Start-up

Alexandra Hose,

Robotersteuerung leicht gemacht

Das Tech-Start-up Unchained Robotics hat 8,5 Millionen Euro frisches Kapital erhalten, um seine Automatisierungsplattform international auszurollen. Ziel ist die einfache, herstellerübergreifende Bedienung von Industrierobotern. Mit der Software ‚Luna OS‘ will das Unternehmen die Robotiksteuerung revolutionieren. Ein Interview mit Gründer Mladen Milicevic über die Vision und die nächsten Schritte des Unternehmens.

Mladen Milicevic ist Gründer und Geschäftsführer von Unchained Robotics. © Unchained Robotics

Herr Milicevic, mit ‚Luna OS‘ versprechen Sie eine „Roboterbedienung so einfach wie auf dem Smartphone" – wie gelingt die Vereinfachung der Bedienoberfläche technisch, und wo liegen die Grenzen bei komplexeren Anwendungen?

Die Automation hat heute noch keine standardisierten Schnittstellen. Mit Luna OS haben wir die Ebene von Schnittstellen und Treibern selbst auf die Beine gestellt, das Ökosystem von Robotern, Greifern und Kameras in einer Software zu vereinen. Dabei setzen wir auf eine intuitive Benutzeroberfläche, die eine No-Code-Konfiguration über grafische Workflows ermöglicht. Diese Workflows dienen als Abstraktionsschicht für die verschiedenen Hardware-Komponenten in einer Automatisierungslösung.

Normalerweise programmieren Techniker jeden Industrieroboter einzeln über elektrische Signale per Hand. Unchained Robotics aus Paderborn hat genau das geändert. Jeder Mensch soll Roboter bedienen können, auch ohne Vorerfahrung. © stock.adobe.com/Gorodenkoff

Luna OS erkennt die eingesetzte Hardware automatisch, ob Greifer, Vision-Systeme oder Roboter. Sie ersetzt klassische SPS-Programmierung durch eine moderne Drag-and-Drop-Logik. Die Steuerung der Roboter und der gesamten Automatisierung erfolgt dabei unabhängig von herkömmlichen SPS-Systemen über einen Industrie-PC.
Natürlich gibt es Grenzen: Bei besonders komplexen und hochindividualisierten Prozessen, wie etwa Anwendungen mit sechs oder mehr externen Achsen oder dem Bedarf an submillimetergenauer Steuerung, ist zusätzliches Engineering notwendig. Für solche hochspezialisierten Maschinen ist Luna OS nicht die passende Lösung; unser Fokus liegt auf flexibler, einfach konfigurierbarer Automatisierung.

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Welche Rolle spielen dabei offene Schnittstellen oder Standards?

Luna OS übersetzt Befehle in native Roboter-APIs, zum Beispiel ‚URScript‘, ‚KRL‘ oder ‚Doosan SDK‘. Die Automatisierung nutzt über 60 verschiedenen und ,gut bekannte´ Kommunikationsstandards, darunter OPC UA, Modbus, IO Link, Ethernet IP, Profinet und MQTT. Jeder dieser Standards deckt jeweils ein eigenes Ökosystem ab; mit Luna OS verbinden wir all diese Standards in einer Software. Durch eine Abstraktionsschicht machen wir dann die allgemeine Nutzung auf No-Code-Ebene möglich.

Wo findet die Plug-and-Play-Komplettlösung ,MalocherBot´ ihren Einsatz und wie hoch ist der Implementierungsaufwand in der Praxis?

Unsere Plug-and-Play-Komplettlösung ,MalocherBot´ entfaltet ihr Potenzial in der Logistik, Maschinenbeschickung und bei Sortieraufgaben – also überall dort, wo standardisierte, sich wiederholende Prozesse automatisiert werden sollen. Dort ermöglicht der ‚MalocherBot‘ eine schnelle und unkomplizierte Inbetriebnahme: Innerhalb von nur zwei bis fünf Tagen ist das System vollständig einsatzbereit, inklusive Schulung und Integration vor Ort. Die Kombination aus vorkonfigurierter Hardware und der intuitiven Steuerungssoftware Luna OS erlaubt es unseren Kunden, Automatisierungslösungen selbstständig umzusetzen, ohne tiefgreifende Programmierkenntnisse oder aufwendige SPS-Logik.

