Energieeffizienz
Mit aktiven Filtern Netzrückwirkungen minimieren
Energie-Effizienz ist nicht nur eine Frage des Wirkungsgrades der eingesetzten Automatisierungskomponenten. Auch das Netz ist in die Betrachtung mit einzubeziehen, denn hier „verstecken“ sich Kostentreiber, die sich durchaus vermeiden lassen – zum Beispiel durch den Einsatz aktiver Filter zur Minimierung von Netzrückwirkungen.
Die Senkung des Primär-Energiebedarfs steht immer wieder im Mittelpunkt der Effizienzbetrachtung bei Produktionslinien. Im Sinne der bestmöglichen Nutzung elektrischer Energie wäre es wünschenswert, dass die Versorgungsspannung in allen drei Phasen neben konstanter Frequenz eine reine Sinusform sowie eine konstante und gleiche Amplitude aufweist. Dazu sollten alle Verbraucher am Netz einen gleichen sinusförmigen Strom mit gleicher Phasenlage wie die Netzspannungen beziehen. Soweit die Theorie. In der Praxis, sprich in den mit nichtlinearen Verbrauchern belasteten Versorgungsnetzen, ist die Situation heute allerdings eine andere: Hier ergeben sich viele Abweichungen von der idealen Netzform, die unter dem Begriff Netzrückwirkungen zusammengefasst sind.
Netzrückwirkung bezeichnet die gegenseitige Beeinflussung von Verbrauchern über das Verteilernetz und die Beeinflussung des Verteilernetzes durch eben diese Verbraucher. Denn die Störemission elektrischer Verbraucher wie etwa von Antrieben oder Energiesparlampen sowie Schaltnetzteilen beeinflusst Form, Höhe und Frequenz der Versorgungsspannung negativ. Bei Dreiphasensystemen kann sie darüber hinaus eine Veränderung der Spannungssymmetrie hervorrufen.
Damit haben die Netzrückwirkungen einen direkten Einfluss auf die Energie-Effizienz der gesamten Produktionsanlage sowie auf die Effizienz des elektrischen Energietransports im Versorgungsnetz. Denn unsymmetrische Belastung des Netzes, Blindleistung und Oberschwingungen verursachen Zusatzverluste, die in industriellen Niederspannungsnetzen zu deutlichen Kostensteigerungen führen können.
Die Ursachen für Netzverluste
Was heißt das nun in der Praxis? Entgegen der häufig anzutreffenden Annahme von Planern, Projektierern und Betreibern stellt das Energieversorgungsnetz keine ideale, unendlich starke Spannungsquelle dar. Vielmehr müssen sie bei der Netzbetrachtung und Anlagenplanung die Netzimpedanz berücksichtigen, die die Ursache für Netzverluste und Netzrückwirkungen darstellt.
Zwar treten Netzverluste in allen Spannungsebenen auf; mit über 60 % entstehen allerdings in Niederspannungsnetzen die höchsten Verluste des gesamten Energieversorgungsnetzes. Dabei sind nicht alle Verlustursachen in allen Bereichen von gleicher Bedeutung. Eine mögliche Einteilung der Ursachen unterscheidet lastabhängige von lastunabhängigen Netzverlusten. Die lastabhängigen Netzverluste lassen sich in ohmsche Verluste und Zusatzverluste unterteilen. Dagegen entstehen lastunabhängige Netzverluste oder Leerlaufverluste in Verteilnetzen durch Leerlaufverluste in Verteiltransformatoren und Verluste in Mess- und Sicherheitseinrichtungen.
Bild 1. Aufteilung der Netzverluste in einem Niederspannungsverteilnetz mit k als Zusatzverlustfaktor (siehe auch Bild 2).
© DanfossDie ohmschen, lastabhängigen Verluste (Belastungsverluste) im Niederspannungsnetz rufen Ströme einer symmetrischen Last in Phasenleitern mit der gleichen Phasenlage wie die der Netzspannungen hervor. Die Zusatzverluste entstehen durch die Netzrückwirkungen einer unsymmetrischen beziehungsweise symmetrischen, nichtlinearen Last. Hauptverursacher dieser Zusatzverluste sind unsymmetrische Belastung, Blindleistungstransport und Oberschwingungen.
