Bedienoberflächen
Visualisierung international - Schriftzeichen aus Nah- und Fernost
Im Verkauf denken Maschinen- und Anlagenbauer global, bei der Konzeption der Bedienoberflächen dagegen häufig lokal. Die klassische Sprachumschaltung greift meist zu kurz und löst die Probleme vieler Entwickler – etwa mit der immer öfter notwendigen Darstellung exotischer Schriftzeichen – nicht.
Die Sprachumschaltung der User-Interfaces (UI) ist ein wichtiger Bereich im Rahmen der Software-Internationalisierung, der Entwickler vor zwei Herausforderungen stellt: Zum einen die korrekte Übersetzung in die entsprechende Landessprache und zum anderen die visuelle und inhaltliche Anpassung der grafischen Bedienoberfläche an die Zielmärkte.
Hinzu kommen weitere Besonderheiten wie die Online-Sprachumschaltung und die technischen Aspekte wie immer kleinere Zielplattformen (Displaygrößen), gestiegene Anforderungen an das Laufzeitverhalten und den Speicherbedarf bei immer komplexeren Visualisierungen. Fälschlicherweise wird bereits die reine Sprachumstellung des User Interface oft als Internationalisierung angesehen. Das hat mitunter gravierende Folgen:
- Einheiten, Glyphen (grafische Schriftzeichen) und Symbole werden entweder gar nicht oder falsch von der HMI-Software dargestellt,
- Schriften passen nicht mehr in die vorgesehenen Fenster oder sind zu klein dargestellt.
Kurzum: Das User Interface ist unbrauchbar. Dieses Problem tritt meist auf, wenn sich das Layout nicht flexibel an die veränderte Schrift anpasst beziehungsweise die Applikation auf einem kleineren Display läuft, als ursprünglich bei der Entwicklung vorgesehen war.
Problemzonen Ost- und Fernost
Bei japanischen, chinesischen oder arabischen Schriftzeichen hängt deren Lesbarkeit von der detaillierten Wiedergabe einzelner Striche ab. Die japanische Schrift schreibt sogar die Abfolge der einzelnen Striche sowie deren zu zeichnende Richtung vor. Solche wesentlichen Merkmale von Schriften lassen sich mit so genannten Font-Renderern auf die wesentlichen Merkmale reduziert darstellen. Mit deren Hilfe kann auch auf typische Schriftarten wie Arial verzichtet werden, die oft nur wegen der Lesbarkeit am Monitor zum Einsatz kommen.
Mit einem Font-Renderer sind dagegen die vom Corporate-Design vorgegebenen Schriften in der Visualisierung verwendbar. Verschiedene Länder, verschiedene Sprachen - und verschiedene Einheiten. Trotz weltweiter Normierung des internationalen Einheitssystems kommt neben dem offiziellen, metrischen Maßsystem in einigen Ländern nach wie vor das angloamerikanische Maßsystem zum Einsatz. Aus diesem Grund sollte eine internationalisierte Software die Umstellung auf andere Maßsysteme ermöglichen.
Ein gängiges Konzept hierzu ist, die Bedienlogik (Business-Schicht) komplett von der Präsentationsschicht (User-Interface) über ein Schichtenmodell zu entkoppeln. Das Handling der Einheiten kann dann in der Business-Schicht über einen so genannten Ressourcen-Manager organisiert werden. Dort kann der Entwickler festlegen, wie die Einheiten zu verarbeiten sind. Anhand der hinterlegten Umrechnungsfaktoren stellt das User-Interface die Einheiten unabhängig von der Datenbasis (Persistenz) oder der eingestellten Sprache dar.
Wichtig ist, intern mit genug Nachkommastellen zu arbeiten, da sich bei einer Einheiten-Umrechnung schnell Rundungs- Differenzen ergeben. Bei Werkzeugmaschinen, die mikrometergenau arbeiten, kann dies Probleme verursachen. Wird die Bezeichnung eines Buttons nur textuell in unterschiedliche Sprachen übersetzt, zeigt sich schnell, wie verschieden die Schriften sind.
