zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Maschinen- und Anlagenbau

Günter Herkommer,

VR-Brillen - nur eine Spielerei?

Demos mit VR-Brillen sind auch auf Industriemessen mittlerweile ein beliebter Besucher-Magnet – so auch bei Lenze auf der Hannover Messe 2017. Steckt mehr dahinter als nur ein Messe-Gimmick? Michael May, Mastertrainer im Bereich Automation bei Lenze, bezieht Stellung.

© Lenze

Herr May welche Rolle spielt das Thema Virtual Reality für Lenze über die sicher publikumswirksame Messe-Demo hinaus?
May:
Die Demo macht zunächst zwar Spaß, ist aber ganz sicher kein Gimmick! Denn hinter der Virtual Reality bei Lenze stehen reale Use Cases. Wenn Sie sich die Konstruktions- und Engineeringphase von Maschinen vor Augen halten, so sind die Kombinationsmöglichkeiten von Motoren mit unterschiedlichen Getrieben noch vergleichsweise simpel in Geometrie und Abmaßen vorstellbar. Ausgeklügelte Software-Anwendungen oder Roboterlösungen bringen jedoch eine Komplexität mit sich, die mit ihrem Detailreichtum den menschlichen Horizont bereits heute deutlich übersteigt. Zwar bringen Simulationsverfahren und 3D-Modelle am Bildschirm erste tiefergehende Erkenntnisse für Zusammenhänge; dabei fehlt aber immer noch der wichtigste Schritt – und zwar das Erleben.

Die Virtuelle Realität schließt genau diese Lücke. Mit ihr gelingt es uns, die komplexen Zusammenhänge auch für Nicht-Experten leichter verständlich und vor allem auch beherrschbar zu machen.

In welchem Umfang setzt Lenze die Technologie bereits in der betrieblichen Praxis ein?
May:
Wir nutzen VR bereits aktiv im Bereich Training, um Maschinen simulieren und über diesen Weg SPS-Applikationen in Betrieb nehmen und verifizieren zu können. Aber wir nutzen diese Modelle auch zur Entwicklung unserer eigenen Software-Module aus der Applikation Toolbox ‚Fast‘. Über VR können unsere Applikationsingenieure diese Software-Module sehr einfach testen. So machen wir es sowohl unserem Vertrieb als auch unseren Kunden einfach, Software direkt zu erleben und zu verstehen.

Ein Beispiel: Für das Materialhandling gilt es, eine Pick&Place-Anwendung mit dem Roboter zu realisieren. Hierfür haben wir bereits Standardfunktionen in vorbereitete Software-Module gegossen. Damit lassen sich beispielsweise die Bewegungen einer mehrachsigen Roboter-Kinematik bestimmen, ohne dafür erst in die Tiefen von Roboter-Programmiersprachen einsteigen zu müssen. So weit, so einfach. Doch bei allem Komfort in der Programmierung: Welche Auswirkung hat die Veränderung von Parametern später ganz real in der Anwendung? Wie verändert sich die Bewegung des Roboterarms, wenn die Antriebsmotoren die Geschwindigkeit variieren? Solche Fragestellungen sind entscheidend, wenn in der Produktion einer Industrie 4.0 von kollaborierenden Systemen – also der direkten Zusammenarbeit von Mensch und Maschine – gesprochen wird.

Wenn bei der Projektierung nun die virtuelle Realität genutzt wird, dann haben Entwickler die Chance, über den erzeugten digitalen Zwilling zu erleben, wie sich veränderte Einstellungen in der VR-Welt ganz real auswirken.

Anzeige

Michael May, Lenze: "Wir haben bisher durchwegs positive Resonanz auf die VR-Technologie von unseren Maschinenbau-Kunden erhalten."

© Lenze

Wie ist die VR-Technologie im Detail in die Lenze-Umgebung integriert?
May:
Wir setzen verschiedene Modell-Ebenen für unterschiedliche Use Cases ein, wobei virtuelle Realitätsmodelle schon direkt auf dem Controller verfügbar sind. Das bedeutet, dass ein Teilnehmer während einer Schulung zum Beispiel ein virtuelles Realitätsmodell einer Textilmaschine oder einer Roboter-Anlage direkt vom Controller aufrufen, die SPS-Software dafür entwickeln, in Betrieb nehmen und in der virtuellen Realität erleben kann.