Für die Bewertung der Zusatzverluste durch unsymmetrische Belastung und Blindleistung kann der Planer/Betreiber den ohmschen Widerstandswert der Leitungen und Verteiltransformatoren verwenden. Der ohmsche Widerstandswert hängt im Wesentlichen von Leitermaterial, Querschnitt, Leitungslänge sowie Umgebungstemperatur ab.
Zur einfacheren Darstellung der Zusatznetzverluste durch Oberschwingungen können äquivalente ohmsche Widerstände zu Hilfe genommen werden. Jede Oberschwingung entspricht dabei einem ohmschen Widerstand. In der Praxis heißt dies, dass bei Berücksichtigung beispielweise aller Oberschwingungen bis zur 40. Ordnung, 39 äquivalente Widerstände zur Darstellung der Zusatznetzverluste durch Oberschwingungen mit in die Berechnung einfließen. Im Gegensatz zum physikalischen ohmschen Widerstand der Leitung sind die Werte dieser äquivalenten Widerstände nicht gleich, sondern sie variieren mit der Ordnung der Oberschwingung. Je höher die Ordnung, desto größer der Widerstandwert. Bild 1 verdeutlicht die Aufteilung der Netzverluste in einem Niederspannungsverteilnetz.
Elektrische Betriebsmittel (Verbraucher) belasten die Energieversorgungsnetze nicht nur durch ihren Wirkleistungsbedarf (in Bild 1 dargestellt durch den Widerstand R), sondern auch durch Inanspruchnahme von Blindleistung (dargestellt durch die Spule L). Im Fall eines Betriebsmittels mit nichtlinearer oder nichtstationärer Betriebs-Charakteristik, die als Paradebeispiel leitungsgebundener Vorgänge zu einer Verzerrung der sinusförmigen Netzspannung und der Verbraucherströme führt, belastet das Betriebsmittel das Netz darüber hinaus mit Oberschwingungen (dargestellt durch die Stromquelle Ik).
Die Übertragung von Wirkleistung ruft im Netz zwangsläufig ohmsche Verluste hervor. Diese sind unvermeidlich und lassen sich kaum reduzieren. Der Transport von Blindleistung zum Verbraucher verursacht im Netz allerdings zusätzliche ohmsche Verluste, die aus Kostengründen unerwünscht sind, sowie zusätzliche Spannungsfälle, die eine versorgungsgerechte Spannungshaltung im Netz erschweren. Aus diesen Gründen erfassen die Energieversorger diese Blindleistung und stellen sie dem Kunden in Rechnung. So erzeugt beispielsweise ein Verbraucher mit einem cos φ von 0,7 ohmsche Wirkleistung und Zusatzverluste durch Blindleistung gleicher Höhe. Oder anders ausgedrückt: Ein Verbraucher mit cos φ von 0,7 verdoppelt die Netzverluste!
Netzunsymmetrie und Resonanzen
Unsymmetrien erhöhen die Strombelastung des Versorgungsnetzes und sorgen somit zusätzlich für Verluste. Sie entstehen durch ungleichmäßige Belastung der drei Außenleiter. Typische Beispiele unsymmetrischer Verbraucher sind Ein- und Zweiphasenlasten, bei denen der Anschluss zwischen Außenleiter und Neutralleiter beziehungsweise zwischen zwei Außenleitern erfolgt. Bei gleicher Verbraucherleistung können die Leiterströme den zwei- bis dreifachen Wert erreichen, die Verluste in den Zuleitungen den zwei- bis sechsfachen Wert. Dementsprechend lassen sich Leitungen und Transformatoren nur zur Hälfte beziehungsweise zu einem Drittel ihrer Nennleistung auslasten. Bei gleicher Leistungsaufnahme erfordern Unsymmetrien also eine wesentlich größere Auslegung dieser Komponenten im Netz, was höhere Kosten zur Folge hat. Als Kenngroße von Unsymmetrien dient der Unsymmetriegrad der Spannung und des Stromes.
