Thomas Hähn, United Robotics Group
„Der Mensch muss die Kontrolle behalten“
Serviceroboter interagieren in unterschiedlichsten Bereichen mit Menschen. Doch wie ist die Akzeptanz von Servicerobotern? Darüber sprach Computer&Automation mit Thomas Hähn, CEO der United Robotics Group.
Thomas Hähn, CEO der United Robotics Group, im Gespräch mit Andrea Gillhuber.
© WFMDie International Federation of Robotics sagt der Servicerobotik hohe Wachstumsraten voraus. Zu welchem Zweck werden Serviceroboter eingesetzt?
Thomas Hähn: Die Servicerobotik ist eine wichtige Schlüsseltechnologie, um einige der dringendsten Herausforderungen wie den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen oder Gastgewerbe – hier in Deutschland, aber auch in anderen Ländern – zu bewältigen. Vorab ist aber Folgendes zu betonen: Es geht nicht darum, menschliche Arbeitskraft zu ersetzen und Belegschaften damit überflüssig zu machen. Es geht vielmehr um gezielte Entlastung und Unterstützung des Personals. Die Roboter sollen mit und für den Menschen arbeiten. Sie sollen ihm den Fokus auf menschliche Interaktionen ermöglichen, die beispielsweise Kreativität, Fürsorge, Service und Sozialkompetenz erfordern.
So kann ein Roboter wie Plato das Servicepersonal im Hotel- und Gastgewerbe mit der Übernahme von Routineaufgaben sinnvoll unterstützen. Auch die körperliche Entlastung spielt eine Rolle. Gerade in der Gastronomie sorgen körperliche Beschwerden für viele Ausfallzeiten. In der Pflege gibt es ebenfalls ein großes Potenzial für den Robotereinsatz, zum Beispiel beim Transport oder der Zuteilung von Medikamenten. Zudem herrscht aktuell ein erheblicher Arbeitskräftemangel in Laboren. Hier können Roboter zur Aufrechterhaltung eines 24-Stunden-Betriebs beitragen, gut bei prozesskritischen und repetitiven Aufgaben eingesetzt werden und für eine Prozessautomatisierung sorgen.
Wie unterscheiden sich die Einsatzgebiete in Deutschland von denen im Rest der Welt?
Hähn: Die Servicerobotik ist ein echter Wachstumsmarkt. Deutschland liegt im internationalen Vergleich weit vorne, wenn es um die Verbreitung geht, laut IFR sogar auf Platz drei hinter den USA und China.
Die Forschung, Entwicklung und Produktion von Cobiots und CobiotX-Lösungen bieten eine Gelegenheit für Deutschland, sowie ganz Europa, sich in einem Zukunftssegment von Beginn an weit vorne zu positionieren. Um hier eine paneuropäische Souveränität zu realisieren, bedarf es der Zusammenarbeit von Robotik-Experten. Die United Robotics Group kooperiert darüber hinaus auch intensiv mit spezialisierten Unternehmen, darunter auch Kliniken, Pflege- und Altenheime, Labore, Universitäten sowie weitere Partner. In der Entwicklungsphase der Lösungen kommen nicht nur Ingenieure, sondern beispielsweise auch Philosophen zum Einsatz, um sämtliche Aspekte der Zusammenarbeit von Menschen und Maschine abzudecken.
Vergleicht man die Umstände in den verschiedenen Regionen der Welt, so ist es natürlich richtig, dass es in Asien generell eine höhere Akzeptanz von Robotern gibt, da die Menschen dort sehr technikaffin sind. Aber auch in Europa ist eine steigende Akzeptanz zu beobachten – die mit dem verstärkten Einsatz von Servicerobotern und den damit verbundenen positiven Erfahrungen noch wachsen dürfte.
Serviceroboter stehen im direkten Kontakt mit dem Menschen und werden aus diesem Grund gerne ‚vermenschlicht‘. Es gibt aber Personen, die Roboter mit menschlichen Zügen, zum Beispiel mit Augen, eher gruselig finden. Warum ist das so?
Hähn: Es gibt verschiedene Studien zu diesem Thema, deren Ergebnisse wir natürlich aufmerksam beobachten. Generell kann man sagen: Menschenähnliche Roboter stoßen zunächst auf positive Resonanz. Das kann sich aber schnell ändern, wenn sie zu menschlich aussehen – was typischerweise ein gewisses Unbehagen auslöst. Verantwortlich dafür ist das so genannte ‚Uncanny Valley‘-Phänomen. Dies beschreibt, dass die Akzeptanz humanoider Roboter bis zu einem bestimmten Punkt ansteigt, ehe sie, sobald Roboter zu menschenähnlich aussehen, drastisch fällt und sogar in Unbehagen beziehungsweise Ablehnung umschwenkt.
