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Industrie-Netzwerke

Gerardo Pardo, Fernando Garcia, Reiner Duwe | Meinrad Happacher,

OPC UA und DDS vereint

Bis dato wurden OPC UA und DDS oft als Konkurrenten dargestellt. Konkurrenten, die beide auf dem Ethernet-Standard TSN aufsetzen werden. – Der Schlüssel einer erfolgreichen Automation von morgen liegt aber vielmehr in einer Kombination der drei Standards DDS, OPC UA und TSN.

© RTI, Shutterstock

Moderne industrielle Automatisierungssysteme arbeiten mit vernetzten Echtzeitdaten. Diese verbundenen Systeme des Industrial Internet of Things (IIoT-Systeme) sind auf Interoperabilität angewiesen, damit Geräte und unabhängige Software-Applikationen unterschiedlicher Anbieter nahtlos zusammenarbeiten können. Darüber hinaus erfordern sie Leistungsfähigkeit und Flexibilität, um anspruchsvolle Einsatzumgebungen und Anwendungsfälle bewältigen zu können. 

Zur Erfüllung dieser Anforderungen benötigt die Industrie ein klares und auf erprobten Standards basierendes Konzept. Durch das Kombinieren der jeweils besten Eigenschaften der Standards OPC UA, DDS und TSN lassen sich Fabrikhallen mit Führungsetagen, Sensoren mit der Cloud und Echtzeitgeräte mit Fertigungszellen verbinden – alles auf der Grundlage standardisierter, interoperabler und sicherer Technologien. Aber wie können diese zusammenarbeiten?

Vorherrschende Technik: OPC UA

In der industriellen Automation stellt OPC UA die vorherrschende Technik zum Übertragen von Daten und Informationen aus Feldgeräten in die Cloud dar. Bei OPC UA geht es im Wesentlichen um die Schaffung eines verteilten Objektmodells, mit dessen Hilfe Endanwender Geräte in funktionierende Automatisierungssysteme integrieren können. Zusammen mit den zugehörigen Spezifikationen bietet der Standard eine Umgebung, in der sich Geräte verstehen und vernetzen lassen. Außerdem ist mit dem OPC UA ‚Information Model‘ (IM) eine Selbstprüfung und Steuerung des gesamten Systems möglich. 

Mit dem leistungsfähigen Client-Server-Modell von OPC UA können Applikationen – in der Regel Clients – mit einem komplexen System (implementiert als Reihe von Servern) interagieren. Im IIoT jedoch eignet sich das Client-Server-Modell nicht besonders gut für die Informationsflüsse, die für die Echtzeit-Steuerung und die Peer-to-Peer-Kommunikation erforderlich sind. Derzeit nutzen diese Echtzeit-Informationsflüsse verschiedene Feldbus-Protokolle, die jedoch nicht zusammenarbeiten. 

Im Jahr 2018 wurde Teil 14 der OPC-UA-Spezifikation herausgegeben, der die Implementierung der neuen Publish-Subscribe-Erweiterungen enthält. Diese dienen zur Anbindung an Systeme per AMQP, MQTT, Ethernet und UDP, wobei die Kombination mit dem neuen Ethernet-Standard TSN möglich ist. Das Ergebnis ist eine Technik, die in ihren Eigenschaften Ähnlichkeit mit traditionellen Feldbussen hat. 

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Data Distribution Service (DDS)

Der von der Object Management Group (OMG) entwickelte DDS-Standard für ein Konnektivitäts-Framework findet in zahlreichen Branchen Verwendung. Grundsätzlich schafft DDS einen Integrationsrahmen für Software-Applikationen und kommt in Anwendungsfällen zum Einsatz, die intelligente Software mit schnellen Sensoren und Aktoren kombinieren. In diesen Systemen dient der Standard als Steuerungsbus ebenso wie als Konnektivitäts-Framework zwischen Edge und Cloud. 

