Kamerasysteme
Die Augen des Roboters
Dank Digitalkameras und Bildverarbeitung kommen Roboter der Anpassungsfähigkeit von Menschen immer näher. Welchen Anforderungen müssen die künstlichen Augen genügen, damit Bildverarbeitung und Robotik optimal zusammenarbeiten?
Roboter und Automatisierungstechnik sollen in Fertigungsprozessen nicht primär Personalkosten reduzieren – vielmehr sind Roboter Menschen in vielerlei Hinsicht überlegen: Sie sind stärker und können zum Beispiel schwere Bauteile leichter beherrschen; sie sind meist präziser und schneller und liefern eine immer gleich bleibende Qualität; sie sind gefährlichen Substanzen wie etwa Chemikaliendämpfen gegenüber unempfindlich. Kurzum: Mit ihnen lässt sich eine hohe Qualität schneller und effizienter erzielen.
In einer Sache sind Roboter dem Menschen allerdings unterlegen: Sie sind blind und in gewisser Weise ‚dumm‘. Dafür programmiert, eine bestimmte Aufgabe hocheffizient durchzuführen, können sie sich veränderten Umständen so gut wie gar nicht anpassen. Ihre gesamte Arbeitsumgebung muss millimetergenau auf die Abläufe ausgerichtet werden – Bauteile müssen zum Beispiel in speziellen Vorrichtungen so geordnet und positioniert werden, dass sie ein Greifer mit immer der gleichen Bewegung erreichen kann. Roboter sind keine Improvisationskünstler, sondern haben ihren Platz dort, wo immer dieselbe Aufgabe unter denselben Bedingungen mit standardisierten Komponenten durchzuführen ist.
Intelligenz ins System
Dank der Integration von Bildverarbeitungssystemen verändert sich dieses Szenario: Ist ein Roboter mittels Kamera in der Lage, seine Umgebung, sein Werkzeug und das zu verarbeitende Objekt wahrzunehmen, lässt sich Intelligenz ins System einbauen. Die Maschine kann unterschiedliche Situationen erkennen und sich flexibel daran anpassen. Sie arbeitet also – menschenähnlich – nicht mehr nur nach einem ‚Soll‘-, sondern nach einem ‚Ist‘-Muster.
Dank ‚Best-Fit‘-Systemen prüfen Montageroboter Spaltmaße und korrigieren leichte Geometrie-Abweichungen automatisch.
© EDAGDies bringt Vorteile sowohl für die Qualität der Arbeit als auch für die Produktivität. So können Roboter zum Beispiel bei der Karosseriemontage im Automobilbau dank ‚Best-Fit‘-System Geometrie-Abweichungen erkennen und korrigieren; in Folge können sie eine Tür oder einen Kotflügel so individuell befestigen, dass Bündigkeit und Spaltmaße für jedes einzelne Fahrzeug optimal sind. Weitere Beispiele finden sich in der Elektro- und Elektronikindustrie, wo Bestückungsautomaten die korrekte Positionierung von Bauteilen auf Platinen prüfen oder Verkabelungsautomaten Verbindungsstecker automatisch lokalisieren, um Wackelkontakte zu vermeiden. Mit Hilfe von Kameras können Greifer sich aus einer Box mit losen Bauteilen bedienen, statt auf einen perfekt angeordneten Tray angewiesen zu sein.
Das Anforderungspaket
Um ein optimales Zusammenspiel von Kamera, Bildverarbeitung und Roboter zu gewährleisten, darf die Kamera den Betrieb des Roboters nicht stören und auch von ihm nicht gestört werden. In der Regel werden die Kameras an den beweglichen Teilen des Roboters befestigt – etwa am Ende des Arms, um das Objekt zu erfassen, das zu verarbeiten beziehungsweise anzufassen ist.
‚Board-Level‘-Kameras wie die ‚Manta‘- Platinenversion von Allied Vision sparen Platz und Gewicht.
© Allied VisionSomit sind die Kameras in permanenter Bewegung und teilweise starken Belastungen, Beschleunigungen und Vibrationen ausgesetzt.
Entsprechend robust sollten sie sein und industrielle Standards erfüllen. Alle Digitalkameras von Allied Vision beispielsweise werden nach hohen Industriestandards für Schock, Vibrationen und Beschleunigung konstruiert und getestet.
Damit die Kamera die Bewegungsfreiheit des Roboters nicht einschränkt, sollte sie möglichst kompakt und leicht sein. Bewährt haben sich Abmessungen von 29 mm × 29 mm wie bei den Modellen ‚Guppy Pro‘ und ‚Mako‘ von Allied Vision. Oft wird die Kamera in einem Sensormodul verbaut, das zum Beispiel eine Beleuchtung oder Laserquelle beinhaltet. In diesen Fällen empfehlen sich sogenannte ‚Board-Level‘-Kameras, die nur aus der Elektronik bestehen und auf ein Gehäuse verzichten, um die Integration in die Bildverarbeitungssensoren zu erleichtern.
