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Potenzial ungenutzt

Drei Viertel aller RFID-Projekte in deutschen Unternehmen bringen nicht den erhofften Nutzen – so das Resultat einer branchenübergreifenden Unternehmensbefragung des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnologie IPT und der P3 Ingenieurgesellschaft. Die Hintergründe.

Von Dr. Ulf Glaser, Mario Isermann, Dr. Michael Rübartsch, Prof. Dr. Robert Schmitt

Eine erfolgreiche Einführung der RFIDTechnologie (Radio Frequency Identification) in Unternehmen erfordert mehr als die isolierte Implementierung von RFID-Komponenten in ausgewählte Geschäftsprozesse. Neben der Integration und Optimierung der Prozesse, der Auswahl eines passenden Systems sowie einer genauen Wirtschaftlichkeitsprüfung ist auch ein effektives Projekt- und Change-Management unerlässlich. Die Studie von P3 und Fraunhofer IPT bestätigt Unternehmen eindeutig Defizite bei der Beachtung dieser Aspekte. Von den befragten Firmen gaben rund 100 – darunter mit 26 % als größte Gruppe der Maschinenund Anlagenbau – Auskunft zu ihren Erfahrungen mit RFID, der Zusammensetzung der verantwortlichen Projektteams, dem Ausmaß der Integration der Prozesse sowie zur Zufriedenheit mit ihren RFID-Projekten. Fast jedes vierte Unternehmen gab an, aufgrund mangelnder technischer Reife von RFID mit dem Resultat des Projektes nicht zufrieden gewesen zu sein.

Die Branchenzugehörigkeit der in der Studie „RFID ”“ Spielwiese für Technologiebegeisterte oder Schlüsseltechnologie zur Effizienzsteigerung von Geschäftsprozessen”œ befragten Unternehmen.

Besonders die technischen Anforderungen bestehender RFID-Systeme werden oftmals unterschätzt. So gaben 30 % der befragten Unternehmen an, im Vorfeld ihrer RFID-Projekte auf eine technische Machbarkeitsstudie verzichtet zu haben. Fatal – denn längst nicht jedes RFID-System ist für die Integration in jeden Prozess sinnvoll, wie ein im Rahmen der Studie durchgeführter technischer Vergleich verschiedener Systeme belegt:

In einer realen Industriebedingungen nachempfundenen Labor-Umgebung wurden umfangreiche Reichweiten-, Orientierungs- und Materialtests durchgeführt. Darüber hinaus wurde das Verhalten von RFID in industriellen Anwendungen untersucht – etwa auf Förderstrecken, bei der Einlagerung im Regal oder der Pulkerfassung. Besonderes Augenmerk lag hierbei auf der Bewertung von Unterschieden zwischen Ultra-Hochfrequenz-Systemen (UHF) und Hochfrequenz-Systemen (HF). UHF-Systeme, so das Resultat der Versuchsreihen, bieten in aller Regel deutlich höhere Reichweiten als HF-Systeme. Infolge der Ausbreitungscharakteristik elektromagnetischer Fernfelder weisen sie jedoch örtliche Inhomogenitäten auf. Diese können dazu führen, dass spezielle Transponder-Konstruktionen erforderlich werden, um in bestimmten Anwendungssituationen noch ausreichende Auslese-Ergebnisse gewährleisten zu können. Somit lassen sich letztlich keine generellen Aussagen über die Eignung von HF- oder UHF-Systemen treffen. Vielmehr kommt es auf eine gewichtete Bewertung der Kriterien an, die für die jeweilige Anwendung von Bedeutung sind.

Schwierigkeiten ergeben sich des Weiteren aus der Art der Materialien, auf denen RFID-Komponenten aufgebracht werden sollen. Insbesondere metallische Oberflächen können die Funktionalität eines RFID-Systems empfindlich stören und zur völligen Unauslesbarkeit der Transponder führen. Speziell abgeschirmte On-Metal-Transponder lassen sich zwar auch auf metallischen Oberflächen auslesen, dies hat jedoch erhebliche Reichweiteeinbußen zur Folge. Anwender müssen mit einer Reduktion der Reichweite auf bis zu 10 cm rechnen. Diese und weitere technische Einschränkungen wie die Inkompatibilität bestehender RFID-Standards verdeutlichen die Notwendigkeit größter Sorgfalt bei der Implementierung von RFID-Systemen.

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Einfache Anwendungen dominieren

Ein weiteres Ergebnis der technischen Vergleichsstudie ist, dass deutsche Industrie- und Handelsunternehmen bei komplexeren RFID-Anwendungen bislang eher zurückhaltend sind. Im Bereich des „Product Lifecycle Management“, des Konfigurations- oder auch des Änderungsmanagements gilt RFID noch als eher exotische Vision, während Unternehmen in relativ einfachen Anwendungen im Bereich des „Supply Chain Management“ sowie bei der internen Produktions- und Lagerlogistik das größte Potenzial von RFID sehen. Zweitstärkster Anwendungsbereich sind die Verwaltung der Produktionsmittel, die Lokalisierung von Betriebsmitteln und das Instandhaltungsmanagement im laufenden Betrieb. Bei diesen Anwendungen werden die hohen Erfassungsgeschwindigkeiten sowie die Beherrschung einer hohen Teilevielfalt als entscheidende Vorteile von RFID empfunden.

 

Die Studie hat nicht nur die Präferenz für die Implementierung eher einfacher RFIDAnwendungen zum Vorschein gebracht. Sie zeigt zudem, dass die Unternehmen bis dato nicht sehr weit fortgeschritten sind hinsichtlich der ganzheitlichen RFID-Integration in ihre Prozesse. Die Inkonsequenz bei der Automatisierung – auch unternehmensübergreifender – Prozessketten erscheint symptomatisch. So werden insbesondere wertschöpfende Unternehmensbereiche häufig nur marginal in den RFID-Projekten erfasst. Aber gerade die Integration und Optimierung der Prozesse entlang der Wertschöpfungskette mit der darauf aufbauenden Kombination von Daten-, Material- und Geldflüssen bringt Unternehmen mittel- bis langfristig Vorteile. Immerhin ist der Wille zur Kostensenkung in den Unternehmen vorhanden: Rund zwei Drittel der befragten Unternehmen geben Prozessverbesserungen und etwa 52 % geben Einsparungen bei den Logistikkosten als Ziele des RFID-Einsatzes an; gleichzeitig werden jedoch nur 40 % aller Prozesse unternehmensübergreifend integriert und automatisiert.

 

Unzureichende Wirtschaftlichkeitsprüfungen

 

Die Unternehmensbereiche, die die RFID-Einführung vorantreiben.

Wie die technische Analyse nahegelegt hat, ist die RFID-Technologie nicht für jeden Prozess und jedes Unternehmen in gleichem Maße sinnvoll. Es bedarf in jedem Fall einer detaillierten Wirtschaftlichkeitsbetrachtung, um bereits im Vorfeld feststellen zu können, ob sich eine Automatisierung lohnt, andere Verfahren wie Barcodes eventuell sinnvoller wären oder gar auf eine Automatisierung gänzlich verzichtet werden sollte. Auf solche Betrachtungen scheint jedoch ein Großteil der befragten Unternehmen zu verzichten. So gab lediglich ein Drittel der Teilnehmer an, auf einen „Business Case“ als Anstoß für ihr RFID-Projekt verweisen zu können. Und selbst wenn eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung vorlag, wurden deren Ziele oftmals nicht erfüllt. Augenscheinlich wird viel Geld in Pilotprojekte investiert, die das eigentliche Ziel von RFID häufig verfehlen – die Beschleunigung der Prozesse, die Reduktion der Fehleranfälligkeit und somit die Senkung der Kosten.

 

Schlüsseltechnologie RFID

 

Die Erfahrungen der Unternehmen haben ergeben, dass die isolierte Integration von RFID in ausgewählte Geschäftsprozesse nicht zwingend zu spürbaren Verbesserungen und Einsparungen führt. Neben der breit genutzten Fähigkeit, Daten automatisch einzulesen, liegen bislang unbeachtete Handlungsspielräume der Unternehmen in der Möglichkeit der zeitlichen sowie örtlichen Rückverfolgbarkeit.

 

Insgesamt zeigt die Studie, dass RFID durchaus eine Schlüsseltechnologie sein kann, die verschiedenen Prozesspartnern zu verschiedenen Zeiten und Orten Zugang zum gleichen Datenstamm ermöglicht. Nach wie vor stehen zwar logistische Einsatzmöglichkeiten im Fokus der Unternehmen, doch bietet RFID gerade im Bereich komplexerer Anwendungen bis dato ungenutztes Effizienzpotenzial. Und dieses wird sich bei einer unternehmensübergreifenden Integration von Wertschöpfungsketten noch vervielfachen, da der Dokumentationsaufwand gerade an den Unternehmensgrenzen sehr hoch ist.

 

Motivation für die Einführung von RFID.

Die Studie hat auch ergeben, dass RFID heute in erster Linie eine Spielwiese für technologiebegeisterte IT-Beauftragte und Logistiker ist. Um das volle Potenzial dieser Technik ausschöpfen zu können, müssen bestehende Prozesse künftig weitgreifend durch RFID-gestützte Prozesse ersetzt und bestehende Techniken an das neue System angepasst werden. Dieses umzusetzen wird sich aufgrund steigender Komplexität der Projekte für die Unternehmen zunehmend schwieriger gestalten. Der Erfolg eines Projektes kann nicht allein durch die Auswahl der richtigen RFID-Komponenten sichergestellt werden. Gefordert sind Dienstleister, die das nötige Know-how mitbringen und ganzheitliche Lösungen zur Schaffung von Prozesstransparenz an jeder Stelle und in Echtzeit unterstützen können. Hierzu gehören sowohl die Prozessanalyse, der Business Case, das Change Management, die Hard- und Software-Integration als auch die technische Expertise.

Autoren

Dr. Ulf Glaser arbeitet als Senior Consultant für die P3 Ingenieurgesellschaft in Aachen.

Mario Isermann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT.

 

Dr. Michael Rübartsch ist Geschäftsführer der P3 aviation GmbH, Hamburg, und der P3 ingénieurs SAS, Toulouse.

 

Prof. Dr. Robert Schmitt ist Leiter der Abteilung Produktionsqualität und Messtechnik des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnologie IPT.

 

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