DDS stellt einen skalierbaren Publish-Subscribe-Datenbus zur Verfügung, der einen geschützten globalen Datenraum mit einem einheitlichen Datenmodell für sämtliche Geräte und Applikationen bereitstellt. Der Datenbus und das einheitliche Datenmodell entkoppeln die Applikationen voneinander, denn diese interagieren weniger miteinander als vielmehr mit dem Datenbus. Sie veröffentlichen oder abonnieren Topics und lesen oder schreiben Datenobjekt-Instanzen. Für die Security wird auf der Daten-Ebene gesorgt. Applikationen benötigen eine Erlaubnis, um sich der Domain anzuschließen, und sind auf fein abgestufte Berechtigungen angewiesen, um Zugriff auf ein Topic oder ein Datenobjekt zu bekommen.

Zudem unterstützt der Standard serviceorientierte, RPC-basierte Architekturen und stellt die Hilfsmittel bereit, die zum Definieren, Entdecken und Aufrufen von Remote Services erforderlich sind. 

So eignet sich DDS ideal für die Peer-to-Peer-Kommunikation und Echtzeit-Informationsflüsse. Im Unterschied zu anderen Publish-Subscribe-Techniken wie etwa MQTT oder AMQP erfolgt die Implementierung hier ohne Broker oder Server. Eine umfangreiche QoS-Kontrolle (Quality of Service) ermöglicht es, jeden Informationsfluss auf die jeweiligen Anforderungen abzustimmen. Die Funktionalität und die Security-Eigenschaften von DDS sind außerdem transportunabhängig, sodass die Implementierung über WANs, multicastfähige LANs und TSN-Netzwerke erfolgen kann. Um den geforderten Echtzeit-Determinismus zu bieten, muss die Transportschicht ihren Teil beisteuern, weshalb die Verwendung von DDS mit TSN Sinn macht, sobald es um kritische Echtzeitschleifen geht. 

Die Anforderungen von IIoT-Systemen

Komplexe Systeme brauchen sowohl OPC UA als auch DDS, um die Komponenten und den Ablauf von Geräten, echtzeitkritischen Schleifen, Subsystemen mit vorwiegend statischen Komponenten ebenso wie die Interaktionen zu managen, die eher ad-hoc und dynamisch ablaufen. Dazu zählen zum Beispiel die statischen Komponenten in einem Roboter während des Deployments. Sind die Roboter jedoch mobil, ändern sich die Interaktionen zwischen den einzelnen Robotern und den Robotergruppen sowie externen Agenten gegebenenfalls dynamisch. 

In solch einem Fall würde man nor­malerweise einen der besagten Standards ergänzen, um die Lücken zu füllen. Diese Vorgehensweise stößt jedoch an Grenzen. Das derzeitige Konzept, OPC UA mit Publish-Subscribe-Ergänzungen zu versehen, um die objektorientierte Client/Server-Struktur von OPC UA durch nach­gerüstete Publish-Subscribe-Konzepte aufzuwerten, kann weder die erforderliche Performance noch die nötige Ska­lierbarkeit bieten. Ebenso kann das Er­weitern des ‚entkoppelten‘ datenzentrierten Modells des DDS-Datenbusses mit den Pub/Sub-Topics und Services für ein enger gekoppeltes objektorientiertes Konzept nicht die reichhaltige Ausstattung an Features erzielen, die OPC UA derzeit bietet. 

OPC UA und DDS in einer Architektur

Die besten Eigenschaften von OPC UA und DDS lassen sich in einer neuen integrierten Architektur kombinieren. Tatsächlich koexistieren und interoperieren OPC UA und DDS bereits. Die OMG-OPC-UA/DDS-Gateway-Spezifikation legt eine Zuordnung der Informationsmodelle vor, mit deren Hilfe reine OPC-UA-Anwendungen in der Lage sind, Informationen mit reinen DDS-Applikationen auszutauschen. Damit lässt sich jetzt diese Gateway-Spezifikation durch ein umfassenderes Integrationskonzept ergänzen. 

