Wearable Technologies Conference
Die Elektronik kommt bis in den BH
Da das Wachstum bei Smartphones und Tablets langsam nachlässt, sollen Wearables das neue Zugpferd der Elektronikindustrie werden. Auf der WT Conference wurde klar, wie weitreichend dieses Feld ist - von der medizinischen Innovation bis hin zur erotischen Spielerei.
Der Leistungsport ist traditionell ein Bereich, in dem tragbare Elektronik Anwendung findet. Auf der Wearable Technologies Conference sah man aber auch viele Gadgets für Couch-Potatoes.
© Martin Sporn, WEKA FachmedienIm Kongresszentrum der Messe München war von der "Wearable Revolution" die Rede, einer Revolution, die die Halbleiterindusrie schon lange vorausgesagt hätte. Und in der Tat scheinen die Zahlen, die Wearable Technologies' CEO Christian Stammel in seinem Vortrag verkündete, diese Theorie zu stützen.
Großes Potenzial, aber zu viel Hässlichkeit
148 Milliarden Dollar habe beispielsweise der Geschäftsbereich Uhren und Schmuck im vergangenen Jahr umgesetzt. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass hier noch viel Potenzial schlummert, denn 77 % aller verkauften Uhren stammen noch aus dem analogen Zeitalter. Immerhin sei der Trend bei Smartwatches weiter positiv, berichtete Pascal Koenig von der Smartwatch Group. Wurden 2013 noch 2,5 Millionen der intelligenten Uhren verkauft, waren es im letzten Jahr schon zehn Millionen, also das Vierfache.
Doch Koenig brachte auch Kritik an: "Die meisten Smartwatches sind hässlich, die meisten Anwendungsfälle wackelig". Auch der Rundgang über die Ausstellung zeigte, dass nicht alles, was tragbar ist, auch gleich sinnvoll sein muss.
Dennoch bescheinigt man den Wearables eine strahlende Zukunft. Christian Stammel sieht die Industrie 4.0 sowie mobile Gesundheits- und Bezahlsysteme als Treiber der Branche. Koenig erwartet, dass noch in diesem Jahr die Marke von 20 Millionen verkauften Smartwatches fällt. Das entspräche einem Plus von ein Plus von 100 % gegenüber dem Vorjahr. Solche Prognosen sind es wohl, die Großkonzerne wie Adidas oder Intel bei der Stange halten. Simon Drabble, Senior Director Product Creation, bestätigte, dass der Sportartikelhersteller weiterhin spezialisierte Hardware entwickeln werde. Er sagte voraus, dass die digitale Selbstvermessung von der Elite auf die breite Öffentlichkeit überschwappen würde.
Das Internet of You und Deutschlands aktivste Stadt
Jawbones Vice President Bandar Antabi pflichtete ihm bei. Er sehe Wearables als das Zentrum des Internets der Dinge, welches durch zunehme Personalisierung zu einem "Internet of You" werde. Schließlich seien die persönlichen Daten - etwa zur eigenen Aktivität und Wohlbefinden - Ausgangspunkt der Vernetzung. Andere Geräte im Internet der Dinge, wie etwa das smarte Thermostat, sollten auf deren Grundlage automatisch gesteuert werden. Ohne API-Partner und ein offenes Ökosystem sei diese Verknüpfung allerdings nicht machbar.
Seiner Meinung nach müssten Wearables außerdem möglichst unauffällig sein, um unablässig Daten liefern zu können. Am besten 24/7. Schon heute werden in Jawbones Datencenter 50 Milliarden Datenpunkte pro Woche gezählt.
Antabi versprach, dass diese Informationen allein dem Nutzer gehörten und niemals ausgewertet würden. Zumindest nicht individuell. Denn kumulierte Daten nannte er dann doch. So habe man ermitteln können, dass Hamburg die aktivste Stadt Deutschlands ist, noch vor Berlin.
Der mit 5.000 US-Dollar dotierte WT Innovation Award 2014/15 ging an Sendrato. Deren Smart Festival Wristband vernetzt alle Besucher von Großereignissen - und kann bei Bedarf auch für riesige Lichtshows sorgen.
© Martin Sporn, WEKA FachmedienDas Rezept für gute Wearables
Intels Marketingleiter Neil Cox präsentierte auf der Wearable Technologies Conference eine Erfolgsformel für gelungene Geräte. Um den Durchbruch zu schaffen, müssten diese es schaffen eine Vertrautheit zum Besitzer aufzubauen, ähnlich wie Modeartikel. Sie müssten darüber hinaus einen sofort greifbaren Nutzen haben, der zu guter Letzt auch noch dauerhaft anhält. Dass die Amerikaner diesen Spagat durchaus einigen Geräten zutrauen, zeigt Intels Marktprognose. Man gehe von 50 Milliarden vernetzten Geräten im Internet der Dinge bis 2020 aus. "Wir haben zwar den Zenit des Hypes erreicht, aber ich rechne nicht mit dem üblichen Abbruch, sondern mit einem sehr zügigen Übergang zum Massenmarkt", erklärte Cox.
Intel als Endgeräte-Hersteller?
Auf die Frage, ob Intel im Bereich der Wearables immer mehr zum Hersteller von Endprodukten mutiere, reagierte er gelassen. Am Anfang einer Industrie, in der "New Devices Phase", schaue man immer über die reine Hardware-Entwicklung hinaus und liefere Software-Tools. Auf der Konferenz waren einige von Intel geförderte neue Geschäftsideen zu sehen, wie etwa der smarte Industriehandschuh ProGlove. Mittelfristig werde man sich aber auch im diesem Segment auf die Bereitstellung von Plattformen und Komponenten beschränken.
Ähnlich wie Antabi forderte auch Cox ein einheitliches IoT-Ökosystem. Für Kosumenten sollte es zu einer einheitlichen Bedienung führen, für Entwickler standardisierte Programmierbausteine bereitstellen. Eine Vision, die in dem diversifizierten Wearable-Markt mit seinen unzähligen Startups nicht einfach umzusetzen sein dürfte. Gelingt es aber, erleben wir vielleicht doch noch die "Wearable Revolution".
Sieger-Video: Sendratos Festival-Armband in Aktion
Internet der Dinge für die Massen, so könnte man Sendratos Smart Festival Wristband wohl beschreiben. Das Armband ermöglicht über RF-Funk eine bidirektionale Kommunikation zwischen Veranstalter und Publikum sowie zwischen den Besuchern untereinander. So können die Menschenmassen zu Sicherheits- und Analysezwecken nahezu in Echtzeit lokalisiert werden. Die zwei verbauten LEDs können vom DJ angesprochen werden, um die Fans zum Teil der Effektbeleuchtung werden zu lassen.
In der Mitte des Armbands befindet sich ein einzelner Knopf, über den die Festivalbesucher ihr "Gefällt mir" oder die Freundschaft mit einem anderen Armbandträger bekunden können. Zu Hause kann man dann in aller Ruhe nachschauen, mit wem man auf dem Festival gefeiert hat. Im Innern des Geräts stecken ein Mikrocontroller und ein RF-Transceiver. Ein RFID-Chip mit den personenbezogenen Daten dient als Eintrittskarte und zum mobilen Bezahlen.














