Job & Mensch

Alexandra Hose,

Warum Konzerne auf Start-ups setzen

Große Unternehmen arbeiten zunehmend mit Start-ups zusammen, vor allem, wenn es um Zukunftstechnologien wie generative KI geht. Laut Darius Selke von Sopra Steria bringt die Kooperation mit jungen Techfirmen nicht nur Tempo und Innovationskraft, sondern auch echte Wettbewerbsvorteile. Damit diese Partnerschaften erfolgreich sind, braucht es mehr als nur gute Ideen – es braucht ein gemeinsames Mindset und klare Strukturen.

© stock.adobe.com/whyframeshot

Etwas mehr als die Hälfte der Unternehmen in Deutschland will ihre KI-Strategie künftig gemeinsam mit Start-ups entwickeln. Das zeigt der ‚Open Innovation Report 2025‘ von Sopra Steria, Ipsos und der Insead Business School. Deutschland nimmt im europäischen Vergleich zusammen mit Frankreich eine Spitzenposition ein, wenn es um die Rolle von Start-ups in der KI-Strategie geht. Besonders häufig arbeiten Konzerne mit mehr als 5000 Mitarbeitern mit jungen Technologieunternehmen zusammen. In dieser Gruppe lag der Anteil der KI-Projekte mit Start-ups zuletzt bei 72 Prozent.

Darius Selke, Head of Marketing, Corporate Affairs & Ventures bei Sopra Steria: "Speziell bei generativer KI zeigt sich, wie sehr Unternehmen auf das Tempo und die Technologiekompetenz von Start-ups angewiesen sind, Sie bringen Agilität in Prozesse, die in Konzernen oft zu lange dauern.“ © Sopra Steria

Woher kommt es, dass die großen Unternehmen vermehrt auf Start-ups setzen? Ist das Vertrauen in Start-ups hinsichtlich neuester Technologien so viel höher als in ‚traditionelle‘ Unternehmen?
Darius Selke: Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Aus unserer Erfahrung heraus ist ein zentraler Treiber, dass die Zusammenarbeit mit Start-ups – bei richtiger Implementierung und Organisation – bereits nach kurzer Zeit messbare Vorteile bringen kann, etwa bei der Effizienzsteigerung oder Prozessautomatisierung. Bei Sopra Steria Ventures beobachten wir regelmäßig, wie Unternehmen von der Fokussierung und Innovationskraft junger Technologieanbieter profitieren. Start-ups widmen sich mit voller Energie einer bestimmten Herausforderung und entwickeln ihre Lösungen mit hoher Geschwindigkeit und Flexibilität weiter. Das ist in größeren Organisationen oft schwer umzusetzen.
Wer eine durchdachte Venture-Strategie verfolgt, kann extrem effizient hoch individualisierbare Spitzentechnologie ins Unternehmen holen. Eine Rolle spielt auch die schlanke Organisation der jungen Firmen. Sie können schneller agieren und Anpassungen am Produkt vornehmen. Zudem sind Start-ups oft eher bereit, Dinge auszuprobieren, die nicht von Anfang an Erfolg garantieren. Diese Experimentierfreude und ,Beinfreiheit´ haben größere Firmen häufig nicht. Ein weiterer Faktor ist die Kostenstruktur. Im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld können Unternehmen durch die Integration externer Lösungen Innovationen nicht nur schneller, sondern auch deutlich günstiger umsetzen – insbesondere in Zeiten von Fachkräftemangel und begrenzten Entwicklungskapazitäten.

Anzeige

Wie gelingt es, die oft deutlich unterschiedlichen Arbeitskulturen von Start-ups und Konzernen erfolgreich zusammenzubringen?
Wichtig ist ein gemeinsames Mindset, das gegenseitiges Verständnis für Strukturen und Prozesse schafft. Denn hier prallen oft sehr unterschiedliche Arbeitsweisen aufeinander, was bei guter Steuerung aber auch von Vorteil sein kann. Laut unserem Open Innovation Report liegt die Erfolgsquote in der Zusammenarbeit mit jungen Firmen bei 73 Prozent, wenn Unternehmen über eine eigene Abteilung für die Zusammenarbeit mit Start-ups verfügen. Ohne diese Struktur sinkt sie auf 51 Prozent. Dieses Commitment von Unternehmensseite macht also einen echten Unterschied. Erfolgreiche Unternehmen richten ihre strategischen Prioritäten gezielt aus und binden die relevanten Geschäftsbereiche frühzeitig ein. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist frühzeitige Offenheit. Bereits in der Anbahnungsphase sollten beide Seiten offen über Prozesse und Arbeitsweisen sprechen – das reduziert spätere Reibungspunkte erheblich.

Wo liegen Ihrer Erfahrung nach die Stolpersteine bei der konkreten Umsetzung von Kooperationen mit Start-ups?
Unser Open Innovation Report zeigt klar: Die größten Hindernisse sind rechtliche und regulatorische Anforderungen, das bestätigen 37 Prozent der befragten Unternehmen. Diese Erfahrung machen wir in der Praxis ebenfalls. Hinzu kommen Herausforderungen beim Übergang vom Pilotprojekt zur Umsetzung sowie mangelnde Strukturen und Prozesse auf Seiten der Start-ups. Gerade die Skalier-barkeit ist kritisch. Um den Sprung aus der geschützten Pilotumgebung in den operativen Betrieb zu schaffen, sind Know-how und Ressourcen erforderlich. Hier können externe Partner wertvolle Unterstützung leisten. Aus Sicht der Start-ups wiederum fehlt es oft an einer klaren strategischen Verankerung im Top-Management der Unternehmen. Ohne diese Rückendeckung sind nachhaltige Erfolge schwer zu erzielen. Zudem identifizieren Start-ups kulturelle Unterschiede und unterschiedliche Zielsetzungen als Hemmnisse. Rund ein Drittel der Start-ups führten diese Punkte als Hindernisse auf. Beides lässt sich jedoch durch eine offene und proaktive Kommunikation beider Partner gut ausräumen.

Welche Rolle spielen Innovationspartner konkret bei der Auswahl und Integration passender Start-ups und wie kann man den Erfolg dieser Partnerschaften messen?
Innovationspartner wie Sopra Steria können bereits sehr früh im Prozess einen entscheidenden Beitrag zu einer erfolgreichen Kooperation leisten. Sie kennen die Anforderungen großer Unternehmen ebenso wie die Technologien der Start-ups in ihrem Ökosystem. Dadurch sind sie ideale Vermittler, die den Auswahl- und Integrationsprozess mit ihrer Expertise begleiten und auf Potenziale hinweisen. 30 Prozent der im Open Innovation Report befragten Unternehmen setzen auf externe Vermittlungsstellen – mit nachweisbarem Erfolg: Die Erfolgsquote für die Zusammenarbeit steigt von 60 auf 73 Prozent. Dies zeigt, wie wertvoll es ist, wenn ein erfahrener Partner kulturelle und operative Unterschiede zwischen den Beteiligten überbrücken kann. Verlässlich messbar sind Erfolge meist erst, wenn die Kooperation skaliert wurde und man die Pilotphase hinter sich gelassen hat.

Gibt es Branchen oder Anwendungsfelder, in denen sich Open-Innovation-Modelle mit Start-ups besonders bewährt haben oder auch besonders schwierig gestalten?
Bei Sopra Steria haben wir insbesondere im Bereich Banking zahlreiche erfolgreiche Innovationsprojekte begleitet. Gerade dort besteht ein hoher Bedarf an datenschutz- und rechtskonformen Lösungen, die auf leistungsfähige Technologie ,Made in Germany´ treffen, etwa bei Auditlösungen oder in der Betrugsprävention. Auch der öffentliche Sektor öffnet sich externen Technologielösungen gegenüber. Da die Digitalisierung hier oft noch weit hinter den Möglichkeiten zurückbleibt, kann Open Innovation entscheidende Impulse setzen. Schwierig wird es, wenn es an Veränderungsbereitschaft fehlt – sei es in den Teams, bei den Projektverantwortlichen oder im Management. Ohne das richtige Mindset lassen sich Innovationspotenziale nicht heben.

Was muss politisch oder infrastrukturell passieren, dass Deutschland seinen Rückstand bei Open Innovation aufholen kann?
Politisch braucht es gezielte Impulse: Förderprogramme sollten stärker auf offene Innovationsprozesse ausgerichtet werden – mit konkreten Anreizen für Kooperationen zwischen Start-ups, Mittelstand, Konzernen und Forschungseinrichtungen. Gleichzeitig gilt es, regulatorische Hürden abzubauen oder zu vereinfachen, um innovationsfreundlichere Rahmenbedingungen zu schaffen. Auch die öffentliche Hand kann eine aktivere Rolle übernehmen, etwa durch innovationsorientierte Vergabeverfahren, bei denen der Staat als aktiver Partner in Open-Innovation-Projekten auftritt.
Infrastrukturell braucht es mehr Plattformen und physische Begegnungsräume, an denen unterschiedliche Akteure zusammenkommen: Gefragt sind Innovationshubs sowie besser vernetzte regionale Ökosysteme mit standardisierten Schnittstellen für Daten und Prozesse. Sie können den Austausch zwischen Unternehmen, Start-ups und Wissenschaft deutlich erleichtern – und die Zusammenarbeit effizienter und skalierbarer machen.

Web-Tipp: Für den ‚Open Innovation Report 2025‘ wurden 1643 Unternehmen und Start-ups aus zwölf europäischen Ländern befragt. Dazu zählten Unternehmen aus dem privaten und dem öffentlichen Sektor. Den Report finden Sie hier: https://bit.ly/43VKefA

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Jetzt Newsletter abonnieren