Sehen Sie konkretes Potenzial für diese Technologie auch über das Thema Schulung hinaus?
May:
Absolut! Neben den Schulungen nutzen wir die Modelle – wie bereits angesprochen – für die Entwicklung unserer eigenen Software. Und wenn wir das Thema etwas ausweiten und über VR hinaus betrachten, dann setzen wir beispielsweise auch andere moderne Technologien wie intelligente Datenbrillen – die sogenannten Smart Wearables – ein. Hier sehen wir den größten Nutzen für die Logistik und den Aftersales-Service.

Der Vorteil für die Logistik: Mit den Brillen lassen sich Warenströme sehr einfach darstellen. Das funktioniert beispielsweise dann, wenn Barcode-Scanner in die Brillen eingebaut sind. Der Kommissionierer braucht nur noch auf das Gerät schauen, welches er bucht, der Scancode wird erfasst und direkt an das MES-System gesendet – alles vollautomatisch. Zum Thema Service lässt sich ergänzen: Mit den Brillen ist es möglich, einen Service-Mitarbeiter auch dann zum Kunden zu senden, wenn dieser noch nicht die volle Fachkompetenz aufgebaut hat. Über die Brille kann er in diesem Fall durch einen Fachingenieur angeleitet werden. Das spart wertvolle Zeit und Ressourcen. Nützlich ist der Einsatz der Brillen zudem in Service-Werkstätten: Hier können Mitarbeiter bei einer Reparatur ‚ferngesteuert‘ werden. Lernvideos auf der Brille können dabei zusätzlich unterstützen, den Reparaturprozess – Schritt für Schritt angeleitet – durchzuführen.

Dadurch, dass sich die Programmierungen mittels der VR-Technologie frei von Risiken testen und optimieren lassen, sehen wir nicht zuletzt einen deutlichen Gewinn an Sicherheit im Maschinen- und Anlagenbau – sowohl aus Sicht des Projektes in Gestalt eines störungsfreien Betriebs, als auch für den späteren Schutz der Menschen vor möglichen Fehlfunktionen. Denn wenn Konstrukteure oder Software-Entwickler bei ihrer Arbeit durch die virtuelle Brille schauen, lässt sich eindrucksvoll – eben hautnah – erleben, ob Safety-Funktionen in der Realität wirklich greifen und wie Mindestabstände bei verschiedenen Maschinengeschwindigkeiten wirken.

Was ist aus Ihrer Sicht in Zukunft mit VR-Technologie noch vorstellbar?
May:
Unsere Vision sind virtuelle Klassenräume und Trainingswelten, die sich in der Cloud befinden. Auf diese Weise treffen sich die Teilnehmer und der Trainer in einem virtuellen Klassenraum und nutzen virtuelle Trainingswelten, um beispielsweise Anlagensoftware zu entwickeln und zu testen.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Hololens

Im Zusammenspiel mit Robotik

Zusammen mit Microsoft zeigt Iconics im Rahmen der Hannover Messe 2017 Augmented-Reality-Lösungen – umgesetzt mit der Hololens-Brille. Um die Möglichkeiten der Datenbrille zu erschließen, hat Iconics einen Client für seine Visualisierungssoftware...

mehr...

Augmented Reality

Reale und virtuelle Welt vernetzt

Die zunehmende Qualität digitaler Kamerasysteme und die steigende Rechenleistung mobiler Geräte lassen aus einer Vision Wirklichkeit werden: Augmented Reality bietet mittlerweile ein so hohes Niveau, dass die Technologie auch für kommerzielle...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

E-Paper

Hannover Messe Daily Tag 1 bis 5

Erhalten Sie fundierte Einblicke in die aktuellen Entwicklungen und Trends der Automatisierungsbranche mit unseren fünf E-Papern, die täglich zur diesjährigen Hannover Messe erschienen sind. Jedes E-Paper fasst die wichtigsten Ereignisse und Themen...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Festo auf der Hannover Messe

Die ‚incredible machine‘

Vor 100 Jahren stellt sich Festo Gründer Gottlieb Stoll in einer Werkstatt in Esslingen am Neckar die Frage, wie Technik die Arbeit erleichtern kann. Anlässlich des 100-jährigen Firmenjubiläums hat Festo nun eine Maschine entworfen und gebaut, die...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren