zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Gebäudeautomation

Stefan Kuppinger,

Ein Plädoyer gegen subventionierte Projektierung

In der Gebäudeautomation werden Aufträge oft nur hinsichtlich minimaler Initialkosten vergeben. Die Konsequenz: Große Systemanbieter subventionieren ihre Angebote gerne und machen dann über die Lebenszykluskosten ihren Schnitt. Gegen diese Praxis kämpft Saia-Burgess mit dem Label „Peace of Mind“ seit 2009 an. Patrick Lützel, Regionalleiter bei Saia-Burgess Controls erläutert das Konzept.

© Sia-Burgess Controls

Herr Lützel, mit „Peace of Mind“ plädiert Saia-Burgess für eine ganzheitliche Betrachtung der Gebäude-Automation. Was verstehen Sie darunter?

Lützel: Mit Peace of Minds, wir nennen es POM, wollen wir den Blick für die gesamten Lebenszykluskosten schärfen. Um diese zu minimieren, braucht es eine flexible und offene Automatisierungslösung. Das mag anfangs nicht das billigste Angebot sein, reduziert aber systematisch den Ärger und die Kosten, beginnend bei der Inbetriebnahme, über spätere Erweiterungen bis letztendlich zur Stilllegung. Die gängige Vergabepraxis ist leider eine ganz andere: Meist erhält der günstigste Anbieter vom Auftraggeber den Zuschlag, ohne an die Folgekosten während der Betriebsphase über die nächsten 20 Jahre zu denken. Dabei machen diese 80 % der Gesamtkosten aus.

Welche Probleme wollen Sie mit POM lösen?

Lützel: Aktuell leiden viele Kunden unter den proprietären ganzheitlichen Lösungen bestimmter Anbieter. Betreiber thematisieren das immer wieder auf Veranstaltungen. In der Betriebsphase zeigen solche ganzheitlichen Systeme ihre wahre Stärke. Die Komponenten sprechen häufig nur untereinander, sie lassen sich nicht flexibel anpassen. Transparenz ist, wenn überhaupt, nur mit komplexen Software- Lösungen zu realisieren, die ständig Updates und Pflege durch den Lieferanten verlangen. Das wird über die lange Nutzungsdauer eine teure Angelegenheit. Wir sind überzeugt, dass modulare Automationsstationen und die Möglichkeiten der bekannten Web- und IT-Technologien diese Probleme maßgeblich reduzieren.

Anzeige

Patrick Lützel, Saia-Burgess Controls: „Mit den Vortexten für das Leistungsverzeichnis geben wir Planern und Betreibern das Rüstzeug für herstellerunabhängige und offene Ausschreibungen an die Hand.“

© Saia-Burgess Controls

Was wird aus Ihrer Sicht denn zu wenig bei den Ausschreibungen und Planungen berücksichtigt?

Lützel: Hauptproblem ist, dass zu Beginn eines Projekts häufig nicht richtig geplant wird. Ein unbedeutender Sensor oder Aktor ist detailliert im Leistungsverzeichnis beschrieben, die Automatisierungsstation als zentrale Komponente wird dagegen oft nur lapidar als ein Stück passende Schaltanlage abgehandelt. Letztere wird dann auf billig getrimmt, um nach der üblichen Vergabepraxis den Auftrag zu erhalten. Sowohl Betreiber als auch Planer sind gefordert, entsprechende Anforderungen an ein System zu definieren. Allerdings ist die Gebäude-Automation nur ein Teilaspekt in der Planung, noch dazu ein technisch sehr anspruchsvoller. Hier geben wir mit dem POM-Verfahren und dessen Leistungsverzeichnis fundierte Hilfestellung.

Welche Aspekte behandeln die Ausschreibungsunterlagen konkret?