OPC UA bietet Interoperabilität auf Geräte-Ebene, ein gut ausgearbeitetes Informationsmodell (IM) sowie ein umfangreiches Ökosystem in der industriellen Automatisierung und benötigt eine bewährte, hochgradig leistungsfähige Publish-Subscribe-Technik. DDS verfügt über weitreichende Datenmodellierungs-Fähigkeiten sowie über mehrere Kommunikationsmuster, Device-to-Device-Steuerung, transparente Skalierbarkeit und Unabhängigkeit vom Physical Layer und ist in vielen IIoT-Branchen weit verbreitet. 

Bild 1: Eine Alternative zum Publish-Subscribe-Modell von OPC UA mittels eines bewährten, erweiterungsfähigen DDS-Designs: Auf der rechten Seite ist das objektorientierte Modell von OPC UA mit dem datenzentrierten Modell von DDS verschmolzen.

© RTI

Die Lösung besteht darin, das OPC UA IM als eine leistungsfähige, bewährte Alternative zur Publish-Subscribe-Funktion von OPC UA auf das Publish-Subscribe-Konzept von DDS aufzusetzen. Das Ergebnis kombiniert die bewährte Software- und Steuerungs-Integration mit der Expertise im Bereich der industriellen Automatisierung. Durch die Unterstützung mehrerer physischer Netzwerk-Typen können Systeme auf transparente Weise sowohl Ethernet und TSN als auch andere Transport-Techniken nutzen.

Ein neues Blend SDK (Software Development Kit) für dieses System würde sowohl DDS Publish-Subscribe als auch das UA-Client-Server-Modell implementieren (siehe Bild 1). UA-Client-Server-Applikationen würden das UA-API und das UA-TCP-Binärprotokoll nutzen, Publish-Subscribe-Applikationen hingegen das DDS-API und das RTPS-Protokoll. Beide implementieren ein einheitliches Typsys-tem und Security-Modell, um die Interoperabilität zu erleichtern. 

Das Deployment dieser Architektur könnte auf zwei verschiedene Arten erfolgen:

  • Verwendung separater SDKs für OPC UA und DDS in Kombination mit ‚Gateway‘-Knoten
  • Nutzung des Blend SDK (OPC UA + DDS)

Bild 2: Das vorgeschlagene Blend SDK wird vier Knotentypen unterstützen: UA-Clients (1), UA-Server (2), DDS-Knoten (3), Gateway-Knoten (5) sowie konvergierte Knoten (6 und 7). Die konvergierten Knoten nutzen das Blend SDK.

© RTI

Anwendungen, die sowohl Client-Server als auch Publish-Subscribe benötigen, könnten entweder das Blend SDK (siehe Bild 2) verwenden, das den einzelnen Knoten sowohl OPC-UA-Client-Server als auch DDS-Publish-Subscribe ermöglicht, oder aber auf existierende separate OPC-UA- und DDS-SDKs in Kombination mit Gateway-Knoten (OPC UA <-> DDS) zurückgreifen.

Ein typisches verteiltes System würde eine Mischung aus diesen Techniken enthalten. Wichtig bleibt weiterhin die Fähigkeit zur Verwendung von Knoten, die auf reinen OPC-UA-Client- oder Server-SDKs basieren. Diese ‚reinen‘ Knoten lassen sich mit den existierenden OPC-UA-SDKs implementieren und können auch von einem kleineren Footprint profitieren. Ebenso können Knoten, die hauptsächlich die Publish-Subscribe-Kommunikation nutzen, Vorteile aus der Nutzung eines ­reinen DDS-SDK ziehen. Wenn künftig die Nachfrage nach leistungsfähigeren und autonomeren Systemen steigt, besteht die Möglichkeit, immer mehr Systeme mit dem Blend SDK zu realisieren. Es entsteht eine wachsende Zahl konvergierter Knoten, während die Zahl der reinen OPC-UA- oder DDS-Knoten zurückgehen wird. Ist diese Umstellung einmal vollzogen, kommt man ohne Gateway aus. 

