Technik & Finanzen
Wachstums-Chancen durch Quelloffenheit
Tech-Konzerne wie Microsoft machen es vor: Quelloffene Software und die Freigabe wichtiger Algorithmen und Frameworks sollen das Innovationstempo beschleunigen und die eigenen Ökosysteme systematisch erweitern. Eine Open Source-Strategie ist für Industrie 4.0 prädestiniert.
Eine Open Source-Strategie ist für Industrie 4.0 geradezu prädestiniert.
© Pixabay / CC0Digitalisierung und Dekarbonisierung sind die beiden wichtigsten gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Themen unserer Zeit. Auch die Industrie stellt sich darauf ein: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein weiteres Unternehmen auf schnellstem Wege klimaneutral werden möchte. Um die ambitionierten Ziele zu erreichen, bedarf es eines ‚Leapfrogging‘-Ansatzes, sprich: eines Überspringen bestehender Gegebenheiten in eine neue Welt. Digitalisierung ist der Schlüssel; doch um diese schnell, effizient und ausfall-sicher in alle möglichen Erdteile und Geschäftsprozesse zu integrieren, braucht es einen kollaborativen, multinationalen Ansatz ohne langwierige Abstimmung auf Regierungs- und Bürokratie-Ebene.
Linus Torvalds hat mit seiner Erfindung des Betriebssystems Linux vor 30 Jahren einen Meilenstein in doppelter Hinsicht gesetzt: Er hat nicht nur ein komplett neues Betriebssystem außerhalb eines großen Tech-Konzerns geschaffen – quasi vom eigenen Wohnzimmer aus hat er die Microsofts und IBMs dieser Welt eines Besseren belehrt –, er hat das strategische Schlüsselelement für unsere großen Herausforderungen im 21. Jahrhundert geboren: den Open Source-Ansatz. Torvalds hat gezeigt, dass einzelne Entwickler, die weltweit unabhängig voneinander an einer wichtigen Software wie einem Betriebssystem arbeiten, hervorragende Ergebnisse abliefern – eine Meisterleistung!
Open Source und die Software-Industrie
Thomas Rappold: »Open Source ist der Schlüssel für den zwingend notwendigen Innovationssprung hin zu Digitalisierung und Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft.«
© Thomas RappoldOpen Source- und kommerzielle Software-Anbieter waren über lange Zeit wie Feuer und Wasser: Steve Ballmer, Kompagnon von Bill Gates und dessen Nachfolger als CEO bei Microsoft, bezeichnete die Open Source-Bewegung im Jahr 2001 gar als ‚Krebs‘. Seit der Inder Satya Nadella im Jahr 2014 Nachfolger von Ballmer wurde, hat sich bei Microsoft ein 180°-Kulturwandel vollzogen. Nicht ohne Grund wählte Nadella für seine erste große Strategie-Rede San Francisco als Ort und 5000 Entwickler als Zielgruppe. Sein Ziel: Microsoft wieder zu seinen Wurzeln und seiner Ursprungs-DNA als ‚Entwickler-Unternehmen‘ zurückzuführen – fokussiert auf die Bedürfnisse der Software-Entwickler.
Im Jahr 2019 hatte die Open Source-Softwarebranche einige der größten Übernahmen ihrer Geschichte erlebt. Die bemerkenswertesten Transaktionen: IBM kaufte Red Hat für 34 Mrd. US-Dollar und Microsoft übernahm GitHub, eine Plattform für öffentliche Code-Repositories mit Millionen von Entwicklern, für 7,5 Mrd. US-Dollar. Laut Zahlen des Tech-Analyseunternehmens CB Insights wird das Marktvolumen der Open Source-Dienstleistungsbranche bis 2022 auf fast 33 Mrd. US-Dollar anwachsen – das entspricht fast einer Verdoppelung gegenüber 2019.
