Phoenix Contact
DC-Microgrids überwachen und schützen
Eine nachhaltige Fertigung, in der erneuerbare Energien genutzt werden, beginnt mit der Etablierung eines industriellen Gleichstromnetzes. Das Schalten, Schützen und Überwachen sowie das Vorladen von DC-Sektoren übernimmt ein multifunktionales DC-Schaltgerät.
Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich die Wechselstromtechnologie (AC) im sogenannten Stromkrieg gegen die Gleichstromtechnologie (DC) durch. Ein ausschlaggebender Punkt für den Erfolg von AC bestand in der Verwendung des dynamoelektrischen Prinzips, das Wernher von Siemens in den 1860er Jahren entdeckt hatte: Der durch Erhitzung entstehende Wasserdampf treibt Turbinen an, die wiederum mit Wechselstromgeneratoren aus einer Drehbewegung elektrische Energie erzeugen. Dieses Prinzip kommt noch immer zum Beispiel in Kohle- oder Kernkraftwerken zum Einsatz. Ein weiterer Vorteil von AC ergibt sich aus der einfachen Transformation auf hohe Spannungen, um die Energie verlustarm über weite Strecken zu übertragen.
Verzicht auf verlustbehaftete AC-/DC-Wandlung
Gleichwohl erlangt Gleichstrom aktuell eine immer höhere Bedeutung. Denn die technologische Entwicklung der Leistungselektronik eröffnet jetzt die Möglichkeit, hocheffizienten Gleichstrom preisgünstig nutzbar zu machen. Beispielsweise lassen sich wesentliche elektronische Komponenten wie die in Computern und Steuerungen verbauten Transistoren nur mit DC betreiben. In der Industrie arbeiten viele Verbraucher durch Verwendung von Frequenzumrichtern an einem Gleichspannungszwischenkreis. In einem DC-Netz kann bei diesen Verbrauchern auf die verlustbehaftete AC-/DC-Wandlung verzichtet werden. Außerdem liefert eine nachhaltige Stromversorgung durch erneuerbare Energieträger – etwa Photovoltaik, Windenergie oder Brennstoffzellen – stets Gleichstrom.
Beim Einsatz der erzeugten elektrischen Energie unter Verzicht auf die Gleichrichtung von AC auf DC erhöht sich die Effizienz, und der Betreiber spart Kosten für Rohstoffe. So werden Transformatoren überflüssig. Ferner sinkt der Bedarf an Kupfer zur Herstellung von Leitungen, da geringere Leitungsquerschnitte für die übertragene Leistung notwendig sind. All das erweist sich als Vorteil, der den Gleichstrom in industriellen Produktionsanlagen wirtschaftlich werden lässt. Mit der Strategie »Empowering the All Electric Society« treibt Phoenix Contact die steigende Bedeutung der DC-Technologie mit entsprechenden Produkten und Systemlösungen voran. Auf diese Weise unterstützt das Unternehmen seine Kunden bei der Umsetzung einer nachhaltigen Energieversorgung ihrer Fertigungsstätten als zuverlässiger Partner und Lieferant von Systemlösungen.
Beherrschung des stehenden Lichtbogens
Bei der Gleichstromversorgung industrieller DC-Netze stellen die Schaltvorgänge eine besondere Herausforderung dar. Während bei AC ein möglicher Lichtbogen nach spätestens 10 ms beim Nulldurchgang des Stroms automatisch erlischt, entwickelt sich bei DC insbesondere beim Ausschalten ein stehender Lichtbogen, der beherrscht werden muss. Der DC-Leistungsschalter ‚Contactron ELR HDC‘ kombiniert moderne Halbleitertechnologie mit bewährten DC-Relais und schaltet lichtbogenfrei. Die Relais im Leistungspfad bieten im ausgeschalteten Zustand eine galvanische Trennung an beiden Polen. Der Contactron ELR HDC wird in Gleichstromnetzen überall dort genutzt, wo ein Energieaustausch zwischen Quellen, Lasten und dem Netz selbst erforderlich ist – an sogenannten DC-Abzweigen (Bild 1).
Bild 2. Das multifunktionale Schaltgerät Contactron ELR HDC vereint die Funktionen Schalten, Überwachen und Schützen in einem kompakten Gehäuse
© Phoenix ContactDabei erfüllt das Gerät neben dem Schalten von bis zu 55 A bei bis zu 810 V weitere Aufgaben, die für den Betrieb eines DC-Netzes notwendig sind. So überwacht der Leistungsschalter im Betrieb die wichtigsten Parameter und stellt diese auch für die Betriebsdatenerfassung zur Verfügung. Weiterhin überwacht das Gerät Spannung und Strom während des Betriebs und verfügt im Fall von Überstrom über eine dreistufige Abschaltfunktion, bis hin zu sehr schnellen Abschaltzeiten bei Kurzschluss. Im Fall einer Unter- oder Überspannung im Eingang schaltet das Gerät ebenfalls ab.
