Systemintegration
Der Nutzen von TCI und iPar-Server
Wer sich nicht für einen einzigen Systemanbieter entscheidet, sondern seine Automatisierungslösung aus herstellerübergreifenden Einzelkomponenten aufsetzt, steht unweigerlich einem erhöhten Integrationsaufwand gegenüber. Hier helfen standardisierte Dienste und Interfaces, wie das von der PNO definierte Tool Calling Interface oder der Individual-Parameter-Server, aus vielen Einzelkomponenten ein homogenes System zu machen – und dies auch im Safety-Umfeld.
Ein wesentlicher Teil der Leistungsfähigkeit heutiger Automatisierungstechnik ist durch die große Auswahl unterschiedlicher Komponenten von einer Vielzahl von Herstellern begründet.
Neben den notwendigen Innovationen, die der vorherrschende Wettbewerb mit sich bringt, stellt die Hersteller- und Komponentenvielfalt aber auch Herausforderungen an die Automatisierungsexperten. Diverse verfügbare Hardwaresysteme, für unterschiedliche Funktionalitäten, für unterschiedliche Schnittstellen und unterschiedliche Protokolle, setzen ein immenses Fachwissen voraus. Alleine der Blick auf die Anzahl an Schnittstellen, die nötig sind, um die Geräte optimal auf die gewünschten Funktionen einzustellen, verdeutlicht das Problem: Vielfach wird das Konfigurations- und Parametrier-Tool lokal angeschlossen – mal mit einer klassischen seriellen 24-Volt-Schnittstelle, mal über RS 422 und differenziellem 5-V-Pegel, mal via USB oder über eine firmenbeziehungsweise produktspezifische Eigenentwicklung des Herstellers.
In der Praxis führt das auf mehreren Ebenen zu erhöhtem Aufwand: Einerseits muss unter Umständen eine ganze Reihe verschiedener Kabel- und Steckervarianten vorgehalten werden – wobei im Servicefall erfahrungsgemäß nie das richtige Verbindungselement auffindbar ist. Erschwert wird das Ganze durch herstellerspezifische Protokollversionen, die zudem über die Laufzeit eines Produkts verschiedene Versionsstände haben. Andererseits steigt mit wachsender Hardware-Auswahl die Vielfalt an physikalischen Interfaces, die über das jeweilige Betriebssystem angesprochen werden. Hier muss das Betriebssystem, auf dem alle Schnittstellen beziehungsweise deren Software-Treiber zusammenlaufen, mit in die Betrachtung einbezogen werden. Denn gerade bei Maschinen und Anlagen älteren Jahrgangs besteht mitunter keine Garantie für den reibungslosen Ablauf; wenn etwa die entsprechende Schnittstelle vom PC-Hersteller nicht mehr unterstützt wird – man denke beispielsweise an das einst weitverbreitete serielle RS-232-Interface.
Mit dem TCI entfallen die proprietären Eins-zu-eins-Verbindungen, da das Engineeringtool das passende Parametriertool direkt aufruft.
© WagoÜber den zeitlichen, finanziellen und fachlichen Aufwand hinaus kommt insbesondere bei Safety-Anwendungen ein weiterer Aspekt hinzu: Für elektronische, einstellbare Komponenten der Funktionalen Sicherheit muss eine möglichst komfortable Benutzerführung gewährleistet sein. Denn eine klare Orientierung und Übersicht im System, eine eindeutige Zuordnung von Komponente und Tool sowie die Einbindung in das Projektverzeichnis erleichtern dem Anwender die Arbeit und erlauben ihm, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: und zwar auf die Einstellung der für ihn optimalen Funktion der sicheren Baugruppe.
Im Gegensatz zum bitorientierten Ansatz einfacher Gerätebeschreibungen stellt ein gerätespezifisches Tool den Nutzen für den Anwender in den Vordergrund und unterstützt durch eindeutige Benutzerführung sowie mittels klarer Hilfetexte und kontextbezogener Menüs den Anwender gerade in Safety-Anwendungen auf vielfältige Art und Weise. Interpretationsfehler, wie sie bei der Bearbeitung auf Bit-Ebene entstehen können, lassen sich somit weitestgehend ausschließen. Nicht zuletzt liefert solch ein spezifisches Tool eine saubere Dokumentation, die neben Datum und Bearbeiter unter anderem die Verifizierung der durchgeführten Änderungen beinhaltet.
