Genua

Arnold Krille und Simon Daum | Andrea Gillhuber,

KI in Industrial Security

Die Komplexität in Kommunikations- und Produktionsnetzen wird weiter anwachsen. Für das menschliche Gehirn ist sie kaum noch zu durchdringen. Auch für die Cyber-Sicherheit industrieller Anlagen wird dies zum Problem. Unterstützung naht von Seiten der KI-Security-Forschung.

© ZinetroN / Shutterstock.com

Die physische Trennung zwischen IT- und OT-Kommunikationsnetzwerken (Operational Technology) ist angesichts smarter Fabriken, Predictive Maintenance und Industrie 4.0 kein zeitgemäßes Sicherheitskonzept mehr. Die Folge vernetzter Umgebungen ist, dass Angreifer immer häufiger einen Weg in die immer komplexeren industriellen Produktions- und Prozesssteuerungsumgebungen finden. In Office-Netzen können bei Angriffen alle Verbindungen für eine kurze Zeit unterbrochen werden, um den Angreifer abzuwehren. Im OT-Netz ist das nicht möglich, denn hier ist die Verfügbarkeit der Anlagen das Wichtigste. Daher setzt sich inzwischen eine andere Schutzstrategie durch: Der Zero-Trust-Grundsatz ‚never trust, always verify‘ gewinnt an Bedeutung. Wo bisher galt „Wer in meinem Netz ist, dem kann ich vertrauen“, muss künftig gelten „Ich vertraue erst einmal niemandem“ (Zero Trust Network Access, ZTNA). Dies ist insbesondere bei älteren Produktionsanlagen (Brownfield) wichtig, die immer stärker vernetzt werden. Hier sind fünf Grundsätze hilfreich:

  • Es ist nicht mehr nur der zentrale Zugang zum Netzwerk zu schützen. Die besondere Aufmerksamkeit gilt auch den Zielsystemen und den einzelnen Netzwerk-Assets. Dafür müssen alle Aktivitäten im Netzwerk überwacht und protokolliert werden. Im Kern geht es um Prävention und frühe Detektion.
  • Die Transparenz im Netzwerk muss verbessert werden: Welche Assets befinden sich im Netzwerk und welche haben einen höheren Schutzbedarf? Es ist zu klären, wer mit wem sprechen und wer was tun darf.
  • Für Identitäten, Rollen und Rechte muss das Minimalprinzip gelten. Erlaubt ist nur, was notwendig ist.
  • Für die Kommunikation dürfen nur spezifische Dienste zugelassen und nicht ganze Systeme oder sogar Netze gekoppelt werden.
  • Erforderlich ist eine schnelle und anpassungsfähige Schutzstrategie.

Diese Grundsätze erhöhen die Anforderungen an die Administration des OT-Netzes weiter. Weil die OT-Opera-toren mit den erforderlichen Regeln für das Netz, die Dienste und Assets schon heute überfordert sind, ist eine intelligente Unterstützung notwendig.

Ganzheitliches intelligentes Bedrohungsmanagement

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Bild1: Übersicht aktueller Markt- und Technologietrends sowie ihre Auswirkungen auf die IT-Security. Zum Beispiel entstehen durch das Internet of Things komplexe, stark verteilte, dynamische Kommunikationsnetzwerke.

© Genua

In einer Zero-Trust-Strategie reicht es nicht mehr, mit Systemen für Intrusion Detection (IDS) und Intrusion Prevention (IPS) Auffälligkeiten im Datenstrom zu analysieren. Schickt beispielsweise eine beliebige Netzkomponente einen Steuerungsbefehl an eine Zentrifuge, ist im Datenstrom selbst nichts Auffälliges zu erkennen und es wird deshalb nichts detektiert. Es wird nicht überprüft, ob diese Netzkomponente ein solches Signal versenden darf oder ob dieses Verhalten ungewöhnlich ist. So können Angreifer Anlagenkomponenten im Netz übernehmen, ohne dass dies sofort auffällt. Deshalb wird es essenzieller, Angriffe früh zu erkennen und einzudämmen. Dies wird möglich, indem das Verhaltensmuster aller Netzwerkgeräte (Assets) überwacht und definierten Regeln zugeordnet wird. Dafür muss jederzeit bekannt sein, wer mit wem kommuniziert und welche Verbindungen erlaubt sind. Zusätzlich helfen unterschiedliche Sicherheitszonen, für besonders sensible Daten und Systeme einen höheren Schutzstatus einzurichten.

