Computer Vision
Manuelle Montageprozesse digitalisiert
Das Hauptaugenmerk von Industrie 4.0 liegt auf der intelligenten Vernetzung von Maschinen. Menschliche Arbeit in der Fertigung hingegen wird oft noch mit antiquierten Methoden gemessen und analysiert. Computer Vision und Künstliche Intelligenz können dem abhelfen.
Über 100 Jahre nach der Begründung der Arbeitswissenschaft durch Frederick Winslow Taylor werden menschliche Montagetätigkeiten immer noch größtenteils manuell beobachtet und gemessen. Die Folgen sind ein Mangel an Information, unvollständige Datensätze, Beobachtungsverzerrungen und das Fehlen von Systemperspektiven bei manuellen Montageprozessen. In Anbetracht der Tatsache, dass immer noch über 70 % der Montagetätigkeiten weltweit durch den Einsatz menschlicher Arbeitskraft erfolgen, hat das Industrial Internet of Things hier einen gewaltigen, menschengemachten blinden Fleck.
Ändern lässt sich der Status quo durch Technologien, die die Methoden der Zeit- und Bewegungsstudien revolutionieren und die angesprochenen Mängel beseitigen. Die Firma Drishti nimmt hier, gemeinsam mit einigen der weltweit führenden Fertigungsunternehmen, die unter anderem auch in Europa beheimatet sind, eine Vorreiterrolle ein.
Bild 1. KI-basierte Bewegungserkennung: Nach einer kurzen Anlernphase erkennt die Software einzelne Arbeitsschritte in Montageprozessen zuverlässig.
© DrishtiÜber jeder Station einer manuellen Montagelinie werden Kameras positioniert. Dadurch stehen Kunden Live- und aufgezeichnete Videos zur Verfügung. Innerhalb weniger Tage analysieren die neuronalen Netze von Drishti die Videostreams und erstellen Daten zu den Zykluszeiten, die die Kunden dann in ihre Produktionssysteme integrieren. Jeder im Werk – Linienmitarbeiter, Teamleiter, Fertigungs- und Qualitätsingenieure sowie Werksleiter – kann die Lösung nutzen, um die Entscheidungsfindung zu verbessern. Dies führt zu einer höheren Produktionsqualität, mehr Effizienz und besseren Schulungen.
Videostreams statt statische Bilder
Während es auf dem Feld der statischen Bilderkennung mittlerweile zahlreiche Dienste gibt, analysiert Drishti Videostreams. Eine Praxis, die das Unternehmen als Bewegungserkennung bezeichnet. Dazu muss die Technologie unterschiedliche Szenarien bewältigen: Variationen in der Teilegröße, die ungenaue Platzierung von Werkstücken, unterschiedliche Bewegungspfade, mehrere Einheiten im Sichtfeld, Verdeckung der Kamera, unterschiedliche physische Merkmale bei Arbeitern sowie Veränderungen im Lichteinfall oder im Hintergrund.
Bild 2. Eine Ansicht der Variabilität an Arbeitsstationen: Zu jedem Datenpunkt kann mit einem Klick das zugehörige Video abgerufen werden. Drishti bietet eine umfassende Analyse standardisierter Arbeitsschritte in Echtzeit, beispielsweise auf die Fragen: Wo liegen Kapazitätsengpässe? Wo entsteht Verschwendung?
© DrishtiUm diese Herausforderungen zu bewältigen, wurden zahlreiche Funktionen eingeführt:
- Eine fast vollständig unüberwachte Lernfunktion ermöglicht eine genaue Datenerstellung mit kleineren Datensätzen und eine 10-fache Reduzierung der Trainingszeit im Vergleich zu anderen Methoden.
- Dank 3D-Convolution betrachtet die Künstliche Intelligenz nicht nur einzelne Frames, sondern auch den Zeitaspekt zwischen ihnen. Auf diese Weise erzielt Drishti eine deutlich höhere Genauigkeit als andere Lösungen.
- Mittels einer Verdeckungserkennung mit Erinnerungsfähigkeit antizipiert die KI, was hinter einem Objekt geschieht, das Teile des Kamerasichtfeldes verdeckt. Wird etwa ein normalerweise sichtbares Werkzeug verdeckt, schließt die KI aus der Bewegung des sichtbaren, das Werkzeug haltenden Arms, was im nicht sichtbaren Bereich des Bildes geschieht.
- Um für Kunden einen greifbaren Mehrwert zu schaffen, wurden eine vollständig integrierte Systemarchitektur, eine Videopipeline und eine Data Science-Engine geschaffen.
Videos zu Fehlerursachenanalyse
Bild 3. Durch Edge-basierte Maskierung in den Kameras wird der Schutz personenbezogener Daten gewährleistet.