Ende 2018 verkündete Microsoft, dass es mit dem Beitritt in die Open Invention Network Organisation 60.000 Patente für Linux kostenfrei als quelloffene Software zur Verfügung stelle. Monetär ist dies kein Pappenstil, hat doch Microsoft bis Ende 2014 etwa 3,4 Mrd. US-Dollar aus seinen Android-Patenten verdient. Allein Samsung zahlte Microsoft eine Milliarde Dollar, um seine Android-Patente zu lizenzieren. Ein kluger Schachzug, der auch Kartellwächter nicht unbeeindruckt lässt: So vermeldete Reuters damals fast zeitgleich, dass die 7,5 Mrd. Dollar schwere GitHub-Übernahme bei der EU ohne kartellrechtliche Auflagen durchgewunken wird. Nicht ohne Grund adelte der geniale Stratege Nadella die GitHub-Übernahme mit den Worten »Developers are the builders of this new era, writing the world’s code. And GitHub is their home«. Auf Deutsch: »Die Entwickler sind die Baumeister dieser neuen Ära, die den Code der Welt schreiben. Und GitHub ist ihr Zuhause.«
Bedeutung von Open Source für die Industrie
Open Source ist inzwischen bei den Unternehmen breitflächig und in der Tiefe angekommen: Einer regelmäßigen Erhebung der Linux Foundation zu Folge gaben 85 % der Befragten an, dass ihr Unternehmen zumindest manchmal Open Source-Komponenten für nichtkommerzielle oder interne Zwecke einsetzt. 69 % verwenden zumindest manchmal Open Source-Code in kommerziellen Produkten, wobei diese Zahl bei den Technologieunternehmen auf 83 % ansteigt. Die Beteiligung an der Open Source-Gemeinschaft ist bei Technologieunternehmen deutlich höher: So geben 56 % der Befragten in Technologieunternehmen an, dass ihr Unternehmen manchmal oder häufig Programm-Code beisteuert, verglichen mit 43 % in der Gesamtheit der Befragten.
Auch die Größe eines Unternehmens korreliert mit seiner Open-Source-Präsenz. Obwohl großen Unternehmen oft vorgeworfen wird, die Ressourcen der Open Source-Gemeinschaft nur zu nutzen, ohne etwas zurückzugeben, sagen die Daten etwas anderes: Unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern tragen in 41 % der Fälle häufig zu Code-Beiträgen bei, während dies nur 14 % der Unternehmen mit zwei bis 50 Mitarbeitern tun. Die größten Unternehmen, von denen viele Internet-Technologiefirmen sind, verfügen über die Ressourcen, die sie für Projekte aufwenden können, die möglicherweise keine direkten Einnahmen bringen. Kleinere Unternehmen verwenden zwar häufig Open Source-Code in ihren kommerziellen Produkten, konzentrieren sich aber meist mehr auf die Projekte ihres eigenen Unternehmens als auf die, von denen sie abhängig sind.
Die Untersuchung der Linux Foundation liefert auch die Antworten, warum Unternehmen sich so stark mit Open Source-Software beschäftigen: 55 % der Befragten gaben an, dass sie eine Beschleunigung der Innovationen erzielt haben. Grund dafür sei eine deutlich höhere Geschwindigkeit der Produktentwicklungszyklen – Elon Musk mit Tesla und SpaceX lässt grüssen –, aber auch kulturell führt es zu einem Wandel der Zusammenarbeit durch mehr Interaktionen bisher autonom vor sich hin arbeitenden Abteilungen.
Kontext Industrie 4.0
Open Source-Software spielt in industriellen Umgebungen eine immer größere Rolle, da Bereiche wie die Energie-Erzeugung und die Fertigung immer stärker vernetzt werden. Der Elektrogigant Bosch gehörte im Jahr 2020 zu den 100 größten Unternehmen, die auf GitHub Beiträge erbringen. Das Unternehmen stützt sich bei der Entwicklung seiner IoT Suite, einer Plattform für die Vernetzung von IoT-Geräten und -Anwendungen, stark auf Open Source-Software. Bosch hat mit der Eclipse Foundation, einer Gemeinschaft von Entwicklern und Organisationen, die zu Open Source-Projekten beitragen, zusammengearbeitet, um seiner Plattform grundlegende Funktionen wie Remote-Service-Schnittstellen und ein Backend für Software-Updates hinzuzufügen.