Weitere Kosten entstehen durch Resonanzerscheinungen in der Anlage. Die Belastung des Netzes mit Oberschwingungen führt nicht nur die zusätzlichen Verluste im Netz herbei, sondern bewirkt die Verzerrung der Sinusform der Versorgungsspannung. In besonderen Fällen kann der Zusammenschluss von Netzelementen (Transformatoren, Kabel, Netzleitung) mit induktiven und kapazitiven Lasten zu Resonanzerscheinungen führen, die dann die störende Wirkung der verzerrten Spannung weiter verstärken. Eine zusätzliche Verstärkung des Rückwirkungseffekts tritt ein, wenn dem störenden Verbraucher Kapazitäten zur Blindleistungskompensation parallel geschaltet sind. Diese bilden zusammen mit der Netzreaktanz einen Sperrkreis mit verminderter Resonanzfrequenz. Im Sperrkreis treten im Resonanzfall nicht nur Spannungsüberhöhungen auf, sondern auch sehr große Schwingkreisströme. Diese können – bedingt durch die Kompensationskondensatoren – in das Netz fließen und rufen weitere Verluste im Versorgungsnetz durch die Resonanzerscheinungen hervor.
Die Bewertung der Oberschwingungsströme erfolgt durch den Gesamtoberschwingungsgehalt THDi (Total Harmonic Distortion) beziehungsweise den Gesamtverzerrungsfaktor – wie in der EN 61000-2-2 bezeichnet. Diese Werte umfassen in vielen Fällen die Harmonischen bis zur 40. Ordnung, häufiger noch bis zur 50. Ordnung. Allerdings ist der zusätzliche Beitrag der Harmonischen der Ordnung 41 bis 50 eher gering, sieht man von Resonanzerscheinungen ab.
Zusatzverluste reduzieren
Bild 2. Diagramm zur Bewertung der Zusatzverluste im Einspeisenetz durch Blind- und Oberschwingungsströme. Aus dem Bild ist ersichtlich, dass ein Verbraucher mit dem THDi-Wert von 30 % und cos φ = 0,8 praktisch die doppelten Verluste im Einspeisenetz verursacht.
© DanfossGut ausgebaute Mittel- und Niederspannungsverteilnetze sind im Normalbetrieb weitgehend symmetrisch und an den Sammelschienenabgängen nicht über 60 % ausgelastet. Dadurch bestehen Leistungsreserven für Lastumschaltungen im Störungsfall, und die Netzverluste betragen bereits in dem Verteilleitungsabschnitt, der dem Einspeisepunkt am nächsten liegt, weniger als ein Drittel der Volllastverluste in Höhe von 40 W/m.
Der Mittelwert für das gesamte Niederspannungsnetz liegt typisch bei 5 W/m. Belasten zusätzlich Blind- und Oberschwingungsströme das Netz, können die Verluste praktisch bis zum Wert der Volllastverluste ansteigen. Haben die Netzverluste beispielsweise einen Mittelwert von 25 W/m, so betragen die Verluste etwa 25 W/m × 8760 h = 220 kWh/m in einem Jahr. Die Bewertung der Zusatzverluste durch Blindströme (cos φ) und Oberschwingungsströme, die durch THDi bemessen sind, erfolgt mit Hilfe des in Bild 2 dargestellten Diagramms.
Als Fazit der bisherigen Ausführungen lässt sich festhalten: Eine Reduktion der Netzoberschwingungen und Blindströme im Netz führt zu einer deutlichen Verringerung der Zusatzverluste im Energieversorgungsnetz und somit zu einer Reduzierung der Energiekosten der gesamten Produktionsanlage. Zusätzlich lassen sich die Verluste durch eine Verringerung des Unsymmetriegrads der unsymmetrischen Verbraucher reduzieren.
Bild 3. Mögliche Einsatzbereiche von aktiven Filtern: Sie lassen sich an beliebiger Stelle im Netz einsetzen und dann für eine Einzel-, besser aber noch für eine Gruppen- oder Strangkompensation verwenden.
