Industrie 4.0
Großes Chaos um Industrie 4.0 (2. Teil)
Wie geht es weiter mit der Plattform Industrie 4.0? Auf der Hannover Messe wird Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel die neue Marschroute vorgeben. Im Vorfeld jedoch sickern immer mehr Informationen durch.
14. April 2015, 10 Uhr: Am zweiten Messetag wird Sigmar Gabriel auf der Hannover Messe die ersten Ergebnisse der bislang von den Verbänden Bitkom, VDMA und ZVEI geleiteten Plattform Industrie 4.0 vorstellen sowie einen Ausblick, die Zielrichtung und die Agenda der neu aufgestellten Plattform Industrie 4.0 präsentieren. – So zumindest ist es angekündigt.
Da nun allerdings über diverse Kongresse und Tagungen erste Ergebnisse schon ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben, sehen einige Akteure die Notwendigkeit, vor der Hannover Messe mit Informationen rund um die Plattform Industrie 4.0 den Weg an die Öffentlichkeit zu suchen.
Der ZVEI meldet sich zu Wort
11. März 2015, 16:30 Uhr: Kurzfristig lädt der Verband für Mittwoch den 11. März zu einem Pressegespräch, um über alle Facetten des Themas Industrie 4.0 zu diskutieren – über die Einbindung der Politik, über den Stand der Referenzarchitekturen, über Fallbeispiele und Forschung, aber auch über die internationale Dimension und die gesellschaftliche Akzeptanz.
Bild 2: Die Industrie-4.0-Komponenten . Ziel ist: Alle I-4.0-Komponenten erhalten eine interoperable Verwaltungsschale.
© Plattform Industrie 4.0Und so stellt ZVEI-Präsident Michael Ziesemer die Referenzarchitektur Industrie 4.0 (RAMI 4.0) der Plattform offiziell vor, die schon am 19. Februar auf einer Tagung des DKE und des BMWi den Weg auf die Präsentations-Leinwand gefunden hatte (siehe Bild 1). Ziesemer betont auf der Pressekonferenz, dass "RAMI 4.0 alle wesentlichen Aspekte von Industrie 4.0 beinhaltet und zusammen mit der Industrie-4.0-Komponente den Unternehmen als Basis zur Entwicklung zukünftiger Produkte und Geschäftsmodelle dient" (siehe Bild 2). Schade nur, dass RAMI 4.0 sehr abstrakt wirkt und wenig Aussagekraft darüber zulässt, auf welche bestehenden Normen und Standards die Unternehmen aufsetzen könnten und was es letztlich doch neu zu definieren gilt. Es bietet sich deshalb an, auf die Ausführungen von Dr. Michael Hoffmeister aus dem ZVEI-Führungskreis Industrie 4.0 zurückzugreifen, der auf der Tagung am 19. Februar seine Ausführungen in puncto RAMI 4.0 folgendermaßen ergänzte: "Wir sollten vorhandene Standards beachten und in eine Landkarte einordnen." Ein Appell, den er mit einer Powerpoint-Folie unterstrich. Auf dieser sind existente Normen und Standards abgebildet, die eine Landkarte RAMI 4.0 gut auskleiden könnten (siehe Bild 3).
Telekom und SAP zeigen Flagge
15. März 2015, 12 Uhr: Am Messe-Sonntag der Cebit gibt die Deutsche Telekom den Start eines gemeinsam mit SAP initiierten 'Industrie-4.0-Konsortiums' bekannt. Ziel ist: Industrie 4.0 von Deutschland aus in der Weltspitze zu etablieren. Durch das Verschmelzen der Produktionstechnik mit der IT und der Telekommunikation sollen neue Wertschöpfungsnetzwerke entstehen. Dafür braucht die Industrie jedoch neue Steuerungsmöglichkeiten und damit auch Standards. "Einfach, pragmatisch und schnell wollen wir De-Facto-Standards schaffen", so Telekom-Vorstand Reinhard Clemens. Das Konsortium sei offen für weitere Partner, Gespräche mit der Industrie seien bereits aufgenommen. "Wir müssen uns nicht vor Standards aus den USA fürchten. Wir wollen, dass bei einem so wichtigen Thema Deutschlands Stimme auch gehört wird."
Bild 4: Die Struktur der künftigen Plattform Industrie 4.0
© Bundesministerium für Wirtschaft und Energie16. März 2015, 13.15 Uhr: Auch Sigmar Gabriel konnte wohl die Hannover Messe nicht mehr abwarten. Zusammen mit der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, gibt er am 16. März auf der Cebit den Startschuss zur Gründung der 'neuen' Plattform Industrie 4.0 (siehe Bild 4).
Nach geleisteter Vorarbeit der Verbände VDMA, ZVEI und Bitkom soll das Thema Industrie 4.0 nun auf eine breitere politische und gesellschaftliche Basis gestellt und sowohl thematisch als auch strukturell neu ausgerichtet werden. Neue Themen wie Sicherheit vernetzter Systeme, rechtliche Rahmenbedingungen, Arbeit/Aus- und Weiterbildung erfordern Gabriel zufolge einen Schulterschluss von Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Das Leitungsgremium der Plattform soll neben Bundesforschungsministerin Wanka und Bundeswirtschaftsminister Gabriel mit Vertretern aus Wissenschaft, Gewerkschaften und Wirtschaft besetzt werden. Als heiße Kandidaten hierfür gelten Siemens-Vorstand Siegfried Russwurm, SAP-Vorstand Bernd Leukert, Festo-Vorstand Eberhard Veit, Präsident der Fraunhofer Gesellschaft Reimund Neugebauer und IG-Metall Vicechef Jörg Hofmann.
Ein Strategiekreis mit Vertretern aus Bundesressorts, Unternehmen, Verbänden, Gewerkschaften, Wissenschaft und Bundesländern soll die Aufgabe der politischen Steuerung sowie die Rolle von Multiplikatoren übernehmen. Ein Lenkungskreis, bestehend aus Unternehmern, den Leitungen der Arbeitsgruppen und unter Beteiligung des Bundesforschungsministeriums und Bundeswirtschaftsministeriums, soll als Entscheidungsgremium für die Strategie-Entwicklung, technische Koordinierung und Umsetzung verantwortlich sein.
Neben der bisherigen Plattform Industrie 4.0 sollen Gabriel zufolge unter dem Dach der erweiterten Plattform auch zwei weitere Aktivitäten koordiniert werden: zum einen das Vorhaben 'Industrial Data Space' unter Federführung der Fraunhofer Gesellschaft und zum anderen das 'Industrie-4.0-Konsortium', das die Telekom und SAP am 15. März ins Leben riefen.
Die erweiterte Plattform Industrie 4.0 hat ihre inhaltlichen Schwerpunkte zunächst in fünf Arbeitsgruppen: Referenzarchitektur, Standardisierung und Normung / Forschung und Innovation / Sicherheit vernetzter Systeme / Rechtliche Rahmenbedingungen / Arbeit, Aus-/Weiterbildung.

















