Energie-Effizienz

Inka Krischke,

Gebäudautomation für Niedrigenergiehäuser

Ohne Gebäudeautomatisierung sind Niedrigenergiegebäude in Leichtbauweise kaum zu betreiben. Das 'Energy Efficiency Center' soll die Praxistauglichkeit innovativer Baumaterialien, Systeme und Technologien nachweisen.

© Siemens

Das Würzburger Energy Efficiency Center (EEC) wird vom Bayerischen Zentrum für Angewandte Energieforschung e.V. (ZAE Bayern) gebaut, um dort prototypische Entwicklungen im Systemverbund mit anderen Innovationen unter den realen Bedingungen eines Forschungs- und Bürogebäudes auf ihre Praxistauglichkeit hin zu testen. Eine besondere Herausforderung dabei ist die regelungstechnische Verknüpfung konventioneller und prototypischer Systeme im Umfeld neuer leichter Baumaterialien. Die Siemens-Division Building Technologies fungiert als Partner des ZAE Bayern und der Ebert-Ingenieure GmbH.

Im Rahmen des Projektes soll nachgewiesen werden, dass ein Gebäude aus energieoptimierten textilen Hüllen und hochwärmegedämmten, ultra-schlanken Vakuumisolierpaneelen in der Wechselbeziehung mit HLK-Systemen unter Praxisbedingungen funktioniert und zu einer hohen Gebäude-Energie-Effizienz führt. Im Fokus stehen vor allem die Interaktionen des in Leichtbauweise errichteten Baukörpers mit speziellen membranbasierenden Dachkonstruktionen, den teilweise prototypischen HLK-Anlagen und damit auch neuen Regelungs- und Betreiberstrategien. Siemens kann im Rahmen des Projektes das Raum- und Gebäude-Automatisierungssystem „Desigo“ unter realen Situationen testen und neue Regelalgorithmen entwickeln.

Als Besonderheiten des Projekts gelten die gewerkübergreifenden Verknüpfungen von Raumtemperaturregelung und Beleuchtungssteuerung sowie des Blend- und Sonnenschutzes und deren Zusammenspiel mit neuartigen Materialien und gebäudetechnischen Komponenten. Eine weitere Herausforderung ist die Regelung und Steuerung der konventionellen HLK-Anlagen als Grundinfrastruktur – bei gleichzeitiger Einbindung der Forschungsprojekte und deren Priorisierung im Betrieb. Dazu zählen unter anderem Klima-Heiz- und Kühldecken aus Graphitplatten mit thermisch angekoppeltem Phasenwechselmaterial, sorptive Klimaanlagensysteme in offener und geschlossener Bauart, eine nächtliche Strahlungskühlung über Dachflächen durch einen offenen Regenwasserkreislauf mit Einspeicherung des abgekühlten Wassers in einer Löschwasserzisterne sowie last but not least über Membransysteme belichtete und erwärmte Räume und deren Wechselwirkung mit den gebäude- und raumlufttechnischen Anlagen.

Besonderes Interesse gilt dem Verhalten der Phasenwechselmaterialien (Phase Chance Materials, PCM) unter statischen und dynamischen Bedingungen. Denn Erfahrungen haben gezeigt, dass in Baustoffen eingebettete PCM unter statischen Bedingungen zu langsam reagieren. So ist eines der Ziele im EEC, den Be- und Entladeprozess von PCM-Bauteilen durch Wasserkreisläufe oder eine gezielte Konvektion über ein Lüftungssystem zu beschleunigen. Da im Energy Efficiency Center eine vergleichsweise geringe konventionell erzeugte Kälteleistung quasi als Backup-System vorgehalten wird, kommt den PCM-Bauteilen eine große Bedeutung zu. Durch die Latentspeichermateria­lien lässt sich die Kälteleistung und somit auch der Bezug von elektrischem Spitzenstrom reduzieren.

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Transparente Dachkonstruktion aus Membranen mit Tageslicht-Element.

© Siemens

Intelligente Steuerungs­konzepte

Leichte Gebäude mit geringen Speichermassen haben eine hohe thermische Dynamik. Werden leichte Gebäude zudem noch sehr energieeffizient gebaut, mit niedrigen Temperaturen beheizt und mit vergleichsweise hohen Temperaturen gekühlt, kann die Raumtemperatur stark schwanken und damit den thermischen Komfort negativ beeinflussen. Deshalb stellen Planer in leichten Niedrig-Energie-Gebäuden meist hohe Leistungsreserven bereit, um die dynamisch auftretenden inneren und äußeren Störquellen zu kompensieren. Dies widerspricht jedoch dem Anspruch einer gesamthaften Gebäude-Energie-Effizienz.

Eines der Planungsziele beim Energy Efficiency Center war es deshalb, möglichst wenig konventionelle Heiz- und Kühlleistung bereitzustellen und Defizite an Wärme und Kälte über intelligente Regelungs- und Steuerungskonzepte auszugleichen. Während die klassische Planung der Technischen Gebäude-Ausrüstung (TGA) bei den meisten Projekten vor allem auf der Sicherstellung von Funktionen der einzelnen Geräte und Anlagen beruht und die Energie-Effi­zienz weniger berücksichtigt, ist es bei modernen Gebäude-Konzepten notwendig, die Energiesparfunktionen übergreifend über die einzelnen Fachgewerke intelligent miteinander zu verknüpfen.

Die Herausforderung für die Gebäudeautomatisierung besteht darin, konventionelle HLK-Technik und innovative prototypische Systeme so miteinander zu verbinden, dass möglichst geringe Wärme- und Kälteleistungen bereitgestellt werden müssen.

© Siemens

Darüber hinaus bietet es sich an, Informationen aus den Gebäudesimulationen während der Planungsphase in die Regelungsstrategien mit einzubeziehen. So erhält die Energie-Effizienz bereits bei der Programmerstellung und Inbetriebnahme der Gebäudeautomatisierung einen hohen Stellenwert.

Im Anschluss an die Gebäude-Inbetriebnahme startet beim EEC ein Energiemonitoring- und Controlling-Projekt (EMC-Projekt). EMC ist eine Plattform für die Datenarchivierung, Verbrauchsdatenberechnung (Beleuchtung, HLK-Systeme) und Lastspitzenüberwachung.

Da es sich beim EEC sowohl um ein Forschungsgebäude als auch um ein mit öffentlichen Mitteln gefördertes Forschungsprojekt handelt, werden an die Erfassung, Dokumentation und Weiterverarbeitung der Messwerte hohe Anforderungen gestellt. Um diesen Forderungen gerecht zu werden, wurde bereits in der Planung ein gewerkübergreifendes Zähler- und Auswertungskonzept entwickelt. Dank der integrierten Planung konnten die Protokolle für das Gebäudeautomatisierungssystem (BACnet), das Zählersystem für Wasser und Wärme (M-Bus) sowie die Zählung und Messung elektrischer Energie (Modbus) schon im Vorfeld festgelegt werden. Somit ist sichergestellt, dass sich Drittsysteme ohne Schnittstellenverluste in das Gebäudeautomatisierungssystem einbinden lassen.

Topologie des Gebäudeautomatisierungssystems im Energy Efficiency Center des ZAE Bayern in Würzburg.

© Siemens

Ebenso wichtig ist die Erfassung von Verbrauchsdaten wie Wärme, Kälte, Wasser und elektrischer Strom. Diese Aufgabe übernimmt das EMC-System zusammen mit dem Gebäudeautomatisierungssystem Desigo. Letzteres gibt seine Daten über eine OPC-Schnittstelle an den so genannten High-Level-Con­troller des ZAE Bayern weiter, der unter anderem zur experimentellen Programmierung neuer Regelalgorithmen eingesetzt wird, die über die OPC-Schnittstelle auf das BACnet-System von Desigo konvertiert werden. Erst wenn sich eine neue Regelungsstrategie bewährt hat, wird sie in das Gebäudeautomatisierungssystem implementiert und in dessen Bibliothek für die allgemeine Verwendung verfügbar gemacht. Die Trennung des konventionellen Gebäudebetriebs über Desigo und den High-Level-Controller des ZAE Bayern hat den Vorteil, dass die vom ZAE Bayern entwickelten Systeme rückwirkungsfrei arbeiten, Daten jedoch mit dem konventionellen Gesamtkonzept ausgetauscht oder optimiert werden können.

Innovative Bauteile und Systeme

Zu den im EEC genutzten und getesteten Bauteilen und Systemen gehören unter anderem:

■ Membranen aus beschichteten Glasfasergeweben (Poly-Tetrafluorethylen PTFE), aus Folien (Ethylen-Tetrafluorethylen, ETFE) sowie beschichteten Polyestergeweben (Polyvinylchlorid, PVC). Durch die Wahl des Membran-Grundmaterials wird die Lichttransmission vorgewählt. Zusätzlich können durch Bedrucken der Membranen der gewünschte Transmissionsgrad festgelegt sowie transparente und transluzente Eigenschaften erzielt werden.
■ Die Membran ist mit TiO2-Nanopartikeln (Titandioxid) beschichtet, die unter dem Einfluss von UV-Licht organische Anhaftungen zersetzen.
■ Der innenliegende Blendschutz ist mit einer speziellen Beschichtung versehen, die Wärmestrahlung reflektiert und auch eine geringe Eigenabstrahlung aufweist. Damit reduzieren sich im Sommer für die Bürobenutzer die empfundenen Temperaturen und die Raumluft muss weniger gekühlt werden.
■ Im Vergleich zu Dämmmaterialien aus Glas- oder Mineralwolle beziehungsweise Polystyrolschäumen haben Vakuum-Isolier-Paneele bei gleicher Dämmstoffdicke eine um den Faktor 5 bis 10 bessere Dämmwirkung. Dies führt zu sehr schlanken Gebäudehüllen.
■ Da Leichtbaugebäude im Sommer schnell zum Überhitzen neigen, ermöglichen Phasenwechselmaterialien wie Paraffin und Salzhydrat die Pufferung von Temperaturspitzen durch die Speicherung oder Abgabe von latenter Wärme, die bei Phasenübergang von fest auf flüssig oder bei reversiblen chemischen Reaktionen (Absorptions-/Desorptionsprozess) entsteht. Durch die Kombination von PCM mit einem Wasserkreislauf und einer Regelung beziehungsweise einer automa­tisierten Nachtlüftung kann das Gebäude in Abhängigkeit der Wetterdaten gezielt entwärmt respektive vorgekühlt werden.

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