© DanfossIn der Vergangenheit ergriffen Netzversorger und Anlagenbetreiber zur Reduzierung der Netzrückwirkungen je nach betrachtetem Netzrückwirkungsproblem verschiedene Maßnahmen, wie etwa: Einsatz von Drosseln am Eingang oder im Zwischenkreis von Frequenzumrichtern, 12-, 18- oder 24-pulsige Gleichrichter oder auch passive Filter. Heutzutage ist aufgrund der Fortschritte in der Anwendung von Leistungselektronik im Energieversorgungsnetz eine vielfältige Reduzierung der Netzrückwirkungen mit nur einem Gerät möglich – und zwar mit einem aktiven Filter.
Aktive Filter berechnen auf Basis einer sehr schnellen Messung der Netzströme die Komplementäre zu den aktuellen Oberschwingungen. Anschließend speisen sie, einer aktiven Stromquelle gleich, gezielt einen entsprechenden Strom so ein, dass sich durch Auslöschung in der Summe wieder eine sinusförmige Stromform ergibt. Die Ankopplung an das Netz erfolgt mittels Koppelinduktivitäten.
Aufgrund des Funktionsprinzips lassen sich aktive Filter wesentlich flexibler im Netz einsetzen. So muss es nicht zwingend in unmittelbarer Nähe zu einem bestimmten Verbraucher installiert sein, sondern lässt sich an beliebigen Stellen parallel ankoppeln. Da der Leerlaufstrom im Vergleich zu passiven Filtern deutlich geringer ausfällt, hat ein aktives Filter auch Vorteile bei Teillast oder Betriebsruhephasen.
Bild 4. Stromverläufe in einem Einspeisenetz: oben mit nichtlinearem Verbraucher und Aktivfilter, unten nur der nichtlineare Verbraucher ohne Filter.
© DanfossDie neueste Generation dieses Filtertyps kann neben Netzoberschwingungen und Blindströmen auch Unsymmetrien kompensieren. Alles erfolgt gleichzeitig, dynamisch und stufenlos. Durch eine gezielte Priorisierung der Funktionen des Aktivfilters lässt sich die maximale Energie-Effizienz der gesamten Produktionsanlage erreichen.
Bild 4 zeigt typische Stromverläufe in einem Einspeisenetz mit nichtlinearem Verbraucher und dem Aktivfilter. Die Oberschwingungen und Unsymmetrien dieses Verbrauches werden mit dem Aktivfilter kompensiert, sodass die Netzströme praktisch sinusförmig und symmetrisch sind. Eine Verbesserung der cos-φ- und THDi-Werte des Verbrauchers von 0,96 bzw. 30 % auf cos φ = 0,99 und THDi = 4,3 % ermöglicht es konkret, die Zusatzverluste im Einspeisenetz um etwa 50 % zu reduzieren.
Zur Erweiterung des Arbeitsbereichs lässt sich das Aktivfilter mit einer Festkompensationsstufe kombinieren. In den Zeiten niedriger Last wird die gegebenenfalls erzeugte Überkompensation durch das Aktivfilter ausgeglichen. In Zeiten maximaler Last steht die Summe aus Festkompensationsleistung und aktiver Kompensationsleistung zur Verfügung.
Auf den Punkt gebracht: Verluste, die unsymmetrische Last, Blindleistung, Oberschwingungen und Resonanzerscheinungen hervorrufen, sind einerseits eine physikalische Tatsache, andererseits ein kaufmännisches Risiko, da die Kosten für die Beschaffung der Energiemengen zur Verlustabdeckung nicht immer kalkulierbar sind. Auf alle Fälle ist es sowohl ein ökologisches als auch ein ökonomisches Ziel, die Netzrückwirkungen zu reduzieren, um die Gesamtverluste möglichst gering zu halten.
Autor: Sergej Kalaschnikow verantwortet den Geschäftsbereich Clean Grid Solutions bei Danfoss.














