Safety

Niels Alpers | Günter Herkommer,

Lockout Tagout - was steckt dahinter?

Energie kann in jeder Form gefährlich sein, wenn sie unbeabsichtigt oder unkontrolliert freigesetzt wird. Sogenannte LoTo-Programme, wie sie in den USA bereits vorgeschrieben sind, können helfen, diese Gefahren zu beherrschen.

© Pilz

Unfälle an Maschinen und Anlagen geschehen oft, weil die Energiezufuhr nicht richtig abgeschaltet war. Aus diesem Grund fordern sowohl die US-amerikanische Bundesrichtlinie 29 CFR 1910.147 als auch die europäischen Arbeitsplatzrichtlinien, dass Maschinen und sonstige Arbeitsausrüstung von der Energiezufuhr getrennt werden und so gesichert sind, dass die Maschine durch gespeicherte Energie nicht unerwartet anläuft beziehungsweise Maschinenteile sich nicht unerwartet bewegen.

Eine Maschine von der Stromzufuhr zu trennen, kann mit Blick auf das Thema Sicherheit ausreichen, wenn die Trennvorrichtung von der Person, die die Arbeit ausführt, einsehbar ist. Entscheidend ist aber, dass keine an-deren Personen die Maschine wieder an das Stromnetz anschließen können. Das Thema Wartung ist dabei unter ­sicherheitstechnischen Aspekten besonders zu betrachten, da hier im Vergleich zur Produktion deutlich mehr tödliche Arbeitsunfälle passieren. So ereignen sich laut der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) 21 % solcher Arbeitsunfälle bei der Instandhaltung!

In Deutschland gelten für Instandsetzungs- und Wartungsarbeiten an Maschinen beziehungsweise Arbeitsmitteln die Vorgaben der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV). Relevant ist §10 „Instandhaltung und Änderung von Arbeitsmitteln“. In Absatz 3 ist dort fest-gehalten, dass der Arbeitgeber alle er-forderlichen Maßnahmen zu treffen hat, damit Instandhaltungsarbeiten sicher durchführbar sind. In den Nummern 6 bis 9 wird weiter konkretisiert: „Dabei hat er insbesondere:

■ Gefährdungen durch bewegte oder an gehobene Arbeitsmittel oder deren Teile sowie durch gefährliche Energien oder Stoffe zu vermeiden (Nr. 6). 
■ Dafür zu sorgen, dass Einrichtungen vorhanden sind, mit denen Energien beseitigt werden können, die nach einer Trennung des instandzuhaltenden Arbeitsmittels von Energiequellen noch gespeichert sind; diese Einrichtungen sind entsprechend zu kennzeichnen (Nr.7).
■ Sichere Arbeitsverfahren für solche Arbeitsbedingungen festzulegen, die vom Normalzustand abweichen (Nr.8). 
■ Erforderliche Warn- und Gefahrenhinweise bezogen auf Instandhaltungsarbeiten an den Arbeitsmitteln zur Verfügung zu stellen (Nr.9).

Weiterhin finden in Deutschland die fünf grundlegenden Sicherheitsregeln nach DIN VDE 0105-100 für das si-chere Arbeiten an elektrischen Anlagen Anwendung:

■ freischalten;
■ gegen Wiedereinschalten sichern;
■ Spannungsfreiheit feststellen;
■ erden und kurzschließen;
■ benachbarte, unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken. 
 

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Die USA sind konkreter

Konkretere Vorgaben zur Umsetzung macht die BetrSichV nicht. Anders in den USA: Die ‚Occupational Safety and Health Administration‘ (OSHA), eine Abteilung des Arbeitsministeriums der USA, definiert gefährliche Energien und beschreibt, wie mit ihnen umzugehen ist.

Lockout Tagout ist die systemische Trennung von Maschinen sowie die Sicherung gegen Wiederanlauf. Zum LoTo-System gehören darüber hinaus die Entwicklung von Verfahren zur Maschinentrennung sowie die Schulung von Maschinenbedienern.

© Pilz

Dezidiert bestimmt die US-amerikanische Bundesrichtlinie 29 CFR 1910.147, dass Maschinen und sonstige Arbeitsausrüstung in speziellen Betriebsarten wie Reinigung, Wartung und Instandhaltung von der Energiezufuhr getrennt werden und so gesichert sind, dass ein unerwartetes Einschalten oder ein unerwarteter Anlauf von Maschinen und Ausrüstungen oder die Freisetzung gefährlicher Energie ausgeschlossen ist. Die Vorgaben werden dort unter dem Begriff Lockout Tagout – kurz LoTo – zusammengefasst. Oder auf Deutsch: Wiedereinschaltsperre und Kennzeichnung. 

Traditionell wird LoTo mit der Trennung von elektrischer Energie in Verbindung gebracht. Es können jedoch alle Energieformen gefährlich sein, daher ist für sämtliche Energiequellen zu untersuchen, ob die Wiedereinschaltsperre/Kennzeichnung anzuwenden ist. Energie kann zum Beispiel in mecha-nischen Teilen gespeichert werden, die sich aufgrund der Massenträgheit weiter bewegen (etwa bei vertikalen ­Achsen), in Kondensatoren, Akkumulatoren, in unter Druck stehenden Flüssigkeiten und Gasen sowie in Federn.

Sofern gespeicherte Energie Gefahren verursachen kann, müssen dem­entsprechend Einrichtungen für die ­Ableitung oder Rückhaltung der gespeicherten Energie in die Maschine integriert werden. Beispiele für solche Einrichtungen sind Widerstände (zur Entladung von elektrischen Kondensatoren) oder Ventile mit entsprechender Leitungsentlüftung.

Bestandteile von LoTo: ­Sperren und …

LoTo besteht zum einen aus einer physikalischen Sperre. Das kann ein Hauptschalter sein oder einer Trenneinrichtung, mit der die Übertragung oder Freisetzung von Energie physikalisch verhindert wird – zum Beispiel Trennschalter, Schieber, Ventile, Sperren und Blindflansche. Hinzu kommt ein ‚persönliches‘ Sicherheitsschloss. Ein Schloss also, das einer Person übergeben wird, damit diese einen Hauptschalter in der Stellung ‚Aus‘ oder ein Ventil in einer festen, geschlossenen Stellung sperren kann. Abhängig von den Unternehmensregeln müssen beispielsweise alle Schlüssel für ein ‚persönliches‘ Sicherheitsschloss von der Person aufbewahrt werden, an die das Sicherheitsschloss ausgegeben wurde oder an einer geeigneten Stelle gelagert werden. Ob es zusätzliche Schlüssel gibt und wer diese besitzt, muss im Unternehmen geregelt sein.

Die Sperre stellt sicher, dass die ­Maschine nur dann betreibbar ist, nachdem diese wieder ordnungsgemäß gelöst wurde. Des Weiteren wird verhindert, dass ein Bediener die Maschine willkürlich starten kann. Not-Halt-Taster gehören dabei nicht zu Trenneinrichtungen.

… kennzeichnen

LoTo umfasst daneben die entsprechende Kennzeichnung der Trenneinrichtung über ein Schild oder per Anhänger am Schloss: Warum sind die Ausrüstungen gegen Wiedereinschalten gesichert beziehungsweise entsprechend gekennzeichnet? Wer hat LoTo genehmigt? Wer hat LoTo durchgeführt? Wie lange dauert die Sperrung? Bei wem sind weitere Informationen erhältlich? 

Bei LoTo geht es jedoch nicht nur darum, ein Schloss und ein Hinweisschild anzubringen. Es ist ein umfassendes Programm, das weitreichend in das Unternehmen und den Umgang mit Maschinen eingreift. Das Ziel ist ein Prozess, mit dem unter normalen Betriebsbedingungen und unter anderen vorhersehbaren Bedingungen der sichere Umgang mit gefährlichen Energiequellen gewährleistet ist.

Wie immer im Bereich Maschinen-sicherheit ist der erste Schritt eine Beurteilung der vorhandenen Maschinen und Energien. Konkret gehören dazu die Ermittlung und Beurteilung von Risiken und Gefährdungen, die Ermittlung von Quellen gefährlicher Energie, die Bestimmung der Trennpunkte und die Festlegung zusätzlicher erforderlicher Maßnahmen (wie etwa Entlüftungen, Bremsen).

Ebenfalls zu Beginn des LoTo-Prozesses ist festzulegen, welche Personen dafür verantwortlich und welche Personen an LoTo beteiligt sind. Es ist zu klären, welche Erlaubnisse und Freigaben für die Arbeiten erforderlich sind. Danach gilt es, einen auf die individuellen Bedürfnisse des Unternehmens zugeschnittenen LoTo-Prozess zu erstellen. In diesem werden unter anderem die einzelnen Schritte und Zuständigkeiten beschrieben. 

