Automatisierung
Was sich hinter der 'Cloud' verbirgt
Die Automatisierungstechnik wird in den kommenden Jahren weniger von den reinen Komponenten als vielmehr von dem zur Verfügung stehenden, globalen Service- und Support-Angebot geprägt werden. Das Schlagwort 'Cloud-Computing' spielt hierbei eine zentrale Rolle.
Die Umsatz-Prognose des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien verdeutlicht, dass Cloud-Computing zu dem am stärksten wachsenden IT-Segment gehört.
© BitkomDie klassische Automatisierungs-Hierarchie wandelt sich zunehmend zu einer flachen Automatisierungs-'Wolke'. In dieser Wolke beziehungsweise Cloud kommen zwei neue Technologien respektive Paradigmen zum Einsatz:
- Serviceorientierte Architekturen (SOA)
- und die Agententechnologie.
Beide Strategien bieten die Möglichkeit, einheitliche Schnittstellen zu erstellen und eine Durchgängigkeit von der Feldebene bis in die Enterprise-Ebene zuzulassen.
Der Trend zur räumlichen und funktionalen Verteilung von Automatisierungsfunktionen ist bei Weitem nicht neu. Bisherige Lösungen setzten aber immer auf proprietäre und für die Automatisierungstechnik spezialisierte Lösungen, die sich aber aufgrund ihrer Kompliziertheit und nicht ausreichender Industrieunterstützung (zum Beispiel CORBA) kaum durchsetzen konnten. Erst die neuen und standardisierten IT-Technologien mit Web/Internet an der Spitze schufen die Voraussetzungen für eine räumlich unbegrenzte Verteilung von Funktionen/Diensten und werden nunmehr auch für die Automatisierungstechnik zunehmend interessant.
Auf die Prozessleittechnik (PLT), die sich mit übergeordneten und koordinierenden Automatisierungsfunktionen bereits naturgemäß mit den eher dispositiven und verteilenden Aufgaben beschäftigt, wird sich der Trend zu serviceorientierten Architekturen (SOA) und zur Agententechnologie rasch und massiv auswirken. Hinzu kommt, dass Funktionen der Leitebene eher ein „weiches“ Echtzeit-Verhalten besitzen und bereits heute mit modernen Webtechnologien teilweise realisierbar sind – man denke beispielsweise an das Thema Bedienen & Beobachten oder den Bereich der Datenanalyse.
Grundsätzlich lassen sich Dienstleistungen aus der Cloud in drei Ebenen unterteilen:
- Anwendungen als Service (Software as a Service – SaaS): Beispiele sind hier Google Apps und Microsoft Online Service. Für Aufgaben der Prozessleittechnik sind bisher kaum Anwendungen verfügbar.
- Technische Frameworks als Service (Platform as a Service – PaaS): Die Google App Engine sowie der Microsoft Azur Service sind Beispiele hierfür. Auch im Bereich der M2M-Kommunikation – vorzugsweise für die Gebäudeautomation – finden sich bereits erste Beispiele, wie etwa iDigi. Die iDigi Device Cloud ist eine öffentliche Cloud-Plattform (PaaS), die eine hocheffektive Anwendungsintegration von Geräte-Netzwerken ermöglicht.
- IT-Basis-Infrastruktur beziehungsweise Hardware-Komponenten als Service (Infrastructure as a Service – IaaS): Beispiele dazu finden sich bei Amazon EC2 sowie der MS Windows Azur Platform. Erste Anwendungen in der Automatisierungstechnik nutzen die MS Windows Azur Platform für die Datenauswertung eines Windparks mit Beckhoff-Steuerungen.
Cloud-basierte Plattform für die Gebäudeautomation von Digi International: Sie bietet eine skalierbare, On-Demand und sichere Cloud-Computing-Plattform für das Gerätemanagement und zugeordneten Anwendungsdiensten.