Das Tool Calling Interface (TCI), ein im Jahr 2007 von der PNO im Rahmen von Profibus, Profinet und Profisafe spezifizierter Dienst, ermöglicht eine komfortable Integration der gerätespezifischen Tools in das Engineering-System. Weil mit dem TCI das Engineering-System das passende Parametriertool direkt aufruft und die notwendigen Daten zur Identifikation des Devices übergibt, ist ein klarer Bezug zur Topologie der Automatisierung gegeben. Zusätzlich ermöglicht es die Spezifikation von TCI, auch die Kommunikation über den Feldbus zu standardisieren: Damit entfallen die vorher notwendigen proprietären und oft lokalen Verbindungen zu den Feldgeräten. Auf diese Weise kann der Anwender sein Subsystem über den Feldbus oder das Netzwerk komfortabel einrichten. Das heißt: Die ursprünglich der Feldebene zugeordneten CPD-Tools mit lokaler Kommunikation werden der Steuerungsebene zugeordnet und können über die vorhandene und standardisierte Infrastruktur zentral kommunizieren.
Sichere Dienste
Ob antivalente Auswertungen einer Türzuhaltung oder Zeitdiskrepanzen einer 2-kanaligen Notaus-Schaltung: Wenn es um die Sicherheit von Leib und Leben geht, dürfen schlichtweg keine Fehler passieren. Insbesondere der Gerätetausch kann in sicherheitsrelevanten Anwendungen problematisch sein. Der Zeitpunkt, zu dem eine Komponente ihren Zustand von „Betrieb“ auf „Fehler“ ändert, ist kaum vorhersehbar. Wenn die fachlich autorisierten Kollegen aus dem Wartungsdienst nicht vor Ort sind, lässt sich das System unweigerlich nicht wieder in Gang setzen. In einem solchen Fall wäre es enorm hilfreich, wenn auf die nach einem Gerätetausch obligatorische Aktualisierung der Einstellungen über das spezifische Tool ganz oder zumindest überwiegend verzichtet werden könnte. Mit anderen Worten: Es wäre von großem Vorteil, wenn – unabhängig von den wenigen Spezialisten im Team – jeder Techniker den Gerätetausch vornehmen könnte und dürfte.
Vor allem im Safety-Bereich etabliert: Der iPar-Server-Dienst stellt sicher, dass das richtige Device und der richtige Datensatz für die Einstellparameter geladen werden.
© WagoVor allem im Safety-Bereich hat sich aus diesen Gründen der Individual-Parameter-Server – kurz iPar-Server – etabliert. Dieser von und für Profisafe initiierte Dienst unter Profibus und Profinet wurde von der PNO im Jahr 2011 auch für die allgemeingültige Nutzung spezifiziert. Durch den iPar-Server-Dienst wird sichergestellt, dass sowohl das richtige Device als auch der richtige Datensatz für die Einstellparameter automatisch und zuverlässig beim Hochlauf der Anlage oder des Subsystems geladen werden. Beim iPar-Server handelt es sich um einen standardisierten Dienst, der unabhängig davon ist, wie die Parameter aussehen, welche Datenformate zu beachten sind und welche Bedeutung sie haben. Stattdessen verfügt der iPar-Server-Dienst über Mechanismen, um zu überprüfen, ob die Daten in das richtige Device geladen wurden und ob sich zur vorherigen Konfiguration etwas verändert hat. Für den Betrieb mit sicheren Devices wurde hier sogar eine besonders qualifizierte Absicherung, und zwar die iPar-CRC, gleich von Anfang an im Profisafe-Protokoll vorgesehen.
Der Wartungsdienst muss daher nur noch die richtige Komponente beschaffen, gegebenenfalls die Adresse am Schalter entsprechend der Adresse des defekten Geräts anpassen und schließlich den Austausch durchführen.
