Industrial Data Space Association
Ein sicherer Raum für Daten
Vor über einem Jahr hat die Fraunhofer-Gesellschaft den Verein ‚Industrial Data Space‘ gegründet. Zur Hannover Messe 2017 wurde ein erstes Referenzmodell der dahinter stehenden Architektur veröffentlicht.
Der Megatrend Digitale Transformation verändert nicht nur die Geschäftsprozesse, sondern auch die Rolle, die Daten im Unternehmen spielen. Diese werden zunehmend als Wirtschaftsgut und als strategische Ressource betrachtet. Allerdings: Daten mit Geschäftspartnern gemeinsam zu nutzen und auszutauschen ist für viele Unternehmen gleichzeitig ein heikles Thema. Sie fürchten, die Kontrolle über ihre eigenen Daten zu verlieren. Hier setzt das Projekt beziehungsweise der Verein ‚Industrial Data Space‘ an. Die Idee dahinter: Ein gemeinsamer, geschützter Datenraum, in dem die Partner ihre Daten nach bestimmten Spielregeln austauschen und gemeinsam nutzen. Jedes Unternehmen legt dabei vorher fest, wie seine Informationen im Rahmen der Zusammenarbeit genutzt werden dürfen und wie nicht. In den geschützten Datenraum dürfen zudem nur zertifizierte Teilnehmer eintreten, deren Identität vorher überprüft wurde.
„Was in der Theorie gut klingt, funktioniert auch in der Praxis“, erklärte Prof. Boris Otto, Forschungschef des Industrial Data Space und Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST in Hannover. Das beweise unter anderem ein gerade laufendes Projekt mit dem Stahlkonzern Salzgitter, bei dem es um die Übertragung von Lagerdaten zwischen Kunden- und Lieferantensystemen geht. Der Datenaustausch erfolgt automatisiert, sicher und verschlüsselt über die maschinelle Schnittstelle unter Einsatz von Smart Data Apps. Kunden können erfragen, ob die gewünschte Art von Stahl zum Wunschtermin vorrätig ist, das Lieferantensystem meldet die verfügbare Menge. Das Mapping der Stammdaten erfolgt dabei automatisiert. „Der aufwändige manuelle Datenabgleich entfällt komplett“, beschreibt Prof. Dr. Heinz Jörg Fuhrmann, Vorstandsvorsitzender von Salzgitter, den Nutzen des Industrial Data Space.
Konnektoren – die zentrale Komponente im IDS
Zwar stellen die erwähnten Smart Data Apps verschiedene Funktionen und zum Teil Bedienoberflächen zur Verfügung; jedoch handelt es sich dabei laut Otto nicht um gewöhnliche Apps, die ihre Daten übers Internet schicken. Die eigentlich entscheidende Software-Komponente beziehungsweise das Herzstück in der Architektur des Industrial Data Space ist der darunter liegende, sogenannte Konnektor.
Konkret dient ein Konnektor als Schnittstelle zwischen den Unternehmen und ermöglicht souveränen Datenaustausch. Dazu prüft er die Identität aller Teilnehmer, checkt die Authentizität der Softwarekomponenten, wacht über die Integrität der Datenpakete und managet die Rechtevergabe beim Datenzugriff. Aktuell entwickeln die Fraunhofer-Forscher prototypisch diverse Konnektoren und Apps. Derzeit stehen für Unternehmen zwei prototypische Varianten für einen Konnektor zur Verfügung: Eine Basis-Variante bietet den geschützten Datenraum und darüber hinaus alle für den Alltagsbetrieb nötigen Funktionen. Eine High-Secure-Variante, entwickelt vom Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit AISEC, bietet noch mehr Detailfunktionen und ein Sicherheitsniveau, das auch den strengen Anforderungen businesskritischer Anwendungen genügt. Dazu nutzen die Fraunhofer-Experten das hardware-basierte Trusted Platform Module (TPM).
Das Referenzarchitekturmodell zum Download
Neben dem Management von Lagerdaten erarbeiten die Forscher mit dem Industrial Data Space derzeit auch Lösungen für die Echtzeit-Überwachung von Transporten, um Anlieferungsprozesse zu verbessern. Lebensmitteltransporte wollen sie darüber hinaus mit Sensoren ausstatten, die Parameter wie Temperatur, Erschütterungen oder Licht über die Konnektoren weitergeben. Damit könnten Händler sicherstellen, dass die angelieferte Ware nicht geöffnet wurde und frisch ist.
Nicht zuletzt sei der Industrial Data Space auch in der Lage, verschiedene Industriezweige miteinander zu verbinden. So können diese die Daten gemeinsam „bewirtschaften“. Der Blick auf die Daten als strategische Ressource lässt sogar neue Geschäftsmodelle entstehen. „Wir können uns vorstellen, dass über den Industrial Data Space eine Art Marktplatz für Daten entsteht, in dem Unternehmen mit Daten handeln“, blickt Prof. Otto in die Zukunft.
Ein erstes Referenzmodell der Industrial Data Space-Architektur wurde zur Hannover Messe 2017 veröffentlicht. Es soll eine Blaupause für den sicheren Austausch und die effiziente Kombination von Daten darstellen und kann für den Einzelfall konfiguriert werden. Auf computer-automation.de steht die 83 Seiten umfassende Schrift zum Download bereit.
Mittlerweile sind etwa 80 internationale Mitglieder im Anwenderverein Industrial Data Space Association aktiv, darunter unter anderem die Unternehmen Allianz, Audi, Bayer, Bosch, Rittal, Audi, Sick, Siemens oder auch Volkswagen. Auch der chinesische IT-Riese Huawei ist Ende letzten Jahres beigetreten. Noch in 2017 will der Verein eine DIN-Standardisierung für Teile des Referenzarchitekturmodells beantragen.