Beim Verkabelungsroboter ‚Syndy‘ von SRA prüft eine ‚Manta‘-Kamera von Allied Vision die korrekte Positionierung der Steckverbindungen.
© SRADie Verbindung zwischen der Kamera und ihrem Host muss bei den permanenten, zum Teil komplexen Bewegungen ebenfalls stabil bleiben. Die Kamera selbst ist zum Beispiel am Ende des Arms positioniert – der Host jedoch, der die Bilddaten verarbeitet, befindet sich zumeist an einer anderen Stelle, ist beispielsweise in einem benachbarten Schrank untergebracht. So kann die Kabelführung entlang des Arms bis zum Host über mehrere Meter beziehungsweise zig Meter verlaufen. Daher empfiehlt sich eine Kameraschnittstelle, die Daten selbst über lange Distanzen zuverlässig überträgt – etwa GigE Vision (bis zu 100 m mit einem Standard-Ethernet-Kabel). Der Stecker muss fest verschraubt sein, um sich trotz Vibrationen nicht von der Kamera zu lösen. Dies setzt voraus, dass die Kamera mit einem entsprechenden Standard-Gewinde ausgestattet ist.
Wie die Kamera muss daneben das Interface-Kabel den Beanspruchungen durch die Armbewegungen – Biegung und Torsion – standhalten. Ergo sollten ausschließlich für solche Zwecke geeignete industrielle Kabel genutzt werden. In der Regel gibt es diese beim Kamerahersteller.
Verursacht eine Anlage hohe elektromagnetische Strahlung, kann es zu Störungen bei der Bilddatenübertragung kommen. Um dies zu vermeiden, bietet sich der Rückgriff auf optische Faserverbindungen an. Manche Kameras sind optional mit einem optischen Faseranschluss erhältlich – etwa die ‚Stingray‘- oder ‚Pike‘-Modelle von Allied Vision. Sie lassen sich ohne Umwandler direkt per GOF-Kabel (Glas Optical Fiber) mit dem Host verbinden.
Hinsichtlich der Stromversorgung ist es am einfachsten, den Strom über das Interface-Kabel einzuspeisen. Dies ist bei allen aktuellen Kameraschnittstellen – IEEE 1394, GigE Vision, USB3 Vision – möglich. Sollte dies nicht erwünscht sein, lassen sich Industriekameras obendrein über einen separaten Eingang mit Strom versorgen. Besonders praktisch ist es, wenn die Kamera die in der Automatisierungsbranche übliche Betriebsspannung von 24 V unterstützt, wie es zum Beispiel bei der ‚Mako‘-Baureihe von Allied Vision der Fall ist. So ist die Kamera mit der gleichen Stromversorgung wie andere Systemkomponenten zu betreiben.
Mitarbeiter der Zukunft
In den meisten Branchen gehören Roboter inzwischen zum Alltag in der Fertigungshalle. Dank Kameras und Bildverarbeitung nimmt ihre Flexibilität und Intelligenz stetig zu. Und Roboter-Hersteller arbeiten bereits an der nächsten Entwicklungsstufe – humanoide Roboter für die Industrie, die mit Menschen zusammenarbeiten und ihnen immer mehr gleichen. Ziel ist, diese Roboter an denselben Arbeitsplätzen und mit demselben Werkzeugen wie ihre menschlichen Kollegen arbeiten zu lassen. Diese Vision wird sich nur durch den verstärkten Einsatz von Kameras und Bildverarbeitung realisieren lassen.
Zukunftsvision: General Motors forscht mit der NASA am humanoiden Roboter mit 3D-Sehvermögen.
© NASAVorbote dieses Trends ist zum Beispiel der Industrieroboter ‚Workerbot‘ von Pi4 Robotics. Er hat ungefähr die Größe und den Platzbedarf eines Menschen und verfügt über zwei Arme. Er ist mit zwei Digitalkameras von Allied Vision für Inspektionsaufgaben ausgerüstet, optional nimmt er eine zusätzliche TOF-Kamera (Time-Of-Flight) für die räumliche Wahrnehmung auf.
Ein weiteres Beispiel für den humanoiden Roboter der Zukunft ist der ‚Robonaut 2‘. Dieser experimentelle Roboter wurde von der NASA in Zusammenarbeit mit General Motors entwickelt. Seine Größe sowie Bauform sind menschenähnlicher und sein Sehvermögen gleicht dem eines Menschen. Um sich frei bewegen zu können und mit menschlichen Werkzeugen sowie Bedienelementen zu arbeiten, hat der Robonaut zwei Augen in Form zweier kompakter Digitalkameras von Allied Vision, die ihm eine stereoskopische, räumliche Wahrnehmung seiner Umwelt ermöglichen. Eine TOF-Kamera liefert zusätzliche 3D-Informationen.
Noch übt der Robonaut als Prototyp seine Rolle als Astronaut auf der internationalen Raumstation. Eines Tages könnte er aber zusammen mit menschlichen Kollegen Automobile in GM-Werken bauen.
Autor: Jean-Philippe Roman ist Manager Corporate Marketing bei Allied Vision in Ahrensburg.