© Digi InternationalAls Differenzierungsmerkmale von Cloud-Services gegenüber einem klassischen Serverbetrieb lassen sich folgende Aspekte anführen: Vollständig virtualisierte Ressourcen, Multi-Mandantenfähigkeit sowie echte verbrauchsabhängige Bezahlung. Cloud-Services im Bereich IaaS und PaaS haben weitere gemeinsame Merkmale wie zum Beispiel nutzergesteuerte Provisionierung, Elastizität oder auch programmatische Kontrolle.
In der Regel provisioniert der Nutzer die komplette Software in die genutzte Cloud-Instanz. Dafür erhält der Nutzer die notwendigen administrativen Zugriffsrechte. Elastizität ermöglicht es, spontan und flexibel auch auf starke Last-Veränderungen zu reagieren – ein wesentliches Merkmal von IaaS. Traditionelle Hosting-Angebote stellen in der Regel nur eine begrenzte Menge an Ressourcen zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Verfügung. Programmatische Kontrolle bedeutet schließlich, dass der Anwender über eine Programmier-Schnittstelle verfügt, um Ressourcen zu konfigurieren, zu nutzen und zu steuern. Dies ermöglicht es dem Nutzer, den Ressourcen-Verbrauch durch die Anwendung dynamisch zu steuern, und dem Betreiber, das Ressourcen-Management hochgradig zu automatisieren.
Von der Funktion zum Automatisierungsdienst
Zur Nutzung von Cloud-Diensten in der Automation werden serviceorientierte Architekturen (SOA) benötigt, die Automatisierungsfunktionen von Geräten und Systemen in Automatisierungsdienste umsetzen. Dazu gibt es bereits einige leistungsfähige europäische Forschungsansätze. Dazu gehören:
- Das Projekt SOCRADES (Service-Oriented Crosslayer infRAstructure for Distributed smart Embedded devices): Hier ging es unter anderem um die Untersuchung des Einsatzes von Webservices und SOA unterhalb der Managementebene, um die Integration von Webservices in Automatisierungsgeräte sowie um die Umsetzung mit DPWS (Device Profil for Web Services) und OPC UA. Das Budget des Projektes liegt bei 14 Mio. Euro.
- Das Projekt IMC-AESOP: Unter Leitung von Schneider Electric untersuchen hier 17 Partner aus sieben europäischen Ländern SOA-basierte Lösungen für die nächste Generation von SCADA/DCS-Systemen für sehr große verteilte Automatisierungsanwendungen. Das Projekt mit einem Budget von 7 Mio. Euro startete im September 2010 und hat eine Laufzeit von insgesamt 30 Monaten.
Auch im patentrechtlichen Bereich gibt es starke Bestrebungen, Lösungen für den Einsatz von servicebasierten Cloud-Strukturen für leittechnische und prozessnahe Bereiche zu finden. Dazu gehören folgende Lösungsansätze:
- Verfahren zur Entwicklung eines Multi-Agenten-Systems: Bei dem ebenfalls von Schneider Electric im Jahr 2009 angemeldeten Patent geht es um den Einsatz von SOA in der Automatisierungstechnik, wobei sich Geräte untereinander ihre Dienste anbieten.
- Cloud computing for an industrial automation and manufacturing system: Bei diesem von Honeywell verfolgten Konzept ist ein Client in der Lage, festzustellen, ob ein Prozess für die Auslagerung in eine Cloud geeignet ist und er diese Auslagerung auch vornehmen kann.
- Verfahren zum Integrieren von zumindest einem Feldgerät in ein Netzwerk der Automatisierungstechnik: Endress+Hauser geht es hierbei um die Integration von beliebigen Automatisierungsgeräten mittels Erstellung eines virtuellen Abbildes und Nutzung des Cloud-Computing.
Insbesondere die Cloud-Nutzung als PaaS findet heute bereits Anwendung in der Gebäudeautomation. Dabei werden Sensoren und Aktoren als Embedded-Systeme (M2M devices) an eine Cloud-Infrastruktur für Remote-Device-Management und Cloud-basierten Informationsaustausch mit integrierten SCADA-Funktionen angebunden. Einsatzfähige Lösungen dazu werden beispielsweise von Digi International, HST Systemtechnik, DAQConnect und Software Horizons angeboten.
