Technische Dokumentation
Wie sich Content transparent teilen lässt
Die digitalisierte, teilautonome Fertigung in Netzwerken mittels Cyber Physical Systems (CPS) erfordert nicht nur den Einsatz 'smarter' (Automatisierungs-)Komponenten und Services – auch beim Thema 'Technische Dokumentation' besteht Handlungsbedarf.
Über den gesamten Produktlebenszyklus sind Maschinen heute bereits in ein loses, heterogenes ‚Netzwerk‘ aus Menschen als spezialisierte Know-how-Träger eingebettet. In solchen Netzwerken tauschen Entwickler, Technische Redakteure, Zulieferer, Betreiber, Service-Techniker und Nutzer Informationen zu Maschinen oder Anlagen aus und bringen Korrekturen, Verbesserungen oder Weiterentwicklungen voran.
Was bislang allerdings fehlte, sind digitale Dienste, die dieses Wissen plattform- und geräteunabhängig miteinander verknüpfen und bündeln. Denn Industrie 4.0 verlangt eben auch eine konsequente Digitalisierung der technischen Dokumentation und der Schnittstellen zu den unterschiedlichen Akteuren, die in die Entwicklung, den Betrieb und die Weiterentwicklung einer Maschine oder Anlage involviert sind. In der Produktentwicklung etwa bedeutet dies konkret, dass Entwickler verstärkt auf solche Informationen zurückgreifen, die über eine Maschine oder Anlage während ihres Produktlebenszyklus gesammelt werden – zum Beispiel in Form von technischen Dokumenten, FAQs, Fehlerberichten oder auch digitalen Maschinentagebüchern.
Gerade die Geräteunabhängigkeit spielt in diesem Kontext eine zunehmend wichtige Rolle: Erfolgt der Zugriff am Schreibtisch noch klassisch mit einem Desktop-PC, so verlagert sich die Nutzung vor Ort an der Maschine immer öfter auf mobile Geräte und Tablets. Ergo ist hier ein nahtloser Übergang vom Schreibtisch zur ‚Feldarbeit‘ gefragt, der zudem über entsprechende Synchronisationsfunktionen auch die Offline-Situationen des Alltags unterstützt: Ob im Zug/Flugzeug oder im Kellergeschoss eines Gebäudes – oftmals ist das Internet zwar in der Nähe, aber am Einsatzort eben nicht oder nicht in ausreichender Geschwindigkeit verfügbar.
Kurzum: Die Digitalisierung der Produktion führt zu einer weiteren Aufwertung der immateriellen Bestandteile einer Anwendung wie etwa Prozessdaten, Programmcode oder technische Dokumente. Dieser allgemeine Trend ist nicht neu: Die Intelligenz einer Anwendung hat sich bekanntlich in den letzten Jahren immer stärker in die Software verlagert. Schon heute ist der Softwareanteil etwa einer Werkzeugmaschine so dominierend, dass sich Maschinen im Wettbewerb hauptsächlich über die Software differenzieren können.
Modulare Softwarelösungen, die ständig weiter entwickelt werden, schaffen folglich die Basis für eine flexibel ‚wandelbare Automation‘ (Changeable Automation) und damit letztlich für die Wandelbarkeit von Maschinen und Anlagen sowie der kompletten Produktion. Big Data oder Smart Data, in die Experten hohe Erwartungen setzen, sind übrigens ebenfalls Ausdruck dieses Wandels. Entscheidend wird also sein, wie sich all diese Daten, Informationen und Software-Releases zu komplexen Anwendungen und erklärungsbedürftigen Hightech-Produkten effektiv sammeln, bereitstellen und austauschen lassen.
Die 'Digitale Transformation' in der Praxis
Wie sich ein Unternehmen konkret auf diese digitale Transformation der Industrie einstellen kann, soll im Folgenden beispielhaft an der Engineering Documentation Platform E°EDP von Eckelmann aufgezeigt werden. Diese in enger Kooperation mit der Wiesbadener Firma Makrolog Content Management entwickelte Lösung wird seit 2014 im gesamten Unternehmen verwendet.
Für die Steuerungs- und Antriebstechnik von Maschinen sowie für das Regelungssystem für Kälteanlagen stellt Eckelmann über E°EDP die technische Dokumentation, Software und Firmware-Updates bereit.
