Grossenbacher Systeme
Warum Abwarten keine Option ist
Wer in der Automatisierungs- und Steuerungstechnik wettbewerbsfähig bleiben möchte, sollte erste Schritte in Richtung KI unternehmen. Dabei gilt es, Sackgassen zu vermeiden, die Aufgabenkomplexität zu reduzieren und das Thema Fleet Observability im Auge zu behalten.
Künstliche Intelligenz prägt zunehmend die Welt der Embedded Systeme – über die Bildverarbeitung hinaus. Über die Frage des »Ob« ist man längst hinaus, stattdessen geht es um das »Wie« – und damit um komplexe Fragen zu geeigneten Cloud- und/oder Edge-Konzepten, Hard- und Software- Architekturen sowie Projekt-Herangehensweisen.
Die Gretchenfrage: Cloud oder Edge?
Im Markt ist zu beobachten, dass seit ChatGPT Entwickler wieder verstärkt auf die Verarbeitung ungefilterter Maschinendaten in der Cloud setzen. Das ist angesichts der Vorteile von ChatGPT oder anderen KI-Engines und vorhandenen Ressourcen in der Cloud-basierten Datenverarbeitung verständlich, aber gleichzeitig doppelt fragwürdig: Zum einen verbraucht die massenhafte Datenübertragung Energie, zum anderen kostet jede Abfrage, sprich jeder »call«, auch Geld.
Um die Kommunikation zu minimieren, ist eine algorithmische Vorverarbeitung der Daten in der Edge-Ebene oft der sinnvollere Weg. Dabei sind der notwendige Datenumfang und die Anzahl der Datenquellen entscheidend. Sind die Datenmengen sehr groß, stellt sich die Frage, welche direkt an die Cloud weitergereicht und welche zuvor mittels geeigneter KI-Algorithmen vor Ort aufbereitet und zusammen- gefasst werden sollten.
Auch die Latenz spielt eine Rolle: Wie lange kann meine Anwendung auf die Reaktion der KI warten? Die Antworten auf diese Fragen bestimmen, welches Maß an Intelligenz und damit welche Hardware auf der Edge-Ebene sinnvoll ist. Je nach Umfang der Algorithmenberechnung in der Cloud oder der Edge empfehlen sich unterschiedliche Hardware-Architekturen – sie reichen von einfachen Mikrocontrollern mit KI-Ergänzungen »on Chip« über FPGA, DSPs, TPUs bis hin zu leistungsstarken und kostspieligen Zusatzrechnern mit GPUs. Alle Varianten haben spezifische Stärken und Einschränkungen, die sie für bestimmte KI-Anwendungen prädestinieren (siehe Kasten »Hardware – Was ist die klügste Wahl?«).
Neben der Hardware werfen auch die Software und der Entwicklungsprozess Fragen auf. Bei KI-Anwendungen in der Automatisierung sind die erforderlichen Reaktionszeiten ein kritisches Thema. Ist die KI-Anwendung auf schnelle Antworten angewiesen, müssen die Algorithmen lokal abgearbeitet werden. Je aufwendiger diese sind, je größer die Datenmengen und je kürzer die gewünschten Reaktionszeiten, desto mehr Rechenperformance ist nötig. Das verursacht Kosten – sowohl für die Entwicklung wie auch für die Edge-Hardware selbst. Sie müssen zum Businessmodell passen und dem Endkunden einen Nutzen bringen, der die Mehrkosten für ihn rechtfertigt. Ohne Wirtschaftlichkeitsnachweis kann sich keine Technologie durchsetzen.
Dennoch ist die Nutzung von KI-Engines wie ChatGPT nicht unbedingt kostengünstiger – »Pay per Call« lässt grüßen. Es sind mehrere Faktoren, die über die Verteilung von Embedded KI und »normaler« KI bestimmen. Setzt man zumindest teilweise auf Embedded, muss der »Product Owner« über die Toolchain der Software-Entwicklung entscheiden – natürlich in Abhängigkeit von der verwendeten Hardware inklusive der »KI-Prozessoren«.
Die Entwicklung und Bereitstellung von KI-Anwendungen erfordert Tools und Bibliotheken, die zur gewählten Hardware-Plattform passen.
Modellkomprimierungstechniken sind dabei enorm von Bedeutung, um die Anforderungen an die Hardware zu reduzieren. »One Size fits all« Software-Lösungen für jegliche Hardware gibt es nicht. Jedoch gibt es einige Plattformen und Frameworks, die verschiedene Hardware- typen unterstützen und die Entwicklung und Implementierung von KI-Anwendungen auf einer Vielzahl von Geräten erleichtern (siehe Kasten »Software – Wer kann mit wem?«).
KI »lebt«: Fleet Observability
| Hardware – Was ist die klügste Wahl? |
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Verarbeitungsleistung, Energieverbrauch, Größe und Integrationsfähig-keit, Entwicklungspotenzial und Kosten: Diese Kriterien entscheiden über die Auswahl geeigneter Embedded KI-Hardware für die gewünschte Anwendung: Microcontroller Units (MCUs) für einfache Aufgaben wie Spracherkennung, einfache Bilderkennungsaufgaben, Sensor-Datenüberwachung: z. B. Arduino, Raspberry Pi mit speziellen KI-fähigen Erweiterungen. Vision Processing Units (VPUs) für Bildverarbeitung und -analyse in Echtzeit, Gesichtserkennung, Objekterkennung und -tracking wie beispielsweise Intel Movidius Myriad X. Field Programmable Gate Arrays (FPGAs) für hoch spezifische KI-Anwendungen, Signalverarbeitung, Netzwerkfunktionen und mehr: zum Beispiel Xilinx FPGA, Altera FPGA. Application Specific Integrated Circuits (ASICs) für spezialisierte Auf- gaben wie Hochgeschwindigkeits-Kryptowährungs-Mining, komplexe Algorithmen für neuronale Netze, zum Beispiel Google TPU. Graphics Processing Units (GPUs) für hochleistungsfähige Bild- und Videoverarbeitung, komplexe Berechnungen für tiefe neuronale Netze, Simulationsaufgaben, zum Beispiel die Nvidia Jetson-Serie, AMD Radeon Instinct. Edge Tensor Processing Unity (TPUs) für die effiziente Verarbeitung von ML-Modellen am Edge, unterstützt durch Tools wie TensorFlow Lite, zum Beispiel Google Coral Edge TPU. |
KI-Algorithmen sind nie fehlerfrei und bleiben immer optimierbar. Zudem »driften« die Algorithmen, d.h. die Qualität der von ihnen gelieferten Ergebnisse – etwa beim Klassifizieren von Sensordaten und Detektieren von Anomalien – kann durch Umwelteinflüsse im Lauf der Zeit abnehmen. KI-Algorithmen bedürfen deshalb kontinuierlicher Prüfung und Anpassung.
Um Qualität und Sicherheit der KI im Embedded-Umfeld zu gewährleisten, ist deshalb eine umfassende Diagnose und Beobachtung aller installierten KI-Feldgeräte erforderlich – sprich »Fleet Observability«. Leisten kann dies eine zentralisierte Überwachungslösung, die mit KI-Unterstützung in der Lage ist, Diagnose-Daten zu verarbeiten, darauf zu reagieren sowie Alarme und Berichte auszulösen, um die Embedded KI-Anwendung insgesamt zu unterstützen. Hierfür gibt es eine Cloud-Portal-Lösung, welche die Diagnose- und Verwaltungsaufgaben für die KI-Feldgeräte und ihre Algorithmen übernehmen kann; die Updates der Algorithmen selbst gehört auch dazu.
Riskanter als jede KI: keine KI
Wie eingangs festgestellt, gibt es bei aller Komplexität keine Alternative zum Einstieg in die KI. Unternehmen wie Grossenbacher Systeme und deren Schwesterunternehmung Sabo Mobile IT, Entwickler des KI-Sprachassistenten Sabot, setzen daher auf die Maxime »keep it simple«. Konkret lassen sich daraus folgende Regeln für erfolgreiche Embedded-KI-Projekte ableiten:
- Da KI-Projekte interdisziplinär angelegt sind, ist ein ausgewogenes Set-up der Projektteams entscheidend. Als zweckmäßig hat es erwiesen, die KI-Inhalte (Daten und Inhalte) in der Verantwortung des OEMs als »Product Owner« zu legen und die Hardware mit dem OS von der KI-Anwendung soweit als möglich zu abstrahieren. So lassen sich praktikable Schnittstellen definieren und die Projekte leichter handhaben.
- Bei der Entwicklung der Hardware sollte der Fokus auf Skalierbarkeit liegen, während das Software-Konzept so plattformübergreifend wie möglich angelegt sein sollte. Wichtig ist zudem, rechtzeitig an die »Fleet Observability« zu denken und die Voraussetzungen für entsprechende Tools zumindest einzuplanen. Dabei kommt den Controllern eine besondere Bedeutung zu, da sie in weitem Rahmen konfigurierbar updatefähig sein sollten. Um dieses Ziel zu erreichen, sollten OEM auf externe Entwicklungspartner mit interdisziplinären Projektteams setzen: Soft- und Hardwarekompetenzen müssen Hand in Hand gehen und durch Referenzen belegt sein. Entscheidend ist zudem die Fähigkeit, KI-Algorithmen so zu optimieren, dass mit der funktionalen Sicherheit und den KI-Gesetzen – Stichwort AI Act – im Einklang stehen.
Der Autor: Oliver Roth ist CEO von Grossenbacher Systeme und der Amalthea Gruppe, zu der auch Sabo Mobile IT gehört.
© Grossenbacher Systeme- Zu guter Letzt sollten OEM und Entwicklungspartner gemeinsame Projektteams bilden, die auch den wirtschaftlichen Aspekt von Embedded KI-Projekten unter Kontrolle halten können. Dazu muss die KI-Kompetenz der Hard- und Softwareexperten mit dem Fokus der Produktionsspezialisten auf der Zielkostenrechnung synchronisiert werden.
| Software – Wer kann mit wem? |
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Derzeit existiert keine Lösung, die es ermöglicht, KI-Modelle für sämtliche Hardware-Plattformen zu entwickeln und bereitzustellen. Jedoch gibt es Plattformen und Frameworks, die verschiedene Hardware-Typen unterstützen und die effiziente Entwicklung und Implementierung von KI-Anwendungen auf einer Vielzahl von Geräten erleichtern. Dennoch kann es notwendig sein, die Modelle und den Code für maximale Leistung und Effizienz auf der Zielhardware zu optimieren. TensorFlow (Lite) ist ein umfangreiches, von Google entwickeltes Open-Source-Framework für maschinelles Lernen, das ganz unterschiedliche Hardware-Typen unterstützt, darunter CPUs, GPUs, TPUs sowie ein breites Spektrum von Edge-Geräten. PyTorch (Mobile) von Facebook ist ein maschinelles Lern-Framework, das für seine Flexibilität und Benutzerfreundlichkeit bekannt ist. Es unterstützt eine Vielzahl von Hardwareplattformen, insbesondere GPUs. ONNX ist ein Open-Source-Format, das entwickelt wurde, um KI-Modelle zwischen verschiedenen Frameworks portierbar zu machen. Das OpenVINO Toolkit von Intel ist für ein breites Spektrum an Intel-Hardware optimiert und ermöglicht die Konvertierung von Modellen anderer Frameworks in ein leistungsoptimiertes Format. Nvidia CUDA und cuDNN bieten leistungsstarke Tools zur Beschleunigung der KI-Verarbeitung für Hardware, die auf Nvidia-Technologien basiert (GPUs der Jetson- und Tesla-Serien). |

