Außerdem lädt der Leistungsschalter Kapazitäten im Ausgang auf die Eingangsspannung vor, sodass während des Einschaltens Stromspitzen vermieden werden (Bild 2).
Parametrierung über das Netz oder per Software
Der Autor: Sascha Garzke ist Produktmanager Contactron IF, Industrial Components and Electronics, bei Phoenix Contact Electronics in Bad Pyrmont.
© Phoenix ContactÜber einen digitalen Ein-/Ausgang sowie eine Kommunikationsschnittstelle kann der Leistungsschalter in Netzwerkumgebungen eingebunden werden. Die Geräteparameter lassen sich über das Netzwerk oder mit der Parametrierungssoftware ‚ClipX Engineer‘ an die anwendungsspezifischen Anforderungen anpassen; dazu wird der Leistungsschalter per USB-C-Schnittstelle an ein Notebook angeschlossen.
An die DC-Niederspannungs-Hauptstromverteilung von Gebäude 60 ist eine PV-Anlage mit 100 kW Peak angeschlossen, die Gleichstrom liefert
© Brandstetter ArchitektenAbgesehen von der Industrie- und Gebäudetechnik finden sich weitere Anwendungsfelder des Contactron ELR HDC in Power-to-X-Anlagen, Rechenzentren oder im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie. Der Ausbau der Produktfamilie – zum Beispiel im Hinblick auf erweiterte Leistungsbereiche – ist ebenso Teil der mittelfristigen Planung.
Der Leistungsschalter kommt bereits bei einem in Süddeutschland ansässige Automobilhersteller zum Einsatz, aber auch im neuen Gebäude G60 von Phoenix Contact am Standort Blomberg ist er verbaut. Das Gebäude dient dem Automatisierungsspezialisten unter anderem als Blaupause für die industrielle Revolution in der Gleichstromwelt (s. Kasten).
| Gebäude 60 als Musterbeispiel für ein DC-Netz |
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Das industrielle Gleichstromnetz des neuen Gebäudes 60 dient auch zur Erforschung der DC-Technologie. Module der Baureihe ‚Charx High Power‘ erzeugen aus dem AC-Netz das 650-V(DC)-Netz. Die bidirektionale Anbindung ermöglicht zudem die Rückspeisung von überschüssiger Energie der weiteren Einspeiser in das öffentliche Versorgungsnetz. An die DC-Niederspannungs-Hauptstromverteilung ist eine PV-Anlage mit 100 kW Peak angeschlossen, die Gleichstrom liefert. Die erforderliche DC-DC-Wandlung erfolgt einfach über Charx-Leistungsmodule im 19-Zoll-Format mit MPP-Tracking, da die Synchronisierung mit einem Wechselstromnetz nicht notwendig ist. Eine intelligente Vernetzung von Erzeugern und Verbrauchern mit einem Energiemanagementsystem (EMS) integriert die volatile PV-Energieerzeugung unter Verwendung eines Batteriespeichers derart, dass der Energiezufluss aus dem öffentlichen Energieversorgungsnetz minimiert wird. Zum Ausgleich länger andauernder Leistungsbedarfe in Gebäude 60 ist ein 240-kWh-Batteriespeicher eingebunden. Er kann zur Deckung von Lastspitzen genutzt werden und sorgt im Fall einer Unterbrechung des öffentlichen Netzes ferner für Stabilität und Versorgungssicherheit im gesamten Gleichstromnetz. Die bidirektionale Ankopplung von E-Ladesäulen in das 650-V(DC)-Netz erlaubt den Energiefluss in zwei Richtungen: Fahrzeugbatterien können geladen und kurzfristig ebenfalls als Energiespeicher genutzt werden. Kombiniert mit der intelligenten PLCnext Control und einem EMS trägt dies zur Abdeckung kurzfristig sehr hohe Lastspitzen und zur Netzqualität bei. Intern versorgt das 650-V(DC)-Netz Verbraucher in Festinstallation. Darüber hinaus werden über isolierende Umrichter Endstromkreise auf der Spannungsebene 400 V(DC) beliefert, zum Beispiel für die Beleuchtung und Anschlüsse für ortsveränderliche Geräte. Aktuelle Wechselspannungsgeräte in der AC-Niederspannungsebene benötigen intern zur Versorgung von PCs, Bildschirmen und LED-Beleuchtungstechnik Netzteile mit Gleichrichtung und DC-Zwischenkreisen. Werden diese Geräte direkt aus einem Gleichstromnetz beliefert, kann ein Großteil des Gewichts und Volumens der Eingangskreise eingespart werden. Mit der niedrigeren Spannung in den Endstromkreisen ist dem Personenschutz in Anlehnung an die DIN VDE 0100-410 Rechnung getragen. Die IT-Netze sind isolationsüberwacht und werden im Fehlerfall abgeschaltet. |
















