VDMA
Maschinen sicher entwickeln – von Anfang an
Durch die systematische Betrachtung von Security über den gesamten Entwicklungsprozess von Maschinen und Anlagen hinweg lässt sich trotz der Vielzahl an neuen Funktionen und Technologien eine Minimalisierung von Schwachstellen in den Produkten sicherstellen. Die Umsetzung.
Maschinen sicher entwickeln – von Anfang an
© Adobe Stock / NmediaDie Digitalisierung ist im Maschinen- und Anlagenbau in vollem Gange. Maschinen sind zunehmend miteinander und mit digitalen Services vernetzt und werden Teil des Industrial Internet of Things. Die Maschinen sind nicht länger geschlossene Systeme, sondern verfügen über Schnittstellen, die von außen und damit weltweit erreichbar sind. Dadurch bieten sie die heute von Kunden erwartete Funktionalität, eröffnen aber gleichzeitig die Möglichkeit für Cyber-Angriffe, die vom Ausspähen sensibler Daten zur Erlangung von geheimem Produkt- und Produktionswissen bis zur Manipulation und Störung des Betriebs reichen. Hinzu kommt, dass Sicherheitsschwachstellen auch die funktionale Sicherheit (Safety) beeinträchtigen können, denn: Bei vernetzten Systemen gibt es keine Safety mehr ohne Security!
Security – oft noch vernachlässigt
Während die Absicherung der funktionalen Sicherheit etabliert ist, wird die Angriffssicherheit (Security), also der Schutz vor Cyber-Angriffen, trotz der IT-Sicherheitsnorm IEC 62443 für ‚Industrial Automation and Control Systems‘ heute noch oft vernachlässigt – wenn überhaupt, wird die Angriffssicherheit erst sehr spät im Entwicklungsprozess untersucht, beispielsweise durch Penetrationstests. Werden dann Sicherheitsschwachstellen erkannt, ist eine Behebung durch eine (nachträgliche) Integration von Schutzmaßnahmen sehr aufwendig und kostenintensiv.
Für sichere (IT/OT-)Systeme muss Security – wie auch von der IEC 62443 ge-
fordert – ‚by Design‘ über den kompletten Lebenszyklus betrachtet werden, vor allem vom Beginn der Entwicklung an bis hin zum Dauerbetrieb. Herstellern und Integratoren fehlt dafür aber die notwendige Expertise, denn die zuständigen Produktentwickler und Konstrukteure verfügen oft nicht über hinreichende Sicherheitskenntnisse – und Security-Experten sind Mangelware. Laut der VDMA-Studie ‚Industrial Security 2019‘ sorgen bei den befragten Unternehmen auftretende Security-Vorfälle bereits heute für Kapitalschäden (50 %), Produktionsstillstand (31 %) oder Qualitätseinbußen (19 %). So ist nicht verwunderlich, dass Kunden immer häufiger die Erfüllung von Security-Vorgaben in ihren Einkaufsbedingungen fordern. Die Verbesserung des Kenntnisstandes der Produktentwickler und Konstrukteure hinsichtlich Security by Design kann also zu einem weiteren, entscheidenden Wettbewerbsvorteil des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus werden.
Security als Teil des gesamten Produktlebenszyklus
Ein typischer Entwicklungsprozess, der in den einzelnen Phasen um Schutzmaßnahmen im Sinne von Security by Design ergänzt wurde – angefangen bei der Bedrohungs- und Risikoanalyse über den sicheren Entwurf, Code-Reviews und Härtung bis zum sicheren Betrieb.
© Fraunhofer IEMDas Prinzip Security by Design beinhaltet im Kern die Betrachtung von Security über den gesamten Entwicklungsprozess hinweg. Dabei wird in allen Phasen während der Entwicklung auf Security-fördernde Maßnahmen gesetzt, um ein bestmöglich abgesichertes Produkt zu erstellen.
Zu Beginn der Entwicklung werden Anforderungen an das zu entwickelnde Produkt aufgenommen. Bereits in dieser frühen Phase ist die Betrachtung von Security ein integraler Bestandteil des Entwicklungsprozesses, um den Grundstein für ein solides Security-Konzept zu legen. Dazu werden in einem ersten Schritt die schützenswerten Güter (Assets) des Systems identifiziert. Assets umfassen dabei sowohl Hardware- und Softwarekomponenten als auch Daten und Programme, die einen hohen unternehmerischen Wert darstellen.
