Lichtwellenleiter
Die Daten-Highways der Industrie 4.0
Datenkabel fristen ein ziemlich unspektakuläres Dasein als typisches C-Teil: kostengünstig im Einkauf, doch mit einem relativ hohen zeitlichen Bereitstellungsaufwand. Wird dies der Schlüsselrolle von Lichtwellenleitern auf dem Weg zur Smart Factory gerecht?
Beispiel für eine Anlage zur Herstellung, Compoundierung und Verarbeitung von Kunststoff – Datenkabel müssen hier enorme Entfernungen überbrücken.
© CoperionDer Maschinen- und Anlagenbauer Coperion aus Stuttgart ist Hersteller von Extrusions- und Compoundiersystemen sowie Schüttgutanlagen, die in der Kunststoff-, Chemie-, Nahrungs-mittel- und Aluminiumindustrie zum Einsatz kommen. Hauptprodukte sind Doppelschneckenextruder zur Kunststoffherstellung. Sie erreichen einen Durchsatz von bis zu 100 Tonnen pro Stunde. In den Extrudern findet die Compoundierung statt. Darunter versteht man die Aufbereitung des Kunststoffs durch Beimischung von Zuschlagstoffen, um bestimmte Eigenschaften gezielt zu optimieren. Neben dem Extruder als Kernstück umfasst die gesamte Anlage – angefangen beim vorgelagerten Reaktor zur Polymerisation der Kunststoffe bis zu den Silos zur sortenreinen Lagerung der Compounds – ein ganzes Areal mit mehrstöckigen Fabrikhallen.
In einer solchen Anlage ist es keine Seltenheit, wenn Datenkabel Leitungslängen von 1,5 Kilometern und mehr erreichen. Je länger die zu überbrückende Strecke ist, desto eher kann dabei ein Lichtwellenleiter (LWL) seinen Reichweiten-Vorteil ausspielen. Denn bei der Datenübertragung via Kupfer ist bei einer maximalen Segmentlänge von 100 Metern Schluss; danach muss wegen der Dämpfung ein Repeater zwischengeschaltet werden.
Allein die räumliche Ausdehnung einer Maschine determiniert somit häufig bereits die Wahl zwischen Kupfer und Glasfaser; besonders dann, wenn noch andere Anlagenkomponenten wie Weiterverarbeitungen, Förderung oder Sortierung hinzukommen. Noch ein Vorteil von LWL: Da Coperion mit den Ex-trudern nur einen Teil der Gesamtanlage liefert, kann es zu Potenzialunterschieden mit anderen Teilen der Anlage kommen – für die Datenkommunikation über Glasfaser stellt dies jedoch kein Hindernis dar.
Die 'Diva' unter den Datenkabeln
Verglichen mit der elektrischen Übertragung durch Kupfer verfügt die Glasfaser über das Merkmal einer weitaus höheren Übertragungsrate bei gleichzeitig sehr hoher Reichweite. Zudem findet keine Signalstreuung auf benachbarte Fasern statt. Auch wird die Glasfaser als optischer Leiter nicht elektromagnetisch beeinflusst und kann elektromagnetisch verträglich (EMV) gemeinsam mit Leistungskabeln verlegt werden, solange der LWL-Leiter ohne metallische Bewährung ausgeführt ist. Kurzum: Das hochreine Glas der Fasern ermöglicht eine unübertroffen klare Signalübertragung.
Allerdings: So klar die Übertragung ist, so anspruchsvoll ist die ‚Diva‘ unter den Datenkabeln in der Handhabung. In Abhängigkeit vom Biegeradius entstehen schnell hohe Biegeverluste durch das Abstrahlen von Lichtleistung aus dem Kern in den Mantel, der einen geringeren Brechungsindex aufweist. Speziell die Konfektionierung durch wenig geübtes Personal bezahlt man mit einer starken Zunahme der Signaldämpfung der Glasfasern. Und beim Verbinden von Fasern mittels Steck- und Spleißverbindungen können er-hebliche Einfüge- beziehungsweise Koppelverluste entstehen.
Detailansicht eines vergossenen Aufteilkörpers. Dieser ist ausgestattet mit einer kompatiblen Verschraubung zum Einbau in Spleißboxen. Außerdem ist das System bei neuerlicher Verlegung wieder verwendbar.
