Cloud-Software

Andreas Anand | Lukas Dehling,

Flexible Architekturen vermindern Risiken

Unternehmen bilden geschäftskritische Prozesse meist mit In-house-ERP-Lösungen ab. Die Risiken einer Auslagerung in eine Cloud scheinen zu groß. Flexible Architekturen aus Cloud-ERP-Systemen, Frameworks und Oberflächenkonzepten sollen das ändern.

© Infor

Deutsche Unternehmen sind in vielen industriellen Nischen führend, ihr Wettbewerbsvorteil besteht oft aus neuesten Produktionsverfahren und innovativem Material. Ihre geschäftskritischen Prozesse aber bilden die Firmen immer noch mit teils veralteten In-house-ERP-Lösungen ab. Zu groß schienen bis vor wenigen Jahren die Risiken einer Komplettmodernisierung – also die Verlagerung von geschäftskritischen Lösungen in die Wolke. Die Gründe: Zum einen konnten frühe Cloud-Angebote nicht die spezifischen Anforderungen erfüllen, die beispielsweise das Geschäft eines Automobilzulieferers ausmachen. Zum anderen fehlten Erfahrungswerte mit der Datensicherheit. Diese Bedenken lassen sich heute ausräumen. Doch was genau bringt die Cloud eigentlich, wie sieht ein zeitgemäßes Cloud-Modell aus und wie können Unternehmen umsteigen?

Moderne Produkte, altes ERP

Die IT-Welt hat sich in den letzten 15 Jahren kaum geändert. Unternehmen arbeiten mit ERP-Systemen, die vor der Jahrtausendwende implementiert wurden. Viele kämpfen mit unbeweglichen Systemen, die über die Jahre erweitert wurden. Andernorts erschweren Datensilos durchgängige Kommunikation und Prozesse.

In der Vor-Cloud-Ära löste die bevorstehende Implementierung eines klassischen On-Premise-Systems bei den meisten Geschäftsführern und CIOs Unbehagen aus, weil damit hohe Investitionen sowie lange Implementierungszeiten verbunden waren und sie das Unternehmen in der Regel über Jahrzehnte festlegten. Viele Systeme mussten über die Jahre erweitert werden, um branchenspezifische Prozesse widerzuspiegeln. Das machte sie über kurz oder lang schwerfällig. Auch die Release-Fähigkeit litt.

All das sind Gründe, weshalb die Software-Industrie mit ihren Neuerungen heute nicht mehr auf Client-Server- oder gar Mainframe-Lösungen setzt, sondern auf die Bereitstellung aus der Cloud. Oft zitierte Vorteile lassen sich nicht von der Hand weisen: Die Software-Funktionen werden als Online-Service abgerufen und in Abonnement-Raten bezahlt. Daher entfällt die Installation vor Ort. Mit der Bereitstellung über Rechenzentren erübrigen sich die hauseigenen Server. Innerhalb von Tagen implementiert und nach Bedarf skaliert, nimmt eine Software aus der Wolke von Anfang an wenig Personalressourcen in Anspruch. Durch regelmäßige Updates, die in der Cloud gefahren werden, ist ein ERP-System immer aktuell, ganz ohne dass Techniker des Anbieters ins eigene Haus kommen müssen.

Dennoch hatte die Cloud lange Zeit keine Chance, sich im ERP-Bereich durchzusetzen. Zu skeptisch waren viele Entscheidungsträger dahingehend, ihre Daten nicht mehr auf Servern im eigenen Rechenzentrum zu verwalten.

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Stabiles Sicherheits­management

Dass die Cloud sicher ist, war von Anfang an das Credo der Lösungsanbieter. Dennoch zögern Anwender bis heute. Spätestens nach aktuell diskutierten Problemen wie der Internet-Spionage und dem Abhören ganzer Nationen hat sich Misstrauen in den Köpfen festgesetzt. Dabei ist eine Vielzahl von Sicherheitsmaßnahmen und Standards wie etwa die ISO-Norm 27001 im Einsatz und es kommen ständig neue hinzu. Der ISO-27001-Standard ist ein international anerkanntes Regelwerk für ein sicher konstruiertes und stabiles Sicherheitsmanagement-System. Es kann als Leitlinie für Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit dienen.

Mehrere Sicherheits-Layer schützen zudem vor spezifischen Angriffen (etwa DDoS) und generellen Attacken wie Schwachstellen-Scans. Umfangreiche Verschlüsselungen stellen obendrein sicher, dass die Daten beim Transport geschützt sind. Auch ruhende Daten sind gesichert. Sich ständig ändernde Passwörter, eine Vermeidung von Drahtlosverbindungen und eine physische Absicherung der Rechenzentren runden die Sicherheitsbemühungen ab.

Der Vorteil bei einer Cloud-Lösung ist, dass sich die Rechenzentrumsbetreiber und Lösungsanbieter um diese Sicherheitsfragen kümmern. Ein Unternehmen muss sich damit nicht mehr auseinandersetzen. Doch es gab in der Vergangenheit noch einen weiteren Hinderungsgrund, die Unternehmens-IT in der Wolke zu betreiben. Lange Zeit galten die Lösungen als zu generisch und nicht in der Lage, den Besonderheiten einer Branche Rechnung zu tragen.

Spezialisierung ist der Schlüssel

Viele Fertigungsunternehmen arbeiten traditionell mit angepassten On-Prem­ise-Lösungen, die ihre branchenspezifischen Prozesse widerspiegeln. Über Monate und Jahre hinweg programmieren die IT-Abteilungen ihre ERP-Installationen, bis sie den individuellen Anforderungen genügen. Das ist mit dem Mehrmandaten-Prinzip in der Cloud auf den ersten Blick nicht vereinbar. Eine Cloud-Lösung für eine Vielzahl an Firmen lässt sich nicht beliebig anpassen. Heute ist dieses Problem allerdings gelöst: Es existieren Software-Suiten für Branchen-Subsegmente, sogenannte Micro Verticals. Ein Beispiel: Das Automotive-Segment umfasst unter anderem Spezialfahrzeughersteller, Zulieferer und Aftersales-Anbieter. Jeder Bereich ist durch spezifische Anforderungen gekennzeichnet und benötigt eine eigene Lösungssuite.

Solche bestehen aus einem Softwarepaket, das neben dem ERP Funktionen für zum Beispiel Supply-Chain-Management oder Business-Intelligence enthalten. Verbunden durch ein offenes Framework sind alle Funktionen über eine einheitliche Oberfläche und in ein und derselben Applikation abrufbar. Eine solche lose gekoppelte Internet-Architektur kann die klassische starre Middleware ersetzen: Sie ermöglicht eine einfache Anbindung weiterer Lösungskomponenten zum Speichern, Auffinden und Teilen kritischer Daten.

In vielen Betrieben ist das bis heute Wunschdenken. Dabei ist die Lage prekärer denn je: Durch die Machine-to-Machine-Kommunikation (M2M) entstehen immer mehr Daten aus einer Vielzahl an Quellen. Um diesen Herr zu werden, müssen Unternehmen eine Strategie im Umgang mit Daten entwickeln und entsprechende Analyselösungen und Werkzeuge für eine zügige interne Kommunikation zur Verfügung stellen.

An Soziale Netzwerke ­angelehnt

Viele Anwender kennen das Szenario: Sie wollen ein Problem analysieren oder ein Ad-hoc-Reporting an den Chef liefern und müssen dazu die relevanten Daten finden und zeitaufwendig zwischen Applikationen hin und her wechseln. Nur so lassen sich Daten vom ERP in der Business-Intelligence-Lösung analysieren und schließlich per Excel und E-Mail teilen.

Vorbild Soziale Netzwerke: Mit der Cloud-Software lassen sich relevante Daten mit ausgewählten Pesonen teilen.

© Infor

Mit einer Branchen-Suite unter einer einheitlichen Oberfläche gestaltet sich der Prozess komplett neu. Das Ober­flächendesign ist an moderne Soziale Netzwerke angelehnt und zeigt Daten aus Lieferkette oder Produktion auf einer Chronik. So kann ein Nutzer über die Social-Business-App beispielsweise prüfen, warum ein Produktionsauftrag mit Verzögerung fertiggestellt wurde, indem er den betreffenden Timeline-Abschnitt aufruft und auf das Objekt klickt. Dieses offenbart so seine gesamte Historie, vom Auftrag bis zur Auslieferung. Mit wenigen Klicks lässt sich eine Analyse, etwa zur Liefertreue, anfertigen. Dieses Reporting ist innerhalb derselben Applikation entstanden und dank des Netzwerk-Charakters zügig mit diversen Personen geteilt – ohne eine einzige E-Mail.

Erste erfolgreiche Implementierungen bestätigen diesen Ansatz. Einige Unternehmen haben die letzte Hürde der technischen Umsetzung genommen – die gewonnenen Erfahrungswerte dienten zur Entwicklung von Best Practices. Als erstes müssen sich Unternehmen die Frage stellen, wie eine Cloud bei der Umsetzung der Unternehmensstrategie helfen kann.

Nutzen-Potenzial-Analyse

Die Cloud ist eine strategische Unternehmensentscheidung. Zielt eine Firma hauptsächlich auf Profitabilität ab, könnte die Software-Bereitstellung über die Cloud Hardware-, Software- und Infrastruktur-Kosten sparen helfen. Will ein Unternehmen sein Geschäft internationalisieren, dann lassen sich neue IT-Umgebungen vor Ort schnell und ressourcenschonend aufbauen – und in der Cloud genau um die Mitarbeiter skalieren, die dort benötigt werden.

Zwei Monate kann eine Nutzen-­Potenzial-Analyse dauern. Sie bildet die Basis, um die Ist-Situation mit ­einer Benchmark-Datenbank abzu­gleichen. Im Ergebnis lassen sich Kennzahlen für branchentypische Prozesse identifizieren. Aus den verschiedenen Cloud-Lösungen werden dann die passenden ausgewählt. Bevor es an die Implementierung geht, können die Unternehmen einen Blick in die Glaskugel werfen und die Produkte in einer Cloud-Beispiel-Umgebung ­betrachten. Mit einem Teil der ­Stammdaten und einer Hand voll ­geschulter Anwender lässt sich der Ernstfall proben.

Vorsprung sichern

Wie lautet also die Empfehlung – ERP-Komplett-Umstieg in die Cloud, ja oder nein? Selbstverständlich können sich Firmen auch heute noch für hybride Umgebungen entscheiden, also das ERP on-premise installieren und Lösungen wie EAM, CRM oder HR-Software aus der Wolke beziehen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die Cloud über kurz oder lang zum Standard wird – die Kostenvorteile liegen auf der Hand, Sicherheitsbedenken sind adressiert. So macht es Sinn, frühzeitig Erfahrungen mit dieser Technologie zu sammeln. Spätestens, wenn in einigen Jahren die nächste IT-Modernisierung ansteht, sehen sich Entscheider mit denselben Fragen konfrontiert, während die Konkurrenz den Wandel schon durchlaufen hat.

Autor: Andreas Anand ist Vice President bei Consulting Services bei Infor.

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