Sensorik 4.0
Das cyber-physische Produktionssystem
Welche Anforderungen an die Sensorik und die Messsysteme von morgen im Kontext von Industrie 4.0 bestehen, lässt sich mit Hilfe cyber-physischer Produktionssysteme eruieren. Das Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen stellt eines davon vor.
Entwicklungen im Kontext der Industrie 4.0 zielen im Allgemeinen darauf ab, die Produktion auf verschiedenen Ebenen der Automatisierungspyramide anhand von möglichst in Echtzeit verfügbaren Informationen zu optimieren. Dazu werden echtzeitfähige statistische, physikalische oder mathematische Modelle mit Realdaten gespeist, um das Verhalten von Prozessen, Anlagen, Lieferketten und Produkteigenschaften abzubilden und vorherzusagen. Der zunehmende Einsatz von Sensoren und die dadurch steigende Informationsdichte ermöglichen die Nutzung immer komplexerer und genauerer Modelle. Mögliche Aufgaben dieser Modelle sind etwa die Bestimmung des Maschinenzustands aufgrund thermischer Lasten zur volumetrischen Kompensation von Verformungen der Werkzeugmaschine.
In der Produktion werden Modelle in Form sogenannter cyber-physischer Produktionssysteme (CPPS) implementiert. Diese CPPS erfassen Daten über produktionsintegrierte Sensoren und Messsysteme in Echtzeit, speichern und werten Daten zum Zwecke der Modellbildung aus, interagieren durch Aktoren aktiv mit der physikalischen, menschlichen und digitalen Welt und sind über digitale Kommunikationseinrichtungen untereinander sowie mit dem Internet of Things (IoT) verbunden.
Sensorik in der Industrie 4.0
Grundstruktur eines cyber-physischen Produktionssystems (CPPS) für die selbstoptimierende Montage von Flugzeug-Strukturbauteilen.
© RWTH AachenEine Grundvoraussetzung für den Einsatz von CPPS ist die Versorgung der eingesetzten Modelle mit Realdaten. Hieraus resultieren Anforderungen an die (Weiter-)Entwicklung von Sensoren. Diese Anforderungen – dargelegt in der VDI Roadmap Fertigungsmesstechnik 2020 – adressieren die Geschwindigkeit, die Genauigkeit, die Sicherheit sowie die Flexibilität von industriell eingesetzter Sensorik.
CPPS erfordern die Integration von Messtechnik direkt in die Produktionsabläufe und -anlagen. Die Geschwindigkeit des Messvorganges beziehungsweise die Abtastrate ist dabei von großer Bedeutung, um die Abläufe dynamischer Prozesse nicht durch Warten auf den Messvorgang zu verzögern. Darüber hinaus muss die Sensorik dazu befähigt werden, Echtzeit-Anforderungen zu erfüllen und die erfassten Informationen umfassend beliebigen Empfänger gleichzeitig bereitzustellen. Eine automatisierte Datenvorverarbeitung am Sensor ist hierzu unabdingbar.
Null-Fehler-Strategien in der Produktion sowie die Reduzierung von Bauteil-Toleranzen erfordern eine höhere Genauigkeit. Dies kann einerseits durch die Weiterentwicklung der Sensor-Hardware erfolgen und andererseits durch eine Verringerung von Kalibrierunsicherheiten. Auch Kompensationsstrategien, die die Umgebungsbedingungen berücksichtigen, um Messunsicherheiten zu reduzieren, sind ein möglicher Ansatz.
Anforderungen an zukünftige Sensorik in Anlehnung an die VDI-Roadmap Fertigungsmesstechnik 2020.
© RWTH AachenEin Beispiel für einen Prozess mit hohen Anforderungen an Geschwindigkeit und Genauigkeit ist die roboterbasierte messtechnisch-gestützte Montage von Flugzeugbauteilen. Die hier geforderte Montagetoleranz von circa 0,1 mm lässt sich, bei Verzicht auf starre Vorrichtungen, nur durch eine messtechnische Überwachung und Regelung der Roboterposition vor jedem Montageschritt erreichen. Derzeit erfüllen nur wenige Messsysteme diese Anforderung, so dass entweder mehrere Messsysteme parallel eingesetzt oder größere Wartezeiten in Kauf genommen werden müssen.