Entscheidend gerade im Dienstleistungsbereich sind Abstufungen und Nuancen beim Roboterdesign: Er muss freundlich sein, darf nicht zu robotisch, aber auch nicht zu menschenähnlich sein. Im Zentrum steht vor allem das Robotergesicht. Hier haben wir innerhalb der United Robotics Group mit Aldebaran Robotics und Rethink Robotics zwei ausgewiesene Spezialisten mit ihren Entwicklungen ‚Pepper‘ und ‚Nao‘ oder ‚Plato. Nao und Pepper haben ein freundliches, sympathisches Hardware-Gesicht, während Plato ein solches Gesicht auf seinem Display zeigt. Wir wollen nun eine Kombination aus beidem entwickeln. Es gibt Anwendungen, innerhalb derer ein Display völlig ausreichend ist, und solche, bei denen ein humanoider Kopf benötigt wird.
Bei der United Robotics Group beschäftigt sich ein Team aus Philosophen, Psychologen und Ethnologen mit der Mensch-Roboter-Zusammenarbeit. Wie hilft das Team dabei, Serviceroboter für den Menschen akzeptabler zu machen?
Hähn: Unsere Belegschaft ist interdisziplinär aufgestellt und umfasst somit auch Bereiche wie Philosophie oder Pädagogik. Bei der Entwicklung der CobiotX-Lösungen kommen sie neben unserem Ingenieurwissen verstärkt zum Einsatz, damit auch Aspekte abseits der Technologie beleuchtet werden können.
Philosophen beschäftigen sich etwa damit, die verschiedenen Customer Use Cases aus dem Blickwinkel der jeweils betroffenen Personengruppe zu beschreiben und daraus Rückschlüsse auf das genaue Aussehen der Serviceroboter zu ziehen. Für einen Seniorenheim-Bewohner kann es beängstigend sein, wenn ein mechanischer Greifarm ein Getränk oder ein Arzneimittel reicht. Das Design, die Bewegung und die interaktive Kommunikation der eingesetzten Robotik-Lösung sollte freundlich sein. Neben der Fähigkeit, sich autonom und sicher in ungeordneten Umgebungen zu bewegen, ist auch die einfache Bedienbarkeit wichtig für die Akzeptanz. Serviceroboter sollten intuitiv zu bedienen sein. Da sie mobil im Einsatz sind, müssen sie auch höhere Sicherheitsanforderungen erfüllen.
Wir haben eine Verantwortung und müssen definieren, was wir als Gesellschaft zulassen wollen. Eines steht dabei unverrückbar fest: Der Mensch muss die Kontrolle behalten. Grundsätzlich gilt: Nur ein konsequent humanzentrierter Ansatz kann der Servicerobotik zu wirklicher Akzeptanz bei Anwendern und Beschäftigten verhelfen.
So wird die Akzeptanz von Robotik gefördert
Welche Eigenschaften müssen die mechanischen Helfer mitbringen, um akzeptiert zu werden?
Hähn: Serviceroboter sollten nicht wie Maschinen agieren, sondern sympathisch und hilfreich wirken. Dabei spielt nicht nur das Aussehen eine Rolle, es geht auch darum, wie Bewegungen designt sind und wie die interaktive Kommunikation mit dem Menschen funktioniert. Wie sollten Roboter antworten? Sollten sie eine Computerstimme haben oder eine menschliche? Hierfür müssen wir eine eigene sympathische Kommunikationsform entwickeln.
Zudem braucht es klar erkennbare Geräusche, die unmissverständlich mitteilen, dass ein Roboter gerade in der Nähe ist – zum Beispiel ein Summton oder etwas Vergleichbares. Und es muss eine verbale Kommunikationsform geben. Für unseren Serviceroboter Plato haben wir eine neutrale Roboterstimme entwickelt, um weder eindeutig männlich noch weiblich zu klingen. Es ist erkennbar eine künstliche Stimme, die aber nicht kalt und ‚typisch robotisch‘ klingt. Auf dem Display von Plato ist ein freundliches Gesicht abgebildet, dieses nutzen wir auch zur Kommunikation, während der Roboter fährt. Wenn Plato abbiegt, schaut er in die Richtung, in die er fährt, ganz genauso so, wie wir es im alltäglichen Umgang mit Menschen auch gewohnt sind.
Wie beeinflusst man die ‚Mimik‘ bzw. das ‚Wesen‘ eines Roboters?
