zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Mathworks

Meinrad Happacher | Meinrad Happacher,

Steuerung, Edge Devices und Cloud im Verbund

Predictive Maintenance Algorithmen zu entwickeln, birgt einige Herausforderungen in sich. Am Beispiel einer Verpackungsmaschine erläutert der Artikel, wie ein Algorithmus für vorausschauende Wartung entwickelt werden kann.

© Shutterstock

Die Komponenten eines Predictive-Maintenance-Systems in der Produktion

© Mathworks

Die vorausschauende Wartung oder das Predictive Maintenance ist in der Industrie mittlerweile unerlässlich, um die operative Effizienz zu steigern und Wartungskosten zu senken. Allerdings stellt die Entwicklung von Predictive-Maintenance-Algorithmen für Fahrzeuge, MRT-Geräte, Windkraftanlagen oder Montagebänder auch einige Herausforderung an die beteiligten Ingenieure. Die Algorithmen-Entwicklung erfordert nicht nur umfassende Erfahrung mit Machine-Learning-Techniken, sondern auch ein solides Verständnis des Anlagenverhaltens. Fachkräfte, die Fähigkeiten in beiden Bereichen aufweisen, sind allerdings schwer zu finden.

Auch die Implementierung der Funktionalität in der Produktion erfordert eine Reihe an Schritten, um den Predictive Maintenance Algorithmus auf einer Industriesteuerung, einem Edge Device oder in der Cloud bereitzustellen. Teile eines einzelnen Algorithmus können auf verschiedenen Teilen der Infrastruktur laufen, was die Komplexität weiter erhöht.

Am Beispiel einer Verpackungsmaschine wird in diesem Artikel gezeigt, wie ein Algorithmus für die vorausschauende Wartung entwickelt und in einem Produktionssystem bereitgestellt werden kann.

Anzeige

Die Verpackungsmaschine

Das System zur vorausschauenden Wartung einer Verpackungsmaschine

© Mathworks

Die beispielhafte Verpackungsmaschine ist mit mehreren Roboterarmen ausgestattet. Diese bewegen sich mit hoher Geschwindigkeit hin und her, wenn sie zu verpackende Objekte auf dem Montageband platzieren. Sie sind an Industriesteuerungen (SPS) angeschlossen, die mit einem auf Microsoft Azure basierten System kommunizieren. Dieses IT/OT-System erfasst Streamingdaten von den mit den Roboterarmen verbundenen Edge-Geräten und führt Predictive-Maintenance-Algorithmen auf Basis dieser Daten aus. Das ermöglicht die Erkennung von Anomalien und die Vorhersage möglicher Störungen der Arme und meldet die Ergebnisse an die von Ingenieuren und Bedienern genutzten Dashboards zurück.

Der Algorithmus

Der Algorithmus für dieses Predictive-Maintenance-System besteht aus zwei Komponenten. Die erste Komponente läuft auf der Industriesteuerung (Edge) und verdichtet die Daten mithilfe von Feature-Extraction-Techniken. Die zweite Komponente befindet sich in der Cloud. Sie nutzt die Features sowie ein Machine-Learning-Modell, um das Auftreten von Störungen vorherzusagen und um die verbleibende Nutzungsdauer der Maschine abzuschätzen. Die Ergebnisse dieses prädiktiven Algorithmus werden nahezu in Echtzeit an das Dashboard gestreamt.

Der Feature Extraction Algorithmus

Die Diagnostic Feature Designer-App in Matlab

© Mathworks

Der erste Teil des Predictive-Maintenance-Algorithmus arbeitet mit den von den Roboterarmen erzeugten Sensor-Rohdaten. Erfasst werden Drehzahl und Stromaufnahme des Motors des jeweiligen Arms.

Die für solche Maschinen verwendeten Sensoren erreichen eine sehr hohe Datenabtastrate. Das Speichern derartig vieler Sensordaten und ihre Analyse kann kosten- und zeitaufwendig sein, da der Umfang der Messdaten die Identifikation der relevanten Datenbereiche erschwert. Dieses Problem lässt sich durch Feature Extraction lösen.

Feature-Extraction-Techniken arbeiten mit Sensor-Rohdaten und leiten daraus wichtige Kennzahlen ab, was den Speicher- und Übertragungsaufwand erheblich verringert. Die Sensoren im Roboterarm erfassen Daten im 1-kHz-Takt. Das entspricht 1000 Abtastungen pro Sekunde. Durch das Verdichten der Daten auf fünf Merkmale wird der Aufwand zur Datenspeicherung und -übertragung um den Faktor 200 reduziert.

Unter Einsatz der Diagnostic Feature Designer-App in der Predictive Maintenance Toolbox werden Sensordaten importiert und Features mithilfe verschiedener Verfahren für die Signalverarbeitung und für die dynamische Modellierung extrahiert. Die Features werden dann dahingehend klassifiziert, wie gut sie unterscheiden können, ob die Daten von einer funktionierenden oder von einer defekten Maschine stammen.