Die Mankos der bisherigen Ansätze
Alle bisherigen verfügbaren Lösungen und Ansätze setzen jedoch nicht konsequent auf moderne Webtechnologien und ermöglichen praktisch keine Cloud-Anwendungen als Services für Automatisierungslösungen (SaaS). Außerdem besitzen diese Systeme eine Reihe weiterer Nachteile: Die Anbindung der Geräte erfolgt nicht über Industrie-Standardschnittstellen (etwa OPC). Es werden meist zusätzliche und aufwendige Hardware-Adapter als M2M-Interface benötigt. Zudem ist die Cloud-Plattform proprietär, wird exklusiv durch den Anbieter betrieben und stellt nur die durch diesen Anbieter bereitgestellten Dienste zur Verfügung. Eine Erweiterbarkeit und/oder Integration von dritten Dienstanbietern ist nicht vorgesehen.
Damit nicht genug: Alle Prozessdaten der Nutzer liegen beim Anbieter (vielfach im Ausland) und werden durch diesen verwaltet. Und nicht zuletzt erfolgt die Abrechnung der Leistungen in der Regel pauschal für die Nutzung der Plattform beziehungsweise nach Anzahl der eingebundenen Kundengeräte. Mit anderen Worten: Automatisierungsdienste können nicht spezifisch abgerechnet werden.
Angesichts dieser Situation beziehungsweise ausgehend vom Stand der Technik entstand unter Beteiligung von zehn Automatisierungsfirmen der Vorschlag, eine anwendungsorientierte, „schlanke“ und offene Architektur für ein Automatisierungssystem zu erforschen, die Cloud-basierte Webtechnologien konsequent nutzt und dazu auch eine wohldefinierte Struktur als Modell für eine flexible Realisierung zur Verfügung stellt. Das Projekt mit der Bezeichnung WOAS (Architektur und Schnittstellen für ein Web-Orientiertes Automatisierungssystem) startete im September letzten Jahres, hat eine Laufzeit von zweieinhalb Jahren und wird als Projekt der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF)vom BMWi gefördert.
Ziel und Architektur des Projektes WOAS
Das Automatisierungssystem wird kostenfrei aus einer XML-Bauvorschrift (SK = Systemkern) im Webbrowser erzeugt und die Automatisierungsfunktionen (AF) werden als Automatisierungsdienste (AS) über eine WOAS-Cloud kostenpflichtig genutzt.
© FH DüsseldorfMit der WOAS-Architektur werden die Prinzipien und Methoden aus der standardisierten Welt der Internet-Technologien systematisch und strukturiert in die Welt der Industrieautomation übertragen. Ein WOAS besteht aus einem WOAS-Kernel sowie einer konfigurierbaren Anzahl weborientierter Automatisierungsdienste, die die erforderlichen Automatisierungsfunktionen realisieren. Als weitere Zielstellung sollen neue Geschäftsmodelle erforscht werden, die aufbauend auf der WOAS-Dienste-Struktur eine effiziente Nutzung von verteilten Automatisierungsfunktionen ermöglichen.
Zu den im Projekt angestrebten Eigenschaften eines WOAS gehören die Entwicklung eines dynamisch generierbaren Systemkerns als XML-Bauvorschrift für ein Automatisierungssystem mit wohldefinierten Schnittstellen, die Kombination von Cloud-Technologie mit SOA-basierten Automatisierungsdiensten sowie die Entwicklung eines Clearing-Systems zur Abrechnung feingranularer Dienste nach dem SaaS-Prinzip. Weitere Ziele sind die Integration von MashUp-Technologien (Web
2.0) in eine hybride Servicestruktur (Verbindung einer serverbasierten mit einer weborientierten Struktur), die Untersuchung der Sicherheit von hybriden Cloud-Lösungen (Public Cloud/Privat Cloud) zum Rechteabgleich, zur Autorisierung und zum Zugriffsschutz. Nicht zuletzt geht es im Projekt um die Anbindung marktüblicher Feldsysteme über Standardprotokolle (OPC DA, OPC UA, Modbus ohne integrierten Webservice) und die Nutzung von Automatisierungsdiensten unterschiedlicher Anbieter in einem WOAS durch offene Schnittstellen.