Lützel: Wir definieren darin herstellerneutral eine Technologie-Plattform für die Gebäude-Automation und zeigen, welcher Nutzen durch die Web- und IT-Technologien sowie offene Kommunikation entsteht. Im Grunde ganz normale Dinge, die viele für selbstverständlich erachten würden. Wie gut können bestehende und künftige Fremdsysteme anhand verschiedener Kommunikationsmöglichkeiten eingebunden werden? Wie Bedienund Wartungsfreundlich ist das System? Die Puffer-Batterie für den Programmund Datenspeicher ist so ein leidiges Thema. Kann die Batterie leicht ausgetauscht werden oder ruft das den Servicetechniker des Herstellers auf den Plan. Ist eine kostenpflichtige Software zu pflegen oder reichen Standard-Tools wie Excel oder ein beliebiger Browser aus?

Wird das Konzept denn seitens der Planungs- und Ingenieurbüros angenommen?

Lützel: Mit unserer Sichtweise finden wir momentan überall Gehör. Die Leistungsverzeichnisse werden auch in den Ausschreibungen platziert. An der praktischen Umsetzung mangelt es jedoch noch. Viele fallen aufgrund des Termindrucks oder wegen des fehlenden Budgets in ihre frühere Vergabepraxis zurück.

Sie brechen damit festgefahrene Strukturen in den Planungsbüros auf. Ist denn ausreichend Know-how bei den Ingenieurbüros vorhanden, um nicht mehr von den Zulieferern abhängig zu sein?

Lützel: Egal, wer bei der Planung technisch unterstützt oder zuarbeitet, unsere Vortexte für das Leistungsverzeichnis definieren einen technischen Mindestanspruch an die Gebäude-Automation. Sie garantieren dem Betreiber, dass die Lösung zukunftssicher und nachhaltig ausgeführt wird und er somit nicht mehr von einem Hersteller abhängig ist.

Haben sie schon weitere Anbieter gewinnen können, die ihren Ansatz unterstützen?

Lützel: Anbietern mit Anspruch auf den ganzheitlich proprietärenAnsatz in der Gebäude- Automation ist unsere POM-Initiative ein Dorn im Auge. Ihr klassisches Argument: Die Ausschreibungstexte seien nicht herstellerneutral. Verständlich, denn ihr Geschäftmodell basiert genau auf der Abhängigkeit der Betreiber. Anbieter mit einer ähnlichen Philosophie wie Saia-Burgess beobachten noch und verhalten sich still zustimmend. Bis dato haben wir daher leider keinen weiteren Mitstreiter, der POM mit uns vorantreibt.

Mit dem TÜV hat Saia-Burgess doch seit letztem Jahr einen Partner, der die Güte und den Umsetzungsgrad prüft und bescheinigt.

Lützel: Zu Beginn unserer POM-Initiative hatten wir ein Problem: Hat ein Betreiber die Vortexte bei Ausschreibungen genutzt, war es erstaunlich, welche Hersteller plötzlich die notwendigen Technologien beherrschten. Manche Anbieter haben einfach die Einhaltung aller Anforderungen bestätigt, weil es niemanden gab, der sie kontrolliert hat. Schlimmer noch, der Betreiber glaubte, sein Projekt nachhaltig geplant und realisiert zu haben. Daher sind wir froh, dass wir mit dem TÜV Süd eine neutrale Instanz für die Implementierungs-Audits gewinnen konnten. Der Endkunde erhält somit schwarz auf weiß, in welchem Umfang seine Anforderungen umgesetzt wurden. Dazu wird jede Automationsstation in einem standardisierten Verfahren vor Ort geprüft.

Welche Mehrkosten entstehen bei Planung und Kauf und wie sieht die Amortisationsrechnung aus?

Lützel: Wenn auf ein Leistungsverzeichnis zehn Firmen anbieten, ist meist ein Unternehmen bis zu 50 % günstiger, ein anderes bis zu 50 % teurer als der Durchschnitt. Das führt immer wieder zu Verwunderung bei den Teilnehmern wie auch den Verantwortlichen. Dafür gibt es drei Erklärungen:

1. Der Anbieter hat falsch kalkuliert.

2. Er hat mehr Informationen als die Konkurrenz; und

3. Er kauft sich in das Objekt ein und will die Anfangsverluste mit Service und Wartung während der Betriebsphase kompensieren.

POM sorgt für einen fairen Wettbewerb, da alle Anbieter auf der gleichen technischen Basis kalkulieren müssen und nicht mehr davon ausgehen können, ihr „subventioniertes“ Angebot während des Betriebs in die Gewinnzone zu bringen. Sicherlich sind die Initialkosten höher, aber das zahlt sich im Lebenszyklus mehrfach wieder aus.

Wie viele Anlagen wurden inzwischen nach dem Konzept errichtet und vom TÜV geprüft?

Lützel: Mit Sicherheit wurden schon viele Projekte nach den POM-Kriterien ausgeschrieben. Wir können und wollen das auch nicht kontrollieren. Ein Indiz für das Interesse sind die rund 60 Downloads der Ausschreibungstexte – Tendenz steigend. Mit Einführung des TÜV-Audits im Herbst 2010 haben wir zusammen mit dem TÜV Süd 30 POM-Gutscheine bereitgestellt, um den Roll-out anzustoßen. Die ersten Audits zeigen, dass der Einsatz geeigneter Automatisierungskomponenten allein nicht reicht; die Umsetzung des Konzepts ist ebenso wichtig. Deshalb gibt es auch die drei Abstufungen beim TÜV-Zertifikat – Gold, Silber und Bronze.

Qualitätslabel für die Gebäudeautomation

Mit Peace of Mind hat die Firma Saia- Burgess eine herstellerneutrale Leitlinie und Vorgaben geschaffen, die es einem Entscheider ermöglichen, seine Interessen jenseits der günstigen Erstinstallation durchzusetzen. Das Label definiert dazu auf der Grundlage von universellen und offenen Technologien die Anforderungen und Eigenschaften für die Ausführung von Automationslösungen in Gebäuden.

Kernelemente sind:

  • Ausschreibungs-Vortexte, welche komplett aus dem Blickwinkel und der Interessenslage des Endkunden gestaltet sind.
  • Engineering-Guideline mit Vorgaben zur MSR-Planung, Dokumentation und Abnahme der Automationslösung.

Nähere Informationen: http://www.pom-automation.com

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Gebäudeautomation

BACnet sorgt für Komfort im Hotel

In einem 110-jährigen Gebäudekomplex direkt am Ufer des Vierwaldstättersees in der Schweiz untergebracht, verbindet das Park Hotel Vitznau das historische Ambiente mit der Ausstattung eines modernen 5-Sterne-Luxushotels. Dafür, dass sich der...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Steuerungen am Internet

Wer haftet für die Security?

Mitte April geriet der zum Honeywell-Konzern gehörende Steuerungsanbieter Saia-Burgess in Kritik: Mit deren Regler ausgestattete und an das Internet angeschlossene Heizungsanlagen wiesen laut Medienberichten gefährliche Security-Schwachstellen auf,...

mehr...

Stromversorgungen

Power für den Mekka-Tower

Wenn es Nacht wird in Mekka, sind die grün leuchtenden Ziffernblätter der weltgrößten Turmuhr auch in einer Distanz von 25 km noch gut sichtbar. Hierfür sorgen zwei Millionen LEDs – und rund 1000 Stromversorgungen.

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Gebäudeautomation

Von zentral zu dezentral

Die Automatisierung von Gebäuden wird zum Spiegelbild der industriellen Fertigung: Die „Intelligenz“ wandert zunehmend weg von der zentralen Leittechnik hin zu dezentralen Netzwerk-Komponenten. Einher geht damit die Frage: Sollen diese mit oder ohne...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren