Vision-Sensoren

Marcus Koslik | Inka Krischke,

Mehrwert durch Farbe

Hinsichtlich Prozessorleistung und Bildauflösung haben Vision-Sensoren in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Nun kommt eine neue Dimension hinzu: die Farbe. Sie ermöglicht Vision-Sensoren nicht nur die Detektion farbiger Objekte, sondern erhöht generell die Zuverlässigkeit der Objekt-Erkennung.

© Sensopart

Ein Farbbild enthält ungleich mehr Information als ein Graustufenbild – zumindest theoretisch können 16.777.216 Farben gegenüber 256 Graustufen unterschieden werden. Nicht selten ist die Farbe sogar das einzige Merkmal, anhand dessen sich zwei ansonsten gleiche Objekte unterscheiden lassen. So können völlig verschiedene Farben durchaus den gleichen Grauwert aufweisen, was sie in einer monochromen Bildaufnahme ununterscheidbar macht. Mit einem farbfähigen Vision-Sensor wie zum Beispiel dem „Visor Color V20“ von Sensopart kommt somit eine Dimension hinzu, die sich für die Kontrolle oder Sortierung von Teilen und Produkten aller Art nutzen lässt.

Ein Beispiel für erweiterte Objekt-Erkennung mit Hilfe des zusätzlichen Merkmals Farbe ist die Anwesenheitskontrolle von O-Ringen in Automobilteilen. Zwar ist auch im Monochrombild zwischen Aufnahmen mit und ohne Ring ein Unterschied erkennbar, im Farbbild tritt dieser allerdings viel deutlicher hervor. Die Auswertung mit der Farbkamera ist also zuverlässiger, insofern als sie den O-Ring unabhängig von äußeren Bedingungen wie etwa Lichtwechsel, Tageslichtschwankungen oder einer nicht wiederholgenauen Positionierung des Teils erkennt.

Bei Farbaufnahmen muss es demnach nicht vordergründig um die Erkennung farbiger Teile gehen, sondern ganz generell um eine höhere Sicherheitsreserve bei der Objekt-Erkennung. Anwender kennen eine vergleichbare Situation bei schaltenden Sensoren: Bei der Druckmarken-Erkennung lässt sich die Detektionssicherheit erhöhen, indem bei geringen Grauwert-Unterschieden anstelle eines Kontrastsensors ein Farbsensor gewählt wird.

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Im Farbbild hebt sich der O-Ring wesentlich besser vom Hintergrund ab...

© Sensopart

Farbe als eigenständiges Merkmal

Natürlich lässt sich Farbe auch als eigenständiges Merkmal auswerten, um so zusätzliche Information aus einem Bild zu gewinnen. Ein Beispiel ist die Belegungskontrolle von Blister-Verpackungen in der pharmazeutischen Industrie. Mit einem monochromen Vision-Sensor ließe sich eine falschfarbige Pille nicht ohne Weiteres erkennen, wenn die möglichen Falschfarben nicht von vornherein bekannt sind oder diese ähnliche Grauwerte haben. Ein Vision-Farbsensor hingegen detektiert jede Abweichung von der voreingestellten Farbe.

..wodurch sich die Detektionssicherheit erhöht.

© Sensopart

Um die simultane Auswertung von Objekt- und Farbmerkmalen leisten zu können, bringt der Vision-Farbsensor sämtliche Möglichkeiten der Objekt-Erkennung mit, über die auch ein monochromer Vision-Sensor verfügt. Dem Anwender stehen neben verschiedenen Farbfunktionen mehrere Detektoren für die Objekt-Erkennung zur Verfügung – Mustervergleich, Kontur-Erkennung, Kontrast, Helligkeit und Graustufe. Dadurch lassen sich in einer Bildaufnahme gleichzeitig Farben sowie beliebige geometrische Objektmerkmale auswerten, so dass Teile zum Beispiel gleichzeitig nach Farbe und Form sortierbar sind. Die komplexe Detektion funktioniert auch dann, wenn das Tastgut nicht wiederholgenau in der eingelernten Position erscheint, da die Objekte im Bild automatisch nachgeführt werden.

Farben, Nichtfarben und aktive Farben

Auch im Bereich der Farberkennung selbst lassen sich mit Vision-Farbsensoren neue Anwendungsbereiche erschließen, da die Detektionsmöglichkeiten im Vergleich zu klassischen, schaltenden Farbsensoren umfangreicher sind. Schaltende Sensoren sind beispielsweise nicht oder nur eingeschränkt in der Lage, sogenannte „Nichtfarben“ wie Schwarz, Weiß oder Grau zu unterscheiden. Eine solche Unterscheidung ist beispielsweise bei der Belegungskontrolle von Kabelbäumen relevant. Dasselbe gilt für die Erkennung aktiver, das heißt selbstleuchtender Farben, beispielsweise bei der Bestückungskontrolle von LEDs oder mehrfarbiger Segmentanzeigen.

Und auch bei der Detektion „normaler“ Farben ist der Vision-Farbsensor im Vergleich zum schaltenden Farbsensor im Vorteil, da er aufgrund der flächenhaften Detektion feinste Farbnuancen etwa bei strukturierten Oberflächen aus Textil oder Leder unterscheiden kann. In solchen Fällen würde sich ein klassischer Farbsensor wie auch ein menschlicher Inspektor leicht von einfallendem Licht zu Fehlurteilen verleiten lassen.

Konfiguration der Farberkennung

Wie lernt nun ein Vision-Sensor das Farbensehen? Das Merkmal Farbe wird wie die anderen zu detektierenden Objektmerkmale in der Konfigurationssoftware parametriert. Als ein Farbmodell steht beispielsweise das RGB-Modell zur Verfügung. Beim RGB-Modell wird das Licht aufgespalten in seinen Rot(R)-, Grün(G)- und Blau(B)-Anteil (auch Farbkanal genannt). In jedem Farbkanal wird die Intensität der jeweiligen Farbe in 256 Stufen (entspricht 8 Bit) angegeben. Bei drei Farbkanälen sind dies somit insgesamt 24 Bit oder 224 beziehungsweise 16.777.216 Farben – eine deutlich feinere Abstufung als das menschliche Auge überhaupt zu unterscheiden in der Lage wäre.

Der Vision-Farbsensor prüft die Kabelbelegung inklusive der Nichtfarben Weiß, Grau und Schwarz.

© Sensopart

Da Objekte aufgrund von Reflexionen, Oberflächenbeschaffenheit oder Lage unter der Kamera nie genau in einer bestimmten Farbe erscheinen werden, kommt es in der Praxis nicht auf einzelne Farben an, sondern auf die möglichst einfache Spezifikation sinnvoller Farbbereiche. Der Vision-Sensor „Visor“ bietet hierfür eine Einstellung mittels Histogrammen: Die RGB-Teilspektren des vom Objekt reflektierten Lichts werden dem Bediener in grafischer Form angezeigt, so dass er die ihn interessierenden Mess- und Toleranzbereiche mit der Maus festlegen und auf Zahleneingaben weitgehend verzichten kann. Stellt der Sensor im späteren Betrieb eine Abweichung in mindestens einem RGB-Teilspektrum fest, signalisiert er eine Fehldetektion.

Bedeutung verschiedener Delta-E-Werte

© Sensopart

Neben der RGB-Aufteilung des Farbspektrums stehen dem Anwender in der Konfigurationssoftware zwei weitere Farbmodelle (HSV und LAB) zur Verfügung. Die Wahl von HSV empfiehlt sich beispielsweise bei Anwendungen, die starken Helligkeitsschwankungen etwa durch einfallendes Fremdlicht unterworfen sind. Während sich im RGB-Farbraum bei einer Helligkeitsschwankung alle drei Parameter verschieben, da jedes Teilspektrum sowohl Farb- als auch Helligkeitsinformation beinhaltet, ändert sich bei HSV nur der Parameter V (Value = Helligkeit), während die Werte von H (Hue = Farbton) und S (Saturation = Farbsättigung) konstant bleiben. Das HSV-System kommt somit dem menschlichen Empfinden näher als RGB.
LAB wiederum ist – als ISO-genormter Farbraum – in der Automobilindustrie weit verbreitet, wo es auf exakte Farbdefinitionen ankommt. Auch im LAB-System werden Helligkeits- und Farbinformationen getrennt: Der L-Kanal beschreibt die Helligkeitsunterschiede, während die Kanäle A und B die Farbinformationen beinhalten. Im LAB-Modell lassen sich präzise Grenzen für die zulässigen Farbabweichungen einfach definieren. Dabei beschreibt der Wert Delta E den Abstand zwischen zwei Farben (siehe Tabelle).

Detektion über Farbkanäle

Steht das Merkmal Farbe bei einer Automatisierungsaufgabe wie etwa beim Beispiel des O-Rings nicht im Vordergrund, ist die Detektion über einzelne oder mehrere Farbkanäle hilfreich. Im RGB-Farbraum stehen die Kanäle Grau, Rot, Grün, Blau, Gelb, Cyan und Magenta zur Verfügung, die sich einzeln zu- oder abschalten lassen. Geht es zum Beispiel um die Detektion blauer Objekte, lassen Anwender den Sensor vorzugsweise im blauen Farbkanal suchen und erreichen somit den maximalen Kontrast. Auch bei schwierigen Oberflächen – etwa solchen mit starker Textur – bewährt sich die Detektion über einen bestimmten Farb­kanal. Auf diese Weise lassen sich beispielsweise ähnliche Farbtöne wie Grau, Graublau oder Graugrün zuverlässig unterscheiden.

Weitere nützliche Farbfunktionen sind die „Farbfläche“ und die „Farbliste“: Der Farbflächendetektor ermittelt den Flächenanteil einer Farbe oder eines Farbbereichs im Sichtfeld; mit der Farbliste lassen sich Objekte detektieren, deren Farbe einer von mehreren voreingestellten Farben am nächsten kommt, so dass auf einfache Weise eine Sortierung nach Farben vorgenommen werden kann.

Eine Bildaufnahme genügt

Die Farbauswertung eröffnet neue Anwendungsoptionen: Zum einen lässt sich die Detektionssicherheit bei komplexen Teilen oder Baugruppen im Vergleich zur monochromen Auswertung signifikant erhöhen, zum anderen lassen sich auch selbstleuchtende Komponenten oder strukturierte Farboberflächen, bei denen die klassische Farberkennung an ihre Grenzen stößt, zuverlässig erkennen beziehungsweise unterscheiden. Eine Bildauflösung von 1,3 Megapixel, wie sie der „Visor V20“ bietet, ermöglicht dabei die Auswertung größerer Bildbereiche, wodurch sich sogar detailreiche Baugruppen „auf einen Blick“ erfassen lassen. Farbfähige Vision-Sensoren ermöglichen nicht zuletzt eine Automatisierung von Sichtkontrollen, ohne auf teure, PC-basierte BV-Systeme zurückgreifen zu müssen.

Autor: Marcus Koslik ist Produktmanager Vision-Sensoren bei Sensopart Industrie­sensorik in Gottenheim.

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