Auch wenn beim Definieren von Standards wie dem iPar-Server das Thema „Safety“ eine wichtige Rolle spielte: Dieser Dienst ermöglicht das Aufsetzen von sicheren Funktionen, ohne selbst nach den Standards für Funktionale Sicherheit, darunter die IEC EN 61062 und die ISO EN 13849, entwickelt worden zu sein. Zusammen mit den anderen technischen Arbeitsgruppen der Profibus-Nutzerorganisation (PNO) wurde durch geschickte Definitionen der sicherheits-
relevante Teil gekapselt und dem Profisafe-Anteil zugeordnet. Somit kann also zum Beispiel der iPar-Server „sichere“ Parameter in der Standard-Applikation handhaben und speichern, ohne selber „sicher“ zu sein. Auf diese Weise ist der iPar-Funktionsbaustein ganz normal in der Standard-SPS ablauffähig.
Zum Beispiel in automatischen Hochregallagern ermöglicht der iPar-Server-Dienst schnelle Reaktionszeiten im Servicefall.
© WagoWelche Parameter der iPar-Server später an welches Gerät übermitteln muss, wird während der Projektierung festgelegt; schließlich ist für jede Komponente entsprechender Speicherplatz für die Parameter freizuhalten. Der Daten-Upload aus dem Device erfolgt ebenfalls in dieser Phase, sobald die Parameter richtig eingestellt sind. Zu diesem Zeitpunkt ist der Datensatz vom Benutzer validiert und vom sicheren Modul als korrekt identifiziert worden. Hierzu erfolgt stets die Übermittlung einer ID in Form eines CRC-Prüfwerts (cyclic redundancy check). Diese ID stellt sicher, dass das neue Modul nach dem Gerätetausch dieselben Parameter aufweist wie das ausgewechselte. Es gewährleistet also, dass an der Sicherheitsfunktion keine Änderungen vorgenommen wurden.
Werden über den iPar-CRC-Prüfwert Abweichungen erkannt – fällt die Prüfung also negativ aus –, so läuft das jeweilige Device nicht mehr an. Die Sicherheit bleibt in einem solchen Fall also dadurch gewährleistet, dass der betroffene Maschinenteil so lange inaktiv bleibt, bis der Fehler korrigiert wurde. Im Gegensatz zur „freien“ Parametrierung, die ausschließlich ausgewiesenen Experten vorbehalten ist, ist der Gerätetausch in Verbindung mit dem iPar-Server folglich auch bei sicherheitsrelevanten Komponenten für jeden eingewiesenen Mitarbeiter gefahrlos durchführbar.
Eine solche Flexibilität ist in der Praxis überall dort besonders gefragt, wo schnelle Reaktionszeiten im Servicefall eine wichtige Rolle einnehmen – zum Beispiel in der Logistik: Eine wesentliche Eigenschaft eines automatischen Hochregallagers ist etwa der störungsfreie Dauerbetrieb, in der Regel 24 Stunden an 365 Tagen. Beim Bereich der Regalbediengeräte handelt es sich um eine geschlossene Sicherheitszone, die mit Zäunen und Lichtschranken gegen den unbefugten oder ungewollten Zutritt von Personen abgesichert ist. Die Steuerung des Regalbedienfahrzeugs ist daher nur nach vorheriger vollständiger Abschaltung der entsprechenden Gasse zu erreichen. Sollte im Fehlerfall ein defektes Gerät zu tauschen sein, muss dies schnell und vor allem sicher vonstatten gehen. Aufwendige Verkabelungsaktionen mit Laptop und Bedienoberfläche sind hier zu zeitintensiv und dem reinen physikalischen Austausch in jedem Fall deutlich unterlegen. Denn bei letzterem heißt es lediglich: Defektes Gerät raus, neues Gerät rein, Sicherheitsbereich verlassen, Fehler quittieren und Anlage wieder in Betrieb nehmen.
Kurzum: Die Standardisierung von Diensten und Schnittstellen, wie es die Profibus-Nutzerorganisation mit TCI und dem iPar-Server vorgemacht hat, ist gerade im Bereich der Funktionalen Sicherheit auf der einen Seite für die Funktion, auf der anderen Seite aber eben auch für die sichere Inbetriebnahme und den sicheren Betrieb ein großer Schritt nach vorn.
Autor: Helmut Börjes ist Mitarbeiter im Produktmanagement Automation bei Wago Kontakttechnik.













