Antriebstechnik
Ethernet TSN statt Feldbus?
Alle Anzeichen deuten darauf hin: Ethernet TSN könnte ein wesentlicher Schritt zur Abkehr von proprietären Kommunikations-Protokollen in der Automatisierungstechnik sein – bis hinunter auf die Feldebene, für anspruchsvolle Antriebstechnik-Applikationen.
Time Sensitive Networking (TSN) steht für eine Reihe von Echtzeit-Erweiterungen des etablierten Ethernet-Standards, welche durch eine IEEE-Arbeitsgruppe (innerhalb IEEE 802.1) spezifiziert werden. Nüchtern betrachtet sind diese Mechanismen für Feldbus-Spezialisten altes Eisen. Längst sind garantierte Echtzeit und eine Synchronisation von Steuerungen, Antrieben oder IOs mit einer Genauigkeit von unter einer Mikrosekunde üblich. Technologisch ist TSN daher nicht revolutionär, sondern eher als vereinheitlichter Werkzeugkasten für unterschiedliche Probleme in der Echtzeit-Kommunikation zu verstehen.
Bild 1: Die Automatisierungspyramide ist heute gekennzeichnet durch eine Vielzahl von Kommunikationsprotokollen. Im Rahmen von TSN wird die Verwendung von Standard-Ethernet prinzipiell über alle Schichten hinweg denkbar.
© ISW StuttgartHeute wird die Echtzeit-Fähigkeit über meist proprietäre Mechanismen erreicht, wodurch die gemeinsame Nutzung einer Netzinfrastruktur durch unterschiedliche Feldbusse und IT-Netze undenkbar ist. Umso beachtlicher ist, dass sich auf der untersten Ebene der Feldbus-Kommunikation in den letzten Jahren Ethernet durchgesetzt hat – eine Technologie, die nicht für oder von der Automatisierungsbrache getrieben wurde.
Zum Potenzial von TSN in der Automatisierungstechnik gibt es inzwischen eine recht positive Prognose. Zumal entsprechende konvergente Netze mit echtzeitfähigem Standard-Ethernet Hersteller-Unabhängigkeit, Kosteneinsparung und neue Freiheitsgrade in der Vernetzung versprechen. In Analogie zur Übernahme der physikalischen Ebene durch Ethernet gehen viele Experten davon aus, dass TSN nun weitere klassische Feldbus-Funktionen übernehmen wird. Große Erwartungen werden hierbei auch in die Verknüpfung mit ‚OPC UA‘ gesetzt, so dass über weite Teile der Automatisierungspyramide (Bild 1) der Transport sowie die Beschreibung der Daten vereinheitlicht sind. Eine häufig vorgebrachte Hoffnung aus dem Bereich des Maschinen- und Anlagenbau ist, dass damit auch die Notwendigkeit zur Unterstützung verschiedenster Feldbusse eingedämmt werden kann.
TSN – der aktuelle Status
Die innerhalb der Time Sensitive Networking Task Group, welche ursprünglich aus dem Audio-/Videobereich hervorgegangen ist, erarbeiteten Standards innerhalb der IEEE 802.1 sind derzeit noch nicht komplett verabschiedet. Es ist jedoch an vielen Stellen klar erkennbar, wie die Umsetzung aussehen wird. Im Laufe des Jahres 2017 ist somit mit der zunehmenden Verfügbarkeit von TSN-fähigen Komponenten zu rechnen. An dieser Stelle ist jedoch anzumerken, dass es das TSN-fähige Gerät nicht gibt. So wie die durch TSN spezifizierten Funktionalitäten an unterschiedlichen Orten eines entsprechenden Netzwerks lokalisiert sind, ist es auch nicht notwendig, dass einzelne Geräte sämtliche zehn Teilstandards unterstützen. Daher sind zum jetzigen Zeitpunkt bereits Implementierungen – je nach Anforderung in Hard- oder Software – möglich und verfügbar. Für die im Folgenden vorgestellte Applikation sind dies beispielsweise ‚802.1AS-Rev: Timing and Synchronization for Time-Sensitive Applications‘ sowie ‚802.1Qbv: Enhancements for Scheduled Traffic‘.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass viele der etablierten Feldbusse mehr mitbringen, als die reine Datenübertragung. Über die Jahre ist vor allem eine Profil-Landschaft gewachsen, welche eine systematische Einordnung unterschiedlicher Geräteklassen bietet und für sich genommen vom Übertragungskanal unabhängig ist. Ein wesentlicher Wunsch ist daher, entsprechende Profile weiterhin ebenso über TSN-Ethernet zu nutzen, unter Wegfall der Beschränkung auf eine spezielle Topologie und das jeweilige Übertragungsmedium beziehungsweise als Multi-Protocol-Network.
Wesentliches Merkmal entsprechender konvergente Netze ist hierbei die gemeinsame Nutzung der Infrastruktur für Übertragungen mit hoher Bandbreite sowie solche mit minimaler Latenz und Jitter. Eine naheliegende Folge ist die Reduktion von Kosten, Aufwand und Komplexität. Wesentliche Herausforderung hierbei wird jedoch das Management entsprechender Netze mit stark wachsender Teilnehmerzahl und unterschiedlicher Nutzungs-Charakteristik sein.
Antreiben via TSN – zwei Beispiel-Szenarien
Eine mögliche Antwort auf die Frage, wie Echtzeit-Kommunikation in der Automatisierungstechnik zukünftig aussehen könnte, wurde auf der SPS IPC Drives 2016 seitens des Instituts für Steuerungstechnik der Werkzeugmaschinen und Fertigungseinrichtungen (ISW) der Universität Stuttgart anhand eines entsprechenden Demonstrators vorgestellt.
Die von einer PC-basierten numerischen Steuerung erzeugten Antriebssollwerte werden hierbei anstatt über einen Feldbus-Stack mittels nativem Ethernet samt TSN-Mechanismen gesendet. Über zwei industrielle Switche (Hirschmann RSP35 mit TSN-Firmware) hinweg werden diese in eigenen Zeitslots priorisiert (mittels IEEE 802.1Qbv) und an zwei FPGA-basierte Antriebsumrichter übertragen. Beide Antriebe erreichen dabei eine Synchronität unterhalb von 100 ns. Parallel dazu auftretender TCP/IP-Traffic von einer Webcam beeinträchtigt das Echtzeit-Verhalten in keiner Weise.
Bild 2 zeigt den Aufbau mit den beiden Datenströmen, einmal die Übertragung der Soll-/Istwerte zu und von den Antrieben unter Echtzeit-Anforderungen (RT), daneben mit hoher Bandbreite (NRT) die Übertragung des Webcam-Streams. Eine möglichst gute zeitliche Synchronisation der Teilnehmer ist einerseits wesentliche Voraussetzung für eine latenzarme Übertragung über mehrere Netzwerk-Komponenten (jede Verkehrsklasse wird zum richtigen Zeitpunkt bearbeitet), aber auch für die jeweilige Anwendung unabdingbar – in diesem Fall die exakte Synchronität der beiden Antriebe wie es für Motion-Anwendungen gefordert ist. Hierzu wurde auf den Standard IEEE 1588 gesetzt, welcher leicht modifiziert als IEEE 802.1AS-rev in TSN eingehen wird. Entsprechende Funktionen sind in den Switches bereits integriert.
Zum näheren Verständnis der Implementierung zeigt Bild 3 den schematischen Aufbau des NC-Masters. Hierbei wurde auf Standard-PC-Hardware mit einem Windows-Betriebssystem gesetzt. Zur deterministischen Ausführung der echtzeitkritischen Tasks sind diese unter der Echtzeit-Erweiterung ‚Intime‘ von Tenasys implementiert. Einen echtzeitfähigen Buszugriff sichert der Netzwerk-Adapter ‚Intel i210‘, welcher auch über entsprechende Hardware-Funktionen zur Zeitsynchronisation verfügt und über das High-Performance-Ethernet-Interface zugänglich ist. Neben der Erzeugung der Antriebssollwerte innerhalb der NC unter Verwendung von ‚ISG.kernel‘ ist noch eine wesentliche Aufgabe in der Software die Zeitsynchronisation mit den weiteren Netzwerk-Teilnehmern, wozu ein PTP-Stack der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zum Einsatz kommt. Nicht-echtzeitkritischer Traffic, beispielsweise zur Konfiguration der Antriebe, wird außerhalb des reservierten Zeitslots übertragen.