Nach Auswahl der zu extrahierenden Merkmale lässt sich der Datenverdichtungsalgorithmus in der als Edge-Gerät verwendeten SPS implementieren. Statt den Algorithmus auf einer physikalischen Maschine zu testen – und Gefahr zu laufen, sie zu beschädigen –, wird die SPS an ein auf einem Hardwaresystem von Speedgoat ausgeführtes Simscape-Modell der Roboterarme angeschlossen. Dieses Echtzeit-System kommuniziert über einen industriellen Feldbus mit der Industriesteuerung. Zuerst gilt es, mit dem ‚Simulink Coder‘ C-Code für den Datenverdichtungsalgorithmus zu erzeugen und in der SPS bereitzustellen. Dann ist das Verpackungsmaschinenmodell im Speedgoat-System zu installieren. Mithilfe von unter verschiedenen Störungsbedingungen ausgeführten Simulationen lässt sich dann sicherstellen, dass der Algorithmus ordnungsgemäß in der Praxis funktionieren wird.

Der Predictive-Maintenance-Algorithmus

Die Integration des Predictive-Maintenance-Algorithmus in die Cloud-Infrastruktur

© Mathworks

Durch die Extraktion aussagekräftiger Daten kann das Edge-Gerät jetzt die zu übertragende Datenmenge verdichten. Diese verdichteten Daten können mithilfe von Apache Kafka an das IT/OT-System gestreamt werden. Mittels dieser Streamingdaten lässt sich die Restnutzungsdauer der Verpackungsmaschinenmotoren abschätzen.

Das webbasierte Dashboard zur Darstellung der Ergebnisse

© Mathworks

Da sich der Zustand der Motoren mit der Zeit verschlechtert, nehmen die extrahierten Merkmale stetig linear oder exponentiell zu oder ab. Anhand dieses Trends wird in der Predictive Maintenance Toolbox ein Modell zur Degradation ausgewählt, um den zukünftigen Zustand der Maschine vorherzusagen.

Damit dieser Algorithmus auf einem cloudbasierten System lauffähig ist, muss nun per Matlab Compiler SDK eine ausführbare Datei erstellt und mittels des Matlab Production Server in das IT/OT-System integriert werden.

Philipp Wallner ist Industry Manager für Industrie Automation & Maschinenbau bei Mathworks.

© Mathworks

Der Machine Learning-Algorithmus kann jetzt Störungen der Verpackungsmaschine vorhersagen. Dazu verwendet er Merkmale, die aus den Rohdaten der Edge-Geräte extrahiert werden, sowie ein webbasiertes Dashboard, über das die Ergebnisse abrufbar sind.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Meistgelesen

Die Top-Artikel im Juli 2024

Innovationsgeist und unternehmerisches Denken prägen die meistgelesenen Beiträge aus dem Juli. Erfahren Sie mehr über Wettbewerbsvorteile durch KI, klicken Sie sich durch prämierte Entwicklungen und lesen Sie mehr über Model-Based Design und...

mehr...
Anzeige
Anzeige

Mathworks

Agile Entwicklung mit Model-Based Design

In Produktionsmaschinen werden immer mehr Funktionalitäten durch Software umgesetzt. Das macht das Entwickeln und Testen der Maschinen komplexer, konventionelle Methoden stoßen hier an ihre Grenzen. Model-Based Design ermöglicht die agile...

mehr...
Anzeige

Im Fokus: Agriculture

Das E-Paper der Ausgabe 05/2024

Um Strategien für die Zukunft geht es unter anderem in der aktuellen Computer&Automation. Lesen Sie, welche Reformen Verbände von der Politik fordern, welche Chancen Technologien wie ChatGPT und SPE mit sich bringen und welche Rolle Roboter bei...

mehr...

Meistgelesen

Die Top-Artikel im Januar 2024

Das Jahr startet in den Unternehmen rasant und bringt bereits in dieser frühen Phase allerhand Kooperationen und Veränderungen mit sich. Auch die Entwicklungen im Bereich der Robotik und Steuerungstechnik stehen nicht still, wie unsere Top Artikel...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Mathworks

Automation im Hochvolt-Bereich

Zum Übertragen großer Energiemengen über weite Distanzen kommt zunehmend die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung zum Einsatz. Was eine solche Lösung mit Model-based Engineering und PC-based Control zu tun hat, zeigt ein Anwendungsbeispiel von...

mehr...

Advertorial

KI-Trends für Ingenieure in 2023

Studien zeigen: Unternehmen, die KI-Engineering-Praktiken zur Entwicklung und Verwaltung adaptiver KI-Systeme nutzen, haben einen Wettbewerbsvorteil. Folglich gilt es, die Einführung von KI voranzutreiben, um den Anschluss nicht zu verlieren.

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren