Ifak
Es geht effizienter! - Teil 2
Wie können Mensch und Maschine in der Produktion besser kooperieren? Mit dem ITEA-Projekt Optimum hat ein Forschungsverbund nun notwendige Entwicklungsziele formuliert und umgesetzt. Artikel 2.
Die Komponenten des Material-Handling-Segments wandeln sich zusehends hin zu modularen Einheiten. Der internationale Wettbewerbsdruck führt weiterhin dazu, dass neue Anforderungen wie beispielsweise die bessere Einbindung des Bedienenden bei gleichzeitiger Erhöhung der funktionalen Sicherheit, entscheidende Faktoren für die Akzeptanz der Lösungen am Markt darstellen.
Der 1. Teil des Artikels in Ausgabe 10/22 auf S. 34 ging darauf ein, wie in Zukunft die Steuerungssysteme und die IIoT-Plattformen gestaltet sein sollten, um die erwähnten Anforderungen erfüllen zu können. Nächster wichtiger Punkt ist die Indoor-Lokalisierung.
Die Indoor-Lokalisierung
Die Lokalisierung von Maschinen und Personen ist Grundvoraussetzung, um ortsbezogene Daten über ein Application Programming Interface (API) zur Verfügung stellen zu können. Daher ist es wichtig, ein robustes und zuverlässiges Ortungssystem zu integrieren, um Funktionen, die einen Ortsbezug benötigen, zu unterstützen. Ein Pfeiler, der im Projekt von Comnovo umgesetzten Lokalisierung, ist die Positionsbestimmung über Ultrabreitband (UWB), einer funkbasierten Technologie, die ein breites Frequenzspektrum von mindestens 500 MHz nutzt. Das macht UWB, im Vergleich zu anderen Funkkonzepten, robust gegenüber Störungen. Auch die Interferenz mit anderen Schmalbandlösungen ist sehr gering, was die Koexistenz verschiedener Systeme ermöglicht. In Kombination mit einer sehr präzisen Uhr auf den UWB-Chips ist es möglich, die Distanz zwischen zwei Geräten zu ermitteln
Um aus den mittels des UWB-Systems gemessenen Entfernungen eine Position zu ermitteln, wird ein Kalman-Filter verwendet, der auf dem Prinzip der Trilateration beruht. Diese benötigt eine Distanzmessung zu drei ortsfesten Ankern mit bekannter Position, um eine eindeutige Position in einem zweidimensionalen Raum oder zu vier Ankern in einem dreidimensionalen Raum bestimmen zu können (Bild 1).
Bei der Lokalisierung von Personen kommt – neben UWB – auch eine Inertial Measurement Unit (IMU) zum Einsatz. Eine IMU misst die Beschleunigungen und Rotationsgeschwindigkeiten über jede der drei Raumachsen. Beide Messungen werden verwendet, um den lokalen IMU-Referenzrahmen zunächst an der vertikalen Achse über die Gravitation an der realen Welt auszurichten und seine Drehung zu verfolgen. Dann wird die gemessene (und gedrehte) Beschleunigung zweimal integriert, um die Positionsänderung der Person zu berechnen. Die permanente Integration von verrauschten Sensorwerten resultiert in einem stetig ansteigenden Fehler, der die Genauigkeit der Lokalisierung im Laufe der Zeit beeinträchtigt. Dieser Effekt wird durch Zero-Velocity-Updates (ZUPT) mit fußmontierten Sensoren abgeschwächt. Diese Methode nutzt die Zeitspannen, in denen ein Fuß den Boden berührt, um den akkumulierten Fehler zu analysieren und zu korrigieren, da sich der Sensor in einer Ruhelage befindet und somit die Position sowie Ausrichtung für einen Moment unverändert bleiben.
Die UWB-Lokalisierung nutzen vor allem die für den Materialfluss zuständigen Industriemaschinen, Krane, Flurtransportsysteme und Stapler. Da die Krane nicht nur in der XY-Ebene, sondern auch vertikal in der Z-Achse verfahren, hat jeder Kran zwei UWB-Tags, nämlich sowohl je einen an jeder Laufkatze für die Bestimmung der X- und Y-Koordinaten, sowie einen weiteren Tag am Lasthaken, damit der entsprechende Tag an der Laufkatze die Z-Koordinate bestimmen kann. Die Tags an den Laufkatzen sind direkt über eine CAN-Schnittstelle mit der DCP-Steuerung verbunden. Bei Personen besteht die besondere Herausforderung darin, dass die Anbringung eines UWB-Tags nicht an jeder Position des Körpers möglich ist. Daraus folgen Abschattungen der Antenne, die zu einem Abfall in der Genauigkeit der UWB-Lokalisierung führen. Daher wurde aus Sicherheitsgründen bei Personen, wie einem Kranbedienenden, von vornherein auf eine Kombination der UWB-Lokalisierung mit einem IMU-System gesetzt. Aufgrund dessen entwickelten die Universität Rostock, Thorsis und Comnovo ein „Wearable“, das die Anbringung verschiedener Sensorik an den Körper erlaubt (Bild 2). Die Standortdaten werden über OPC UA veröffentlicht, wobei eine „leichtgewichtige“ Version der IIoT-Plattform zum Einsatz kommt.
