zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

PIA

Meinrad Happcher | Meinrad Happacher,

Aus dem Takt?

Engpässe in komplex verketteten Montageanlagen ermitteln und dank Datentransparenz die Produktionseffizienz schnell optimieren! – Dass dies nicht Wunsch bleiben muss, zeigt die ­Applikation einer Montageanlage für Hinterachsgetriebe.

© PIA

Ursachen unklar: Der Ausschuss an der Montagelinie ist zu hoch, die Taktzeiten nehmen minimal, aber stetig zu, auf den ersten Blick wird jedoch nicht deutlich, woran es liegt. Bei großen Montagelinien ist es oft schwierig, problematische Stationen oder Prozesse ausfindig zu machen, um das Optimierungspotenzial zu erkennen. Die Sammlung von Produktionsdaten mittels einer Software-Applikation namens ‚piaOptimum‘ kann die Lösung sein.
Engpässe in komplex verketteten Montageanlagen lassen sich damit ermitteln und dank Datentransparenz eine schnelle Optimierung der Produktions-effizienz ermöglichen. Welche Analysen und Auswertungen mit der Applikation möglich sind, soll am Beispiel einer großen Montageanlage für Hinterachsgetriebe eines deutschen Automobilzulieferers erläutert werden.

Die Montageanlage umfasst rund 50 Stationen, die allesamt mit der Software-Applikation überwacht werden. Möglich ist auch, nur einzelne Stationen oder Linienabschnitte genauer in den Blick zu nehmen. Um jedoch Aussagen über OEE-Verluste (Over-all Equipment Effectiveness) treffen zu können, ist die Betrachtung der gesamten Anlage sinnvoll, um ganzheitlich Engpässen und Störungen auf die Spur zu kommen. Als Station wird in der Software ein Anlagenteil definiert, an dem ein oder mehrere Bearbeitungsschritte durchgeführt werden, die von Beginn der Bearbeitung eines Bauteils bis zum Beginn der Bearbeitung des nächsten Bauteils dieselbe Solltaktzeit aufweisen wie die Anlage insgesamt; in diesem Fall 55 Sekunden. Alle 55 Sekunden wird also ein Hinterachsgetriebe fertiggestellt. Die Stationen sind in der Regel seriell aufgebaut.
Es gibt allerdings auch Ausnahmen, wo es technisch nicht möglich ist, den Be-arbeitungsschritt in 55 Sekunden durchzuführen. Um durch langsamere Stationen jedoch keinen Flaschenhals in der Montage zu etablieren, sind diese Stationen doppelt oder mehrfach als ganzzahliges Vielfaches der Solltaktzeit ausgeführt. So lässt sich im Endeffekt wieder ein Anlagentakt von 55 Sekunden erreichen. 

Anzeige

Datenanbindung mittels OPC-UA ohne SPS-Eingriff

Mit dem Einsatz der Software-Applikation möchte der Anwender Transparenz für die Optimierung der Ausbringung seiner Anlage schaffen. Dazu notwendig sind Daten, die die Grundlagen der Gesamt-Anlagen-Effektivität (GAE) betreffen, also Informationen über die Bauteilqualität zum Abschluss eines Bearbeitungsschritts (also einer Station), die dazugehörigen Taktzeiten und ebenso auftretende Störungen und Meldungen. Die Konfiguration aller Datenpunkte ist unkompliziert über die Web-Oberfläche der Software möglich. Dazu sind keinerlei Eingriffe in die Maschinensteuerung nötig, sondern piaOptimum ermöglicht eine flexible Datenanbindung mittels des standardisierten OPC-UA-Protokolls – sofern Mindestanforderungen der Liniensteuerung erfüllt sind. Während die Daten für Bauteilqualität und Taktzeiten über OPC UA gut zu generieren sind, lassen sich Details über Meldungen und Störungen nur über HMI-Panels abrufen, deren Kompatibilität über die jeweilige Netzwerk-Struktur des Kunden zunächst geprüft und teilweise angepasst werden muss.

