Interview
Eltec Elektronik mit Zukunftsperspektive
Seit November 2010 befindet sich die Eltec Elektronik in Mainz in einem Insolvenzplanverfahren. Wie kann es sein, dass ein solider Mittelständler in diese Situation gerät? Wer kauft noch die Produkte einer insolventen Firma? Und wie geht es weiter? Fragen an Vorstand Dieter Gebert.
1978 wurde die Eltec Elektronik in Mainz vom Physiker Karl Neubecker gegründet, der 1986 auch die Firma Phytec aus der Taufe hob. Mit der Entwicklung von CPUs und Rechnerbaugruppen traf das Unternehmen den Nerv der Zeit und setzte auf die 68.000er-Prozessorfamilie von Motorola. Aus dem Endkundenmarkt zog sich Eltec wieder zurück, als IBM mit dem PC auf den Markt kam und sich ein Preiskampf anbahnte. Mit VMEbus-Systemen fand Eltec lange Zeit eine lukrative Nische und sammelte als einer der Wegbereiter der industriellen Bildverarbeitung viel Know-how über Echtzeit-Systeme. Im November 2010, als die Wirtschaftskrise schon fast wieder vorbei war, musste Eltec Insolvenz anmelden. Wie es dazu kam, über den ungewöhnlichen Weg der Eigenverwaltung und wie es weitergeht, darüber sprach Joachim Kroll, Redakteur unserer Schwesterzeitschrift Elektronik, mit Vorstand Dieter Gebert.
Herr Gebert, wie kommt es, dass ein solides mittelständisches Unternehmen wie die Eltec Insolvenz anmelden muss?
Dieter Gebert: Das Thema Finanzierung begleitet die Eltec – zumindest als Nebenschauplatz – schon seit langer Zeit. Um die Jahrhundertwende sind wir ordentlich gewachsen und waren etwa so groß wie damals Kontron. Und wie viele Unternehmen der damaligen Zeit wollten wir den Neuen Markt nutzen, um uns Kapital zu beschaffen. Zu diesem Zweck gab es eine Gesellschafter-Umstrukturierung und den Wechsel von der GmbH zur AG. Aber die Gründergruppen und die Neu-Aktionäre konnten sich nicht einigen und diskutierten zu lange, so dass die Tür zum Neuen Markt wieder zuschlug. Damit war das Finanzierungsproblem der Eltec erst so richtig geboren, denn die Umstrukturierung hatte viel Geld gekostet. Und die Gesellschafter-Stuktur war darauf ausgelegt, dass das Geld aus dem Börsengang die Zukunft der Eltec gewesen wäre.
Nun aber hätten die Aktionäre selbst wieder das Wachstum finanzieren müssen, was sie nicht wollten und teilweise auch nicht konnten. So blieb mir dann nichts anderes übrig als die teuerste Form der Finanzierung zu wählen, nämlich Kontokorrent bei den Banken. Das führte dazu, dass wir zeitweise acht bis neun Prozent unseres Umsatzes für Finanzierungskosten aufwenden mussten. Der Zinssatz, den wir zahlen mussten, betrug bis zu 16 Prozent.
Und die Krise 2008/09 hat der Eltec dann den Rest gegeben ...
Gebert: Ja, das war der eigentliche Grund für die Insolvenz. Wir hatten 2008 noch einen Umsatz von 11 Mio. Euro. Da unsere Kunden zu 80 Prozent aus dem Maschinenbau kommen, ging es mit uns genauso bergab wie mit der Branche, so dass wir 2009 runtergeschossen sind auf 5,3 Mio. Umsatz. Was das unter den vorher geschilderten Bedingungen bedeutet, brauche ich wohl nicht näher zu erläutern.
Aber kann es nicht sein, dass nicht nur die Wirtschaftskrise für den Niedergang der Eltec verantwortlich war, sondern auch die Tatsache, dass sich Eltec zu sehr auf einen Markt verlassen hat und das Produktportfolio mit relativ viel VMEbus-Anteil nicht mehr ganz up-to-date war?
Gebert: Ich würde es etwas anders umschreiben. Durch unsere eingeschränkten Möglichkeiten mussten wir uns auf unsere vorhandene Klientel – und das ist ja keine schlechte – konzentrieren.

Insolvenz beendet
Mit dem Einstieg neuer Investoren hat der IPC-Anbieter Eltec seine Restrukturierungsphase abgeschlossen und kann nun das Insolvenzplanverfahren beenden.
Rettung nach US-amerikanischem Vorbild
Wer sind denn die Gesellschafter der Eltec?