© DrishtiDer Einsatz der Lösung beginnt mit der Identifizierung eines Anwendungsfalls beim Kunden. Nach dem Projekt-Kick-off werden die Kameras installiert und mit einer sicheren VPN-Verbindung an Drishtis Cloud angeschlossen. Dies kann auch durch Mitarbeiter des Kunden vor Ort geschehen. In den darauffolgenden Wochen wird die KI auf die Erkennung der Prozessschritte der ausgewählten Montagelinien trainiert. In enger Zusammenarbeit mit dem Kunden lernen die Mitarbeiter, wie sie die Tools in ihrer täglichen Arbeit zur Erreichung ihrer Ziele einsetzen können. Üblicherweise lassen sich innerhalb von wenigen Wochen nach Projektbeginn erste Erfolge in den kontinuierlichen Verbesserungsprozessen des Kunden quantifizieren.
Konkreter Nutzen
Die bestehenden Prozesse zur Untersuchung von Kunden-reklamationen sind zeitaufwendig und teuer. Da Drishtis Datenbank an das MES des Kunden angebunden ist, kann der Montageprozess für jedes einzelne Produkt auch zu einem späteren Zeitpunkt detailliert nachvollzogen werden, die Videos lassen sich leicht auffinden. Dies reduziert sowohl die Dauer als auch die Kosten zur Untersuchung von Kunden-reklamationen: Ein deutscher Autozulieferer beispielsweise spricht von einer durchschnittlichen Ersparnis von umgerechnet 10.000 US-Dollar in einem seiner Werke in Mexiko.
Ein weiterer positiver Aspekt sind Produktivitätssteigerungen durch kontinuierliche Prozessverbesserungen. Die Technologie ist immer ‚an‘ und liefert dadurch Einblicke in Produktionsprozesse mit menschlicher Beteiligung in einem Umfang und einer Geschwindigkeit, die bisher schwer vorstellbar waren. Die zu einzelnen Arbeitsschritten und Zykluszeiten gewonnenen Daten werden durch die KI übersichtlich und systematisch aufbereitet. Kunden können Ursachen von Verschwendung schnell identifizieren und Maßnahmen zu deren Beseitigung definieren. Ein Beispiel: Der deutsche Automobilzulieferer Hella setzte Drishti bewusst an einer als optimiert betrachteten Linie ein, um die Leistungsfähigkeit der Technologie zu testen. Mit herkömmlichen Methoden konnten keine neuen Verbesserungspotenziale mehr identifiziert werden. Mithilfe von Drishti konnten innerhalb von zehn Wochen Steigerungen des Durchsatzes um bis zu 7 % und der Anlagenverfügbarkeit um 4 % erreicht werden.
Der Autor: Georg Stieler ist Mitglied der Geschäftsleitung der Firma Stieler Technologie- & Marketing-Beratung und Advisor für Drishti Technologies.
© StielerAuch für die Ausbildung von Montagearbeitern schafft die Technologie interessante Anwendungsfälle. Mit dem einfachen Zugang zu Videoaufzeichnungen und Daten gelingt es leichter, gute von schlechten Prozessen zu unterscheiden und Schulungen entsprechend zu gestalten. Hierdurch konnten bei Kunden die Defektrate und der Ausschuss um zweistellige Prozentraten reduziert werden. Während die in der Qualitätskontrolle mittlerweile weit verbreitete statische Bilderkennung dabei hilft, Qualitätsmängel zu entdecken, unterstützt Drishti dabei, herauszufinden, wie diese zustande gekommen sind, und wie sie sich in Zukunft verhindern lassen.
Anonymisierung der Mitarbeiter
Typische Einwände gegen den Einsatz von Kameras an Montagelinien sind die mögliche Identifizierung von Arbeitern sowie die Haltung der Arbeitnehmervertreter hierzu. Während in Drishtis Ursprungsmarkt USA grundsätzlich weniger
strenge Richtlinien als das europäische GDPR gelten, fordern insbesondere in der Automobilindustrie mächtige Gewerkschaften einen ähnlichen Datenschutz.
Um die Privatsphäre der Montagearbeiter zu schützen, wird eine Edge-basierte Anwendung in den Kameras genutzt, die die Menschen in den Videos in Echtzeit maskiert. Die Software sammelt keine personenbezogenen Daten (PII). So können die Systeme im Einklang mit den bestehenden Datenschutzrichtlinien beziehungsweise GDPR-konform umgesetzt werden. Erste Anwendungen gibt es bei deutschen Auto-zulieferern in Osteuropa, Vorbereitungen für Einsätze in Deutschland laufen.
Auch die Montagearbeiter selbst profitieren von den Videos und den von der KI ermittelten Daten, erhalten sie doch belastbare Daten anstelle subjektiver Momentaufnahmen. Verbesserungsvorschläge erhalten eine zuverlässigere
Diskussionsgrundlage, potenzielle Gefahrenquellen sind identifizierbar. In zahlreichen Fällen haben Montagearbeiter auf Drishti zurückgegriffen, um zu beweisen, dass Fehler ohne ihr Verschulden aufgetreten sind. Die Videorückverfolgbarkeit des Systems konnte dabei helfen, die wahren Fehlerursachen zu identifizieren.



