Neben dem Umfang des Zeichensatzes differieren die Schriftsysteme hinsichtlich ihrer Zeichengröße, Formate und der Schreibrichtung. Bei einer „herkömmlichen" Sprachumschaltung (Übersetzung) ragen die Texte dann häufig über die Button-Flächen hinaus und sind nicht mehr lesbar. Mitunter unterstützen Bedienoberflächen diese Besonderheiten und vergrößern die Textfelder. Allerdings resultiert daraus ein anderes Fehlerbild. Die grafischen Elemente und Textbausteine überlappen sich - teilweise bis zur Unleserlichkeit. Lösen lässt sich dieses Problem beispielsweise durch die Definition von Regeln, welche die relative Anordnung der einzelnen Bedienelemente zueinander bestimmen. Auch welche Aktionen die Visualisierung bei Überschreitung der maximal darstellbaren Fenstergröße auslösen soll, sind damit einstellbar.
Diese typischen Fehlerquellen können Entwickler mit Hilfe eines „Layoutmanagers" eliminieren, der die Schriftarten, visuell korrekt und optimal lesbar, den entsprechenden Visualisierungsvarianten (Locals) anpasst.
Programmieren oder Projektieren?
Viele Visualisierungsapplikation werden nach wie vor mit HMI-Tools projektiert: Fertige Module werden per Drag and Drop in einen Screen gezogen, parametriert und den entsprechenden Steuerungsvariablen zugeordnet. Lässt sich auf diese Weise eine vergleichbare Flexibilität wie bei den programmierten Bedienoberflächen erzielen?
Beim Projektieren finden die Veränderungen nur an der Oberfläche statt - der eigentliche Quellcode der Applikation bleibt unverändert. Dies hat Vor- und Nachteile: Zum einen sind die HMI-Tools schnell, einfach und intuitiv erlernbar. Projekteure benötigen kein tiefgreifendes Wissen über die Software- Entwicklung. Zur Erstellung der Visualisierung reicht das Know-how der Arbeitsabläufe und Bedienschritte einer Maschine. Einige Unternehmen entscheiden sich für Projektierungstools aus anderen Gründen: Sie schützen auf diese Weise ihr Know-how, da kein Quellcode nach außen gegeben wird. Allerdings sind die Visualisierungstools, die sich für ein flexibles und internationalisierbares Layout eignen, oft sehr teurer. Die als Open-Source verfügbaren und leistungsfähigen Editoren bieten dagegen nur wenige Erweiterungen oder werden nicht mehr gepflegt. Die meisten Open-Source-Tools unterstützen in ihren Standard-Editoren kein flexibles Layout, sondern nur „absolute" x/y-Layouts: Höhe und Breite der Textfelder oder Buttons sind bei diesen Tools fest definiert.
Selbst bei den vollwertigen Visualisierungstools erweisen sich die einfachen und schnellen Entwicklungsmöglichkeiten in vielen Fällen dann doch als Hemmnis. Bei den traditionellen Ansätzen zur Gestaltung grafischer Bedienoberflächen stößt der Entwickler vor allem bei den kyrillischen, asiatischen und arabischen Sprachen rasch an die Grenzen des Machbaren. Dies geht zu Lasten der Performance, des Designs und letztendlich der Bedienersicherheit. Bei einer Entscheidung für das Projektieren sollte daher neben einer umfangreichen Anforderungsanalyse genau geprüft werden, welches Projektierungstool allen Anforderungen gerecht wird und ob das Preis-Leistungs- Verhältnis stimmt.
Autorin: Rebecca Rothfuß ist im Bereich Vertrieb und Marketing bei der Firma macio in Kiel tätig.
Visualisierung international
Um den gesamten Entwicklungsprozess eines internationalisierten User-Interface, inklusive der versteckten Fallstricke transparent aufzuzeigen, hat die Firma macio einen Software-Prototypen entwickelt. Anhand von Screens typischer industrieller Software wird exemplarisch aufgezeigt, wie sich die Anforderungen verschiedener Kulturräume in einer Bedienoberfläche vereinen lassen. Das Unternehmen entwickelt und realisiert seit 2002 Software- Lösungen im Kundenauftrag für den Maschinen-, Geräte- und Anlagenbau, die ressourcenschonend auf embedded Systemen und Industrie-PCs umgesetzt werden.













