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Artikel und Hintergründe zum Thema

VDMA-Fachverband

Inka Krischke,

Robotik und Automation - quo vadis?

Die deutsche Robotik- und Automationsbranche rechnet für 2023 mit einem Branchenwachstum von 9 % auf 15,7 Mrd. Euro. Zu aktuellen Trends und Entwicklungen äußert sich Patrick Schwarzkopf, der Geschäftsführer des VDMA-Fachverbandes Robotik + Automation.

© Platoo Studio/stock.adobe.com

Herr Schwarzkopf, der VDMA rechnet laut Angaben von Frank Konrad, dem Vorsitzenden Ihres Fachverbande, fest damit, den bisherigen Umsatzrekord von 2018 in diesem Jahr deutlich zu übertreffen – auf welche Robotik-Segmente setzen Sie hier vor allem? In welchen Bereichen beziehungsweise Branchen erwarten Sie die größten Investitionen und Umsatzzuwächse?

Patrick Schwarzkopf: Was uns wirklich Rückenwind gibt, ist der extrem hohe Auftragsbestand, der sich in den letzten ein, zwei Jahren aufgebaut hatte – nicht zuletzt durch die enormen Störungen in den Lieferketten. Das zieht sich durch praktisch alle Segmente. Aber insbesondere die Integrated Assembly Solutions, also die Hersteller von Montagelinien, hatten zeitweise eine Auftragsreichweite von fast einem Jahr. Insgesamt gibt es viele Impulse aus diversen Kundenbranchen: die Transformation der Automobilindustrie hin zur Elektromobilität, der Ausbau der erneuerbaren Energien, aber auch die Medizin- und Pharmabranche brauchen viel Automatisierung.

Wie ist es aktuell um die Roboterdichte in Deutschland bestellt? Wo steht Europa im internationalen Vergleich?

Deutschland hat nach Angaben der International Federation of Robotics (IFR) die höchste Roboterdichte in Europa: Auf 10.000 Industriebeschäftige kommen 397  Industrieroboter. Damit stehen wir im weltweiten Ranking auf Platz 4 hinter Südkorea, Singapur und Japan. Das kann sich natürlich sehen lassen. Doch jetzt kommt das ‚Aber‘: Diese Daten beziehen sich auf 2021. In einer aktuellen Analyse haben wir die bisherige Entwicklung mit einer Zeitreihen-Analyse fortgeschrieben und kommen zur Prognose, dass China Deutschland bereits dieses Jahr in der Roboterdichte überholen wird. Die Roboterdichte steht für den Automatisierungsgrad. Wir haben hier nun keinen Vorsprung mehr vor China. Deutschland und Europa müssen also in Sachen Automatisierung Gas geben, sonst kann es ungemütlich werden.

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Welche aktuellen Trends in Sachen Robotik sehen Sie? Worauf setzen die Hersteller, was fragen Anwender nach?

Das große Thema ist einfache Bedienbarkeit. Es geht darum, die Schwelle für die Anwendung der Robotik zu senken, um damit weitere Einsatzfelder zu erschließen, insbesondere bei Anwendern, die bisher noch keine oder nur geringe Erfahrung mit der Robotik haben. Das dahinterstehende Narrativ heißt ‚Demokratisierung der Robotik‘ und bedeutet: Auch Menschen ohne Robotik-Vorkenntnisse oder besondere Technik-Ausbildung können nun Roboter bedienen, vielleicht auch einrichten und programmieren. Der ‚No code‘-Ansatz zielt darauf ab, den Anwendern keinerlei Programmier-Code zuzumuten. Alles läuft so intuitiv ab, wie die Bedienung eines Smartphones. Hinzu kommt die Low-Cost-Robotik, die für bestimmte Einsatzfelder ‚gut genug‘ ist, aber eben sehr viel preiswerter. Die kollaborative Robotik und die Leichtbau-robotik wachsen deutlich überproportional, ersetzen die klassische Industrierobotik hinter dem Schutzzaun aber nicht.

Was bedeutet der demografische Wandel für die Entwicklung der Robotik? Sind Roboter das Mittel der Wahl gegen den Fachkräftemangel?

Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass das Arbeitskräftepotenzial in Deutschland bis 2035 netto um vier bis sechs Millionen Personen schrumpft. Das ist eine enorme Bedrohung für unseren Wohlstand. Die Robotik und Automation ist hier ein ganz wichtiger Lösungsansatz. Auch im Dienstleistungssektor werden wir verstärkt professionelle Serviceroboter einsetzen, zum Beispiel in Laboren, in der Gebäudereinigung, in der Überwachung von Infrastruktur, in der Gastronomie, im Hotelgewerbe und vielen anderen Bereichen. Die Robotik und Automation kann zumindest einen wichtigen Beitrag zur Lösung dieses Problems leisten.

Unverändert halten sich seitens der Beschäftigten oft Vorbehalte gegenüber einem Robotereinsatz in ihrem Unternehmen. Wie lässt sich dem Ihrer Meinung nach begegnen?

Jahrzehntelang konnten wir in den Medien vom Roboter als Jobkiller lesen. Das Blatt hat sich nun gewendet: Heute geht es in den Schlagzeilen darum, dass die Robotik und Automation angesichts des demografischen Wandels eher der Retter in der Not ist. Ich denke, das Thema hat sich erledigt.

Was kann der VDMA tun, was können Unternehmen tun, um Ängste vor dem ‚Kollegen Roboter‘ abzubauen und Vertrauen zu schaffen?

Wir brauchen einen humanzentrierten Ansatz für die Robotik. Im Mittelpunkt der Robotik-Anwendungen muss der Mensch stehen. Hierzu haben wir zehn Handlungsfelder definiert, die in der ‚Good Work Charter of the European Robotics Industry‘ zusammengefasst sind; zum Beispiel das Prinzip, dass der Roboter dem Menschen assistiert, und nicht umgekehrt. Einzusehen ist die ‚Good Work Charter of the European Robotics Industry‘ unter www.vdma.org/goodworkcharter. Wir müssen vermehrt Beispiele kommunizieren, und zwar aus Sicht der Menschen, die mit Robotern arbeiten. Insgesamt hat Asien hier einen Vorteil, weil die Menschen dort der Robotik gegenüber eine sehr positive Grundhaltung haben. In diese Richtung müssen wir uns als Gesellschaft gemeinsam bewegen.

Wie qualifiziert man (ungelerntes) Personal, um Roboter zu bedienen?

Wir müssen die Robotik vermehrt in die Schulen bringen, so dass schon Kinder spielerisch mit Robotern und Roboterprogrammierung umgehen lernen. Auch Berufsschüler und Berufsschülerinnen sollten in ihrer Ausbildungszeit mehr direkten Kontakt zur Robotik haben. Die Robotik-Industrie bietet ebenfalls viele Schulungen an. Hinzu kommen die neuen Ansätze, mit denen man intuitiv mit Robotern umgehen kann, durch Drag&drop-Programmierung, durch simples ‚Vormachen‘ oder sogar, indem man einfach mit dem Roboter spricht.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung auf dem Robotermarkt ein – auch international? Wie entwickelt sich die Roboterdichte?

Da gibt es nur eine Richtung: nach oben. Wir sehen hier weltweit noch viel Potenzial. Die Roboterdichte wird in allen Weltregionen stetig zunehmen.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz für die Robotik?

Vor allem das maschinelle Lernen, das auf neuronalen Netzen basiert, bringt die Robotik voran. Diese KI gibt dem Roboter mehr Fingerspitzengefühl, mehr Flexibilität und mehr Autonomie. Wir sehen derzeit viele Anwendungen von KI, die den Roboter befähigen, sehr unterschiedliche und unbekannte Objekte zu greifen, so wie der Mensch dies tut. Roboter lernen zu sehen, zu verstehen und flexibel und sinnvoll auf sich ändernde Umgebungssituationen zu reagieren. Hier gibt es große Fortschritte, wie auch bei der mobilen Robotik mit einer wirklich autonomen und sicheren Navigation.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen Ihrer Branche für die kommenden zehn Jahre?

Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbandes Robotik + Automation

© VDMA

Immer mehr mittelständische Unternehmen – sogar Handwerksbetriebe – wagen sich in die Robotik vor. Aber das Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft. Wir müssen intensiv daran arbeiten, die Robotik noch einfacher und noch flexibler anwendbar zu machen. Eventuell bestehenden Vorbehalten, die Robotik sei aufwändig und nur etwas für Großunternehmen, müssen wir mit Erfolgsgeschichten und geeigneten Produkten begegnen. Außerdem arbeiten wir weiterhin an der durchgängigen und herstellerübergreifenden Vernetzung von Geräten, Maschinen und Anlagen. Das zeigen wir auf der Automatica 2023 mit unserem ‚dezentralen‘ Demonstrator Umati: Besucher können auf den Ständen verschiedener Anbieter ganz einfach mit ihren Smartphones in die jeweiligen Roboter, Bildverarbeitungssysteme und Schraubsysteme ‚eintauchen‘ und erhalten auf ihrem Smartphone sofortigen Zugang zu den Maschinen- und Zustandsdaten.

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