Der erhöhte Überwachungs- und Regelungsbedarf ist mit herkömmlichen manuellen Maßnahmen künftig nicht mehr beherrschbar. Den Operatoren der OT-Netzwerke ist es schon heute kaum noch möglich, der Vielzahl an Aufgaben und Anforderungen gerecht zu werden. Oft fehlt es zudem an Erfahrung und Zeit, sich das erforderliche Wissen anzueignen. Die Lösung liegt in intelligenten Systemen, die den OT-Betreiber beziehungsweise IT-Administrator in seinen Aufgaben unterstützen. Mittels Data-Analytics und Threat-Intelligence übernehmen solche Werkzeuge viele manuelle Aufgaben, automatisieren Tätigkeiten und ergänzen existierende Firewall-Lösungen. Was diese Tools leisten, zeigt das Beispiel des cognitix Threat Defender von Genua. Er erlaubt, ein automatisiertes Netzwerkmonitoring einzurichten und den Netzwerkverkehr von allen Geräten im Netzwerksegment mittels Anomalie-Erkennung zu analysieren. Der Threat Defender zeigt die Entwicklung des Traffics in Echtzeit und liefert Informationen über die verursachenden Applikationen. Dabei werden Netzwerkanalyse, Intrusion Detection, Asset Tracking und eine dynamische Policy Engine in einem System zusammengeführt.

Netzwerk nach Funktionen segmentieren

Bild 2: Der Screenshot zeigt den Ausschnitt eines Regelwerks im ‚cognitix Threat Defender‘. Zusammengefasst in abgeschlossene Policies (Richtlinien) sorgen aufeinander aufbauende Rules (Regeln) für Ordnung im Netzwerk.

© Genua

Mit Hilfe eines Expertensystems und intelligenten Heuristiken modelliert der Threat Defender das Verhalten im Netzwerk und ordnet es bestimmten Ver-haltensmustern zu. Vom OT-Operator können dann Regeln festgelegt werden. Sind alle Netzwerkgeräte erfasst und wird das Verhaltensmuster dieser As-sets überwacht, kann der Operator die Geräte nach Funktionen und Aufgaben markieren und taggen. Damit ist eine dynamische und transparente Segmentierung des Netzwerkes möglich und nicht mehr nur am Übergang zu einem anderen Netzwerksegment. Durch das Markieren von Netzwerkkomponenten kann der Operator deren Security-Eigenschaften einzeln festlegen. Wie ein Gerät mit den anderen Teilnehmern des gleichen Netzwerkes oder anderer Netzwerke kommunizieren darf, entscheidet sich nun anhand der Funktion und des Verhaltens. Durch entsprechende Regeln kann der Operator das Verhalten der Netzkomponenten definieren, um eine unerwünschte Kommunikation zu verhindern.

Für ein OT-Netz ist außerdem relevant, dass sich das Verhalten der Geräte je nach Betriebszustand der Anlage verändern kann. Deshalb können Regeln spezifische Festlegungen für Störfälle, Fernwartungszugriffe oder Instandhaltungsmaßnahmen umfassen. Wird eine neue unbekannte Kommunikation vom System erkannt, ist diese zunächst grundsätzlich verdächtig und löst einen Alarm aus. Die neue Kommunikation kann nun automatisch gedrosselt oder komplett unterbrochen werden, während alle bekannten und erlaubten Prozesse unverändert weiterlaufen. Gerade das Drosseln einer unbekannten Kommunikation ist ein guter Weg, um den Angriff zu verlangsamen und Zeit für die Bewertung der Kommunikation zu gewinnen.

Das Chaos im Netzwerk beherrschen

Die Annahme, dass OT-Netze statisch sind und praktisch keinen Änderungen unterliegen, gilt kaum noch. Das Beispiel der Automobilindustrie zeigt, dass Produktionsanlagen mehr und mehr sowie dynamisch angepasst werden. Für Überwachung und Monitoring werden zunehmend Fremddienste aus der Cloud eingebunden, außerdem erhöhen immer mehr Sensorik sowie das Einbinden von IoT-Devices die Komplexität der OT-Netze weiter. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Netzverfügbarkeit und Leistungsfähigkeit. Verändern sich OT-Netzwerke dynamisch, wird es für OT-Operatoren künftig noch schwieriger, diese zu überblicken und zu verstehen. Sie benötigen zusätzliche Unterstützung bei der Analyse immer größerer Datenmengen, der Bewertung von Warnmeldungen sowie der Auswahl geeigneter Maßnahmen. Hinzu kommt die Anforderung, Netzwerkstruktur und Firewall-Regeln angesichts dynamischer Veränderungen aktuell zu halten.

