanne-Prinzip). Durch diese kugelförmige Ausbildung ist die Beweglichkeit in alle Richtungen sichergestellt. Was die Leitung selbst betrifft, so gibt es für 3D-Anwendungen in der Energiekette zum Beispiel spezielle Robotik-Leitungen. So etwa eine geschirmte Einzeladerleitung, die bereits mit mehr als 3 Mio. Torsionsbewegungen auf ±270 ° getestet wurde.
© IgusEin weiteres Thema ist das der Bewegungsfreiheit, etwa bei anspruchsvollen Bewegungen von Mehrachsrobotern. Hier hat sich endgültig der Trend der letzten Jahre – und zwar vom schweren Produktions- bis hin zum kleinen Palettier-Roboter – verfestigt, zum Schutz der dort hoch beanspruchten Leitungen mehrdimensional bewegliche Energieketten mit Rückzugsystem einzusetzen. Die Ketten haben definierte Anschläge für Radius und Torsion, um Leitungen um schwierige Geometrien zu führen.
Die hohe Zugfestigkeit wird über das so genannte „Trailer-Prinzip“ erreicht. Die einzelnen Elemente sind hierbei nicht durch störende Stahlseile oder ähnliches miteinander verbunden, sondern wie bei einer Anhängerkupplung (Kugel-Pfanne-Prinzip). Durch diese kugelförmige Ausbildung ist die Beweglichkeit in alle Richtungen sichergestellt. Was die Leitung selbst betrifft, so gibt es für 3D-Anwendungen in der Energiekette zum Beispiel spezielle Robotik-Leitungen. So etwa eine geschirmte Einzeladerleitung, die bereits mit mehr als 3 Mio. Torsionsbewegungen auf ±270 ° getestet wurde.
Wie facettenreich die Welt der Energieketten ist, zeigt darüber hinaus die technische Herausforderung der Drehbewegung. So gibt es für Kreisbewegungen in engen Einbauräumen nun sogar eine schnelle, leichte Energiezuführungslösung für Drehgeschwindigkeiten bis 720°/s, die seit eineinhalb Jahren auf dem Markt ist. Diese Energiekette erlaubt – abhängig von Bandlänge beziehungsweise Bauhöhe der Drehachse – verschleißarm Drehbewegungen bis 3000° und mehr. Dank der geringen Einbaugröße und Kompaktheit ist das Energiekettensystem dabei in allen Einbaulagen sicher einsetzbar – also horizontal, vertikal und auch „kopfüber“.
Nahezu 100 % dicht
Die abgebildete Version einer geschlossenen Energiekette ist nahezu zu 100 % dicht und aufklappbar und wurde mit dem Industriepreis „iF product design award 2010“ ausgezeichnet.
© IgusIn allen Arbeitsbereichen, wo Späne anfallen, sind geschlossene Energieketten zum Schutz vor Staub, Schmutz, Öl, aggressiven Umgebungen, Feuchtigkeit, Hitze und Kälte gefragt und bereits seit rund zwei Jahrzehnten im Einsatz. Mittlerweile gibt es diese so genannten Kunststoff-Energierohre in einem abgerundeten Design, welches bisherige Dichte-Standards übertrifft und nahezu 100 % dicht ist. Tests unter anderem mit Metallspänen unterschiedlichster Größen haben konkret ergeben, dass bei dieser Lösung nach 251 900 Zyklen lediglich 2,7 g Späne nach außen gelangen. Auch wurden ergänzend Extremtests unter Wasser durchgeführt, um die Forderung nach Dichtigkeit zu belegen.
Das neuartige Energierohr gibt es darüber hinaus als Sonderlösungen: Zum Beispiel wurde es von vornherein so ausgelegt, dass Anwendungen mit kleinen rückwärtigen Biegeradien bis 80 mm realisierbar sind. Zudem ist eine Hochtemperaturversion erhältlich, welche aus einem Sondertemperatur-Polymerwerkstoff gefertigt ist. Dieser stellt sicher, dass selbst glühende Späne bis 850 °C am Rohr abprallen statt thermoplastisch aufzuschmelzen und eventuell kleine Brand- und Schmelzspuren zu hinterlassen.
Die tribologisch optimierten Rollen dieser Profilrollen-Energiekette sind fest in die Seitenteile der Kette integriert. Durch die Verwendung von Mittellaschen gibt es praktisch keine Gewichtsbegrenzungen.
© IgusUm Schutz vor rauen Umgebungen, respektive vor Schmutz, Wind oder Salzwasser, geht es ebenso bei Anwendungen im Tagebau, in Zementwerken oder im Ship-to-shore-Kranbau. Hinzu kommt hier insbesondere die Forderung nach langen Verfahrwegen von zum Teil mehreren hundert Metern und extremen Füllgewichten bis 30 kg/m und mehr. Energieketten aus Vollkunststoff, die für diese Zwecke heute eine sehr gefragte Lösung sind, ermöglichen inzwischen Verfahrwege bis 1000 Meter.
Neueste Entwicklung bei den Rollen-Energieketten ist, dass die Obertrumrollen durch die Rollen des Untertrums laufen – also versetzt statt übereinander rollen –, was die Lebensdauer der Kette weiter erhöht.
Zunehmend Bestandteil von Energieketten-Großanlagen ist inzwischen zudem das Condition Monitoring zum vorbeugenden Schutz mechanischer Schäden. Das fängt bereits mit sehr kostengünstigen Lösungen wie einer automatischen Notabschaltung bei Überlast an.
Kein „Korkenzieher“ und Schirmdrahtbruch
Zurück zu den Leitungen: EMV-Sicherheit und das Erfüllen von Normen und Richtlinien der Bus-Nutzergruppen sind eine Grundvoraussetzung dafür, dass Automatisierungstechnik unter allen Umständen funktioniert. Dazu gibt es heute Spezialleitungen für kleinste Biegeradien. So wurden zum Beispiel Leitungsserien entwickelt, die bei Biegeradien kleiner 4 × d mit über 30 Mio. Hüben erfolgreich getestet sind. Und auch Spezialleitungen für den dauerhaften dynamischen Einsatz in Energieketten gibt es heute in unterschiedlichen Mantelwerkstoffen und mit verschiedensten Zulassungen und Konformitäten (UL, CE, CSA, Desina).
Autor: Michael Blaß ist Prokurist und Vertriebsleiter Energiezuführungssysteme bei Igus in Köln.
