Hähn: Wie gesagt: Ein Roboter muss freundlich sein und sollte weder zu maschinenhaft noch zu menschenähnlich sein. Wir haben unseren Robotern ein sympathisches Hardware- beziehungsweise Displaygesicht gegeben und werden als nächstes eine Kombination aus beidem entwickeln.
Durch die Einbeziehung unserer hauseigenen Philosophen und Pädagogen sowie Experten aus anderen Fachbereichen verhindern wir, dass sich in der Entwicklungsphase alles nur um die technische Machbarkeit dreht. Wie die Erkenntnisse und Empfehlungen konkret in die Arbeit an Cobiots einfließen, entscheidet sich nach unterschiedlichen Kriterien. Sicher ist aber: Mimik und Wesen eines Roboters sind in der Servicerobotik entscheidend für seine Akzeptanz am Einsatzort.
Führen Sie Tests in realen Umgebungen zur Akzeptanz von Robotern durch? Wenn ja, wie laufen diese ab?
Hähn: Wir führen Probeläufe in speziellen Test-Szenarien, aber auch in realen Umgebungen durch. Es laufen mehrere Projekte, zum Beispiel mit einer großen Klinik in Köln oder auch in Hotels oder Restaurants. Wir beobachten dabei sowohl die technische Seite als auch die Reaktionen der Menschen. Wir als United Robotics Group sehen unsere Aufgabe nicht nur in der Entwicklung von Cobiots und CobiotX-Lösungen. Wir prüfen und überarbeiten auch die Prozesse und beteiligen uns am gesellschaftlichen Diskurs. Die Entwicklung praxistauglicher Roboter wäre nicht möglich, wenn wir nicht genau wüssten, wie die Prozesse funktionieren und welche Herausforderungen auf uns warten. In jedem Fall müssen wir die Menschen mitnehmen – und das geht nur, wenn wir die Entwicklung der neuen Robotergeneration ganzheitlich betrachten.
Ich kann mir vorstellen, das Ethik-Team hinterfragt den Einsatz von Robotern schon mal sehr kritisch. Können Sie Beispiele für schwierige Fragen nennen, die Sie zum Nachdenken angeregt haben?
Hähn: Wir müssen uns als Gesellschaft immer wieder fragen, was wir zulassen wollen und was nicht. Es schafft Unbehagen, wenn Menschen nicht mehr entscheiden können, ob etwas von einem anderen Menschen oder eben einer Maschine ausgeführt wird. Das kann zu Skepsis und einer generellen Ablehnung von Robotik führen. Genau darum stellen wir sicher, dass der Mensch immer die Kontrolle behält. Grundsätzlich liegt die komplette Verantwortung bei den Menschen, die Robotik-Lösungen herstellen, besitzen und bedienen. Es geht immer darum, dass Roboter niemals eigenständig handeln oder Entscheidungen treffen können.
Es geht aber auch darum, zu kommunizieren, was wir gewinnen können. Dadurch, dass die Menschen in Europa und auf der Welt älter werden, nehmen auch die chronischen Leiden zu und das erhöht den Stress auf die Gesundheitssysteme. Ohne den Rückgriff auf Automation und Robotik in diesen Bereichen werden wir unseren Standard nicht halten oder gar verbessern können.
Wie flossen diese Erkenntnisse in die Entwicklung mit ein?
Hähn: Ich kann es nur wiederholen: Der Mensch muss die Kontrolle behalten, es braucht Sicherheitsbarrieren und auch Regulierung. Wir sorgen dafür, dass Serviceroboter sympathisch wirken – das betrifft das Aussehen, aber auch die Bewegungen und vor allem die interaktive Kommunikation.
Das sagt sich leicht. Aber es ist eine technische Herausforderung, den Cobiots die entsprechenden Bewegungen beizubringen. Zudem müssen sie einfach zu bedienen sein. Die Einhaltung ethischer Richtlinien und unsere Verantwortung setzen die Maßstäbe für unsere Arbeit. Als erster Roboter seiner Art entspricht unser Cobiot Plato beispielsweise der EU-Sicherheitsrichtlinie 2006/42/EG, die Roboter in sozialen Umgebungen behandelt.
Im Großen und Ganzen: Wird generell zu wenig aus dem Blickwinkel der Ethik, Psychologie und Philosophie auf die Robotik geguckt?
Hähn: Nein, ich glaube, dass wir vor allem in den letzten Jahren ein deutlich holistischeres Bild im Diskurs erleben, die Richtung stimmt.















