GAIA-X
Ein europäisches Datenökosystem
Im Juni stellten der französische und deutsche Wirtschaftsminister die Dateninitiative GAIA-X vor. Was steckt hinter dem GAIA-X-Konzept? Welche Pläne und Aufgaben verfolgt die zugehörige Foundation? – Die europäische Dateninitiative aus Sicht eines Automatisierungsspezialisten.
Das Konzept zu GAIA-X entstand aus der Idee heraus, ein Datenökosystem zu denken und zwar vom Standpunkt eines Dateneigentümers und -anwenders heraus. Ziel ist, ein europäisches Datenökosystem zu implementieren mit einer Schicht, die von und zwischen all diesen Infrastrukturanbietern und -nutzern in einer Domäne und über Domänengrenzen hinweg Verwendung finden und den Datenaustausch beflügeln kann.
Die Initiative GAIA-X zielt zudem darauf ab, die heutigen individuellen und domänenspezifischen Standards weiter zu unterstützen, um eine schnelle Akzeptanz durch die Nutzer zu erreichen. Das übergreifende, zwingende Ziel besteht darin, europäische Werte im Sinne eines ehrbaren Kaufmanns zu vermitteln und nicht den Kunden als Produkt zu verstehen – das Zauberwort heißt Vertrauen, ergänzt durch eine föderale Verwaltung von Identität und Zugang sowie klar geregelte Prinzipien für die Speicherung, das Teilen und Verwerten von Daten unter der Kontrolle des Dateneigners. Gleichzeitig soll eine solide Basis geschaffen werden, um auf der Grundlage dieser digitalen Souveränität eine starke Innovation zu fördern und die Digitalisierung auf Wertprinzipien, die Europa wirklich repräsentieren, voranzutreiben. Diese Initiative wurde von Politik, Verwaltung und Industrie im Umfeld der Industrie-4.0-Bewegung gleichermaßen ins Leben gerufen und fand starke Resonanz.
Im Laufe der Zeit stieg die Teilnahme an den GAIA-X-Treffen auf eine beträchtliche Anzahl von Mitwirkenden – eine fortdauernde Entwicklung. Daraus ergab sich ein intensiver Gedankenaustausch, zunächst als deutsch-französische Initiative, die sich jedoch an Europa, seine Bürger, Unternehmen und Regionen richtet. Dieser Weg wird nun gemeinsam mit anderen europäischen Partnern und in Abstimmung mit der Europäischen Kommission beschritten. Das Ziel ist die Etablierung eines ersten Frameworks zur Abwicklung von Use Cases zum Ende des Jahres 2020.
Die Motivation zur Beteiligung an der GAIA-X-Initiative war und ist im Fall der Firma Beckhoff durch die Begegnung mit Kunden und anderen Interessengruppen in der Fertigungsindustrie sowie mit vielen weiteren Anwendergruppen, auch der Automatisierung, gewachsen. Hier hat sich ein klarer Bedarf gezeigt, um tatsächlich an der Gestaltung eines gemeinsam nutzbaren Datenökosystems mitzuwirken.
Motivation für Automatisierer
Für Beckhoff als Automatisierungsanbieter und für viele Automatisierungs-anwender kann ein solches Ökosystem viel mehr sein als nur ein Data Space. Denn es handelt sich um eine europäische und gleichzeitig Anwenderdomänen-übergreifende Initiative, die ihre zukünftigen Nutzer bereits früh durch Use Cases in den Prozess einbindet. Damit wird die Architektur schon frühzeitig und zielgruppengenau in einem Requirements-Engineeringprozess geformt.
Für die Marktbeteiligten in den Investitionsgüterindustrien, die Automatisierungstechnologie als ‚Enabler‘ ihrer Produkte verwenden, ist die Nutzung von Cloud-Technologien unter den oben genannten Prinzipien sehr wünschenswert. Schließlich gelten viele Bedenken dieser Anwender speziell für die sogenannten Hyperscaler-Clouds. Darüber hinaus wird mancher Nutzer von Cloud-Technologie gegenüber seinem Kundenkreis ebenfalls ein Clouddienst-Anbieter. Insofern ist eine Mitwirkung bei der Requirements-Analyse und der Definition in Bezug auf Data-Sharing-Prinzipien sowie hinsichtlich Monetarisierungsmodellen, Data Localization und Legislation höchst wünschenswert.
Aktivitäten des GAIA-X- Requirements-Engineering
Die Schlüssel-Elemente eines Datenökosystems nach GAIA-X: Frameworks und Anwendung des Basis-Kommunikations-Fraktals.
© GAIA-X FoundationIn gemeinsamen Treffen von über 170 Beteiligten aus acht Ländern Europas entwickelte sich zunächst eine Phase wahrhaft babylonischer Sprachverwirrung über die Notwendigkeiten und Bedürfnisse unterschiedlichster Art. Dies lag – und liegt weiterhin – sicher auch an der Vielfalt der Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Domänen, etwa der Energie, der Gesundheit, Mobilität, öffentliche Verwaltung, Smart Living, Finanzwesen sowie der Industrie 4.0 und der KMU. Später kam auch der Bereich Landwirtschaft hinzu. Insgesamt konnten bis Mitte 2020 bereits über 40 Use Cases zusammengestellt werden.
