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Schwerpunkt

Teil 3 der TSN-Serie

Florian Frick & Meinrad Happacher | Meinrad Happacher,

Prototyping und Testing von TSN

An TSN werden sehr hohe Anforderungen in puncto Interopera­bilität gestellt. Welchen Beitrag leisten hierbei herstellerüber­greifende Testbeds? Wie können die Implemen­tierungen von TSN-­Standards, aber auch die Interoperabilität getestet werden?

© WEKA Fachmedien

Viele TSN-Standards und überlagerte Protokolle befinden sich derzeit noch in der Standardisierungsphase. Trotzdem laufen die Arbeiten an Prototypen firmenübergreifend auf Hochtouren. Dieses Vorgehen war in der Vergangen-heit, vor allem in der Automatisierungsbranche, eher untypisch, ist bei TSN aber unumgänglich. Grund ist: Einerseits stellt TSN eine zentrale Basis-technologie für die Digitalisierung der Produktion dar und muss in dieser Rolle sowohl eine breite Akzeptanz als auch sämtliche Anforderungen der verschiedenen Branchen erfüllen; andererseits übersteigt die Komplexität der Transformation von separaten IT- und OT-Systemen und der dazugehörigen Kommunikationstechnologie hin zu konvergenten Systemen und Netzen das bisher Gekannte. Es braucht deshalb neben der Standardisierung stets auch experimentelle Umsetzungen, frühe Prototypen und fundierte Unter-suchungen der vor­liegenden Ergebnisse und diskutierter Konzepte.

Vorwettbewerbliches Prototyping

Prototyping-Aktivitäten zu diesem Zeitpunkt zu unterstützen, ist für die beteiligten Unternehmen ein nicht unerheblicher Aufwand. Und dennoch: Gerade dieses Prototyping bringt einerseits der Technologie selbst und andererseits den beteiligten Unternehmen sehr wohl Vorteile:

• Unterstützung der Standard-Entwicklung: Viele Unternehmen engagieren sich in den Standardisierungsgremien. Die dort diskutierten Ansätze zu testen, zu validieren, aber auch zu optimieren, erfordert ein Prototyping, welches sich im Zusammenschluss meist effizienter gestalten lässt.

• Aktivierung des Ökosystems: Damit TSN und die darauf basierenden konvergenten Systeme den gewünschten Beitrag zur Digitalisierung leisten können, muss dieses Ökosystem eine möglichst hohe Verbreitung haben. Es muss ausreichend Infrastruktur zur Verfügung stehen und es müssen möglichst viele Endgeräte die entsprechenden Standards unterstützen. Die Abhängigkeit vom Ökosystem insgesamt ist direkte Motivation für jeden einzelnen, dies zu unterstützen. 

• Interoperabilität: Neben der Verbreitung der Technologie ist insbesondere eine reibungslose Interoperabilität Voraussetzung für ein funktionierendes Ökosystem.

• Produktentwicklung: Eine sehr pragmatische Motivation zum Einstieg ins frühe Prototyping ist der zu erwartende Vorsprung bei zukünftigen Produkten.

• Innovation: Viele erkennen die Relevanz und das Potenzial der Digitalisierung, sind sich aber hinsichtlich der eigenen Strategie noch nicht sicher. Ein früher Austausch und technischer Einblick können hier Innovationen fördern und Fehlinvestitionen vermeiden.

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‚Neutraler Boden‘ im Testbed

Ein Plugfest des TSN Testbed am ISW: Neben dem Testing werden ­verschiedene Aspekte zu TSN diskutiert und durchexerziert.

© ISW

Um ein frühes Prototyping und Testing über verschiedene Branchen und Konkurrenten hinweg zu ermöglichen, bedarf es eines entsprechenden Rahmens. Hier haben sich über die letzten Jahre verschiedene Testbeds etabliert, so etwa das IIC TSN Testbed, das vom ISW der Uni Stuttgart betreut und gehostet wird. 

Das Testbed bietet einen neutralen Ort, an dem Unternehmen ohne Verpflichtungen und finanzielle Hürden in einem organisierten Rahmen herstellerübergreifend arbeiten können. Um ein effizientes Prototyping zu ermöglichen, deckt das Testbed verschiedene Aspekte ab. Neben einem kontinuierlich stattfindenden virtuellen Austausch, finden üblicherweise drei Plugfeste pro Jahr am ISW statt. Hier treffen sich die Teilnehmer für mehrere Tage – zusätzlich veranstaltet die US-Instanz des Testbeds weitere Plugfeste.
Im Rahmen dieser Plugfeste werden unterschiedliche Aktivitäten verfolgt. Neben dem Testing an sich gibt es Dis­kussionen verschiedenster Aspekte von TSN. Das Testbed deckt dabei TSN insgesamt ab und limitiert sich nicht auf einzelne Anwendungen oder überlagerte Protokolle. Nichtsdestotrotz spielen derzeit Themen rund um die Initiative OPC UA FLC eine große Rolle, die dementsprechend auch besondere Berücksichtigung findet.

