ERP-Systeme

Michael Bzdega | Lukas Dehling,

Auslagerung in die Cloud

Wirtschaftliche Gründe sprechen dafür, ERP-Systeme in die Cloud auszulagern – davon sind mittlerweile auch viele kleinere und mittlere Unternehmen überzeugt. Doch aus technischer Sicht gilt es beim Umstieg in die Cloud einige Punkte zu beachten.

© Fotolia, MimiPotter

Für Industrie 4.0 schaffen ERP-Lösungen die technische Grundlage und Cloud Computing eröffnet dabei neue Wege. Entscheiden sich Unternehmen für den ERP-Einsatz in der Cloud, stellt sich im ersten Schritt die Frage nach dem optimalen Cloud-Ansatz. Die standardisierte Lösung SaaS (Software as a Service) bietet sich zum Beispiel als Einstiegslösung an oder für Unternehmen in einer Aufbau- oder Modernisierungsphase. 

Beim Hosting wird dagegen die eigene, bereits bestehende Anwendung des Unternehmens in die Cloud migriert. Daneben kann das ERP als Mischmodell in der Cloud und On-Premise, also im eigenen Rechenzentrum, betrieben werden. Beim ‚Implementation Hosting‘ nutzen Unternehmen die ERP-Lösung zeitlich befristet. Dabei wird das eigene On-Premise-System in der Cloud indivi-duell nachgebaut, um den Live-Betrieb zu testen. So kann der Kunde ausprobieren, wie die eigenen Systeme in der Cloud funktionieren. 

Aufgrund der von mehreren Kunden gemeinsam genutzten Plattform sollte bei SaaS die gewählte Lösung ein multi­mandantenfähiges Frontend haben. Bei der Hosting-Variante ist es ohnehin individuell, weil jeder Kunde sein eigenes Frontend besitzt. Ist die Entscheidung für das Hosting gefallen, müssen Unternehmen jedoch die Basis-Architektur betrachten. 

Damit eine hohe Akzeptanz durch die Nutzer gewährleistet ist, sollte das Frontend der ERP-Cloud-Lösung einfach und intuitiv nutzbar sein. Wenn keine Neueinführung eines ERP-Systems ansteht, bietet es sich hier an, die etablierte und bekannte Oberfläche des bisherigen On-Premise-Systems 1:1 zu übernehmen, mit dem entsprechenden Umfang und der Infrastruktur. 

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Die ideale Hosting-Architektur

Das Frontend hat dabei alle Anforderungen an einen sicheren, mobilen, flexiblen und virtuellen Arbeitsplatz zu erfüllen. Dazu zählen ein sicherer, ortsunabhängiger Zugriff zu jeder Zeit und mit jedem Endgerät, hohe Performance und schneller User-Login. Eine hochskalierbare Plattform ermöglicht dabei in Verbindung mit Sicherheitsdiensten den weltweiten Zugriff auf den Client im User-basierten Modell. Dabei muss die entsprechende Umgebung durchgängig automatisiert sein, um ein effizientes Management zu erlauben. Bei SaaS wird das Frontend gemeinsam von mehreren Cloud-Kunden genutzt und erfordert daher eine besonders sichere Verbindung zum individuellen Backend. Bei Anbietern wie Proalpha ist der Server unabhängig vom Modell immer individuell für den Anwender eingerichtet, das Back-End in allen Fällen komplett von anderen Umgebungen isoliert. Es soll weltweit eine leistungsstarke und sichere Vernetzung zwischen dem Cloud-Rechenzentrum und dem Standort des Mitarbeiters gewährleisten. Tägliche Backups per Snapshot sichern die Daten und werden in einem zweiten Rechenzentrum abgelegt. Als zusätzlicher Service kann eine standardmäßige Spiegelung aller Daten in einem zweiten Rechenzentrum hinzugebucht werden. Ebenfalls optional sind schnelle Verbindungen über MPLS, wenn das Unternehmen eine Internet-Anbindung mit nur geringer Bandbreite besitzt. 

In Bezug auf die Anwendungen enthält eine moderne Cloud-basierte 
ERP-Lösung alle wichtigen Basis­module: Dazu gehören Produktion, Material­wirtschaft, Dokumentenmanagement, Vertrieb, Einkauf, Kostenrechnung, CRM und Finanzwesen. Bei Bedarf lassen sich weitere Funktionen ergänzen, beispielsweise für Einzel- und Auftragsfertiger, Serienfertiger und den Handel. Diese umfassen zusätzliche Leistungsmerkmale, die auf komplexe Abläufe und besondere Anforderungen etwa in der Zulieferbranche zugeschnitten sind. Optionale Services wie VoIP-Telefonie oder Datenübertragung per EDI liefern zusätzlichen Mehrwert. Für diese Erweiterungen sollte die Lösung eine zentrale Integrationsplattform aufweisen. 

Datenfluss von On-Premise zur Cloud

Gerade in der Fertigung kommen neben dem ERP-System häufig weitere fachspezifische Anwendungen zum Einsatz, etwa für die Produktionssteuerung oder die Konstruktion technischer Lösungen, die sich nicht einfach in die Cloud übertragen lassen. Diese können weiterhin On-Premise genutzt und müssen nicht zwingend migriert werden, da sich deren Anbindung an ein Cloud-ERP sehr einfach umsetzen lässt. Die Systeme und Technologien werden auf Basis standardisierter Integrationsplattformen angebunden, zum Beispiel einer Integration Workbench (INWB). Diese ermöglicht auch die Verbindung verschiedener Installationen des ERP-Systems. INWB funktioniert unabhängig von Technologien und Datenformaten. Einzige Voraussetzung ist, dass eine eindeutig adressierbare Schnittstelle im Zielsystem existiert. 

Im ERP-Frontend sollten sich Fertigungsabläufe realitätsnah modellieren lassen.

© ProAlpha

Grundsätzlich lassen sich alle On-Premise-Systeme an die Cloud anbinden. Der Datenübergang wird dabei über eine VPN-Verbindung gewährleistet, die auch für hohe Sicherheit und Flexibilität sorgt. Dadurch sind lokale Systeme so angebunden, als ob sie sich in der Cloud befinden würden. Damit lässt sich simulieren, dass On-Premise- und Cloud-Variante im selben Netzwerk sind. Dies unterstützt ebenso ältere Systeme, die noch auf Dateitransfer basieren wie EDI. Das Unternehmen benötigt nur eine ausreichende Internet-Bandbreite für hohe Verfügbarkeit und Ausfallsicherheit.

Zur Erhöhung der Bandbreite sowie für die Absicherung gegen einen Ausfall kann es sinnvoll sein, eine zweite Internet-Leitung zur Verfügung zu haben. Tatsächlich findet für Fertiger der erste Schritt zum Neuprodukt in der Regel in der Konstruktion statt. Mit Schnittstellen wie CA-Link ermöglichen Unternehmen eine Verbindung zwischen CAD- und ERP-Systemen aus der Cloud und damit einen durchgängigen Daten- und Informationsfluss zwischen Konstruktions- und ERP-Lösung. Dann greift der Konstrukteur aus seiner gewohnten CAD-Anwendung heraus auf die zentrale ERP-Datenbasis zu. Hier findet er zum Beispiel alle Teile-Informationen wie Maße, Verfügbarkeit oder Lieferzeiten.

CAD und ERP aus der Cloud

Anstatt einer Schnittstelle zwischen PDM und CAD ist die direkte Integration mittels CA-Link möglich.

© ProAlpha

Gleichzeitig verwaltet CA-Link automatisch CAD-Modelle, technische Zeichnungen und Stücklisten. Die Konstruktionsdaten stehen so sämtlichen Abteilungen für nachfolgende Arbeitsschritte zur Verfügung, inklusive interaktiver 3D-Ansichten. Durch die Verbindung zwischen CAD und ERP werden relevante Daten zwischen beiden Systemen ausgetauscht. Der eigentliche Datenaustausch bleibt dabei weiterhin beim Anwender, da CA-Link nur die VPN-Verbindung in die Cloud bereitstellt. Während eines Konstruk­tionsprozesses entstehen so die PDM-/PLM-Daten ganz automatisch im ERP-System. Stammdaten, Stücklisten und andere Dokumente sind zentral im ERP hinterlegt. Dies vermeidet einen Parallel-Betrieb mit redundanten Daten sowie Schnittstellen zu einem PDM-­System. 

Hosting sonstiger ­Fremdsysteme

Auch in der Cloud bleibt das ERP-System im Zentrum der betrieblichen IT-Infrastruktur. So muss es angrenzende On-Premise-Systeme oder Internet-of-Things-Komponenten integrieren. Angebundene Fremdsysteme können jedoch ebenfalls in der Wolke gehostet werden. Beispielsweise kann es sich anbieten, einen Web-Shop in Verbindung mit dem ERP zu hosten. Auch weitere Applikationen wie zum Beispiel Office-Anwendungen, VoIP-Telefonie, EDI, Exchange, B2B-Anwendungen und andere Lösungen lassen sich in der Cloud betreiben. Sogar eine vollstän­dige Auslagerung der kompletten Systemlandschaft ist möglich.

Ziel sollte es sein, möglichst viele Systeme in die Cloud zu verlagern, da sonst immer noch eine eigene IT-Infrastruktur mit entsprechendem Personal bereitgestellt werden muss. Unter Umständen ist eine Cloud-basierte Anbindung an andere Systeme wie Office für einen durchgängigen Datenfluss sogar notwendig.

Datensicherheit

Bei der Übertragung sensibler ERP-Daten in die Cloud und der Speicherung in der Cloud ist der Sicherheitsaspekt sehr wichtig. Ein Indikator für den sorgsamen Umgang eines Anbieters mit diesen Produktivdaten ist der Betrieb eines zweiten Rechenzentrums in der Cloud zur Absicherung. Auch sollten Unternehmen auf Zertifikate achten, wie ein nach ISO 27001 zertifiziertes Informationssicherheits-Management. Dies gewährleistet, dass die Leistungsfähigkeit der sicherheitstechnischen Systeme jederzeit den aktuellen Anforderungen entspricht. 

Der Einstieg in die Cloud

Um die strengen deutschen Datenschutzregeln einzuhalten und eine hohe Sicherheit zu garantieren, sollten sich die Cloud-Rechenzentren des Anbieters ausschließlich am Standort Deutschland befinden. Dann werden alle Datenschutzbestimmungen eingehalten. Eine Cloud-Umgebung bietet damit vielen Unternehmen höhere Sicherheitsstandards als der interne ERP-Betrieb im hauseigenen Rechenzentrum. 

Beim Einstieg in eine ERP-Cloud-­Lösung gibt es einige mögliche Stolpersteine: Dazu zählt eine zu geringe Bandbreite, insbesondere bei mittelständischen Unternehmen außerhalb der Großstädte. Daher bietet beispielsweise Proalpha eine Breitband-Anbindung über MPLS für die Anbindung an die schnelle Datenautobahn. 

Ein weiteres Hindernis betrifft die Organisation: Oft fühlt sich die ­etablierte IT-Mannschaft durch die Einführung einer Cloud-Lösung bedroht. Doch eine Entlastung von Routine-­Tätigkeiten ermöglicht es Unternehmen, sich stärker auf ihr Kerngeschäft zu fokussieren. Häufig wird auch der zeitliche Rahmen falsch eingeschätzt: Während eine klassische ERP-Einführung etwa ein Jahr dauert, ist die Durchführung eines Cloud-Projekts in wenigen Wochen möglich. Ergänzende technische Module lassen sich dabei flexibel freischalten. 

Vor der Einführung von ERP aus der Cloud ist es in jedem Fall sinnvoll zu überlegen, ob und wie sich der Grad der Individualisierung innerhalb der IT- und Prozesslandschaft reduzieren lässt und welche Schnittstellen nicht zwingend erforderlich sind. Häufig lassen sich auf diese Weise einfache Anforderungen über einen Standard abwickeln. Bei der Umsetzung komplexerer individueller Lösungen unterstützen Projektentwickler-Teams.

Autor: Michael Bzdega ist Solution Architect Business Cloud bei Proalpha.

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