In der Regel besteht eine LoTo-Pro-zedur aus den folgenden Schritten: 

1.    Beurteilung und Vorbereitung der an der Maschine durchzuführenden Aufgabe/Arbeit;
2.    Übergabe der Ausrüstung: Die Ausrüstung (Lock & Tag) kann zentral (Meister) oder auch dezentral (Instandhalter) verwaltet werden.
3.    Energie trennen und Wiedereinschaltsperre plus Kennzeichung anbringen;
4.    Prüfung von Punkt 3;
5.    Durchführung der Aufgabe wie zum Beispiel Wartung;
6.    Genehmigung zur Freigabe und Aufhebung der Trennung;
7.    Aufhebung der Trennung durch Entfernen der Wiedereinschaltsperre sowie der Kennzeichnung;
8.    Prüfung;
9.    Rückgabe der Ausrüstung.

Wer die Maschinen wieder frei gibt, ist abhängig von den spezifischen Vorgaben im Unternehmen. Zu den weiteren Bestandteilen des Prozesses zählen die Festlegung von Zweck, Umfang und Regeln des LoTo-Verfahrens, die Beschreibung und Festlegung der anzuwendenden Energiesteuerungsverfahren sowie die Beschreibung der Mittel zur Durchsetzung und Einhaltung des Programms. 

Grundsätzlich muss die Trennung von einer Energieversorgung sichtbar sein (sichtbare Unterbrechung der Energieversorgungskreise) oder durch die eindeutige Position der Handsteuerung (Aktuator) der Trenneinrichtung angezeigt werden. Für die Überprüfung des energiefreien Zustands von Teilen einer Maschine, in beziehungsweise an der Eingriffe vorgenommen werden sollen, sind Einbaugeräte wie Manometer oder Prüfpunkte bereitzustellen. Darüber hinaus sind Baugruppen, die gefährliche gespeicherte Energie enthalten und sich entfernen oder demontieren lassen, mit dauerhaften Beschriftungen zu versehen, die vor den Gefahren aufgrund der gespeicherten Energie warnen.

Software-unterstützte ­Dokumentation

Bei der Dokumentation von Lockout-Tagout-Prozessen können Software-Tools wie Pasloto von Pilz unterstützen: Mit Hilfe dieser Software können unter anderem LoTo-Berichte erstellt und die unternehmenseigenen LoTo-Regeln geprüft werden. Darüber hinaus erstellt das Tool das Plakat zur Dokumentation der gesamten LoTo-Prozedur einer Anlage und ermöglicht es, Fotos der Maschine und der Energiequellen zum Lockout-Tagout-Plakat hinzuzufügen. 

Mit einer entsprechenden Software zur Dokumentation von Lockout-Tag­out-Prozessen lassen sich Tätigkeits­beschreibungen für den Umgang mit gefährlichen Energiequellen einfach erstellen und dokumentieren.

© Pilz

Für den Erfolg letztendlich aber entscheidend ist: Das Personal muss in diesem Verfahren geschult werden. Dies gilt für das gesamte Personal, unabhängig von der jeweiligen Rolle im Unternehmen, da alle Mitarbeiter verstehen müssen, wofür LoTo steht. Befugte Mitarbeiter benötigen ein inten-sives Training, beteiligte Mitarbeiter müssen über LoTo informiert sein und dürfen keine Wiedereinschaltversuche unternehmen. Weitere Mitarbeiter müssen die Bedeutung einer Absperrung kennen und auch Mitarbeiter von Fremdfirmen sind bei den Schulungen zu berücksichtigen.

Kurzum: Das Verfahren ist im gesamten Unternehmen zu implementieren. – Schließlich gilt es, das System laufend zu überwachen und dahingehend zu überprüfen, ob es ordnungsgemäß funktioniert und alle Elemente erfasst werden. 

Als Nebeneffekt kann eine vorausschauende Erkennung von Mängeln und Schwächen von Trennsystemen und die Implementierung von Korrekturmaßnahmen ermöglicht werden. Nicht zuletzt soll die Reaktionsfähigkeit bei Vorfällen ermittelt werden, und in welcher Beziehung diese Vorfälle zu organisatorischen Veränderungen stehen.

Zur Unterstützung bei der Umsetzung eines LoTo-Systems bietet beispielsweise Pilz ein Komplettpaket, das aus zwei Stufen besteht: Lockout-Tagout-Analyse und individuelle Lockout-­Tagout-Verfahrensentwicklung. 

Zudem unterstützen Sicherheitsexperten Unternehmen bei der Beurteilung von bestehenden LoTo-Programmen. Zwar ist nach europäischem Recht ein Lockout-Tagout-Programm keine Pflicht, jedoch lassen sich mit diesem Verfahren die Vorgaben der BetrSichV erfüllen.

Autor: Niels Alpers ist tätig im Bereich Customer Support bei Pilz.

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