Mit erweiterten Methoden der KI (Künstlichen Intelligenz) und des ML (Machine Learning) kann das Chaos im Netzwerk auch langfristig beherrscht werden. Im Forschungsprojekt Wintermute (siehe Kasten) sollen KI- und ML-gestützte Methoden künftig drei wesentliche Probleme adressieren:

  • die Lagebeurteilung – Klassifizierung des Systemverhaltens sowie Rückmeldung über Auffälligkeiten,
  • die Policy Definition – individuelle Regelerstellung,
  • die Durchsetzung von Sicherheit in komplexen Netzen.

Das Forschungsprojekt ‚Wintermute‘

Durch die zunehmende Digitalisierung der Industrie und die wachsende Dynamik und Komplexität von Kommunikation entstehen verflochtene Kommunikationssysteme, die kritischen Anforderungen bezüglich ihrer Verfügbarkeit genügen und einen angemessenen Schutz für sensible Daten bieten müssen. Bisherige Lösungen setzen ihren Fokus verstärkt auf die automatische Erkennung von schädlichen Kommunikationsmustern, bedürfen händischer Gegenmaßnahmen und vernachlässigen häufig den Usability-Aspekt.

Im BMBF-geförderten Forschungsprojekt ‚Wintermute‘ setzen Forscher auf KI-Methoden, die das Systemverhalten klassifizieren und dem Administrator Rückmeldung über Auffälligkeiten geben sollen. Neben der KI-gestützten Lagebeurteilung soll es möglich sein, Feedback von Nutzern einzuarbeiten, um die entstehenden Regeln individuell auf Bedürfnisse anzupassen. Zusätzlich konzentriert sich Wintermute auf die Benutzerfreundlichkeit, um es Unternehmen zu ermöglichen, ihre hochgradig vernetzten Systeme zu verstehen und für Risikoanalyse und -management zugänglich zu machen. Qualifiziertes Fachpersonal, das in diesem Bereich oftmals rar oder nicht verfügbar ist, soll dabei nicht ersetzt werden. Stattdessen ist es das Ziel des Forschungsprojekts, diese Fachkräfte hinsichtlich ihrer Entscheidungen bestmöglich zu unterstützen.

Im Verbund der Forschungspartner übernimmt Genua die Rolle des Konsortialführers. Projektpartner sind die Universitäten Bamberg, Bremen und Würzburg. Weitere Partner sind das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), acs plus, DB Systel, IsarNet Software Solutions, Renk und Xitaso.

 

Dabei gewinnt insbesondere die Nutzerfreundlichkeit (Usability) weiter an Bedeutung, denn es geht darum, hochgradig vernetzte Systeme besser zu verstehen, um Risikoanalyse und Risikomanagement sowie die Bedienbarkeit zu vereinfachen. Ziel ist es, den OT-Operator dabei zu unterstützen, geeignete Regeln und Sicherheitspolicies festzulegen. KI soll ihm außerdem helfen, den Umgang mit dynamischen Veränderungen im Netz zu erleichtern. Dabei strebt das Forschungsteam des Wintermute-Projekts kein automatisches System für die Netzwerksicherheit an, vielmehr sollen Technologien geschaffen werden, die dem Administrator als Unterstützung dienen. Die wesentlichen Ansätze im Rahmen des Forschungsprojekts sind nachfolgend beschrieben.

Bild 3: Projekt Wintermute: Clustering des Kommunikationstraffics bezüglich der lokalen Strukturen.

© Genua

Mehr Überblick im Netzwerk schaffen

Das KI-basierte System soll helfen, wieder einen besseren Überblick über das eigene Netzwerk zu erlangen. Der Forschungsansatz ist hierbei die Betrachtung des Netzwerks als Graphen. Dies klingt zunächst banal, jedoch wird nicht einfach nur versucht, einen ein-fachen Netzwerkplan abzuleiten. Stattdessen werden IPFIX-Daten durch eine Sonde im Netzwerk gesammelt, vorverarbeitet und als Eingangsdaten für Machine-Learning-Algorithmen genutzt. Ziel ist eine für den Administrator stimmige Komplexitätsreduktion. Anstatt sich mit unzähligen, einzelnen Appliances im Netzwerk befassen zu müssen, wird eine überschaubare Anzahl an Clustern sich ähnlich verhaltender Geräte gebildet und visualisiert. Für das Clustering lässt sich eine Vielzahl an Features aus den IPFIX-Daten ab-leiten und kombinieren. Beispielsweise kann die Aggregation von Assets auf Basis ihrer Kommunikationsbeziehung erfolgen, also die Frage beantwortet werden, wer mit wem über welches Protokoll spricht. Es kann aber auch zielführend sein, beim Clustering eine Unterscheidung zwischen den Client- und Server-artigen Verhalten der Assets in den Vordergrund zu stellen. Durch die Flexibilität des Ansatzes kann der Administrator auf unterschiedliche Umgebungen und Anwendungsszenarien reagieren und stets ein tiefes Verständnis bezüglich seines Netzes erlangen. Dabei unterstützen die verständliche visuelle Darstellung der Cluster und ihrer Kommunikationsbeziehungen sowie Funktionalitäten die Erklärung der ML-Ergebnisse. Es lässt sich zum Beispiel aufzeigen, warum Systeme im selben Cluster gruppiert wurden und welche Attributwerte Cluster voneinander unterscheiden.