Nach einer ausführlichen Analyse des Standes der Technik erfolgte in den Monaten seit Projektstart der Entwurf eines WOAS-Basismodells als Grundlage für die nachfolgende Spezifizierung der einzelnen WOAS-Elemente (WOAS-Kern, virtuelle Geräte, Dienste u.a.). Wichtigster Teil ist dabei der WOAS-Kern, der die Voraussetzung schafft, herstellerunabhängig unterschiedliche Automatisierungsfunktionen als Dienste zusammen mit unterschiedlichen Automatisierungsgeräten (Feldsystem) verteilt im Netz in einheitlicher Art und Weise verbinden zu können.
Ein WOAS-Kern besteht im Wesentlichen aus folgenden Komponenten:
- 1 ... N virtuellen Geräten (Virtual Device – VD),
- einem WOAS-Distributor und
- 1 ... M WOAD-Stubs (WOAD – Weborientierter Automatisierungsdienst).
Über die VD erfolgt die einheitliche Abbildung (Mapping) der jeweiligen Automatisierungsgeräte auf die WOAS-Webseiten. Die WOAS-Stubs schaffen gegenüber dem Kern ein einheitliches Interface zu unterschiedlichen Diensten; über den WOAS-Distributor erfolgt die Verbindung der Geräte-Prozessdaten mit den erforderlichen E/A-Daten der WOAD.
Ein anwenderspezifisches WOAS – zum Beispiel die Bedienung/Visualisierung einer Anlage – wird im WOAS-Cloud-Portal mittels eines WOAS-Creators mit den verfügbaren Geräten und Diensten über das Web parametriert und ist dann von jedem Webbrowser aus (auch mobil) nutzbar. Automatisierungsdienste (WOAD) wie Trendanalysen, Alarmmanagement oder Messwertverarbeitung können durch Drittanbieter unter Nutzung der definierten WOAS-Dienste-Schnittstelle kostenpflichtig über das WOAS-Cloud-Portal integriert und angeboten werden.
Aktuell wurde ein erster Demonstrator mit eingeschränkter Funktionalität implementiert, der die Grundprinzipien eines WOAS und dessen Potenziale verdeutlicht. Der Demonstrator betreibt als WOAS eine Bearbeitungs- und Prüfstation von Festo Didactic und nutzt als Automatisierungsdienste einen Dienst für die Bedienung/Visualisierung sowie einen Dienst zur Echtzeit-Trenddarstellung. Die Station wird durch zwei unterschiedliche Steuerungen (SPS von Phoenix Contact und Web-IO von Wiesemann&Theis) betrieben, die über jeweils ein VD mit Zugriff auf OPC DA über ein Websocket-Relay mit der WOAS-Cloud verbunden sind. Als WOAS-Dienstserver (WOAD-Server) kommt eine Hutschienen-montierbare pure.box von Wiesemann&Theis zum Einsatz. Die softwaretechnische Realisierung der Testimplementation schließlich basiert auf HTML5, CSS3, JavaScript und einer mySQL-Datenbank.
Autor: Prof. Dr. Reinhard Langmann leitet das Competence Center Automation Düsseldorf (CCAD) der FH Düsseldorf.
Der Autor auf dem SPS IPC Drives Kongress
Vertiefende Informationen zum Thema liefert der Autor des Fachartikels, PRof. Dr. Reinhard Langmann, im Rahmen des begleitenden Kongresses zur Fachmesse SPS IPC Drives (27. bis 29. November) in Nürnberg. Der Vortrag ist Teil der Session 'Innovative Ansätze in der Automation' und findet am ersten Messetag um 10 Uhr statt. Das vollständige Kongressprogramm steht auf der Website www.mesago.de/sps zum Download zur Verfügung.
















