Funktionale Sicherheit

Wolfgang Stripf | Günter Herkommer,

Sicher abschalten über IO-Link Safety

Vor rund einem Jahr wurde die Version1.0 der technischen Spezifikation 'IO-Link Safety – System Extensions' veröffentlicht, an deren Erarbeitung mehr als 20 Firmen aus dem Umfeld der funktionalen ­Sicherheit beteiligt waren. Was hat sich seither getan?

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Die Technologie IO-Link zur Anbindung intelligenter Sensoren und Aktoren an Automatisierungssysteme hat sich im Maschinen- und Anlagenbau mittlerweile fest etabliert: Ende 2016 waren bereits 5,3 Mio. Knoten installiert, Ende 2017 über 8 Mio. Knoten. Ursprünglich für die Kommunikation im Umfeld nicht sicherheitsbezogener Applikationen entwickelt, hat sich die hinter IO-Link stehende Community seit ein paar Jahren auch systematisch mit dem Thema ‚Functional Safety‘ befasst. Im April 2017 ist schließlich die Version 1.0 der technischen Spezifikation ‚IO-Link Safety ‒ System Extensions‘ erschienen. Davor war das entsprechende Konzept der sicheren Kommunikation vom TÜV-SÜD bestätigt worden.

Bild 1: Funktional sichere Module am Remote I/O: Durch IO-Link Safety ist künftig die Vielzahl von FS-Modultypen auf einen FS-Master reduzierbar. Dies ist insbesondere für Kompakt-Remote I/O mit höherer Schutzart – zum Beispiel IP67 – vorteilhaft.

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Zum besseren Verständnis seien die Technik von IO-Link Safety und einige wichtige Vorzüge kurz vorgestellt. Ausgangspunkt ist die klassische Anbindung von einfachen Sicherheitsgeräten an Remote-I/O-Systeme am Feldbus mit einem funktional sicheren Kommunikationsprofil (FSCP), wie in Bild 1, links dargestellt: Je nach Typ des Sensors oder Aktors wird ein FS-AE (Analogeingang), FS-AA (Analogausgang), FS-DE (Digitaleingang) oder FS-DA (Digitalausgang) benötigt, um moderne Sicherheitslösungen realisieren zu können. Wie bereits bei Basis-IO-Link, wird mit IO-Link Safety die Vielfalt der E/A-Module auf einen Typ – den FS-Master – reduziert (siehe Bild 1, rechts). 

Bisher war die funktionale Sicherheit in der Automatisierung geprägt durch Abschaltfunktionen wie ‚Not-Aus‘ beziehungsweise ‚Not-Halt‘, und entsprechende binäre Sensoren wie Taster, Lichtgitter oder auch Laserscanner sind weit verbreitet. Mit IO-Link Safety ist es nun möglich, mehr analoge Messungen sicher zu erfassen und dann die Sicherheitssteuerung entscheiden zu lassen, ob abgeschaltet beziehungsweise sicher angehalten werden muss.

Prinzipiell lassen sich solche Applikationen auch schon auf der Feldbus-Ebene mit einem FSCP durch sichere Feldgeräte lösen. Allerdings: Mittlerweile gibt es weltweit bereits mehr als zehn FSCPs mit regionalen Schwerpunkten. Für Gerätehersteller, die eine weltweite Vermarktung anstreben, wären somit die Entwicklungsaufwände für die Kommunikationsanschaltungen größer als für die eigentliche Sicherheitstechnologie.

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Warum IO-Link Safety?

Bild 2: Universal FS-Device für alle FSCPs: Ein FS-Device beherrscht sowohl den OSSDe-Betrieb an klassischen FS-DE-Modulen als auch die sichere Kommunikation an FS-Mastern.

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Bild 2 zeigt die Lösung mit IO-Link Safety. Jeweils ein universelles FS-Device mit IO-Link Safety passt zu allen FSCPs, sofern es mindestens einen FS-Master für dieses FSCPx gibt. Da es in der Regel spezialisierte Hersteller sind, die sich mit IO-Link-Mastern an bestimmten Feldbussen befassen, ist es für diese Spezialisten auch naheliegend, sich der FS-Master-Variante zu widmen. Die FS-Device-Hersteller wiederum können sich ganz auf die Sicherheitsaufgabe ihrer Geräte konzentrieren. Bis sich dieser Markt etabliert hat, wird es eine Weile dauern. Hier hilft jedoch die generelle Migrationsstrategie von IO-Link: Es gibt den Übergang vom sogenannten SIO-Modus (Standard I/O-Schaltsignal) zum IO-Link-Kommunikationsmodus. Das heißt, ein Gerät kann sowohl im Schaltbetrieb an einem klassischen DE-Modul als auch im Kommunikationsbetrieb am neuen IO-Link-Master betrieben werden. Ganz ähnlich ist nun die Migrationsstrategie von IO-Link Safety. Der Schaltbetrieb beschränkt sich allerdings hier nicht nur auf ein Schaltsignal. Sichere Abschalt-Sensoren werden auch OSSD genannt (Output Switching Sensing Device). Dabei handelt es sich um redundante Schaltsignale, die anfangs von Relaisausgängen getrieben wurden und antivalent schalteten, um Kabelfehler aufzudecken. Im Zuge der Umstellung auf elektronische Lösungen kamen die äquivalent schaltenden Signale, weil bei Spannungsausfall kein antivalenter Zustand mehr möglich ist. Für die Aufdeckung von Fehlern dienen nun kurze, versetzte Testpulse, die vom Gerät rückgelesen und ausgewertet werden.

IO-Link Safety hat sich dafür entschieden, die Vielzahl an existierenden Testpulslösungen auf einen im Positionspapier CB24I des ZVEI definierten Typ ‚C‘ und Klasse ‚1‘ einzuschränken, der eine sehr große Zahl von Produkttypen am Markt abdeckt. Durch die maximale Leitungslänge von 20 m bei IO-Link sind die elektrischen Eigenschaften wohldefiniert und erlauben diese Vereinfachung. IO-Link Safety verspricht sich davon einen sehr stabilen Betrieb und eine Vereinfachung für den Anwender durch Wegfall von Filter- und Diskrepanz-Zeiteinstellungen (Versatz der beiden Signale). Die Lösung wird mit OSSDe bezeichnet.

Das zweite OSSDe-Signal ist bei IO-Link Safety auf den Pin 2 des M12-Steckers gelegt. Diese Belegung ist konform zu den Festlegungen der Automatisierungsinitiative der deutschen Automobilindustrie (AIDA).

Die Safety-Kommunikation

Bild 3: Das ‚Black Channel‘-Prinzip: IO-Link Safety benutzt die unver­änderte IO-Link Standardkommunikation als Transportmittel für seine gesicherten ­Prozessdaten zwischen der jeweiligen FS-Device-Technologie und dem Feldbus-Gateway (FSCP).

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Für den Kommunikationsbetrieb hat IO-Link Safety das bewährte ‚Black Channel‘-Prinzip gemäß Bild 3 gewählt. Das heißt: Auf den existierenden Kommunikationsstack des IO-Link-Masters (kurz Master) und des IO-Link-Devices (kurz Device) wird eine sichere Kommunikationsschicht aufgesetzt. Diese Schicht besteht neben einer Verwaltung aus einer Protokollzustandsmaschine für den Empfang und den Versand von sicheren Nachrichten (Safety PDU), die aus den sicheren Prozessdaten und einem zusätzlichen Sicherungscode bestehen. Das Protokoll ist verantwortlich für die Überprüfung des rechtzeitigen Empfangs neuer Daten, die vom korrekten Absender stammen und unverfälscht sein müssen.

IO-Link Safety kennt zwei Protokoll­formate: Ein Format ist für kleine Datenmengen bis maximal drei Oktett mit ­entsprechend kurzem Sicherungscode gedacht, das andere für maximal 25 Oktett mit längerem Sicherungscode. Bild 3 zeigt zudem die Verbindung der IO-Link-Safety-Kommunikationsschicht des FS-Masters mit der übergeordneten FSCP-Schicht des Feldbusses. Was die Realisierung betrifft, können die beiden Schichten als Software zum Beispiel in einer redundanten Einheit realisiert ­werden.