Die uneingeschränkte Discovery-Funktionalität über OPC UA und DDS hinweg funktioniert selbst in Systemen, die ein reines OPC-UA- oder DDS-SDK verwenden. DDS-Topics werden im OPC-UA-Adressraum bekannt gegeben und die Topics lassen sich an den Gateway-Knoten durchsuchen. Ebenso zeigen DDS-Teilnehmer ihre repräsentierten OPC-UA-Dienste und -Clients in den Gateway-Knoten. Konvergierte Knoten sind sowohl für reine OPC-UA- als auch reine DDS-Knoten sichtbar. 

Die Security wird zunächst eine separate Konfiguration der Client-Server- und Publish-Subscribe-Zugriffsregeln erfordern. Allerdings könnten sowohl Client-Server als auch Publish-Subscribe an dieselben Zertifizierungsstellen angebunden werden und die gleichen Berechtigungsnachweise – etwa signierte Identity Certificates – nutzen. Das erlaubt künftig die Entwicklung eines kombinierten Security-Modells. 

Die Zusammenführung

Die Kombination des objektorientierten Informationsmodells von OPC UA mit dem datenzentrierten Publish-Subscribe-Modell von DDS ermöglicht den nahtlosen, sicheren und zuverlässigen Zugriff auf sämtliche Systeminformationen und unterstützt die benötigten Muster zum Informationsaustausch. Industriellen Organisationen erlaubt das die Nutzung der branchenspezifischen Erfahrung von DDS auch in Verkehrswesen-, Medizintechnik-, Energie- und militärischen Anwendungen.

Der Ansatz bietet eine Möglichkeit zur raschen Bereitstellung der notwendigen Standards sowie der Technologie für den Einsatz von Produkten und Lösungen. Einen guten Ausgangspunkt für dieses Konzept bietet die OPC-UA/DDS-Gateway-Spezifikation. Dieser Standard hält Zuordnungen für die Typsysteme und das funktionale Verhalten des OPC-UA-Gateway bereit. Der nächste Schritt wäre es, mit der Entwicklung des Blend SDK zu beginnen. 

Bis eine neue Technologie wie OPC UA publish-subscribe entwickelt und ausgereift ist, dauert es Jahre oder Jahrzehnte. Darauf zu warten, kann sich die Industrie nicht leisten. So begegnet der Vorschlag einer neuen, integrierten Architektur den komplexen Anforderungen der industriellen Automatisierung – mit Zukunftssicherheit und uneingeschränkter Flexibilität. Die bestens entwickelten Techniken OPC UA und DDS lassen sich kombinieren, sodass die Arbeit in die Integration und nicht in ein von Grund auf neues Redesign fließt. Anbietern und Endanwendern bietet das ein zügiges Deployment – ganz gleich, ob es um die Herstellung von Hardware- oder Softwareprodukten geht.

Schließlich wünschen sich die Endanwender eine einfache Integration von Datenmodellen in ihre vollständigen Systeme. Die Integration von OPC UA und DDS macht standardisierte Informationsmodelle für die gesamte Industrie verfügbar und bietet ferner umfassende Erweiterbarkeit zum Nachrüsten eines individuellen Datenmodells. Langfristig können Endanwender der industriellen Automatisierungstechnik damit eine Anbieterunabhängigkeit erreichen und eine installierte Basis an Produkten und Dienstleistungen sowie mehrere Plattform-Optionen erhalten. Auch IIoT-Endanwender anderer Branchen profitieren von der nahtlosen Geräteintegration und den Informationsmodellen.

Autoren:
Gerardo Pardo ist CTO bei RTI;
Fernando Garcia ist Senior Software Engineer bei RTI;
Reiner Duwe ist Sales Manager EMEA bei RTI.

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