© EckelmannKonkret handelt es sich bei E°EDP um ein plattformunabhängiges Content-Delivery- und Publishing-Portal, über das technische Dokumente und Software zu Produkten und Lösungen online wie offline bereitgestellt und geteilt werden können – auf dem PC, dem Tablet oder dem Smartphone. Darüber hinaus lässt sich damit projektbezogen eine transparente Kommunikation mit Kunden organisieren. Als flexibel anpassbare Informations-Ressource kann das EDP dabei alle Phasen des Produktlebenszyklus einer Maschine oder Anlage begleiten (Konzept, Konstruktion, Engineering, Inbetriebnahme, Produktion & Betrieb, Modernisierung). Sämtliche relevanten technischen Informationen werden dort gesammelt und mittels verschiedener Medien bereitgestellt, ob für Smart-Support per App oder andere Smart-Services wie Produktoptimierung oder Predictive Maintenance.
Über die Content-Delivery- und Publishing-Funktionalitäten hinaus bietet das Konzept eine umfangreiche Backchannel-Connectivity. Es stellt hierbei nicht nur Backchannel-Funktionalitäten für Benutzer (Kommentare, Feedback, Notizen), sondern auch als Webservice für Geräte zur Verfügung. Über das Connect-API können digitale Daten (Bilder, Videos, aber auch Messwerte und Ereignisse) als Grundlage für spätere Analysen direkt im EDP abgelegt werden. Informationen und Parameter direkt aus der Maschine und dem Produktionsprozess selbst werden so mit den Engineering-Informationen und Nutzer-Anmerkungen an einer Stelle gesammelt. Bei all dem ist EDP aber keine proprietäre Eckelmann-Plattform, sondern als offenes System konzipiert. Es seht sowohl als cloudbasierte SaaS-Lösung (Shared EDP) zur Verfügung, als auch als On-Premise-Lösung, zum Beispiel für Anwendungen mit erhöhtem Sicherheitsbedarf. Dies bedeutet: Maschinenbauer können EDP ebenso unabhängig von Eckelmann nutzen, etwa um ihre Maschinendokumentation zu organisieren und den Informationsfluss zwischen Entwicklern, Hersteller, Auftraggeber und Maschinenbetreibern zu optimieren.
Exemplarische Übersicht zu Controllern für die Maschinenautomation mit Kommentarfunktion inklusive Datei-Anhängen. Rechts erscheinen der Seitenverlauf, die persönlichen Favoriten-Sammlungen sowie verwandte Komponenten.
© EckelmannNach einer persönlichen Anmeldung können die Benutzer die Lösung für ihre Zwecke personalisieren, indem sie beispielsweise häufig benötigte Dokumente in Favoriten-Sammlungen zusammenstellen oder den E-Mail-Infoservice für Updates und neue Dokumente individuell konfigurieren. Zu jedem Maschinentyp kann ein Maschinenbauer etwa eine separate Favoriten-Sammlung anlegen und hat so stets alle Dokumente ‚griffbereit‘ – ob für die Inbetriebnahme oder im Service-Einsatz.
Außerdem lassen sich Notizen und Kommentare zu einzelnen Dokumenten einfügen, was als direkter Feedback-Kanal genutzt wird. Von Anwendern entdeckte Fehler oder Anregungen können so schneller in der Dokumentation berücksichtigt werden. Von dieser Aktualität profitieren alle Anwender. Denn mit Hilfe der Teilen-Funktion können einzelne Inhalte oder eine ganze Favoriten-Sammlung komfortabel mit weiteren angemeldeten EDP-Benutzern geteilt werden, die zusätzlich eine E-Mail Benachrichtigung erhalten.
Mehr als nur eine Publishing-Lösung
Generell ist EDP also ein vielseitiges Multi-User-System und eine Publishing-Plattform für beliebige technische Dokumente und Software von Geräten, Anwendungen und Projekten. Über das differenzierte Rechtekonzept lässt sich die Plattform daneben aber auch zur bidirektionalen Kommunikation mit Kunden oder Partnern einsetzen, um beliebige Informationen über Produkte und Applikationen im kleinen Kreis zu teilen oder zu kommentieren. Und sogar die Maschinen selbst können als Informationslieferanten mit einbezogen werden; dies ist ein wesentlicher Vorteil gegenüber reinen Publishing-Lösungen für die technische Dokumentation.
EDP wird daher bei Eckelmann neben der klassischen technischen Dokumentation für die projektbezogene Kommunikation und das gemeinsame Informationsmanagement mit einzelnen Kunden genutzt. Konkrete Einsatzszenarien sind hier beispielsweise die Dokumentation von Entwicklungsdienstleistungen, die Bereitstellung von Software-Releases und die Nutzung als Feedback-Kanal, auf den alle am Projekt beteiligten Personen jederzeit zugreifen können. Dies erleichtert die transparente Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg und entlastet die E-Mail-Kommunikation. Abstimmungsprozesse werden dadurch wesentlich schlanker und agile Entwicklungsprojekte beschleunigt.
Das HMI als Schnittstelle
Beim Regelungssystem für Kälteanlagen von Eckelmann kann der Anwender per QR-Code auf der Bedienoberfläche der Systemzentrale direkt die Seite mit den gewünschten Betriebsanleitungen, Datenblättern, FAQs und weitere Informationen aufrufen.
© Eckelmann, Fotolia / Denis PrykhodovEin wichtiger Baustein von Industrie-4.0-Umgebungen, sind intelligentere HMI-Konzepte, die den Menschen befähigen, komplexe Situationen mit Hilfe von Assistenzsystemen zu überblicken und dabei gleichzeitig seine Erfahrung in Form von Planungs- und Steuerungsideen mit einzubringen. Ein konkreter Ansatz besteht beispielsweise in einer App zur Service-Unterstützung für einzelne Komponenten bis hin zu konkreter Handlungsunterstützung bei Inbetriebnahme, Diagnose und Fehlerbehebung. Auf der grafischen Bedienoberfläche lässt sich etwa eine Fehlermeldung mit einem spezifischen QR-Code anzeigen, den der Service-Techniker scannt, um bei einem bekannten Problem – im Idealfall direkt – einen konkreten Lösungsweg aufgezeigt zu bekommen.
Per EDP lassen sich so an der Maschine immer die neuesten Fehlerinformationen und Lösungen abrufen, ohne dass die Maschine dazu selbst online sein muss, was auch aus Sicht der IT-Security ein kaum zu überschätzender Vorteil ist.
Ein weiteres interessantes Servicekonzept mit EDP als zukünftige ‚Vermittlungsstelle‘ ist das direkte Anstoßen eines Supportvorgangs beim Hersteller. Hierzu kann der Servicetechniker mit einer App über einen Video-QR-Code – ähnlich wie bei der Übermittlung der Transaktionsdaten an einen TAN-Generator beim Online-Banking – Grundinformationen zum Steuerungssystem wie Parameter und Kenngrößen auslesen und direkt an den Support senden, wo automatisch ein Ticket für den Service-Vorgang angelegt wird. Weil dem Mitarbeiter im Service damit alle wesentlichen Daten strukturiert vorliegen, ohne dass er sie einzeln erfragen muss, kann er schneller konkrete Hilfestellungen geben. Solche neuartigen, anwendernahen und sicherheitsbewussten Support-Modelle, bei denen die Maschine nicht selbst über das Internet erreichbar ist, sind ebenfalls ein wichtiger Aspekt von Industrie 4.0.
‚Digitale Biotope‘ im Entstehen
Mit der Aufwertung von immateriellen Bestandteilen einer Lösung wird sich – wie bereits angesprochen – auch der Bedarf an geeigneten Kommunikationsplattformen erhöhen, um Maschinen und Anwendungen mit mehreren Partnern gemeinsam über den gesamten Produktlebenszyklus zu begleiten, zu optimieren und gegebenenfalls ergänzende Smart Services anzubieten. Auch derartige Modelle der Kooperation zwischen spezialisierten Partnern lassen sich mit der beschriebenen Plattform realisieren. Über Importe zum Beispiel aus Projektmanagement-Tools werden dazu Informationen, die mit anderen Partnern geteilt werden sollen, in das EDP eingespeist. Darüber hinaus verfügt die Software über eine leistungsfähige Maschinen-Schnittstelle, über die Daten direkt aus Controllern von Eckelmann importiert werden können. Hieraus ergeben sich ebenso mögliche Anwendungsszenarien im Innovationsfeld Smart Data Analytics.
In solche digitalen Biotope, in denen spezialisierte Partner Informationen austauschen und auf diese Weise miteinander kooperieren, kann das Unternehmen Eckelmann beispielsweise sein Know-how und Prozesswissen zu bestimmten Technologien in Kundenprojekte aktiv einbringen – von der Walzwerktechnik über das CNC-Schneiden bis hin zu Kälteanlagen etwa für Supermärkte, um hier nur einige Applikationsschwerpunkte herauszugreifen.
Autoren:
Felix Berthold ist Mitarbeiter des Pressebüros Schwitzgebel;
Dr. Frank-Thomas Mellert ist Vorstand von Eckelmann.