© Helukabel, CoperionWährend Kupferkabel schnell und einfach mit Steckern für die jeweilige Anwendung angepasst werden können, gehört zur Konfektionierung von LWL teures Equipment, Know-how und Erfahrung. Allein Anschaffungskosten von mehreren 10.000 Euro für das Werkzeug zum Spleißen und Messen sprechen dafür, bereits fertig konfek-tionierte LWL einzusetzen. Je nach Anwendung werden die Kabel dabei beispielsweise mit einem passenden Aufteilkörper verbunden, der die Fasern aus dem Bündeladerkabel ohne Spleißungen in einzelne Simplexkabel führt, die wiederum mit konfektionierten Steckern abgeschlossen sind. Zuletzt wird – so zumindest bei den ‚Ready to use‘-Lösungen von Helukabel – der Übergang vom Kabelmantel zum Aufteilkörper mit Polyamid vergossen, was die typische Kabelschwachstelle deutlich robuster macht als ein ansonsten häufig benutzter Schrumpfschlauch.
Zur Anwendung kommen die LWL bei Coperion vorwiegend als Netzwerkkabel für eine möglichst ausfallsichere Rechner-Kommunikation (Visualisierung) innerhalb der Extruder. Von Anfang an war klar, dass sich die Steuerung sowohl über große Entfernungen erstreckt als auch die Netztopologie eine besonders hohe Maschinenverfügbarkeit sicherstellen muss. Die Maschinenkomponenten der Großextruder kommuni- zieren deswegen in einem redundant ausgelegten optischen Ring.
Ein Stationsausfall wird über den redundanten Ring überbrückt. Da in diesem Beispiel keine Switche zwischen den Stationen und dem Netzwerk liegen, die den Ausfall direkt überbrücken, kann der Ring mittels Reserve-Ring dies selbst übernehmen.
© Bild: Helukabel, Quelle: U. Ring, Handbuch NetzwerktechnologienMartin Wurz, Elektrokonstrukteur Large Extruders bei Coperion, erläutert: „Wir wollen allen Ausfall-Szenarien eines Großextruders unbedingt vorbeugen. Gerade in einer Prozessindustrie wie der Petrochemie würde der Stillstand eines Extruders immense Ausfallkosten nach sich ziehen. Daher setzen wir beim Netzwerk auf die Robustheit eines optischen Doppelrings.“ Ein Doppelring-Netzwerk erhält seine hohe Ausfallsicherheit durch seine physische Architektur als gegenläufiger Doppelring. Neben dem primären Glasfaser-Ring gibt es einen sekundären Glasfaser-Ring, auf dem der Datenverkehr in die entgegengesetzte Richtung verläuft. Im normalen Betrieb ruht der Datenverkehr auf dem Reserve-Ring. Fällt ein Teilnehmer oder sogar ein Abschnitt des LWL aus, läuft der Datenverkehr auch über den Reserve-Ring. Vor und hinter dem ausgefallenen Abschnitt werden die Daten zurückgesendet. Aus der Doppelringstruktur entsteht dann ein einfacher Ring; das Netzwerk im Ganzen wird hierdurch aber nicht unterbrochen.
Zusätzlich zur architekturbedingten Ausfallsicherheit des Doppelrings sind die Netzteilnehmer bei Coperion über gemanagte Switche mit dem Netzwerk verbunden. Falls also ein Teilnehmer ausfällt, kann dieser direkt mit dem Switch überbrückt werden, so dass in diesem Fall noch überhaupt nicht auf den redundanten Reserve-Ring zurückgegriffen werden muss. Hierdurch steigt die Fehlertoleranz und das Doppelring-Netzwerk verkraftet mehr als einen Ausfall. Zudem erhält man damit eine Infrastruktur, in der sich alle Netzwerk-Komponenten im laufenden Betrieb warten und austauschen lassen.
Wurz erklärt weiter: „Da die gemanagten Switche bereits die Netzwerk-Sicherheit für den Ausfall einzelner Netzteilnehmer regeln, ist der redundante Ring wirklich als letzter Rettungsanker für den Extremfall gedacht. Oder aber für den Fall, dass der LWL des Rings selber gebrochen ist. Das ist mir aber noch bei keinem unserer Großextruder zu Ohren gekommen.“ Letztere stehen in allen Teilen der Welt, häufig in Schwellenländern mit extrem rauen industriellen Bedingungen. Beispielsweise siedelt sich die Petrochemie oft direkt dort an, wo es entsprechende Vorkommen gibt. Wurz: „Ich habe aber noch von keinem ein-zigen Alarm gehört, dass der Übertragungspegel eines verbauten LWL sich in einem kritischen Bereich befindet. Das spricht schon sehr für die Robustheit der eingesetzten Lichtwellenleiter.
Autor:
Jürgen Berger ist Leiter des Fachbereichs Daten-, Netzwerk- & Bustechnik bei Helukabel.