Haben Sie ein konkretes Beispiel dazu?

Ja, ein Beispiel dafür ist der Einsatz bei Albéa in den USA: Der Kunde hat dort zwanzig MalocherBots vollständig eigenständig in Betrieb genommen – vom Versand über die Installation bis zur Produktionsintegration – und das in nur zwei Wochen, ganz ohne Unterstützung durch Unchained Robotics. Im Vergleich dazu benötigen klassische Integratoren für ähnliche Projekte oft drei bis sechs Monate – und das meist unter der Voraussetzung, dass Fachpersonal dauerhaft vor Ort ist.

Welche Erfahrungen haben Sie als Start-up beim Markteintritt in den US-Markt gemacht?

Der Markteintritt in die USA eröffnet uns einen dynamischen, aber oft weniger regulierten Markt im Vergleich zum DACH-Raum. Amerikanische Kunden legen besonders großen Wert auf Schnelligkeit und einen schnellen Return on Investment. Die Offenheit gegenüber Start-ups und innovativen Lösungen ist dort deutlich ausgeprägter: Viele Kunden sind bereit, Baukastenlösungen wie unseren MalocherBot in der vorhandenen Form zu übernehmen, um Kosten zu sparen und die Zeit bis zur Produktionsaufnahme zu verkürzen. Standardisierung wird dabei nicht als Hürde, sondern als Vorteil gesehen. Im Gegensatz dazu zeigen sich Kunden im DACH-Raum tendenziell zurückhaltender. Hier spielen Themen wie CE-Konformität, eine detaillierte TCO-Analyse (Total Cost of Ownership) und oft lange Entscheidungsprozesse eine zentrale Rolle. Die Erwartungshaltung an Dokumentation, Sicherheitsnachweise und die Integration in bestehende Prozesse ist deutlich höher. Unsere Strategie für den US-Markt folgt daher einem klaren Fahrplan: Zunächst arbeiten wir mit Pilotkunden zusammen, um unsere Lösung unter realen Bedingungen zu validieren. Auf dieser Basis bauen wir gezielt ein Partnernetzwerk auf, um die Skalierung im Markt effizient voranzutreiben.

Wie gelingt es Ihnen als junges Unternehmen, Vertrauen bei etablierten Industriepartnern zu gewinnen?

Trotz unserer jungen Unternehmensgeschichte gewinnen wir das Vertrauen etablierter Industriepartner wie Vorwerk oder Albéa durch klare Ergebnisse: Unsere Plug-and-Play-Lösungen liefern schnellen ROI und sind in wenigen Tagen einsatzbereit. Als unabhängige Plattform ohne Herstellerbindung vermeiden wir Lock-ins und bieten maximale Flexibilität. Unsere transparente Kommunikation und der Support auf Augenhöhe machen uns zum Partner, nicht zum Verkäufer – wir beraten, statt nur Produkte zu vertreiben.

Das Zusammenspiel von Robotik und KI wird für die Zukunft der Industrie entscheidend. Wie sieht Ihre Vision für die nächsten fünf Jahre aus?

KI erreicht aktuell einen Reifegrad, der industriellen Anforderungen gerecht wird – mit einer Verlässlichkeit von über 99 Prozent, wie sie in der Produktion nötig ist. Luna OS schafft die technologische Grundlage, damit KI-Agenten systemübergreifend funktionieren können. Die Plattform strukturiert Inputs aus unterschiedlichen Hardware-Komponenten, zum Beispiel Kameras, Sensoren, Roboter, und stellt diese für KI nutzbar bereit. Daraus entsteht ein intelligentes Steuerungssystem, das Hardware-unabhängig ist: KI trifft Entscheidungen, Luna OS orchestriert die Ausführung. Unsere Vision ist, dass Luna OS in fünf Jahren die Infrastruktur ist, über die KI-Anwendungen in der Industrie breitflächig skaliert werden – unabhängig von Hersteller oder Komponententyp.

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