Die Nutzung von Sensordaten zur Produktionsregelung erfordert, dass die Daten hinreichend abgesichert werden; die Messunsicherheit muss dazu bestimmbar und nachweisbar sein. Diese Forderungen sowie die Notwendigkeit der Rückführbarkeit wurden durch die Überarbeitung der ISO 9001 (2015) weiter verschärft. Neben dem allgemeinen Messunsicherheitsnachweis verfolgen aktuelle Entwicklungen zudem das Ziel, einzelnen Messwerten eine individuelle Messunsicherheit zuzuordnen – beispielsweise durch Zugriff auf Umgebungsinformationen wie etwa die Temperatur.
Flexible Produktion per Multisensorsysteme
Die Vielfalt der für den Betrieb von CPPS erforderlichen Informationen erfordert Multisensorsysteme, deren Informationen wiederum mittels Sensordatenfusion zusammengeführt werden müssen. Dies führt zu einer steigenden Informationsdichte, die es Anwendern erlaubt, die zu einem Bauteil gehörigen Daten für mehrere Anwendungen und damit flexibler zu nutzen. Gleichzeitig wird die Identifikation der für eine individuelle Anwendung relevanten Informationen jedoch erschwert. Erleichterung bringt eine Vorverarbeitung der Daten in den Sensoren. Anwendungen hierfür finden sich unter anderem in der Schadensdiagnose an Faserverbundwerkstücken, bei denen ein einzelnes Verfahren keine ausreichenden Informationen über einen Schaden bereitstellen kann. So ist es beispielsweise möglich, mittels Lockin-Thermografie zunächst auf der Makro-Ebene Defekte räumlich zu lokalisieren, um diese anschließend mittels Ultraschall näher zu klassifizieren.
Neben allgemeinen Anforderungen zur Verbesserung von Geschwindigkeit, Genauigkeit, Sicherheit und Flexibilität von Sensorik stellt die Industrie 4.0 die Anforderung nach einer ganzheitlich erfassenden und vernetzten Sensorik. Dies erfordert eine Standardisierung der informationstechnischen Anbindung intelligenter Sensoren. Neben der Standardisierung von Eingangsdaten für intelligente Sensoren (zum Beispiel ‚STEP‘ für Produktgeometrien) sind standardisierte dienstbasierte Ausgangsinformationen zur Kommunikation der Sensordaten notwendig. Die zunehmende Sensordichte und die damit verbundenen Datenmengen erfordern außerdem die Weiterentwicklung der gängigen Kommunikationsstrukturen zur echtzeitfähigen Übertragung hoher Datenraten.
Messtechnisch gestützte Montage in Bewegung
Messtechnisch gestützte Montage am Beispiel der Windschutzscheibenmontage in Bewegung am WZL der RWTH Aachen.
© RWTH AachenDas Beispiel der Windschutzscheiben-Montage am bewegten Fahrzeug am Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen zeigt die Potenziale eines CPPS zusammen mit moderner Sensorik auf.
Automatisierte Montageprozesse in der Endmontage der Automobil- und Nutzfahrzeug-Industrie erfolgen typischerweise innerhalb einer Ausschleusung aus der Fließmontage am stationären Produkt, um so die Positionierung und Orientierung von Montage-Objekt und Automatisierungstechnik zueinander zu vereinfachen. Nachteile dieses Verfahrens sind erhöhter Platzbedarf und technischer Aufwand für die notwendigen Pufferstrecken. Am WZL wird daher im Rahmen des AiF-Projektes ‚Fasim_XL‘ (‚Automatisierte Großbauteilemontage unter Fließbedingungen‘ – IGF-Nr. 18425N/2) eine flexible Lösung entwickelt, in der Sensorik eingesetzt wird, um ein Montage-Objekt – eine Lkw-Fahrerkabine – und das zu montierende Teil – die Windschutzscheibe – mittels Industrierobotern ohne Unterbrechung der Fließbewegung zu montieren.
