IoT Hotspot
Finger weg von den Big Playern?
Viele Unternehmen sind dabei, eigene IoT-Lösungen zu entwickeln. Rund 60 % holen sich dabei externe Partner an Bord. Michael Breidenbrücker, CEO bei Senseforce, appelliert gerade an die Mittelständler, sich hierbei nicht auf die großen IT-Dienstleister zu versteifen.
Michael Breidenbrücker, CEO von Senseforce
© SenseforceHerr Breidenbrücker, IoT-Projekte scheinen in deutschen Unternehmen endlich angekommen zu sein. Wie sieht die aktuelle Lage im industriellen IoT-Markt aus?
Michael Breidenbrücker: Digitalisierung bedeutet Umbruch, welcher früher oder später jede Branche ereilt. So stehen auch die Maschinen- und Anlagenbauer, die sehr mittelständisch geprägt sind, seit Jahren vor der Herausforderung, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Dabei ist der deutsche Mittelstand definitiv auf einem guten Weg – zumindest was die Ambitionen angeht. Studien zeigen, dass industrielle IoT-Projekte nun auch in den mittelständischen Unternehmen an Bedeutung gewonnen haben und vielerorts schon erste Projekte über den Pilot-Status hinaus sind.
Generell geht der Trend dabei zu ‚Buy and create‘, sprich die Lösung wird nicht von der Pike auf neu entwickelt, sondern eine vorhandene Lösung eingekauft und dann an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Auch bei der Implementierung holen sich viele Mittelständler externe Hilfe. Grund hierfür ist meist, dass IoT-Lösungen noch einen hohen Erklärungsbedarf und mittelständische Unternehmen einen Mangel an Software-Development-Ressourcen haben. Denn obwohl die Branche international einen guten Ruf genießt, ist sie für IoT, Big Data, Cloud oder Machine-Learning unzureichend aufgestellt. Deshalb suchen mittelständische Unternehmen auch nach passenden externen Partnern, die das Know-how besitzen und sie bei der Digitalisierung von Prozessen unterstützen können.
»Mittelständler haben nichts davon, wenn IoT-Plattformen durch eine Heerschar von IT-Fachkräften betreut werden muss«
Was müssen mittelständische Unternehmen bei der Wahl eines IoT-Partners beachten?
Breidenbrücker: Der Mittelstand zeichnet sich durch Innovationskraft und Flexibilität aus. Bei der Wahl eines Partners für die Realisierung von IoT-Projekten sollte dringend darauf geachtet werden, dass die Flexibilität erhalten bleibt. Konkret bedeutet das, dass sich die Lösung ohne großen Aufwand in die bestehenden Systeme integrieren, von einem auf ein anderes System migrieren und vor allem auch skalieren lässt. Wenn sich Anforderungen von Kunden und Industriepartnern ändern, müssen Mittelständler weiterhin flexibel reagieren können.
Wenn dabei die internen IT-Ressourcen begrenzt sind, empfiehlt sich die Suche nach einer Out-of-the-box-Lösung, die möglichst wenig Anpassung erfordert und die branchenspezifische Schnittstellen und Funktionen an Bord hat. Sollten Anpassungen nötig sein, beispielsweise die Erstellung von abteilungsspezifischen Apps oder Dashboards für Vertrieb oder Service, so sollte darauf geachtet werden, dass sich diese ohne den Einsatz von IT-Fachexperten oder Data Scientists erstellen lassen.
Die Unübersichtlichkeit des Marktes
Die Senseforce GmbH wurde 2016 von Michael Breidenbrücker gegründet und beschäftigt am Hauptsitz in Dornbirn, Österreich, 13 Mitarbeiter. Senseforce bietet Kunden eine Plattform-as-a-Service-Lösung für die Umsetzung und Verwaltung von Industrial IoT-Projekten.
© PixabayWas sind die größten Hürden, wenn es um die langfristige Implementierung von IoT-Projekten im Mittelstand geht?
