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Artikel und Hintergründe zum Thema

Gassensoren

Eduard Schäfer | Inka Krischke,

Die künstliche Nase

Gase messen und auswerten ist bis dato Aufgabe von Mehrfachsensorsystemen. Nun soll es eine Art 'künstlicher Nase' ermöglichen, mit nur einem einzigen herkömmlichen Metalloxidsensor eine Vielzahl organischer und anorganischer Verbindungen selektiv zu erkennen.

© stock/wacomka

Gasförmig ist neben fest und flüssig einer der drei klassischen Aggregatzustände. Bekannte Gase sind Sauerstoff, Helium, Wasserstoff oder Propan – um nur einige zu nennen. Daneben gibt es aber komplexe Gasgemische wie Zigarettenrauch, Alkoholdämpfe oder unterschiedliche Gase, die bei Bränden entstehen. Im Gefahrenfall erfordert jedes Gas eine spezielle Reaktion, damit der Schaden in Grenzen gehalten wird: So müssen etwa bei einem Brand die Fenster fest geschlossen werden, um dem Feuer durch Sauerstoff keine zusätzliche Nahrung zu geben. Aus Gasleitungen austretendes Gas hingegen erfordert als Sofortmaßname, alle Fenster möglichst weit zu öffnen, um das ausströmende Gas zu neutralisieren.

Die Messung und Auswertung der jeweiligen Gase übernehmen Gassensoren. Hierbei handelt es sich einerseits um leistungsfähige Bauelemente, die ihre Aufgaben schnell und sicher erfüllen. Gleichzeitig sind es aber extrem komplexe Komponenten, die oft erst durch aufwendigere Beschaltungen ihr wahres Leistungspotenzial erreichen. Bekannte Konzepte verwenden beispielsweise sogenannte Sensor-Arrays, die bei Messungen gleichzeitig eingesetzt werden. Dabei generiert jeder Sensor für alle Gase einen individuellen Messwert – im Ergebnis erzeugen diese verschiedenen Messwerte einen charakteristischen Gasabdruck für die jeweilige Gasart. So entstehen einzigartige Muster, die sich ähnlich einer Fingerabdruckkartei in einer Bibliothek hinterlegen und bei Bedarf auf Übereinstimmung vergleichen lassen.

Der Nachteil dieser physikalischen Array-Technologie: Die einzelnen Sensoren reagieren unterschiedlich auf Veränderungen der Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Gaskonzentration sowie deren Langzeitdriftverhalten. Daraus resultieren mitunter Verfälschungen, so dass Sensor-Arrays häufig neu kalibriert werden müssen. Der Wartungsaufwand und die Kosten dafür sind hoch. Hinzu kommt gegebenenfalls die beachtliche Leistungsaufnahme dieser Mehrfachsensorsysteme.

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Fingerabdruck für jedes Gas

Verhältnis zwischen Sensorsignal und Gaskonzentration in einem doppellogarithmischen Diagramm.

© Figaro Engineering

Das Entwicklerteam von Unitronic setzt dem herkömmlichen Verfahren eine modernere Alternative entgegen: Das ‚virtuelle multifunktionale Gassensor-Array‘ (VGSA) verwendet nur einen einzigen Miniatur-Gassensor auf Basis eines oxidischen Halbleiters, der mittels einer speziellen Auswertung die diversen Gase voneinander unterscheiden kann. Die Art des Gases ermittelt der Sensor anhand der gasinduzierten Verzerrung periodischer Temperatursprünge: Halbleitersensoren haben die Eigenschaft, bei Temperaturschwankungen unterschiedlich empfindlich auf Gase zu reagieren. Um die Messgenauigkeit zu steigern, verwendet der ‚USM-VGSA‘ eine intelligente Temperierung. Für jedes Gas gibt es eine optimale Temperatur-Umgebung, die optimale Mess-Ergebnisse liefert. Zusätzlich zur Temperaturmodulation wertet das Modul die Leitfähigkeit (Impedanz) des Sensors aus, die ein Gas hervorruft. Bisher war bei der Signalverarbeitung in der Regel nur die Auswertung des ohmschen Widerstandes eines Sensors üblich.

Durch den Einsatz der Unitronic-Lösung sind die errechneten Signale frei von Einflüssen durch Luftfeuchte, Drift des Absolutwertes und den Memory-Effekt. Das Modul nutzt ein spezielles, hochempfindliches Auswertungsverfahren mit innovativen Algorithmen und Techniken. Die Technologie erzeugt mit Hilfe eines einzelnen Halbleitersensors mehrere einzelne Sensorsignale und entspricht so quasi einem virtuellen Sensor-Array. Die gewonnenen Sensorparameter enthalten komplexe gastypische und langzeitstabile Muster, die für jedes Gas eine Art Fingerabdruck darstellen.