Charakteristisch für ein TSN-fähiges Endgerät ist die in Bild 4 dargestellte beziehungsweise im Rahmen der ISW-Demo eingesetzte Antriebsplattform: Die Implementierung basiert auf einer FPGA-Plattform, um maximale Flexibilität in Software wie Hardware nutzen zu können. Funktionen sind jeweils auf adäquater Ebene implementiert. Beispielsweise läuft der auch hier genutzte PTP-Stack oder Management-Tasks innerhalb einer eingebetteten CPU – entsprechend zeitkritische Funktionen wie das notwendige Time-Stamping der Ethernet-Pakete oder die Regelkreise der Antriebe sind direkt in Hardware umgesetzt.
Auch hier bleibt noch Raum für weitere Verbesserungen. Beispielhaft genannt werden kann der Umstieg auf Cut-Through-Switching, wodurch sich selbst bei komplexeren Netzwerken die End-to-End-Latenz minimieren lässt. Im Rahmen der vorgestellten Demonstration wurde eine Zykluszeit für die Übertragung von Soll-/Istwerten von 1 ms umgesetzt, die Antriebsdaten werden dabei in exemplarische, an CANopen angelehnte Telegramme verpackt. Von der verfügbaren Bandbreite der 100-MBit-Verbindung wurden dabei beispielsweise jeweils 25 % für Echtzeit-Daten sowie für die verlässliche Übertragung von Service-Daten reserviert. Entsprechend ließe sich die Zahl der Antriebe – angeordnet in beliebiger Topologie – noch deutlich steigern, die einzelnen Telegramme weisen lediglich die Minimallänge von 72 Byte auf. Da die Synchronisation der Antriebe über den Mechanismus von IEEE 1588 erfolgt, ist der exakte Übertragungszeitpunkt beziehungsweise die Latenz der Sollwerte zudem nicht mehr entscheidend. Anhand synchron zum Reglertakt ausgegebener Pulse zeigt sich per Messung, dass der zeitliche Fehler zwischen den beiden Antriebsreglern weniger als 50 ns beträgt.
Die erreichbare Performance bei der Nutzung von TSN-Ethernet ist für typische industrielle Anwendungen grundsätzlich vergleichbar zu etablierten Ethernet-basierten Feldbussen und wird sich mit wachsenden Übertragungsraten weiter steigern. Bei komplexen Netzstrukturen sind jedoch entsprechende Latenzen durch das Switching zu berücksichtigen, welche die minimale Reaktionszeit begrenzen. Da jedoch die Synchronisation der Teilnehmer entkoppelt von den Prozessdaten ablaufen kann, stellt dies keine kritische Einschränkung dar. Weitere Herausforderungen ergeben sich bei einer großen Zahl von Teilnehmern aus dem Overhead, welcher dadurch bedingt ist, dass auch ein einfacher Boolescher Messwert stets einen kompletten Ethernet-Frame belegt. Für spezielle Anwendungsfälle, wie beispielsweise eine sehr große Anzahl verteilter I/O-Komponenten mit geringen Datenmengen, besteht jedoch noch Forschungsbedarf hinsichtlich einer optimalen Bandbreitennutzung.
Eine weitere TSN-Demo, an der das ISW ebenfalls mitgewirkt hat, war auf der SPS IPC Drives am Stand von Sercos International zu finden: Hier wurde die Ansteuerung von Sercos-Antrieben über eine vergleichbare Netzstruktur vorgestellt. Die notwendigen Modifikationen beschränken hier auf den NC-Master und lassen die verwendeten Bosch-Rexroth-Antriebe unangetastet. Es kommt ebenfalls ‚ISG.kernel‘ zur Sollwert-Erzeugung zum Einsatz, die Rolle des Sercos-Masters übernimmt der als Open Source verfügbare ‚Sercos III SoftMaster‘. Und auch hier gewährleistet IEEE 1588 eine einheitliche Zeitbasis von Netzwerk-Komponenten und Master, so dass die Sollwert-Telegramme zu exakt definierten Zeitpunkten an die Antriebe weitergeleitet werden.
An diesem Szenario lässt sich eine mögliche Migrationsstrategie zur Einbindung von bestehenden Anlagen und Komponenten in TSN-Netzwerke darstellen. Durch eine geeignete Konfiguration des Netzes werden die Sercos-Telegramme transparent und deterministisch übertragen und vor weiterem Traffic geschützt.
Was bleibt vom Feldbus?
Nach heutigem Stand ist zu erwarten, dass sich die Fokussierung auf Ethernet-basierte Bussysteme in der Automatisierungstechnik wie in weiteren Branchen – zum Beispiel Automotive – fortsetzt. Im Rahmen der bevorstehenden Veröffentlichung des Pub/Sub-Modells von OPC UA verspricht die Kombination mit TSN die bisher mangelnde Eignung für Echtzeit-Daten aufzuheben. Es bleibt damit jedoch die Aufgabe, bestehende Geräteprofile auf diese neue Kommunikationsinfrastruktur zu portieren – möglichst unter Berücksichtigung der Kompatibilität zu Altgeräten und -Anlagen.
Viele der heute verbreiteten Feldbusse bringen Vorgaben zur Netztopologie mit und schränken damit die Anordnung und Verdrahtung der Teilnehmer ein. Weiter sind gegebenenfalls geforderte redundante Verbindungen nicht wahlfrei möglich, sondern auf solche Topologien beschränkt, die der Feldbus vorsieht – zum Beispiel Ringe. Mit der Nutzung von TSN-Ethernet als Transportschicht fallen derartige Einschränkungen weg. Insgesamt ist aufgrund der herstellerunabhängigen Standardisierung und der branchenübergreifenden Bedeutung mit einem raschen Zuwachs kompatibler Chipsätze und Protokolle zu rechnen.
Vor diesem Hintergrund ist zwar nicht davon auszugehen, dass der klassische Feldbus schon morgen aus der Fabrikhalle verschwunden sein wird. Allerdings ist jetzt der richtige Zeitpunkt, darüber nachzudenken, was TSN für die unterschiedlichen Akteure bedeuten wird und entsprechende Strategien vorzubereiten. Relevante Aspekte sind:
- Konvergente Netzwerke mit gleichzeitig hoher Bandbreite und Echtzeitgarantie
- Natives Ethernet statt proprietärer Kommunikationsprotokolle
- Herstellerunabhängig, zukunftssicher und kostengünstig
- Flexible Netztopologien und Redundanz
Gleichzeitig bietet die industrielle Kommunikation noch eine Vielzahl bisher ungelöster Herausforderungen: Von standardisierter Datenbeschreibung über Engineering und Monitoring bis hin zu Safety und Security sind noch etliche Fragen offen. Um derartige Fragen unter praxisnahen Gesichtspunkten zu klären, auszuprobieren und Musterlösungen zu schaffen, plant das ISW die Gründung einer entsprechenden Interessengemeinschaft ‚TSN for Automation‘ für die praktische Anwendung von Echtzeit-Ethernet (http://www.tsn4automation.com). Vorgesehen sind unter anderem unterschiedliche Veranstaltungen zum Expertenaustausch beziehungsweise zur Anwenderschulung, die Bereitstellung von Best Practices und Referenzimplementierungen sowie die gemeinsame Nutzung eines TSN-Labs.
Autoren:
Florian Frick befasst sich am ISW mit innovativen Plattformen für die Automatisierungstechnik;
Peter Zahn ist am ISW als Gruppenleiter für die den Bereich Antriebs-, Regelungs- und Maschinentechnik zuständig.
Armin Lechler ist stellvertretender Institutsleiter am ISW tätig.


