Breidenbrücker: Langfristig gesehen sind zwei Aspekte entscheidend: Zum einen gilt es, den Return on Investment und die Wirtschaftlichkeit im Blick zu behalten. Rechnet sich die Anschaffung meiner IoT-Lösung? Mittelständische Anlagen und Maschinenbauer investieren in eine IoT-Plattform, um damit ihre Produkte digital aufzuwerten und mit entsprechenden Diensten an ihre Kunden weiterverkaufen zu können. Wenn nun aber die Kosten, genauer gesagt die Kosten für die Inbetriebnahme und laufende Consulting-Verträge entsprechend hoch sind, schmilzt die Marge. Das beobachten wir oft, gerade bei den großen Hyperscalern. Diese bieten eine Basis-Plattform an, die ohne entsprechenden Support nicht genutzt werden können. Wenn sich diese Kosten nicht weitergeben lassen, ist der Betrieb schlicht unwirtschaftlich.
Ein zweiter Aspekt, der ebenfalls mit den Kosten zu tun hat, ist der laufende Betrieb. Lässt sich meine Plattform mit den bestehenden IT-Ressourcen betreiben? Sowohl Mittelständler als auch deren Kunden haben nichts von einer Plattform, die durch eine Heerschar von IT-Fachkräften betreut werden muss – gerade in der aktuellen Situation, in der Experten für Big Data, IoT und KI Mangelware sind.
Wenn es darum geht, sich für einen IoT-Anbieter zu entscheiden, greifen Mittelständler immer noch oft auf wohlbekannte Anbieter zurück. Warum?
Breidenbrücker: Es stimmt, viele Unternehmen erzählen uns, dass sie zu den großen Software-Konzernen gehen. Es ist wie im Privatleben: Menschen tendieren bei dem Kauf eines Produktes immer zu den wohlbekannten Anbietern. Das liegt sicherlich auch an der Unübersichtlichkeit des Marktes. Diese führt dazu, das IT-Entscheider oft keinen Überblick mehr über Angebote haben und nur schwer einschätzen können, welche Dienste die erhofften Leistung abdecken können. Von einem der großen Cloudbetreiber erhofft man sich dann ein Rundum-Sorglos-Paket. Doch die Leistung dieser Anbieter sind auf große Konzerne zugeschnitten, nicht auf den Mittelstand. Mein Rat: Investiert Zeit in die Wahl des Partners und lasst die Finger von den Big Playern.
Überzeugende Lösungen
Was sind die Vor- und Nachteile davon, IoT-Lösungen von etablierten Anbietern in Anspruch zu nehmen?
Breidenbrücker: Etablierte Anbieter wie Microsoft oder Siemens haben einen entscheidenden Vorteil – sie bieten unglaublich viele Möglichkeiten und verfügen über entsprechende Ressourcen. Jedoch ist diese Ausgangssituation kein Garant für Qualität oder ein auf die Bedürfnisse eines Unternehmens ausgelegtes Angebot. Denn die IoT-Lösungen von allseits bekannten Service-Providern sind oftmals teuer, unflexibel und wartungsintensiv. Außerdem begünstigen sie Vendor-Lock-in, die Implementierung dauert oft überdurchschnittlich lang und Mitarbeiter des industriellen Mittelstands haben häufig Schwierigkeiten die integrierten IoT-Lösungen zu bedienen, weil ihre IT-Kenntnisse nicht ausreichen.
Was müssen IoT-Lösungen bieten, um den Mittelstand zu überzeugen?
Breidenbrücker: Vor allem müssen IoT-Lösungen für die Fachkräfte im industriellen Mittelstand flexibel, nachvollziehbar, transparent und leicht zu handhaben sein. Nur so besteht für Mittelständler keine Notwendigkeit, sich auf Mittelsmänner verlassen zu müssen und nur so bleiben sie unabhängig. Solch eine Voraussetzung ermöglicht den mittelständischen Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau, Ideen für neue und innovative Produkte zu entwickeln und auf diese Weise auch langfristig international wettbewerbsfähig zu bleiben. Um das zu erreichen, ist es aber essentiell, dass die gewählte IoT-Lösung von Anfang an zu den Bedürfnissen des Mittelstandes passen.














