Fachkräftemangel
Die empathische Führungskraft als Mitarbeitermagnet
Unternehmen klagen über den Fachkräftemangel - zurecht, wie die jüngste Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt: 630.000 Fachkräfte fehlten im vergangenen Jahr. Hinzu kommt: Je höher die geforderte Qualifikation, desto schwieriger wird die Besetzung offener Stellen.
Mitarbeiterbindung gewinnt an Priorität, wenn Fachkräfte fehlen.
© wladimir1804/stock.adobe.comGesucht waren vor allem Experten mit Hochschulabschluss in Informatik, Elektrotechnik, Bauplanung und -überwachung. Die Erfahrung bestätigt auch Horst-Dietrich Kraus, Leiter Marketing und Communications bei Pilz: »Wir suchen besonders nach technisch qualifiziertem Personal wie IT-Spezialisten oder Software-Entwicklern.« Wie andere Unternehmen auch, muss der Stuttgarter Automatisierungsexperte Kompromisse machen, wenn es um Qualifikationen geht; aber ohnehin seien Persönlichkeit und Werte, die die Kandidaten mitbringen wichtiger.
Deshalb beschäftigt sich das Unternehmen verstärkt mit der Frage: Was müssen wir tun, um die gegenwärtig 2500 Mitarbeiter zu halten? »Es ist ein Mix aus verschiedenen Faktoren«, weiß Kraus, der seit 29 Jahren im Unternehmen arbeitet. Nicht nur das Gehalt, auch die zeitliche Flexibilität, die gelebten Werte wie Wertschätzung oder Hilfsbereitschaft gehören dazu. »Hohe Gehälter binden nicht dauerhaft“, resümiert Kraus, »ein Unternehmen muss wirklich verbindlich handeln. Etwa den Spirit eines Familienunternehmens bieten mit der Nähe zur Belegschaft, flachen Hierarchien und offenen Türen.“
Für viele Mitarbeiter werde die zeitliche Flexibilität immer wichtiger. Gerade für Angestellte mit Kindern sei Familie, Betreuung und Job nur unter großen Anstrengungen vereinbar. Bei Pilz können Mitarbeiter daher aufgrund des flexiblen Arbeitszeitmodells Zeiten ansparen oder gegebenenfalls ins Minus gehen. Homeoffice und mobiles Arbeiten sind bis zu 40 Prozent der eigenen Arbeitszeit möglich. »Der Ausgleich von betrieblichen Belangen und dem persönlichen Zeitbedarf muss im Team vereinbart werden, das kann man nicht starr regeln«, betont Kraus.
Ein gutes Betriebsklima steht hoch im Kurs
Dirk Hahn, Vorstandsvorsitzender von Hays: »Führung lässt sich nicht nebenbei erledigen, sondern ist Kern der Arbeit von Führungskräften. Für Führungsrollen entscheidend, sind hohe emotionale und kommunikative Kompetenzen, nicht fachliche Fähigkeiten.«
© Hays
Damit liegt das Unternehmen voll im Trend wie der HR-Report 2023 des Mannheimer Personaldienstleisters Hays zeigt. Unter den rund 1000 Befragten gilt ein gutes Betriebsklima (84 Prozent) als wichtigstes Instrument der Mitarbeiterbindung, danach folgen marktgerechte Entlohnung (70 Prozent) und flexible Arbeitszeiten (58 Prozent). Während bei den ersten beiden Aspekten Nachholbedarf besteht, sehen sich die Unternehmen aus der DACH-Region bei der Flexibilität auf der Höhe der Zeit. Dirk Hahn, Vorstandsvorsitzender von Hays, kommentiert: »Es hat uns nicht überrascht, dass eine markt- und leistungsgerechte Entlohnung wie auch das so schwer greifbare Betriebsklima als die beiden wichtigsten Instrumente angesehen werden, um Mitarbeitende zu binden.« Das sei bereits vor elf Jahren so gewesen, als der HR-Report das Thema schon einmal aufgegriffen habe. Weit oben stehe nun zudem die Ver-einbarkeit von Beruf und Familie, die 2012 noch unter ferner liefen lag. »Das zeigt das große Bedürfnis der jüngeren Generationen nach einer Work-Life-Balance«, sagt Hahn, außerdem sei es auch ein Beleg dafür, wie sehr sich die Arbeitswelt in den letzten Jahren verändert habe.
Emotionale Bindung ist entscheidend
»Vor allem jüngere Mitarbeiter benötigen viel Bestätigung und Lob«, so Verena Remppis, HR-und Administration-Direktorin von Yamaichi Electronics Deutschland.
© Yamaichi Electronics
Auch die emotionale Bindung an das Unternehmen spielt eine wichtige Rolle dabei, ob Mitarbeiter bleiben oder den Arbeitgeber wechseln. In dieser Hinsicht sind sowohl die Unternehmenskultur als auch das Verhalten der Führungskräfte entscheidend, die in ihren Teams für den passenden Umgang miteinander sorgen. Die Mitarbeiter wünschen sich vor allem Wertschätzung (73 Prozent) sowie fairen Umgang (61 Prozent) und ausreichend Zeit (54 Prozent). »Das setzt voraus, dass Führungskräften Zeit für ihre Führungsaufgaben ein¬geräumt wird«, so Hahn. Ein Knackpunkt in der Praxis, da zu viel operative Arbeit noch auf den Schultern von Vorgesetzten liegt. Dazu Hays-Chef Hahn: »Führung lässt sich nicht nebenbei erledigen, sondern ist Kern der Arbeit von Führungskräften. Für Führungsrollen entscheidend, sind hohe emotionale und kommunikative Kompetenzen, nicht fachliche Fähigkeiten.«
Eine Plattform für den Austausch unter Führungskräften
Horst-Dietrich Kraus, Leiter Marketing und Communications bei Pilz: »Letztlich geht es darum, dass sich Führungskräfte selbst führen können, vorleben, was unsere Unternehmenskultur ausmacht und sich dann Zeit nehmen für die Belange der Mitarbeiter.«
© PilzVerena Remppis bekommt von den Führungskräften die Rückmeldung, dass deren Aufwand für Abstimmung und Austausch im Team steigt, besonders in den letzten Jahren. Vor allem jüngere Mitarbeiter benötigen viel Bestätigung und Lob, so die HR-und Administration-Direktorin von Yamaichi Electronics Deutschland; sie führt dies auf die verschulten Studiengänge zurück, die kaum Eigenverantwortung fördern. Das Münchener Unternehmen hat eigens eine Plattform entwickelt, auf der sich die Führungskräfte untereinander austauschen können. Dazu kommt das Angebot von externer Supervision und Coaching, um mit den wachsenden Anforderungen umzugehen. Die Personalerin beobachtet, dass einige potenzielle Führungskräfte diesen Karriereweg nicht mehr einschlagen wollen, sondern sich lieber fachlich weiterentwickeln. Entsprechend intensiver wird der Führungsnachwuchs betreut und entwickelt. »Seminare, in denen Standardtools erlernt werden, sind wenig sinnvoll«, so Verena Remppis, dagegen sei ein intensiv begleitetes learning by doing erfolgversprechender. Dabei werden die kommunikativen und emotionalen Fähigkeiten sowie konkrete Herausforderungen in der Führung gezielt und individuell mit externen Coaches weiterentwickelt.
Der Autor: Jens Gieseler ist freier Journalist aus Tübingen mit dem Schwerpunkt Personal und Management.
© Jens GieselerBei Pilz in Ostfildern bekommen neue Führungskräfte diverse Trainings zu Führungsgrundlagen wie etwa dem Leiten von Mitarbeitergesprächen. Die Führungsrichtlinien werden bereits bei Interviews vorgestellt, um zu prüfen, ob die Führungskraft zur Unternehmenskultur passt. Diese Richtlinien haben eine hohe Bedeutung, so Kraus, und würden deshalb einmal im Jahr persönlich durch die geschäftsführenden Gesellschafter vermittelt. »Letztlich geht es darum, dass sich Führungskräfte selbst führen können, vorleben, was unsere Unternehmenskultur ausmacht und sich dann Zeit nehmen für die Belange der Mitarbeiter, und sie an ihrem Arbeitsplatz befähigen und ihnen Verantwortung übergeben sowie Vertrauen schenken«, schließt Kraus ab.

