Regeln für Netzwerk-Cluster erstellen

Im nächsten Schritt werden das Clustering und das aus IPFIX-Daten ableitbare Kommunikationsverhalten von Assets kombiniert. Aus dieser Datenbasis leitet das System automatisiert Firewall-Regeln ab. Diese ermöglichen es, zulässige Aktivitäten für einzelne Applikationen engmaschig festzulegen. Der Administrator kommt somit dem Ziel Mikro-Segmentierung einen großen Schritt näher – und das mit deutlich reduziertem Aufwand und einer geringeren Wahrscheinlichkeit an Fehlkonfigurationen.

Auf die Dynamik im Netzwerk reagieren

Mit einmaligem Etablieren von Filterregeln zur Mikro-Segmentierung ist es nicht getan. Genauso gezielt muss auf die häufigen Veränderungen im Netzwerk reagiert werden. Dabei ist eine manuelle Anpassung von Firewall-
Regeln auf Ebene einzelner Assets auf-wendig und sollte nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen. Vielmehr ist es aktuelles Forschungsziel, dass Veränderungen in der Topologie des Netzwerks und im Verhalten von Assets durch das System selbstständig identifiziert werden. Wie sensibel auf Änderungen reagiert wird, ist auch vom Sicherheitsstatus der beteiligten Assets abhängig. Zur Aktualisierung berechnet das System das anzuwendende ‚Delta‘ zwischen dem gerade vorherrschenden Stand des Netzwerkes und dem Zeitpunkt der letzten Regel-Generierung. Das Ergebnis sind neue, zu verändernde und zu entfernende Firewall-Regeln. Wie im Schritt zur initialen Mikro-Segmentierung werden diese Anpassungen nicht automatisch vom System durchgesetzt, sondern stellen Vorschläge dar, die durch den Administrator freigegeben werden müssen.

Steigende Komplexität mit KI beherrschen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die industrielle Digitalisierung die Dynamik und Komplexität in IT/OT-Netzwerken dramatisch erhöht. Konzepte wie das IIoT oder Industrie 4.0 sorgen dafür, dass Netzwerkarchitekturen immer verteilter werden, sowie durch eine steigende Anzahl an immer komplexeren Komponenten gekennzeichnet sind. Gleichzeitig ist das menschliche Gehirn kaum mehr in der Lage, diese Komplexität zu durchdringen.

Fachkräftemangel, Zeitdruck und schlechte Usability führen dazu, dass nur noch wenige Spezialisten diese Netzwerke ausreichend verstehen. Das Netzwerkverhalten wird für IT-Admins und OT-Betreiber zu einer Blackbox und aufgrund der hohen Dynamik gibt es keinen ‚aktuellen‘ Netzwerkplan mehr. Dies hat darüber hinaus Auswirkungen auf die IT/OT-Security: Es gilt, mit dynamischen Systemen auf die neuen Rahmenbedingungen zu reagieren. In einem dynamisch-komplexen Umfeld sind Security Policies und Firewall Rules dabei so zu definieren und anzupassen, dass sie gleichermaßen legitimierte Applikationen nicht behindern und einen hohen Sicherheitsstandard erfüllen. Heutige Methoden zum Netzwerkschutz, wie automatische Erkennung und händische Gegenmaßnahmen, reichen in der Zukunft nicht mehr aus, um sich effektiv gegen die zunehmenden Cyber-Risiken zu schützen.

Die Autoren: Arnold Krille (links) ist Abteilungsleiter Product Development cognitix, Simon Daum ist Head of Research bei Genua.

© Genua

Um die steigende Komplexität in Kommunikationsnetzwerken trotzdem langfristig zu beherrschen, kann künstliche Intelligenz wichtige unterstützende Funktionen übernehmen. Ziel muss es dabei sein, kein automatisches System für die Netzwerksicherheit anzustreben, sondern eine intelligente Unterstützung für den Operator zu bieten.

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