Nachfolgend lässt sich exemplarisch an Station 8 zeigen, wie eine Analyse auf Gesamttaktebene (von einem Bearbeitungsbeginn bis zum nächsten) sowie eine Teiltaktanalyse letztlich eine nachweisliche Verbesserung der Taktzeit ergeben haben.

Analyse und Optimierung einer ­Pressenstation

Bild 1. Ausschnitt aus einer Gesamttaktanalyse als Boxplott-Diagramm

© PIA

Das Boxplott-Diagramm (Bild 1) ist ein Ausschnitt aus einer Gesamttaktanalyse. Hier sind die 50 % mittlersten Takte nach einer aufsteigenden Sortierung dargestellt. Die Software-Applikation nutzt dieses Werkzeug, um Ausreißertakte auszublenden, die nicht als ‚normale‘ Takte angesehen werden können, jedoch ebenso mit aufgezeichnet werden. Auf der x-Achse sind die Stationen in Linienreihenfolge angezeigt, auf der y-Achse die Zeit in Sekunden. Der weiße Strich in einer roten beziehungsweise blauen Box repräsentiert den Median, der als ausreißerfester Durchschnitt den Takt der Station repräsentiert. Die Boxhöhe gibt die Schwankung dieser Takte wieder. Der Solltakt der Anlage liegt bei 55 Sekunden – in der Grafik als horizontale blaue Linie dargestellt.

 

Die angezeigte Analyse wurde im Zeitraum von Kalenderwoche 23/2018 bis Kalenderwoche 25/2018 durchgeführt. An der Station 8, einer Pressenstation, ist ersichtlich, dass der Median mit 58,5 Sekunden etwas über dem Sollwert lag. Hier war also eine Optimierung hinsichtlich der Taktzeit notwendig (wie auch an den Stationen 7 und 10, die jedoch hier nicht näher betrachtet werden). An der Station 8 finden folgende Bearbeitungsschritte in der Solltaktzeit statt: ‚Aktorik griffbereit‘, ‚Nebenzeit‘, ‚Bauteil in Position‘, ‚Bauteil spannen‘, ‚Pressvorgang‘, ‚Einheiten zurück‘. Eine tiefere Analyse der Teilbewegungen ermöglichte, für den Gesamttakt eine Verkürzung zu erzielen. Durchgeführt wurden die Optimierungsmaßnahmen in der Kalenderwoche 26/2018. Im Anschluss konnte klar ersichtlich gemacht werden, dass die Adaption eines speziellen Teiltakts namens ‚Nebenzeit‘ den Hauptanteil an der Senkung der Gesamttaktzeit mit sich brachte. 

 

Bild 2. Maschinentakt-Anteil der Station 8 im Vergleich zum Referenzzeitraum

© PIA

Die Software-Applikation bietet hier die Möglichkeit, mittels eines Referenzteiltakt-Widgets einerseits die Analyse bis zu den Einzelbewegungen in der Station einzusehen, andererseits sowohl Gesamt- als auch Teiltakte mit einer Referenz zu vergleichen. Als Referenzzeitraum wurden die drei Wochen KW 23/2018 bis KW 25/2018 definiert, als Analysezeitraum der komplette Folgemonat Juli 2018. Die Referenz ist in der Grafik immer als blauer Balken dargestellt, die aktuellen Analysewerte dazu in Rot, Gelb oder Grün, je nach Ergebnis des Vergleichs.
Der Maschinentaktanteil im Juli ist gegenüber dem Voroptimierungszeitraum um 4 % gesunken (Bild 2). Bei der Betrachtung der einzelnen Schritte in der Station lässt sich auf den ersten Blick der Hauptverantwortliche dafür erkennen: Obwohl die Schritte ‚Aktorik Griffbereit‘, ‚Bauteil in Position‘ und ‚Einheiten Zurück‘ etwas länger dauern, hat die Optimierung der Bewegung ‚Nebenzeit‘ den wahren Ausschlag gegeben. 