In einem zweiten Schritt werden mittels einer Bedrohungsanalyse systematisch Bedrohungen für die Assets identifiziert. Dazu wird zuerst bewertet, welche der drei klassischen Schutzziele – Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit – sowie der sogenannten ‚Triple A‘-Schutzziele – Authentifizierung, Autorisierung und Accountability (Zurechenbarkeit) – für das jeweilige Asset erfüllt werden müssen. Auf Basis der Schutzziele werden Bedrohungen an das Produkt und dessen Assets abgeleitet.
Die Ergebnisse der Bedrohungsanalyse wiederum liefern wichtige Erkenntnisse für die Durchführung einer Risikoanalyse. Diese bildet einen integralen Bestandteil eines auf der IEC 62443 aufbauenden Cybersicherheits-Managementsystems und ermöglicht in dieser Phase die Bewertung von Risiken auf Design-Ebene. Als Risiko wird dabei die Kombination möglicher Bedrohungen, Schwachstellen und deren Auswirkungen bezeichnet. Das Risiko wird qualitativ ermittelt. Im Sinne der IEC 62443 dient der Prozess der Risikoanalyse auch dazu, entsprechende Sicherheitslevel festzulegen. Diese reichen von keinem besonderen Schutz (SL-0) über den Schutz gegen vorsätzliche Verstöße mit einfachen Mitteln (SL-2) bis zum Schutz gegen gezielte Angriffe mit hohem Ressourcenaufwand (SL-4). Aber nicht nur Informationen zur Sicherheitseinstufung von Systemen und ihren Komponenten sind ein Ergebnis einer Risikoanalyse, sondern auch Informationen zum notwendigen Einsatz von Gegenmaßnahmen, die im sicheren Entwurf in Betracht gezogen werden können.
Der ‚Defense in Depth‘-Ansatz
Ein beispielhafter Schulungsaufbau für praxisnahe Ausbildung. Der Demo-Aufbau enthält typische Automatisierungskomponenten und wird im Rahmen der Schulung als Praxisbeispiel in den einzelnen Phasen des Entwicklungsprozesses verwendet.
© VDMAIn der zweiten Phase der Entwicklung – dem Entwurf – wird auf Basis der funktionalen und sicherheitsrelevanten Anforderungen ein Konzept erstellt, das sowohl die Hard- als auch die Software berücksichtigt. Ein wichtiges Prinzip bei der Erstellung eines sicheren Entwurfs ist ‚Defense in Depth‘. Dabei werden mehrere Schutzmechanismen in das Produkt integriert mit dem Ziel, eine ausreichende Redundanz für den Fall zu schaffen, dass ein Schutzmechanismus ausfällt oder von einem Angreifer umgangen wird. Damit steigt der Aufwand für einen erfolgreichen Angriff auf ein Produkt signifikant.
Ein Beispiel für einen solchen Schutzmechanismus ist die Verwendung von Netzwerk-Segmentierung im Systementwurf. Dabei wird das Netzwerk zunächst in seine wesentlichen Bereiche getrennt (Zonen) und mögliche Kommunikationsbeziehungen und Verbindungen (Conduits) identifiziert. Auf dieser Basis können innerhalb der Risikoanalyse den Zonen und Conduits Sicherheitslevel und -anforderungen zugeordnet werden. Nun lassen sich Zonen mit unterschiedlichen Sicherheitsleveln voneinander trennen, zum Beispiel durch eine entsprechende Netzwerk-Infrastruktur wie Firewalls. Dieses Vorgehen ermöglicht den effizienten Einsatz von Sicherheitsfunktionen an genau den Stellen, an denen diese am sinnvollsten sind. Dem ‚Defense in Depth‘-Ansatz folgend, hilft dieses Vorgehen auch bei der Bewältigung von möglichen Angriffen, indem zum Beispiel das einfache Ausbreiten eines Angriffs verlangsamt oder sogar unterbunden werden kann.
Die Produkt-Realisierung
Dr. Christian Haas leitet die Gruppe ‚Sichere vernetzte Systeme‘ am Fraunhofer IOSB.
© Fraunhofer IOSB.In der dritten Phase der Entwicklung, der Realisierung, wird das Produkt auf Basis des Konzepts umgesetzt. Dabei müssen sich Konstrukteure und Entwickler ständig bewusstmachen, dass bereits kleine Abweichungen vom Konzept zu Schwachstellen im Produkt führen können. Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass häufig die gleiche Art von Fehlern während der Realisierung von Entwicklungsprojekten gemacht wird – und zwar branchenübergreifend. Daher sollten Entwickler durch regelmäßige Schulungen weitergebildet werden und prozessuale Maßnahmen eingeführt werden, die Entwickler dabei unterstützen, möglichst wenige Fehler zu machen.
Eine wirkungsvolle Maßnahme stellt das Code-Review dar. Dazu wird das entwickelte Programm von mehreren Entwicklern anhand einer definierten Checkliste begutachtet, wodurch sich Schwachstellen frühzeitig entdecken und beheben lassen. Da das Code-Review sehr aufwendig und daher zeit-intensiv ist, sollten besonders kritische Teile eines Programms priorisiert begutachtet werden. Zusätzlich sollten statische Analysewerkzeuge eingesetzt werden, die automatisiert das gesamte Programm auf potenzielle Schwachstellen analysieren. Die so gefundenen potenziellen Schwachstellen sollten dazu regelmäßig von den Entwicklern überprüft und bei Identifikation von echten Fehlern behoben werden.
Auch die Veröffentlichung beziehungs-weise die Inbetriebnahme eines Produkts spielt beim Prinzip Security by Design eine wichtige Rolle. Immer wieder zeigt sich, dass Produkte in unsicheren Zuständen betrieben werden und Schutzfunktionen explizit deaktiviert sind – zum Beispiel, weil Produkte im Entwicklungsmodus ausgeliefert werden. Daher muss die Aufrechterhaltung der Sicherheits-eigenschaften im Betrieb ein Ziel sein. Erreichen lässt sich dies unter anderem durch gezielte Systemhärtung. Dabei werden Systeme so konfiguriert, dass nur notwendige Dienste aktiviert beziehungsweise überhaupt verfügbar sind, und damit sichergestellt, dass sämtliche Schutzfunktionen aktiviert sind, um mögliche Angriffsflächen minimal zu halten. Für diese ‚sicheren‘ Konfigurationen gibt es eine Vielzahl an Orientierungswerken – sie reichen von Behördenrichtlinien (zum Beispiel des BSI) über Standards und Normen bis zu den Vorgaben der Komponenten-hersteller. Die Integration und Auslieferung der Produkte sollte Bestandteil des Sicherheitskonzepts sein und muss sichergestellt werden. Dies schließt eine Dokumentation dieser Vorgaben für den Betreiber explizit mit ein.
Während des Betriebs des Produkts können Schwachstellen für selbstentwickelte Teile des Produkts oder für verwendete zugekaufte Komponenten bekannt werden. Der Hersteller muss in jedem Fall die Schwere der Schwachstelle bewerten und Gegenmaßnahmen planen, umsetzen und an die Kunden verteilen, die entsprechende Produkte im Einsatz haben. An dieser Stelle zahlt es sich bereits aus, wenn während der Entwicklung ein Konzept für ein nachträgliches Aufspielen von Sicherheits-Updates entwickelt wurde. Um für diesen Ernstfall bestmöglich vorbereitet zu sein, ist es daher wichtig, bereits im Vorfeld einen Plan zum richtigen Umgang mit Schwachstellen zu erarbeiten. Typischerweise wird dazu ein sogenanntes ‚Product Security Incident Response Team‘ (PSIRT) im Unternehmen etabliert, das sich um die vorsorgliche Planung sowie im Ernstfall um die Koordination der oben genannten Aktivitäten kümmert und so den sicheren Betrieb aufrechterhält.
Gut geschult
Durch die systematische Betrachtung von Security über den gesamten Entwicklungsprozess hinweg kann auch bei steigender Komplexität durch neue Funktionen und Technologien, eine Minimalisierung von Schwachstellen in den Produkten sichergestellt werden. Allerdings verlangt die Umsetzung des Prinzips ‚Security by Design‘ geschulte und ausgebildete Mitarbeiter, die dieses Prinzip verstanden haben und in ihren Aufgaben-bereichen anwenden können.
Aus diesem Grund haben das Fraunhofer IEM und das Fraunhofer IOSB in enger Zusammenarbeit mit dem VDMA Arbeitskreis Industrial Security und dem Maschinenbau-Institut ein Seminar zu ‚Security by Design – Maschinen von Beginn an sicher entwickeln‘ konzipiert und bereits in einer Pilotschulung erfolgreich erprobt. Ziel des Seminars ist es, das erforderliche Know-how in die breite industrielle Praxis zu transferieren. Um die Lerninhalte praxisnah zu vermitteln, werden die einzelnen Themenblöcke mittels Übungen in Kleingruppen vertieft und am Schulungsdemonstrator veranschaulicht. Somit sind die Schulungsteilnehmer bestens auf die Herausforderungen der Digitalisierung vorbereitet und wissen, wie IEC-62443-konforme Produkte zu entwickeln sind.
Informationen zu den Inhalten und Terminen finden Sie hier.


