Gebert: Die Gründergruppe um Herrn Neubecker sowie einige im Unternehmen tätige Leute, darunter auch ich, hielten bis vor der Insolvenz zusammen rund ein Drittel am Unternehmen. Die anderen zwei Drittel gehören Finanzinvestoren. Das sind aber alles vollkommen integere Leute aus unserem Umfeld. Um es etwas konkreter auszudrücken: Es sind Privatpersonen, die in der Getränkeindustrie tätig sind. Mir liegt daran, dass es nicht "gute" und "schlechte" Gesellschafter gibt. Das Schlimme waren die Berater, die wir wegen des geplanten Börsengangs dabei hatten und die sehr, sehr viel Geld mit unserer Umstrukturierung verdient haben und letztlich dafür gesorgt haben, dass es immer enger wurde.
Und wie wollen Sie das Unternehmen retten?
Gebert: Wir konnten neue Investoren gewinnen und machen einen Kapitalschnitt. Die Altaktionäre tauschen vier Aktien in eine Aktie. Damit sinkt deren Anteil auf 25 Prozent. Eine neue Investorengruppe zeichnet 75 Prozent. Dabei handelt es sich um Finanzinvestoren, die bereits Erfahrung in unserer Branche haben, die Cornerstone AG aus Frankfurt und EiKaM (Eigenkapital für den Mittelstand) aus Stuttgart. Also keine "Heuschrecken", sondern Investoren, die uns bei der Entwicklung der zukünftigen Strategie helfen und uns Kapital geben, um zusätzliche Leute einzustellen, für die Vermarktung, die Akquise, für unser Erscheinungsbild. Zu dieser Investition haben sich die Investoren bereits verpflichtet. Es stehen nur noch einige Formalitäten vor Gericht aus.
Aber wer kauft denn noch die Produkte eines insolventen Unternehmens?
Gebert: Bevor ich zum Amtsgericht ging, habe ich sowohl mit unseren Key-Kunden als auch mit Kunden aus der zweiten Reihe gesprochen und unseren Plan erläutert. Unsere Strategie ist, uns während der Insolvenz mit aller Kraft auf unsere bestehenden Kunden zu konzentrieren. Und das hat auch geklappt: Wir haben durch die Insolvenz keinen einzigen Kunden verloren.
Viel schwieriger als die Kunden waren die Lieferanten. Denn wer beliefert schon gerne ein insolventes Unternehmen? Unsere Produktion ist ausgelagert an die Productware in Dietzenbach, der ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen möchte. Denn nach drei Wochen intensiver Überzeugungsarbeit konnten wir sie in den Insolvenzplan einbinden.
Wie kommt es, dass Eltec während der Insolvenz nicht von einem Insolvenzverwalter verwaltet wird?
Gebert: Was wir machen, ist kein Insolvenz-Regelverfahren, sondern eine Planinsolvenz. Das funktioniert so ähnlich wie das Chapter 11 in den USA, was in der Regel auch in Eigenverwaltung abläuft. Seit 1999 ist so ein Verfahren auch in Deutschland in die Insolvenzordnung aufgenommen worden. Ganz wichtig bei einem Planinsolvenzverfahren ist, dass die Quoten, die die Gläubiger bekommen, erheblich höher sein müssen, als wenn man das Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit laufen lassen würde. Den Insolvenzantrag habe ich nicht erst gestellt, als unsere Kredite schon ausgelaufen waren, sondern schon vorher wegen drohender Zahlungsunfähigkeit im November 2010. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres schon wieder ein Umsatzplus von 45 Prozent. Aber genau das hat uns in diese Situation gebracht, dieses Wachstum hätten wir nicht mehr finanzieren können. Und so haben wir die Insolvenz für die Sanierung der Eltec genutzt.
Haben Sie schon einmal über den Zukauf von Computermodulen oder -boards nachgedacht?
Gebert: Jein, wir machen beides. Im Bereich der Echtzeit-Technologie entwickeln wir durchaus noch unsere eigenen Boards und Systems-on-Chip. Das ist ein Kern-Know-how der Eltec, ebenso wie der Einsatz von FPGAs in der Bildverarbeitung. Wir haben aber auch die andere Variante, bei der wir fertige CPU-Module verwenden und hier im Haus die komplette I/O-Abdeckung mit Motherboards und I/O-Boards machen.
Nun, da Eltec wieder eine Zukunftsperspektive hat, wie sieht es mit Ihrer eigenen Zukunft aus – Sie sind ja mittlerweile in einem Alter, wo man an den Ruhestand denkt?
Gebert: Ja, normalerweise wäre ich dieses Jahr im Juni in Rente gegangen. Aber ich konnte ja die Eltec nicht einfach noch kurz vorher gegen die Wand fahren lassen. Da steckt Herzblut drin und letztlich auch mein Lebenswerk, denn ich bin seit Gründung der Eltec mit dabei. Durch die Sanierung hat Eltec nun wieder Wind unter die Flügel bekommen. Mit dem neuen Investor zusammen will ich die neue Strategie im Detail umsetzen und im Zuge dessen auch Nachfolger suchen. Das sollte bis Mitte 2012 in einer neu und gut bestellten Eltec möglich sein.