 

Maschinentakt per Optimierung der ‚Nebenzeit‘ gesenkt

Der Ablauf zeigt, dass nach diesem Schritt alle folgenden früher beginnen und somit die gesamte Bearbeitung verkürzt werden konnte. Bei der ‚Nebenzeit‘ handelt es sich um eine nicht-automatisierte Bewegung, die durch einen Bediener ausgeführt wird. Die Optimierung bestand darin, dem Mitarbeiter ein besseres Werkzeug zur Bearbeitung zur Verfügung zu stellen – eine kleine Änderung mit einem erstaunlichen Effekt auf die Gesamttaktzeit dieser Station und letztlich auch auf die GAE der Anlage.

Diese Verbesserung muss natürlich in der Gesamttaktanalyse ebenso erkennbar sein (Bild 3). Für den Folgemonat Juli ließ sich der Median der Taktzeit unter den Solltaktwert senken – hier 53 Sekunden –, und darüber hinaus konnten die Schwankungen ebenfalls stark reduziert werden.

Bild 3. Vergleich der Referenzzeiträume für die Gesamttaktanalyse im Boxplott-Diagramm

© PIA

Den Meldungsverlauf dokumentieren

Über die Gesamttakt- und Teiltaktanalyse hinaus lassen sich weitere aufschlussreiche Auswertungen mit piaOptimum darstellen und für die Produktionsoptimierung nutzen, etwa Anzeigen der Produktionsstatistik – die Granularität lässt sich nach Belieben festlegen: die gesamte Linie, einzelne Gruppen oder Stationen über jeden freien Zeitraum bis hinunter zu Zehn-Minuten-Paketen – oder auch Sammel- und Detailansichten über aufgetretene Störungen und Meldungen.

Bild 4. Meldungsverlauf der Station 6, sowohl nach Dauer als auch nach Anzahl

© PIA

Nach Auswahl eines bestimmten Analysezeitraums ist es möglich, die gesamten aufgetretenen Störungen und Meldungen nach bestimmten Meldungsnummern oder auch auf Stationen bezogen im Ablauf darzustellen (Bild 4). Im vorliegenden Beispiel zur Station 6 wurde die Meldung 2385 genauer betrachtet: „Trumpf Laserquelle TruDisk meldet Störung“. Die Diagramme zeigen einmal die Dauer der Meldung beziehungsweise der Störung 2385 und zum anderen die Häufigkeit, wie oft diese Meldung aufgetreten ist. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn obwohl eine Störung vielleicht nur einmal auftritt, verursacht sie womöglich einen mehrstündigen Anlagenstillstand.
Andere Störungen, die häufig auftreten, können vielleicht innerhalb von Sekunden durch Quittierung oder Anziehen einer Schraube behoben werden. Die obige Meldung trat im Verlauf des Julis mehrfach und mehrstündig auf und führte zu Stillständen der Station 6. Das zugrundeliegende Problem ließ sich durch weitere Detailanalysen des speziellen Fehlercodes der Laserschweiß-Komponente schließlich beheben. 

 

Produktionsverlauf Station 8

Claude Eisenmann, ist Chief Digital Officer bei der PIA Automation Holding.

© PIA

Mit der Auswertung des Produktionsverlaufs einer Station sieht der Nutzer, wie viele Bauteile im Stundenverlauf produziert wurden und in welcher Qualität die Komponenten vorliegen (Bild 5). Die weißen Bereiche zwischen den Balken stellen Nicht-Produktionszeiten dar, etwa Stillstände wie an Wochenenden, einzelne 
ausgefallene Schichten oder Umrüstungszeiten. Die Färbung der Spitzen gibt Aufschluss über die Bauteilqualität, grün für ‚Bauteil ok‘, rot für ‚Bauteil nicht ok‘. Dies ist eine andere Sicht auf die Station 8. Die Solltaktzeit kann sehr wohl erfüllt sein, das heißt die Säule im Boxplott-Diagramm wäre blau und der Median läge unterhalb der Solltaktlinie. Wenn jedoch ein zu langer Abschnitt der Balkenspitze im obigen Diagramm rot eingefärbt wäre, bedeutete dies, dass zu viele der in der Solltaktzeit produzierten Teile mangelhaft sind. Auch hier erfolgte dann die Ursachenforschung: Störungen an der Station selbst, ein fehlerhaftes Messverfahren für die Beurteilung der Qualität oder mangelnde Qualität der verarbeiteten Einzelbauteile, die von Zulieferern stammen. Im vorliegenden Beispiel entsprechen die Färbungen jedoch den üblichen und akzeptablen Schwankungen und Ausschusszahlen.