Bild 4: Die standardisierte Masterschnittstelle sorgt durch wohldefinierte Dienste für ein einheitliches FS-Master-Verhalten.

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Im Laufe des vergangenen Jahres kamen Forderungen auf, das Verhalten der IO-Link-Master besser zu harmonisieren und den Betrieb von Mastern unterschiedlicher Hersteller an einem Master-Tool zuzulassen. Als IO-Link vor etlichen Jahren entworfen und spezifiziert wurde, dominierten spezielle Feldbusse und es gab nur wenige Busse auf Basis von Ethernet. Eine harmonisierte Lösung konnte damals aus Mangel an ‚Übersichtswissen‘ nicht angegangen werden. Dies ist heute anders: Ethernet-basierte Feldbusse sind inzwischen die Regel und Erfahrungen beim ‚Andocken‘ von IO-Link an Feldbusse liegen inzwischen vor.

Bild 4 zeigt die obersten Schichten eines FS-Masters, bestehend aus dem Konfigurations-Manager, der Parameter-Datenhaltung, der azyklischen Kommunikation, der Diagnose-Einheit und dem zyklischen Prozessdatenaustauschs. Die standardisierte Masterschnittstelle – kurz SMI – spezifiziert standardisierte Dienste zu jeder dieser Einheiten, die vom Gateway aufrufbar sind. Das Gateway sorgt für die Anpassung an die jeweiligen Nutzerprotokolle. Zyklische Prozessdaten werden vom IO-Link Safety Protokoll zum Beispiel in das FSCP eines Feldbusses ab­gebildet und umgekehrt (‚Mapping‘ genannt). Azyklische Daten gelangen vom und zum FS-Master-Tool über eine IO-Link-zu-UDP-Umsetzung (User-Defined-Protokoll). Für das SMI sind die einzelnen Protokoll-Teilnehmer ‚Clients‘, die es zu verwalten gilt. Die Koordinierung von Zugriffen dieser Clients auf das SMI obliegt dem Gateway.

IO-Link Safety musste dieses SMI erweitern. So etwa beim Konfigurationsmanager wegen der zusätzlichen sicheren Parameter der Protokollzustandsmaschine (zum Beispiel Überwachungszeit). Eine Spezialität bildet der Splitter/Composer beim zyklischen Prozessdatenaustausch. Hier erfolgt die Abspaltung der Safety-PDU von den nicht sicherheitsbezogenen Prozessdaten in einer empfangenen IO-Link-Nachricht, beziehungsweise die Zusammensetzung vor dem Versand.

Kurzum: Das SMI ist für IO-Link Safety von essenzieller Bedeutung. Denn durch die nun detaillierten Festlegungen beim FS-Master lassen sich die Sicherheitsbeurteilungen von der Implementierungsebene auf die Spezifikationsebene vorverlegen und die Implementierungen werden wesentlich einfacher.

Development Kit oder Technologie-­Provider?

Die IO-Link Community ist in der erfreulichen Lage, ein gemeinsames Development Kit für IO-Link Safety nicht antreiben zu müssen. Unter den Mitgliedsfirmen gibt es sogenannte Technologie-Provider, die bereits in der Designphase eines Gerätes behilflich sind und Technologie-Komponenten (Stacks) anbieten. 

Durch die Neuerungen müssen die Testfälle in der Test-Spezifikation erweitert werden. Schon in der Designphase wurden die beiden Protokollzustandsmaschinen rechnergestützt simuliert mit dem Ziel, Testmuster für einen automatisierten Protokolltester zu generieren. Die Testmuster werden derzeit optimiert, um lange Testzeiten zu vermeiden.

Last but not least ist die Einarbeitung der SMI in eine Version 1.1 der IO-Link-Safety-Spezifikation erfolgt. Diese kann online heruntergeladen werden. Am Protokoll selbst hat es keine wesentlichen Änderungen gegeben. Konzeptbeurteilungen von Prüfstellen liegen vor.

Autor:
Wolfgang Stripf leitet das Projekt IO-Link Safety.

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