Virtuelles Sensor-Array

Qualitative Aussagen über die Gasart erfolgen schematisch durch die Analyse des USM-VGSAs. Der virtuelle Sensor-Array stellt eine Art dritte Dimension dar, die in der Regel aus 48 Werten besteht.

© Unitronic

Aufgrund der kombinierten komplexen Auswertung sowie der Temperaturmodulation entsteht durch den Einsatz des Sensors eine neue Form der Auswertegrafiken: Normalerweise lässt sich das einfache Verhältnis zwischen Sensorsignal und Gaskonzentration in einem doppellogarithmischen Diagramm darstellen. Allerdings werden dabei keine qualitativen Aussagen zur Gasart möglich. Anders bei der Analyse des USM-VGSA, wo dies schematisch erfolgt. Der virtuelle Sensor-Array stellt eine Art dritte Dimension dar, die in der Regel aus 48 Werten besteht, wobei auch mehr oder weniger virtuelle Sensoren dabei verwendet werden können. Die ermittelten Werte sind auf der Z-Achse als Absolutwerte zwar variabel, im Verhältnis zueinander aber stabil.

Gasanalyse: Ein Metalloxidsensor detektiert unterschiedliche anorganische und organische gasförmige Verbindungen. Entstanden ist ein virtuelles multifunk­tionales Gassensor-Array.

© Unitronic

Die Funktion der ‚künstlichen Nase’ basiert im Endeffekt auf bestimmten Aspekten, von denen sich jeder aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung unterschiedlich auf das Sensorelement auswirkt. Das Eindringen der Gase in die sensitive Wirkschicht des Sensors ist bei jedem Gas anders.

Für die Ermittlung relevanter Ergebnisse wertet der Sensor 48 unterschiedliche Sensor-Einflussgrößen aus und extrahiert diese aus der Sensorschicht. So entsteht ein virtuelles 48-Sensoren-Array. Die 48 Messwerte sind gasspezifisch, wodurch quasi für jedes Gas eine Art ‚Fingerabdruck‘ entsteht. Die typischen Daten der jeweiligen Gase werden nicht durch Quereinflüsse wie Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Gaskonzentration beeinflusst. Werte, die der Sensor ermittelt, werden in einer Kartei gespeichert und stehen bei einer Messung jederzeit als Vergleichswert zur Verfügung. Wird dem System während eines Analyseverfahrens ein unbekanntes Gas oder Gasgemisch angeboten, vergleicht es die Merkmale mit den Daten der abgespeicherten Karteien. Ist das gesuchte Gas in der gespeicherten Kartei vorhanden, wird es problemlos identifiziert. Bei Bedarf kann das System sich jederzeit eigenständig nachjustieren, weshalb eine kostenaufwendige, manuelle Nullluft-Nachkalibrierung überflüssig wird.

Autor:
Eduard Schäfer ist Abteilungsleiter Sensoren bei Unitronic in Düsseldorf.

Einsatzfelder für intelligente Gassensoren

  • Brandmeldeanlagen zur Detektion von Frühbranderkennung. Das Analyseverfahren erkennt, welches Material gerade brennt und unterstützt die individuelle Erfassung unterschiedlicher Brandarten.
  • Gas-Alarm-Detektoren, mit denen sich explizit erkennen und erfassen lässt, welches Gas genau in einer Umgebung vorhanden ist. Verschiedene Gase haben unterschiedliche Explosionsgrenzen – Konzentrationen, die bei einem Gas als unkritisch gelten, können in der gleichen Konzentration bei einem anderen Gas die Bildung eines explosiven Gemisches verursachen. Mit herkömmlichen Messmethoden können auch Reinigungsmittel wie Alkohol oder Lösungsmittel einen Falschalarm auslösen, wenn sie im gleichen Raum eingesetzt werden. Eine genauere Gasanalyse kann solche Fehlalarme verhindern.
  • Analyse zur Vorbeugung größerer Schäden bei industriellen Anlagen. Hier lässt sich mit Hilfe der Sensorik gezielt nach be­stimmten Stoffen suchen, die vor einem unmittelbaren Total-Crash ausgedünstet werden.
  • Im Bereich ‚Weiße Ware‘ werden die Gassensoren eingesetzt, um die Luftqualität zu erfassen. Hier treten häufig Schwierigkeiten in Bezug auf Querempfindlichkeiten zur Luftfeuchtigkeit und Temperatur auf. Das Unitronic-Analyseverfahren wirkt diesem Problem ohne zusätzliche teure Sensoren zwecks Kompensation entgegen.
  • Hersteller industrieller Filteranlagen können davon profitieren, indem gezielt die Gase hinter dem Filter analysiert werden, um den Durchbruch des Filters rechtzeitig zu erkennen.
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