 

Bild 5. Produktionsverlauf der Station 8

© PIA

Neben den aktiven Analysen bietet die Software-Applikation den Nutzern die Möglichkeit, sich Benachrichtigungs-regeln zu definieren. Gerade aus Sicht der Instandhaltung ist es notwendig, möglichst früh auf ein Fehlverhalten der Anlage aufmerksam gemacht zu werden. 

 

Benachrichtigungsregeln definieren

Dazu lassen sich logisch verknüpfte Bedingungen hinterlegen, bei deren Erfüllung aktiv eine Nachricht an einen oder mehrere Empfänger per E-Mail verschickt wird. Hier ist zunächst der Kunde gefragt, den Zugriff des Software-Tools auf einen E-Mail-Server zu ermöglichen, und dann entsprechend Regeln zu definieren. Ein typisches Beispiel hierzu aus der Anlage: Ein Bauteil an verschiedenen Stationen ist ein Zylinder, der mit Luftdruck arbeitet. Wenn der Zylinder mehr und mehr verschleißt, lässt der Druck nach, was sogar eine schnellere Taktzeit zur Folge hat. Für die Instandhaltung ist dies ein Hinweis, dass der Zylinder in den nächsten Tagen oder Stunden ausfallen wird. Es lässt sich also die Benachrichtigungsregel aufstellen, dass eine Info-Mail erfolgt, wenn ein gewisser Taktzeitwert unterschritten ist. Somit kann die Instandhaltung alles für einen bevorstehenden schnellen Austausch des Zylinders vorbereiten.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Eckelmann

Prozesse in Echtzeit überwacht

Digitalisierung erfordert die richtigen Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Für die operative Optimierung von Produktionsabläufen hat Eckelmann daher ein ‚Machine Management‘-System vorgestellt, das auf OPC UA und modernen...

mehr...

IoT Hotspot

Finger weg von den Big Playern?

Viele Unternehmen sind dabei, eigene IoT-Lösungen zu entwickeln. Rund 60 % holen sich dabei externe Partner an Bord. Michael Breidenbrücker, CEO bei Senseforce, appelliert gerade an die Mittelständler, sich hierbei nicht auf die großen...

mehr...
Anzeige
Anzeige

Miba

Die ersten Schritte der Digitalisierung

Echtzeit-Transparenz im Materialfluss: Dieses Ziel setzte sich das Unternehmen Miba, als es die Digitalisierung der internen Logistikabläufe anging. Wie gut aber gelang letztlich die enge ­Verknüpfung von ERP und MES? – Ein Erfahrungsbericht.

mehr...
Anzeige

SL-automation

Messtechnik-Funktionsumfang erweitert

Das Software-Paket ‚Dasylab SPS Edition‘ von SL-automation ermöglicht es industriellen Betrieben, per ‚Dasylab‘-Software auf ihre speicherprogrammierbaren Steuerungen zuzugreifen. Nun kommt eine weiterentwickelte ‚SPS Edition‘ mit ausgebautem...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

IoT Hotspot

Cloud und Edge Computing im Fokus

Die Eclipse Foundation, derzeit größte Open-Source-Organisation in Europa, will die globale Zusammenarbeit der Industrie bei Open-Source-Projekten in strategischen Technologien fördern. Mike Milinkovich, Exekutivdirektor der Eclipse Foundation,...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren