Bedienen & Beobachten (News)

Stefan Kuppinger,

Die globale Visualisierung

Eine Sprachumschaltung reicht nicht aus, um eine Bedienoberfläche international einzusetzen. Untersuchungen der TU Kaiserslautern zeigen: Farben und Symbole werden oft missverstanden und regionale Anpassungen häufig nur stiefmütterlich umgesetzt.

Von Mei Miao, Dr. Kerstin Röse

Der Maschinenbau ist Export-Weltmeister: Viele Anlagen sind daher weltweit im Einsatz und müssen für Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen, beispielsweise Europa, Asien, China oder Indien, bedienbar sein – möglichst intuitiv. Allerdings haben Maschinenführer aus diesen Kulturkreisen zum Beispiel Probleme mit den in Europa gängigen Farben und Symbolen. Dies ist die Herausforderung für die Entwickler: die Erstellung interkultureller Bedienoberflächen.

Zu den kulturellen Nutzerspezifika zählen beispielsweise Besonderheiten in der Informations-Codierung und -Strukturierung sowie Unterschiede im Technik-Umgang und variierende Nutzer-Erwartungen. Diese Aspekte gilt es bei der Gestaltung von Bedienoberflächen für andere Länder und Kulturen zu beachten.

Lasst Bilder sprechen

Die Mischung machts: Ein für China angepasstes Bedienfeld, bei dem die abstrakten Symbole der Folientastatur zusätzlich beschriftet sind.

In der Produktionstechnik werden Informationen über Symbole (Icons) vermittelt. Im Kontext der Mensch-Maschine-Interaktion beschreiben solche Zeichen überwiegend Funktionen einer Maschine. Bei den Bediensystemen im Maschinen- und Anlagenbau wird davon ausgegangen, dass die in der DIN 30600 (ISO 7000) „Grafische Symbole an Einrichtungen“ aufgeführten Icons eine angemessene Grundlage für eine internationale Verständlichkeit darstellen. Analog zu den Farben fällt die tatsächliche Verständlichkeit dieser Icons in den verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich aus – speziell in Asien gibt es Verständnisprobleme.

Um eine internationale Erkennbarkeit der eingesetzten Symbole zu erreichen, sollte beim Aufbau einer HMI-Lösung auf abstrakte Sinnbilder verzichtet werden. Besonders in der asiatischpazifischen Region sind bildhafte Icons notwendig. Zudem müssen der kulturelle Kontext und die landesspezifischen Besonderheiten berücksichtigt werden.

Generell gilt: Eine Kombination von Icons und Beschriftung ist immer von Vorteil; aber eine zusätzliche Beschriftung ersetzt keine schlecht gestalteten Icons.

Die Wirkung von Farben

Neben Icons werden Informationen durch Farbe codiert. Eine wichtige Grundlage für die alleinige Informationsdarstellung mittels Farbgebung ist die DIN EN 60073 (IEC 73) „Codierung von Anzeigegeräten und Bedienteilen“. Die Norm legt die farbliche Codierung von Druckschaltern als Differenzierungsmerkmal für Funktionalitäten fest:

  • Rot = Gefahr
  • Gelb = Warnung
  • Grün = Normalzustand
  • Blau = Information
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Signalwirkung von Farben: Die in der DIN EN 60073 definierten Farbzuordnungen für verschiedene Betriebszustände (Normal-Zustand: grün; Warnung: gelb; Allgemeine Informationen: blau) werden in China, Korea und Indien zum Teil missverstanden.

Empirische Untersuchungen in Deutschland, China, Korea und Indien zeigten, dass in diesen Kulturkreisen die Benutzer zum Teil eine andere Farb-Zuordnung nutzen.

Die IEC 73 ordnet dem Betriebszustand „Warnung“ die Farbe Gelb zu. Aber alle Chinesen und 20% der Koreaner haben Rot gewählt. Selbst in Deutschland interpretieren 20% der Befragten die Farben unterschiedlich: Bei der Farbzuordnung für den „Normalen Zustand“ geht der Trend in Deutschland und Indien zur Farbe Grün. In China wurde dagegen zu 80% die Farbe Gelb gewählt. Nach IEC 73 sollen mit dieser Farbe aber Warnzustände signalisiert werden. Auch bei der Zuordnung von Farben zum Betriebszustand „Allgemeine Information“ geht der Trend zur Farbe Schwarz – und nicht Blau. Koreaner und Inder bevorzugen hier wiederum Grün.