Die 3D-Planung, -Simulation und -Visualisierung
Das Ziel der 3D-Werkzeuge ist es, die geometrische Auslegung der Anlage beziehungsweise Produktions- oder Montageprozesse zu planen, die in Optimum entwickelten Assistenzfunktionen zu veranschaulichen und anschließend in einer virtuellen Umgebung zu simulieren. Die im Planungstool erstellten Fabriklayouts lassen sich direkt in die Simulations-Anwendung übertragen. Die erstellten 3D-Geometriemodelle wie die von Tarakos finden in Simulationsmodulen ihre Wiederverwendung. Bild 3 zeigt die Definition von Gebieten, die von Kranen und anderen Maschinen nicht überfahren werden dürfen.
Für die Kommunikation mit Steuerungssystemen bietet das Simulationstool eine Plugin-Schnittstelle, über die sich die bidirektionale Anbindung an das verteilte Steuerungssystem DCP realisieren lässt. Über diese Plugin-Schnittstelle sind auch alle anderen Simulationskomponenten mit der verteilten Steuerung verbunden. Der Bediener kann den virtuellen Kran per Smartphone verfahren – genau wie den Kran im realen Demo-Montage-Prozess. In der 3D-Simulation gibt es Module, um das Verhalten der Krane, der Bedienenden und der Fahrzeuge zu simulieren. Die Positionsdaten der einzelnen Objekte, die sich aus dem simulierten Verhalten ergeben, werden an die DCP-Steuerung übertragen.
Sind weder für den Bediener noch für den manuell bedienten Gabelstapler Steuerungsanwendungen nötig, werden die im Simulationsmodell generierten Positionsdaten an die IIoT-Plattform gesendet. Im realen Demonstrator bezieht die IIoT-Komponente die Positionsdaten direkt vom Positionstag über UWB und stellt sie auf dem OPC UA-Informationsmodell der IIoT-Plattform zur Verfügung. Die IIoT-Plattform verhält sich in der Simulation wie im realen Demonstrator, da sie keine direkte Schnittstelle zu den physischen Komponenten hat. Die verteilte Steuerung ist im Simulationsfall so genau wie möglich an die des realen Demonstrators angepasst. Der Datenfluss von der HMI zur IIoT-Plattform und zur DCP ist genau derselbe, da er nur Standard-Netzwerkverbindungen mit entsprechenden Kommunikationsprotokollen erfordert.
Die Frage der Cybersecurity
Bild 2. Die Bedienerlokalisierung mit Wearables und Inertial Measurement Unit
© Quelle: Optimum KonsortiumNach eingehender Analyse der Systemtopologie und der Gefährdungen wurden Cybersecurity-Maßnahmen in das Architekturkonzept des verteilten Steuerungssystems und der IIoT integriert. Um das System auf konkrete Schwachstellen untersuchen zu können, folgte eine Schwachstellenanalyse nach dem Stride- Modell. Anhand der Betrachtung eines repräsentativer Anwendungsfalles für den Krandemonstrator, ließen sich eine Reihe von Schwachpunkten finden, die mit geeigneten Maßnahmen eingedämmt oder behoben wurden. Die wichtigste Maßnahme: die Kommunikationsstränge – und hier in erster Linie die drahtlosen – gilt es gegen Abhören und Datenmanipulation durch die Nutzung von Transport Layer Security (TLS) Mechanismen abzusichern. Hierzu kommt eine Public Key Infrastructure zum Einsatz, in deren Zentrum eine lokale Certificate Authority (CA) steht, die im lokalen Optimum-System für Ausstellung, Verifikation und Verwaltung von Systemzertifikaten zuständig ist. Geräte werden über einen speziellen Provisionierungsprozess mit lokaler Zertifizierung der CA ausgestattet und können unter Verwendung dieser Optimum-eigenen Zertifikate eine gesicherte Kommunikation untereinander aufbauen. Ein im Zusammenhang mit der Verteilung von Zertifikaten wichtiger Punkt um Missbrauch zu verhindern, ist die Verwahrung der zu den Zertifikaten gehörenden geheimen Schlüssel, die unbedingt vor dem Zugriff Dritter auf den Geräten zu schützen sind. Hierzu erfolgte die Integration von speziellen IC für Cyber Security, sogenannte Secure Elements (SE). Diese Bausteine bieten nicht nur die Möglichkeit zum sicheren Speichern von geheimen Informationen wie etwa privaten Schlüsseln, sondern bieten auch kryptographische Operationen nach außen an. Jedes Optimum-Gerät erhält ein solches Secure Element, um dort private Schlüssel und Zertifikate sicher abzulegen.
Im Bereich der Zugangskontrolle des Systems waren weitere Maßnahmen notwendig, die auf der TLS-gesicherten Gerätekommunikation aufbauen. Für die Anmeldung war es erforderlich, zwei unterschiedliche Verfahren anzubieten: eines für die Systemadministration mit Benutzername und Kennwort für Wartungs- und Konfigurationsarbeiten. Das zweite für Anwender im Bereich des Optimum-Systems, die Maschinen und Geräte nutzen. Hier fiel die Wahl auf ein 2-Faktor-Authentisierungsansatz (2FA) mit NFC-Badge und Kennwort/Fingerabdruck.
Vom Demonstrator zu realen Applikationen
Bild 3. Die 3D-Planung von Sperr-Gebieten: Die im Planungstool erstellten Fabriklayouts lassen sich direkt in die Simulation übertragen.
© Quelle: TarakosDie Evaluierung der entwickelten Konzepte – vor allem aus Sicht des verteilen Steuerungssystems –erfolgte am Ifak frühzeitig anhand eines vereinfachten Demonstrators bestehend aus zwei Kranen mit je zwei Hubwerken. Hierbei wurden Industrie PC der PFC200 Reihe eingesetzt und das DCP auf Basis von Dome darauf portiert. Parallel dazu wurden reale Krane in einer Versuchshalle – der Research Factory beim Partner Demag – installiert und um das verteilte Steuerungskonzept ergänzt. Hier kam eine Embedded Plattform vom Partner NXP mit dem wichtigen Secure Element zum Einsatz. Der objektorientierte Ansatz des Programmentwurfs ließ sich 1:1 übernehmen. Lediglich die spezifischen Schnittstellen zur Sensorik und Aktuatorik erhielten eine Anpassung, wobei sich die genutzte Abstraktion der Schnittstellen bewährt hat. Die Interaktion der 3D-Planung ließ sich sowohl mit dem Kranmodell als auch der realen Anlage ohne Anpassung nutzen. Der vereinfachte Krandemonstrator beim Ifak nutzt jedoch keine Lokalisierungsfunktion. Diese wurde zunächst in der 3D-Simulation und anschließend in der Research Factory in Betrieb genommen.
Mehrwertfunktionen wie Sperr-Gebiete ließen sich algorithmisch ebenfalls am vereinfachten Demonstrator erproben. Die flexible Interaktion über IIoT Protokolle erlaubt hier die Nutzung unterschiedlichster Planungs- aber auch Visualisierung-Werkzeuge.
Messungen von Produktionsabläufen in einem Demo-Montage-Prozess, die ohne und mit innovativen Assistenzfunktionen aus Optimum durchgeführt wurden, konnten eine signifikante Zeitersparnis nachweisen (siehe Webtipp).
Neuland betraten die Projektpartner durch die Nutzung erster 5G-Kommunikationslösungen in der Demag Research Factory. Die dabei gesammelten Erfahrungen wurden in Gremien wie die 5G-ACIA eingespeist.
Demonstratoren in den weiteren Partnerländern (in Summe brachte das Projekt 15 Demonstratoren in vier Ländern hervor) nutzten die Konzepte für deren Anwendungsfälle und konnten die Lösungen auf Plattformen wie Raspberry PI oder andere IPCs portieren.
Ergebnisse und Ausblick
Die entwickelten Technologien haben das Potenzial, Maschinen- und Hersteller produktionsnaher Logistiksysteme in die Lage zu versetzen, Hardwarevarianten der eingesetzten Steuerungstechnik zu reduzieren und gleichzeitig die Modularität der eingesetzten Software zu erhöhen. Frühzeitig hat sich jedoch auch der Bedarf nach Standardisierung abgezeichnet. Von den Projektpartnern wurde die Definition einer OPC UA Companion Specification für Krane und Hebezeuge über den VDMA initiiert. Am Projekt nahmen Konsortien aus der Türkei, Rumänien, Großbritannien, Spanien und Deutschland, sowie als assoziiertes Land Südkorea, teil. Geleitet wurde das Projekt vom deutschen Partner Demag Cranes & Components GmbH,
Anja Fischer
ist Projektleiterin für Research-Projekte bei Demag Cranes & Components.
Julian Lategahn
ist R & D Engineer der Comnovo GmbH.
Giuliano Persico
ist Manager der Research Abteilung der Demag Cranes & Components.
Matthias Riedl
ist Leiter des Geschäftsfelds IKT & Automation am Ifak.
















