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Artikel und Hintergründe zum Thema

Interview mit Hartmut Rauen, VDMA

Andrea Gillhuber,

Ein Job mit Bedeutung

Der Fachkräftemangel ist real. An der Attraktivität des Ausbildungsprogramms liegt es nicht, weiß Hartmut Rauen. Vielmehr gilt es, die Kommunikation zu verbessern und die Bedeutung der Technik für die Zukunft herauszuarbeiten. Auch ein Thema: der deutsche Regulariendschungel.

Hartmut Rauen

© VDMA

Der Maschinen- und Analgenbau in Deutschland ist auf der Suche nach Fachkräften. Wie viele Unternehmen sind konkret betroffen?

Hartmut Rauen: Die jüngsten Umfrageergebnisse unter den VDMA-Mitgliedsunternehmen von Ende Juni (Anm. d. Red. N = 660, Geschäftsführer) zeigen, dass 98 Prozent der Unternehmen den Fachkräftemangel spüren – also mehr oder weniger alle Unternehmen betroffen sind. 79 Prozent der Unternehmen sind merklich (54 Prozent) oder gravierend (25 Prozent) betroffen. Nur vier Prozent der Unternehmen erwarten, dass sich die Situation in den nächsten drei Monaten entspannt.

Sind die Auswüchse des jetzigen Fachkräftemangels als die Vorboten des demografischen Wandels anzusehen oder gilt es, die Thematiken getrennt voneinander zu betrachten?

Rauen: Der demografische Wandel ist der zentrale Faktor für den Fachkräftemangel. Während im Jahr 2005 nur rund 14 Prozent der Belegschaft im Maschinen- und Anlagenbau über 55 Jahre alt waren, betrug dieser Anteil im Jahr 2022 rund 24 Prozent. Die Baby-Boomer werden in den nächsten Jahren in Rente gehen. Dann müssen viele Stellen ersetzt werden. Gleichzeitig nehmen die Anzahl der Erstsemester und die Zahl der jungen Leute, die sich um eine Ausbildungsstelle bewerben, ab. Die Zahl der Erstsemester im Maschinenbau sank seit 2016 um 39 Prozent, in der Elektrotechnik um 32 Prozent.

Auf dem Ausbildungsmarkt gibt es mittlerweile mehr angebotene Ausbildungsstellen als Bewerbende. Und die Anzahl der unbesetzten Ausbildungsstellen hat sich in den letzten Jahren vervielfacht. Im letzten Jahr konnte etwa jeder zehnte Ausbildungsplatz in den für den Maschinenbau relevanten Technik-Berufen nicht besetzt werden.

Inwieweit können Unternehmen die Lücken beispielsweise durch Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitenden schließen?

Rauen: Durch Ausbildung wird sich die Lücke nur bedingt verkleinern lassen. Wir können uns den fehlenden Nachwuchs nicht schnitzen. Wichtig ist in jedem Fall, dass mehr junge Leute zu einem Schulabschluss geführt werden. Hier scheitern noch zu viele. Die Schulpolitik ist hier gefordert. Weiterbildung kann ein probates Mittel gegen Fachkräftemangel sein. Menschen, deren Tätigkeit zum Beispiel durch Automatisierung innerhalb eines Unternehmens ersetzt wird, sollten frühzeitig für andere Aufgaben qualifiziert werden. Der VDMA unterstützt die Unternehmen hier auch durch seine Arbeit in der Nachwuchsstiftung Maschinenbau, die einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Ausbildungsqualität leistet. 

Wie könnte das Ausbildungsprogramm attraktiver gestaltet werden?

Rauen: Unser Ausbildungsprogramm ist schon sehr attraktiv. Bei Umfragen des DGB zur Zufriedenheit von Auszubildenden landen unsere wichtigsten Berufe wie Mechatroniker, Industriemechaniker oder Elektroniker immer unter den Top 5.

»Viele junge Schüler, insbesondere Schülerinnen, wissen einfach nicht, dass sich die essenziellen Fragen der Menschheit, zum Beispiel der Klimawandel, nur durch moderne Technik lösen lassen. Hier müssen unsere Unternehmen und wir als Verband in der Kommunikation besser werden.«

Viel wichtiger ist es, jungen Leuten, die vor der Berufs- oder Studienwahl stehen, zu verdeutlichen, dass technische Berufe attraktiv sind. Denn Bezahlung und Arbeitsklima sind hier gut, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist hoch und Teamarbeit wichtig. Viele junge Schüler, insbesondere Schülerinnen, wissen einfach nicht, dass sich die essenziellen Fragen der Menschheit, zum Beispiel der Klimawandel, nur durch moderne Technik lösen lassen. Hier müssen unsere Unternehmen und wir als Verband in der Kommunikation besser werden.

Wer die Tagespresse verfolgt, könnte den Eindruck bekommen, gerade junge Menschen möchten mehr Freizeit anstatt mehr Arbeit bei gleichem oder gar höherem Lohn. Welche Rückmeldungen bekommen Sie aus den Unternehmen?

Rauen: Junge Leute legen mehr Wert auf Freizeit und eine bessere Work-Life-Balance. Diese Rückmeldung bekommen wir auch aus unseren Unternehmen. Das muss aber nicht unbedingt heißen, dass die Jugend weniger leistungsbereit ist. Das wird zwar häufig behauptet, ist aber von Studien nicht bestätigt. In jedem Fall hat sich der Markt für unsere Unternehmen gedreht. Sie müssen sich deutlich mehr als früher einfallen lassen, um für junge Leute attraktiv zu sein.

In Deutschland sind viele Unternehmen Tarifgebunden, sprich: der Arbeitsmarkt ist überreguliert. Inwieweit ist Deutschland durch diese Regulierungen im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland beeinträchtigt?

Rauen: Flexiblere Rahmenbedingungen könnten auch für Beschäftigte ein attraktiveres Umfeld schaffen. Beispiel Arbeitszeitgesetz. Konkret sollte die gesetzlich fixierte Regel, die eine Ruhezeit von elf Stunden zwischen zwei Arbeitstagen vorschreibt, gelockert werden, zumal wenn sich Beschäftigte ihre Arbeitszeit selbst einteilen können. Die Höchstarbeitszeit sollte nicht pro Tag, sondern pro Woche definiert werden, so wie es die EU-Arbeitszeitrichtlinie vorsieht. Dadurch würden sich deutlich mehr Spielräume eröffnen – auch für die Beschäftigten –, um berufliche und private Belange besser miteinander zu vereinbaren.

Der bürokratische Aufwand für Unternehmen, die ausländische Fachkräfte rekrutieren möchten, ist sehr hoch; gerade kleinere Unternehmen haben häufig keine Kapazität bzw. finden sich nur schlecht im Regulariendschungel zurecht. Wie kann der VDMA dabei unterstützen?

Rauen: Im Wesentlichen setzt sich der VDMA dafür ein, dass der Regulariendschungel abgebaut wird und die praktische Handhabung der Fachkräftezuwanderung deutlich erleichtert wird. Eine zentrale Forderung bleibt, die Zeitarbeit in das Fachkräftezuwanderungssystem einzubinden. Bisher verbietet es, dass Arbeiter aus Drittstaaten über ein Zeitarbeitsunternehmen nach Deutschland kommen. Die Zeitarbeit hat ihre Expertise als Personalvermittler ausländischer Arbeitnehmer in den deutschen Arbeitsmarkt bereits bei der Integration von Flüchtlingen unter Beweis gestellt. Sie ist streng reglementiert, die Tarifbindung liegt bei nahezu 100 Prozent. Zeitarbeitsunternehmer haben die gleichen Pflichten wie andere Arbeitgeber. Vorbehalte, es könnte sich um ‚prekäre‘ Beschäftigung handeln, sind also unbegründet. Die überwiegend mittelständischen Unternehmen im Maschinenbau verfügen nicht über die Ressourcen, auf einem ‚globalen‘ Arbeitsmarkt nach geeignetem Personal zu suchen. Durch Einbeziehen der Zeitarbeit wäre für sie zudem das Risiko eines ‚Fehlgriffs‘ bei der Auswahl eines Bewerbers aus einem Drittstaat minimiert. Die Zeitarbeit würde wie eine Art Puffer fungieren: hat sich ein Zeitarbeitnehmer bewährt, wird ihm vom Kundenunternehmen ein Stellenangebot unterbreitet. Andernfalls bleibt er im Zeitarbeitsunternehmen mit allen Rechten und Pflichten beschäftigt, was der eingewanderten Fachkraft Arbeitsplatzsicherheit gibt.

»Deutschland ist zwar hochautomatisiert – wir stehen bei der Roboterdichte weltweit an vierter Stelle – doch ist die Automatisierung nicht gleichmäßig verteilt. Insbesondere im Mittelstand gibt es noch ein sehr großes Potenzial für Robotik und Automation.«

In Bezug auf den demografischen Wandel wird die Automatisierungstechnik als eine Lösung angesehen. Wie hoch ist denn das Potenzial in einem hochautomatisierten Land wie Deutschland?

Rauen: Deutschland ist zwar hochautomatisiert – wir stehen bei der Roboterdichte weltweit an vierter Stelle – doch ist die Automatisierung nicht gleichmäßig verteilt. Insbesondere im Mittelstand gibt es noch ein sehr großes Potenzial für Robotik und Automation. Hinzu kommen zusätzliche Einsatzmöglichkeiten für die kollaborative Robotik, die eine direkte und sichere Zusammenarbeit zwischen Roboter und Mensch ohne Schutzzaun ermöglicht. Neue, intuitive Programmier- und Bedienkonzepte erlauben nun die einfache Nutzung der Robotik und Automation auch ohne spezielle Vorkenntnisse. Dies treibt den Einsatz von Automatisierung voran. Das Potenzial ist noch lange nicht erschöpft.

In welchen Bereichen der Automatisierungstechnik sehen Sie in den kommenden fünf bis zehn Jahre die größten Wachstumschancen? 

Rauen: Im Mittelstand und im Handwerk wird sich die Automatisierung zunehmend durchsetzen. Neben der klassischen ‚Highspeed-Robotik hinter Schutzzäunen‘ kommen vermehrt kollaborative Leichtbauroboter zum Einsatz, um die Fertigung von Klein- und Mittelserien flexibel und wirtschaftlich zu ermöglichen. Autonom navigierende mobile Roboter übernehmen Transportaufgaben und minimieren Laufwege für die Beschäftigten. Professionelle Serviceroboter – zum Beispiel in der Laborautomation, in der Gastronomie oder im Gesundheitsbereich – werden in den nächsten Jahren Normalität. Insgesamt geht es darum, den Menschen von repetitiven, langweiligen und unergonomischen Aufgaben zu entlasten.

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