Hierzu kommt ein sogenanntes Globales Referenzsystem (GRS) auf Basis des Messsystems ‚Nikon iGPS‘ zum Einsatz. Dieses großvolumige optische Messsystem ermöglicht es, ähnlich wie beim terrestrischen GPS, mittels spezieller Empfänger nahezu beliebig viele Punkte innerhalb des Messvolumens gleichzeitig mit einer Messunsicherheit von circa 150 µm zu bestimmen. Um die Positionierung der Windschutzscheibe an das Fahrzeug zu regeln, erfassen die Empfänger sowohl die aktuelle Position und Orientierung des Handhabungswerkzeugs am Industrieroboter als auch der Lkw-Fahrerkabine. Die Positionsinformationen der Fahrerkabine bilden die Eingangsgrößen für eine modellbasierte prädiktive Regelung, die ungleichmäßige Bewegungen wie Gieren, Taumeln oder Ruckeln auf dem Transfersystem ausgleicht und die Pose der Industrieroboter entsprechend regelt.
Am Szenario der Montage in Bewegung lassen sich die zuvor dargestellten Anforderungen beispielhaft darlegen: Für die Regelung des dynamischen Beispielprozesses sind eine hohe Messfrequenz von mindestens 50 Hz, eine kurze Messzeit sowie die Echtzeit-Fähigkeit des Messsystems erforderlich. Die Toleranz-Anforderungen bedingen zudem, dass die Messunsicherheit des eingesetzten Messsystems gemäß üblicher Empfehlungen mindestens eine Größenordnung besser sein sollte als die Zielgröße. Im Beispielsfall ist hierzu eine Messunsicherheit von circa 150 µm zwingend erforderlich. Während diese Anforderungen bereits erfüllt werden und die technische Machbarkeit des Lösungsansatzes schon demonstriert werden konnte, zeigen sich insbesondere in den Aspekten Sicherheit (beispielsweise Online-Abschätzung der Messunsicherheit zur Gewährleistung der Prozessfähigkeit) und Ganzheitlichkeit (zum Beispiel einfache Vernetzung) noch Defizite, die dem einfachen und robusten Einsatz in der Industrie bislang entgegenstehen.
Die Vernetzung einzelner Sensoren sowie die semantische Beschreibung und Bereitstellung der Sensordaten über Dienste ermöglichen den Aufbau von Sensornetzwerken. Durch die Kombination verschiedener Sensoren lassen sich virtuelle Sensoren bilden, die anhand virtueller Normale beschrieben werden. Diese virtuellen Sensoren können dazu herangezogen werden, auf nicht direkt erfassbare Prozessgrößen zu schließen, Sensordaten zu plausibilisieren oder im Falle eines Sensor-Ausfalls Ersatzwerte zur kurzzeitigen Überbrückung bis zur Reparatur des Sensors zu liefern.
Neue Geschäftsmodelle
Die Vernetzung von Sensoren und der vereinfachte Austausch von Sensordaten ermöglichen es zudem, Datenerfassung und -auswertung örtlich und zeitlich mit geringem Aufwand zu trennen. Für komplexe Auswertungen ist so ein Zugriff auf andernorts vorhandene Rechenleistung zur Datenverarbeitung möglich, ebenso wie auf das notwendige Expertenwissen für spezifische Anwendungen und das Know-how für die Anwendung von Data-Mining Werkzeugen und Deep-Learning-Methoden. Hieraus lassen sich neue Geschäftsmodelle ableiten, die auf der Auswertung von Kundendaten basieren: Dazu empfängt ein externer Dienstleister Sensordaten aus einer Anlage oder Messdaten verschiedener Messsysteme und wertet diese auf geeignete Weise aus.
Die beim Dienstleister gesammelten Datenmengen dienen zudem zur Weiterentwicklung der Modelle. Der externe Dienstleister kann ein eigenständiges Unternehmen oder eine zentrale Abteilung sein. Ein Beispiel hierfür ist die Diagnose von Beschädigungen an Fahrzeugen aus faserverstärkten Kunststoffen: In Reparaturwerkstätten wird dazu mit geeigneter Sensorik ein Schaden digitalisiert und die Messdaten an eine zentrale Diagnosestelle versendet. Diese wertet die Messdaten aus, stellt eine Diagnose und legt einen Reparaturprozess fest. Auf diese Weise wird eine aufwendige Qualifikation der Mitarbeiter vor Ort vermieden und gleichzeitig die Qualität der Auswertung gesteigert.
Autoren:
Guido Hüttemann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Modellbasierte Systeme am Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen;
Prof. Dr. Robert Schmitt ist Direktor am Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen sowie am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie.