Neben Bosch zählt das Energieunternehmen Equinor zu den größten Open Source-Beitragenden und verfügt über eine Gemeinschaft von über 35 aktiven Beitragenden auf GitHub. Im Jahr 2015 führte das Unternehmen eine offizielle Richtlinie ein, nach der die gesamte von ihr entwickelte Software Open Source sein soll. Außerdem hat es sechs zentrale Werte für seine Aktivitäten im Ökosystem festgelegt, darunter Transparenz und kollaborative Beteiligung. Mit mehr als 400 Repositories auf GitHub steuert Equinor umfassende Lösungen bei. Dazu gehören die Gestaltung interner digitaler Schnittstellen (Daten-Dashboards) und branchenspezifische Lösungen (Lagerstättenvorhersagen, Bohrlochprotokolle), die auf die besonderen Herausforderungen von Energie-unternehmen ausgerichtet sind.
Die Beteiligung von Equinor am Projekt Northern Lights, neben Microsoft, Shell, Total und der norwegischen Regierung, unterstreicht die Rolle von Open Source bei der Lösung globaler Probleme. Im Rahmen des Projekts wird Open Source-Software von Microsoft eingesetzt und das Verfahren zur Abscheidung, zum Transport und zur Speicherung von Kohlendioxid wird der Öffentlichkeit zur Weiterverwendung und Verbesserung zugänglich gemacht.
Open Source für Anleger – das ‚Kafka‘-IPO
Mit dem Subscription Economy Index (ISIN: DE000VQ8SSC7) von Vontobel können Anleger weltweit erstmals über ein Indexzertifikat in die 20 wichtigsten Aktien Abo-basierter Geschäftsmodelle investieren, die zudem stark in Open Source-Projekten involviert sind. Dabei deckt der Index die gesamte Wertschöpfungskette mit Unternehmen aus den Sektoren Infrastructure-as-a-Service (IaaS), Software-as-a-Service (SaaS), Subscription Management (Billing) Provider und X-as-a-Service (Xaas) ab.
© SolactiveConfluent wurde 2014 von CEO Jay Kreps, dem ehemaligen CTO Neha Narkhede und Jun Rao mitgegründet. Die drei arbeiteten zuvor bei LinkedIn, wo sie 2011 eine Event-Streaming-Software namens ‚Kafka‘ entwickelten. Ziel dabei war, das stark wachsende Messaging-Volumen auf der Business- und Karriereplattform in performante Bahnen zu leiten. Kafka wurde in der Folge von LinkedIn als quelloffene Software an die weltweite Entwickler-Community freigegeben. Kreps, Narkhede und Rao witterten ihre Chance und gründeten Confluent mit dem Ziel, Kunden kommerzielle Lösungen auf Basis des quellenoffenen Kafka-Kommunikationsprotokolls anzubieten. Inzwischen gehört Kafka zu den beliebtesten Open Source-Projekten überhaupt. Die Confluent-Gründer trafen damit auch den Nerv der Zeit: Der steigende Bedarf an Echtzeit-Datenaustausch in den Branchen Industrie 4.0, IOT und autonomen Fahren bedarf einer Art Datenbetriebssystem. Confluent setzt mit seinen Echtzeit-Daten- und Streaming-Produkten, darunter die Software Confluent Platform und die Confluent Cloud, auf Echtzeit-Datenverarbeitungsaufgaben – was das Unternehmen als ‚Daten in Bewegung‘ bezeichnet. Der Börsengang bewertete das Unternehmen mit rund 8,3 Mrd. US-Dollar. Für das Geschäftsjahr 2020 verzeichnete Confluent einen Umsatz von 236,6 Mio. US-Dollar, ein Anstieg von 37 % gegenüber 2019. Im ersten Quartal 2021 beschleunigte sich der Zuwachs um 51 % auf 50,9 Mio. US-Dollar. Das Beispiel Confluent zeigt, dass sich mit Open Source-Geschäftsmodellen gutes Geld verdienen lässt.