Das Testing von TSN

Der ‚Interoperability Rack Aufbau‘ gewähr­leistet den Dauer­betrieb der Geräte und ermöglicht den Teilnehmern den Remote-Zugang.

© ISW

Das Testing steht im Mittelpunkt der Plugfeste. Die hier stattfindenden Aktivitäten unterscheiden sich jedoch signifikant hinsichtlich der dahinter stehenden Motivation, den Testzielen und dem konkreten Vorgehen:

• Proof of Concept: Validierung eines Standards, Konzept oder Implemen-tierung in einem frühen Stadium

• TSN-Standards: Überprüfung der Konformität zu den Standards

• Interoperabilität: Herstellerübergreifende Kompatibilität

Das Testing im frühen Prototypen-stadium erfolgt meist bidirektional oder in kleinen Gruppen zwischen inter-essierten Teilnehmern, welche oft auch Beteiligte an der Standardisierung sind. Das Testbed bietet hierzu die nötige Infrastruktur, ausreichend viele Endgeräte sowie Messmöglichkeiten. Eine (ausreichende) Konformität mit den grundlegenden Standards zur Zeitsynchronisation und Traffic Scheduling ist Voraussetzung für jedes Testing der Interoperabilität. Um dies sicherzustellen erfolgt eine rudimentäre Überprüfung der Geräte in Zusammenarbeit mit Test-Tool-Herstellern (Base Testing).

Auf Tuchfühlung mit der Konkurrenz – Ein Kommentar

„Irgendetwas finden, das zusammen funktioniert“ so war anfangs die flappsige Rechtfertigung für die TSN Plugfeste. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei und der Fokus der Teilnehmer richtet sich immer stärker auf das Lösen der letzten Interoperabilitäts­probleme. 
Nach wie vor beeindruckend ist, wie offen und produktiv zum Teil auch direkte Konkurrenten in einem frühen Prototypen-Stadium zusammen-arbeiten. Genauso wie dieser Kooperationswille für viele Teilnehmer Neuland ist, ist auch die gelebte Interoperabilität als Schlüssel zum Erfolg für viele ein völlig neuer Weg, insbesondere für die Vertreter der Automatisierungsbranche. Die industrielle Kommunikation wird immer seltener als Ökosystem mit zuverlässigen Umsätzen betrachtet und bekommt immer öfter die Bedeutung eines Mittels zum Zweck im Dienste einer interoperablen Digitalisierung.

Wie umfassend diese Interoperabilität letztlich sein soll, ist immer noch hart umkämpft. Mit Blick auf die Applikation treffen die Feldbus-Anhänger und die OPC-UA-FLC-Fraktionen aufeinander; mit Blick über die Branche hinaus, ist die Frage einer branchenübergreifenden Interoperabilität – etwa im Kontext einer IEEE/IEC 60802 – immer noch nicht beantwortet. 
Ungeachtet der technischen Herausforderungen ist dies momentan in erster Linie eine politische Angelegenheit, bei der durchaus noch der ein oder andere Graben der Feldbus-Kriege zu erkennen ist. Doch eines muss allen Beteiligten klar sein: Wenn wir eine digitale Revolution erleben möchten, dann muss das passende Ökosystem konsequent interoperabel gehalten sein.

Ihr Florian Frick und Meinrad Happacher

 

Die TSN-Standards

Meinrad Happacher, Editor at Large Computer&AUTOMATION

© WEKA Fachmedien

Die TSN-Standards unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Testbarkeit deutlich: während manche relativ klar, eindeutig und quantifizierbar sind, benötigen andere weitere Einschränkungen oder Ergänzungen. In jedem Fall sind jedoch Testpläne notwendig. 
Diese werden entweder von Orga-nisationen wie der Avnu Alliance oder von Herstellern von Test-Tools zur Verfügung gestellt. Die momentan wichtigsten Standards betreffen die  Zeitsynchronisation, das Scheduling, die Frame Preemption und die Redundanz. Die im Rahmen des Base Testing beteiligten Hersteller, gehen näher auf das Testen der Synchronisation ein:

 

Die Zeitsynchronisation

© Calnex Solutions

Calnex Solutions: Zeitsynchronisation über Ethernet- sowie IP-Netzwerke ist heute eine grundlegende Voraus-setzung einer Vielzahl von Systemen weltweit. Deshalb definierte die IEEE das 1588 Precision Time Protocol (PTP) und  Zeitstandardisierungs-Gremien wie die ITU-T schufen unterstützende Standards für Funktions- und Leistungs-spezifikationen.
Zum vollständigen Beitrag.

Die Validierungsstrategie

© Keysight Technologies

Keysight Technologies: Die Validier-ungsstrategie bei TSN muss sich an den Endanwendungen in den verschiedenen Industrien orientieren, wobei ein Hauptaugenmerk auf der Einhaltung von garantierten Latenzen liegen muss.
Zum vollständigen Beitrag.

Die Konfiguration

Eine besondere Rolle nimmt momentan das Testing und Prototyping der Konfigurationsmechanismen ein. Der verfolgte zentrale Ansatz zerfällt in mehrere Teilaspekte, welche sich initial unabhängig voneinander prototypisch umsetzen und testen lassen. Am weitesten fortgeschritten ist hierbei die Kommunikation zwischen dem zentralen Netzwerk-Management und der Netzwerk-Infrastruktur. Hierbei werden bewährte Ethernet-Standards und neue TSN-Standards genutzt, gleichzeitig aber auch weiterentwickelt.
Zukünftig stehen ebenfalls die anderen Kommunikationsstrecken – zum Endgerät sowie zwischen Netzwerk- und Applikations-Management - im Fokus.

Die Interoperabilität

Florian Frick ist Gruppenleiter Echtzeit­kommunikation und Steuerungshardware am ISW Stuttgart.

© ISW

Das Testen der Interoperabilität unter-scheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem expliziten Testen der Standards und bringt viele Herausforderungen mit sich. Weder gibt es klare Testpläne, noch ein Referenzgerät und auch die Monitoring-Fähig­keiten sind häufig sehr limitiert. Als zusätzlich herausfordernd erweisen sich fehlende oder nicht voll-endete Standards des TSN-Umfeldes, unterschiedliche Protokolle auf den oberen Ebenen und sehr unterschied-liche Stufen der Implementierung.

Um dennoch ein möglichst frühes, ziel-führendes, aber auch leichtgewichtiges Testen der Interoperabilität zu gewährleisten, wurde die so genannte ‚Interoperability Application‘ (Interop-App) entwickelt. Die grundlegende Idee ist, dass jedes Gerät mit jedem anderen unter definierten Echtzeit-Bedingungen kommuniziert und Statistiken über die anderen Geräte führt. Diese Statistiken wiederum stehen dann in regelmäßigen Abständen per Broadcast zur Verfügung.
Die Applikation lässt sich statisch auf einfacher Hardware implementieren oder unter Zuhilfenahme von Stacks auf komplexeren Plattformen. Dadurch ist gewährleistet, dass sämtliche Arten von Endgeräten und Switchen zusammenarbeiten können. Das System wird durch ein Monitoring der Statistiken sowie zusätzlichen Funktionen wie einer PPS-Messung (Puls Per Second) überwacht. Treten Probleme bei der Interoperabilität auf, so ist dies in den geführten Statistiken erkennbar. Durch Betrachtung des Gesamt-systems lässt sich die Ursache meist eingrenzen, muss aber mittels weiterer Tests untersucht werden.
Die Interop-App ist einerseits während der Plugfeste in Verwendung. Um darüber hinaus aber auch ein Testing außerhalb der Veranstaltungen zu ermöglichen und daneben auch Langzeitbeobachtungen sowie das Testing von Updates zu erlauben, wurde ein permanenter Aufbau ­(Interop-Rack) entwickelt, welcher einen Dauerbetrieb der Geräte ermöglicht und den Teilnehmern Remote-Zugang gewährleistet.

 

Die Interoperabilität fängt gerade erst an

In einem davor noch nicht gekannten Ausmaß arbeiten Unternehmen heute branchenübergreifend für die Vision einer konvergenten Kommunikationsinfrastruktur auf TSN-Basis zusammen. Auch wenn schon sehr viel erreicht ist, gilt es noch zahlreiche Herausforderungen zu meistern. Prototyping wird die Testbeds noch eine ganze Weile begleiten, zunehmend aber durch systematisches Testen der Standards sowie der Interoperabilität ergänzt werden.
In naher Zukunft werden neue Test­möglichkeiten zur Verfügung stehen und auch nachgelagerte Themen – etwa die ­Zertifizierung – werden in den Fokus rücken. Individuell bieten Testbeds jedem Interessierten die Möglichkeit, seine eigenen Systeme voranzubringen und gleichzeitig zum Enablement des Ökosystems beizutragen. 

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