Am 4. Juni 2020 erfolgte die offizielle Ankündigung der GAIA-X-Initiative durch ein internationales Medien-Event unter Leitung der französischen und deutschen Wirtschaftsminister. Mit der Etablierung einer Foundation soll nun den Arbeitsgruppen aus Usern und Infrastrukturanbietern eine Heimat gegeben werden. Prinzipiell treiben die Beteiligten die Gründung einer offenen, neutralen und non-profit-orientierten Interest Group voran, was erfreulicherweise seitens der Gründungsunternehmen mit der GAIA-X Foundation bereits umgesetzt wurde. Darüber hinaus soll es nationale Hubs geben, in denen sich Mitglieder und Anwender organisieren: Aktuell können Anbieter nach GAIA-X-Standard über die Mitgliedschaft in die Lage versetzt werden, konforme Produkte oder Dienstleistungen in den Markt zu bringen. Anwender können, müssen aber nicht Mitglied in der Foundation werden.
Die Arbeit der GAIA-X-Foundation hat keinen gewinnorientierten Charakter. Folglich muss sich die Arbeit über minimale Mitgliedsgebühren, nach Ertrag eines Unternehmens gestaffelt, finanzieren. Hierbei spielt auch eine wichtige Rolle, dass dem Gedanken an einen diskriminierungsfreien und SME/KMU-unterstützenden Zugang zu GAIA-X Rechnung getragen wird. Mit diesem finanziellen Spielraum lassen sich zwar keine ‚Schlösser‘ bauen, aber ein kleines solides, effektives Team etablieren. Auch die Arbeit an diversen technischen, regulatorischen und organisatorischen Themen mithilfe weiterer Arbeitskreise unter Pro-Bono-Beteiligung von Interessensgruppen und Mitgliedern unterschiedlichster Domänen ist in Planung.
Die wesentliche Aufgabe des GAIA-X Core ist die Bereitstellung von wenigen Diensten, welche die GAIA-X-Grundprinzipien (siehe nächste Seite) für einen Datenaustausch umsetzbar machen. Zusätzlich ist die Administrierung basierend darauf abzuwickeln.
Elemente der GAIA-X-Core- Funktionalitäten
Deshalb erfolgte die Festlegung auf folgende Arbeitsgebiete, in denen ein ge-meinsames Framework als Basis für durchaus unterschiedliche Standards der Anwenderdomänen entwickelt werden soll:
• IAM Framework
• Federated Catalog
• Data Broker/Data Connector
• Data Exchange Interoperability
• User Interface
• Accreditation, Registration, Self-Description Validation
• Conceptualizing Certification Process
• Continuous Monitoring
• Self Description
• Interconnection and Network
Besonders spannend ist, dass kein neuer und großer einheitlichen Standard – der dann unhandlich und unattraktiv wäre – vorgesehen ist. Vielmehr gibt es die Übereinkunft, dass auf eine einfache Core-Schicht die jeweiligen gebräuchlichen Standards einer Domäne aufgesetzt werden sollen. Aus Sicht des Automatisierers sind dies die im Fertigungsumfeld gebräuchlichen Standards, die der Automatisierungstechnologie auch alle erschlossen sind.
Die fünf Grundprinzipien des GAIA-X Data Space
Die GAIA-X-Foundation will keinen neuen einheitlichen Standard generieren, vielmehr sollen auf einer einfachen Core-Schicht die jeweiligen gebräuchlichen Standards einer Domäne aufsetzen. Dieser GAIA-X-Core soll lediglich wenige Dienste bereitstellen, welche im Wesentlichen die folgenden fünf GAIA-X-Grundprinzipien für einen Datenaustausch gewährleisten.
1. Offenheit und keine Diskriminierung für die Adaption aller Marktteilnehmer:
• Ein domänen- und Mehrwertdienst-übergreifendes offenes Ökosystem in Form eines daten- und dienstaustauschenden Netzwerks, in dem wertschöpfende Aktionen ausgeführt werden können.
• Zentral, dezentral und auch heterogen in Geografie, Legislation und Technologie organisiert.
• Zugang vom lokalen Device, einem Edge-Computer, auf lokalen ‚On Premise‘-Clouds oder zentralen Cloudsystemen.
• Austausch, Anreicherung, Verknüpfung, Analyse und Auswertung der Daten auch über unterschiedliche Sicherheits- und Anwendungsdomänen hinweg.
2. Einfache und einmalige Identifikation und Herstellung von Vertrauen für die Teilnehmer in einer föderalen Struktur:
• Ein Klick zur Teilnahme mittels föderiertem Vertrauens- und Identitätsmanagement.
• Klare und nachvollziehbare Regeln für die Teilnahme und die Zusammenarbeit nach standardisierten und wählbaren Rollen.
3. Data Custodianship, also die freie Wahl von Gesetzgebung und Geographie für Daten und Dienste:
• Dateneigentümer entscheiden selbst, welche Daten mit welchen Zugriffsrechten mit welchen Nutzern geteilt werden und zu welchem Zweck sie verarbeitet werden.
• Ein rollenbasierendes Berechtigungskonzept
soll regulatorischen Anforderungen genügen, Datenauftragsverarbeitung und GDPR Compliance sollen sich rechtskonform vereinbaren lassen.
4. Identische Schutzklassen für Daten und Dienste:
• Für den Datenaustausch und die Anwendung von Diensten vereinheitlicht und übergeordnet organisierte Semantik.
• Zusätzliche domänenspezifische Standards.
• Semantiken samt Semantik Enablement Layer zum Betrieb des Ökosystems und der Anwender-Domänen.
• Speicherung und Nutzung von Algorithmen und Daten mit bestimmten Basis-Metadaten zur Kennzeichnung von Schutzklassen und Vertraulichkeitsregeln für ein Datum (Datensatz).
5. Ökosystem für Algorithmen und Methoden der Datenmonetarisierung:
• Synergien in bestehenden und neuen Wertschöpfungsnetzwerken von Akteuren.
• Marktplatz der Datenmonetarisierung mit Anreizen zur digitalen Wertschöpfung.