Diese Unterschiede in der Farbzuordnung bedeuten, dass Entwickler von Bedienoberflächen den internationalen Standard IEC 73 nicht als bekannt oder gar akzeptiert voraussetzen können. Dies muss bei der Farbcodierung von Informationen berücksichtigt werden. Die Konsequenz: Ein Betriebszustand lässt sich nicht eindeutig allein durch seine Farbzuordnung signalisieren. Um Fehl-Interpretationen zu vermeiden, können ergänzend Umrahmungen, Schattierungen oder zusätzliche Bildzeichen verwendet werden; jedoch kein Blinken.

Weltsprache Englisch?

Ein offensichtliches Merkmal zur Differenzierung von Kulturen ist die Sprache. Dies wird bei der Entwicklung von Bedienoberflächen vieler Maschinen unterschätzt: Viele Entwickler gehen davon aus, dass normale englische Terminologien verstanden werden. Ein Test mit chinesischen Maschinenbedienern kommt zu ganz anderen Ergebnissen: Begriffe wie ESC und PIN wurden nur zu 20% erkannt. Letztlich war dies eine Ursache für falsche Bedienhandlungen an den Maschinen, die unnötige Stillstandzeiten und Service-Einsätze verursachten.

Die ermittelte Verständlichkeitsrate aller englischen Fachtermini betrug im Durchschnitt lediglich 46,6%. Das heißt: Nur knapp jeder zweite chinesische Benutzer versteht wirklich, was er bedient.

Sicher, der Mensch ist lernfähig und die Bediener können sich Abläufe einprägen. Dies funktioniert vielleicht noch bei einfachen Bedienoberflächen und -abläufen; bei komplizierten Zusammenhängen und Bedienfolgen erhöht sich jedoch die Fehlerrate. Dies kann insbesondere in kritischen Bediensituationen zu folgenschweren Schäden führen.

Neben den „offensichtlichen“ Aspekten Farbwahrnehmung, Icon-Erkennbarkeit und Sprache gibt es versteckte, kulturbedingte Eigenheiten: Der Umgang mit Problemen und deren Lösung sowie die Gewohnheiten der Kommunikation und Interaktion. Denn letztlich kommunizieren Maschinenführer über die Bedienoberfläche mit der Maschine und lösen mit ihr gemeinsam Probleme, zum Beispiel die Behebung einer Maschinenstörung. Dabei bringen Nutzer ihre alltäglichen Kommunikationsgewohnheiten unbewusst in den Arbeitsprozess mit ein. Werden diese kulturell geprägten Strukturen zur Kommunikation oder Problemlösung nicht berücksichtigt, sind Probleme unausweichlich. So sind Unterschiede im Navigationsverhalten (dem „Durchklicken“) auch auf Kommunikationsgewohnheiten zurückzuführen. Die in Deutschland häufig genutzten Menü-Hierarchien haben in China eine geringere Akzeptanz: Chinesische Anwender sind Informationen mit weniger Verschachtelungen gewohnt. Daher bemängeln chinesische Nutzer oft den fehlenden Überblick an deutschen Maschinen.

Wie kann sich ein Maschinen- und Anlagenbauer der Thematik interkultureller HMI-Lösungen stellen? Zum einen sind im Sinne eines „user-centered Design“ Analysen der Anforderungen und -gewohnheiten in der jeweiligen Kultur notwendig. Zum anderen gilt es, sich mit Lösungensvarianten für die länderspezifischen Bedienoberflächen vertraut zu machen. Die Usability-Academy der TU Kaiserslautern bietet spezielle Kurse zur Thematik „Cross-Cultural Usability“ an, in denen die Problemstellungen internationaler Bediensystemgestaltung aufgezeigt und Ideen zur Lösung vorgestellt werden.

Autor

Mei Miao ist Mitarbeiterin der AG use an der TU Kaiserslautern.

 

Dr.-Ing. Kerstin Röse ist Juniorprofessorin und Usability Professional der AG use an der TU Kaiserslautern

 

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